2. Entstehung der Schwalbe.

I.

[414] 1. Russische Sagen.


a) Es waren einmal, sagt man, ein Mann und eine Frau. Der Mann schnitt einst etwas und besudelte sich die Hände mit Blut. Da kam sie zu ihm und machte sich um ihn zu schaffen; er aber faßte sie am Kinn und sagte: »Mein Schwälbchen!« und küßte sie. Auf einmal flogen sie als Schwalben davon, und daher sieht man noch jetzt einen roten Fleck am Halse der Schwalbe.


  • Literatur: Dragomanov, Mal. nar. pred. S. 7, Nr. 20. (Jekaterinoslaw.)

b) Es war einmal eine sehr gute Frau, welche von ihrem Manne außerordentlich geliebt wurde. Eines Tages schlachtete der Mann ein Tier ab, wobei er sich die Hände mit Blut beschmutzte. Da kam sein Weibchen zu ihm und begann, ihm etwas sehr Schönes zu erzählen. Dem Manne gefiel diese Erzählung so sehr, daß er seine Frau mit den Worten: »Meine liebe Schwalbe!« um den Hals nahm und küßte. In diesem Augenblicke verwandelte sich die Frau in eine Schwalbe und flog zwitschernd auf und davon. Infolge der Umarmung der Frau mit blutigen Händen haben die Schwalben rote Hälse, und weil die Schwalbe aus einer guten Frau entstanden ist, ist es eine Sünde, sie zu töten.


  • Literatur: Am Urquell 3, 18. (Aus dem Dorfe Berhomet am Prut.)

2. Aus Galizien (Rutenisch).


Der Sohn einer Zauberin hat die Tochter einer Zauberin geheiratet und sie in das Haus seiner Mutter gebracht. Als diese bemerkt, daß die Schwiegertochter[414] nicht zaubern kann, jagt sie sie zu ihrer Mutter zurück. Diese geht mit ihr ans Wasser und heißt sie Butter hineinwerfen; das tut sie, und die Butter bleibt unverändert an der Oberfläche. Danach wirft die Mutter, und alsbald erscheinen Vögel, Fische und Gewürm und zerreißen die Butter. »Siehst du,« sagt die Zauberin, »wie diese Tiere meine Butter zerzausen, so werden sie im Jenseits meine Seele zerzausen für das Unrecht, das ich den Menschen getan habe.« Da erschrickt die Tochter und will nicht zaubern; die Mutter verjagt sie. Nun irrt sie in der Welt umher und kommt nach Jahresfrist zu ihrem Mann. Als dieser sie erkennt, umarmt er sie so heftig, daß ihr das Blut vom Munde auf den Hals fließt. Er ruft: »Du, mein Liebchen, mein Schwälbchen!« Sie verwandelt sieh in einen Vogel, reißt sich aus seinen Armen und fliegt davon. Zum Andenken daran hat die Schwalbe bis heute einen roten Fleck am Halse. Auch klebt sie an den Häusern Nester wie eine Hausfrau.


  • Literatur: Etnogr. Zbirnyk 13, Nr. 306.
    Vgl. Jastrebow, Materali S. 17, Nowosielski, Lud ukraiński 2, 128, 129.

3. Aus Polen.


Die Schwalbe war einst ein Mädchen, das die Tataren fingen; sie bat, in ihr Land zurückkehren zu dürfen, und wurde in eine Schwalbe verwandelt.


  • Literatur: Folklore 12, 194.

II.

1. Aus Estland.


a) Die Schwalbe ist früher die Schwiegertochter in einem Gesinde gewesen, aber sie hat kein Wort gesprochen. Wohl setzte man sie in eine heiße Stube an den Webstuhl oder zwang sie, draußen im Regen zu arbeiten, aber dennoch fing sie nicht an zu sprechen. Da nahm ihr Mann sich eine andere Frau. Als die Hochzeit gefeiert wurde, ging die erste, stumme Frau auf den Ofenrand und fing dort an zu singen:


»Naine toodi naise peale,

Teine toodi teise peale,

Kuhu pean mina minema?

Kuhu pean kallis kaduma?

Peale ilma pääsukeseks.«


(Eine Frau wurde auf die andere geholt. Wohin soll ich gehen? Wohin soll ich Teure verschwinden? Ich gehe als Schwalbe in die Welt.) Darauf flog sie hinaus. Der Brautvater wollte die Schwalbe mit seinem Schwerte töten, traf aber nur den Schwanz, welchen er spaltete. Die Schwalbe flog auf einen Zaunpfahl und sang dort weiter:


»Pesin püksid, pesin püksid,

Panin kuiwama, tuli waras,

Wiis ära, ajasin taga, sain kätte,

Tömasin löhki, tirliuksti!«


(Ich wusch die Hosen, wusch die Hosen, hängte sie zum Trocknen, es kam ein Dieb, brachte fort, ich verfolgte ihn, erreichte ihn, riß entzwei, tirliuksti!)

Ein anderes Lied der Schwalbe:


»Sigri willad, sagri willad, tegin

Ämale kapukad, ämm wiskas

Kapukod ahju!«


(Ich machte aus zerzauster Wolle der Schwiegermutter kurze Strümpfe. Die[415] Schwiegermutter warf die Strümpfe in den Ofen.) (Kirchspiel St. Marien-Magdalenen, Koeru.)


b) Die Schwalbe hat früher einen schönen, breiten, ungeteilten Schwanz gehabt. Nachher hat sie einen gespaltenen Schwanz bekommen. Sie singt noch jetzt oft auf dem Zaunpfahl darüber folgendermaßen:


»Pesin püksid, pesin püksid,

Panin kuima, panin kuima,

Aea pääle, aea pääle.

Tuli waras, tuli waras,

Wiis ära, wiis ära:

Uksest wälja wurrdi!

Soba löhki pirrdi!«


(Ich wusch Hosen, ich wusch Hosen, /: Hängte sie zum Trocknen :/,/: Auf den Zaun :/./: Es kam ein Dieb :/,/: Brachte sie fort :/: Aus der Tür, wurrdi! [Wohl: ich flog aus der Tür.] Der Schwanz zerriß, pirrdi!). (Kirchspiel Hallist.)


c) Es war einmal ein Mann, und der nahm sich eine Frau. Die Frau war sehr fröhlich, sie lachte viel und sprach viel. Die Schwiegermutter litt es nicht und schalt sie, daß sie soviel lachte. Da war das Weib verstummt und hatte kein einziges Wort mehr gesprochen und gar nie mehr gelacht. Um es wieder zum Sprechen zu bewegen, stellte die Schwiegermutter das Weib an, in der Dreschscheune bei strenger Kälte im bloßen Hemde zu weben und dann draußen Brot zu kneten. Als das noch nicht half, nahm die Schwiegermutter das Söhnchen der jungen Frau, legte es ihr auf das Knie und fing es nun so, im Schöße der eigenen Mutter, an zu töten. Aber auch hier fing das Weib nicht wieder an zu reden.

Da nahm sich der Mann eine andere Frau – was sollte er mit einer machen, die nicht sprach? – und feierte Hochzeit. Sein früheres Weib ging auf den Ofen und sang von dort aus1:


»Wohl harrte ich, wohl duldet' ich

Im Lichtemond, im Fastenmond,

Im Lichtmonat, zur kalten Zeit,

Im Fastmonat, zur strengen Zeit,

Webend im Dreschraum im bloßen Hemd;

Den Sohn, den lieben, schlachteten sie

Mir auf dem eigenen lieben Knie.«


Dann kam sie vom Ofen herunter und ging zur Tür hinaus und machte dabei: »sirrr!« Das neue Weib schlug mit dem Schwert nach ihr, traf ihren Rocksaum und schlitzte ihn auf. Und daher ist der Schwanz der Schwalbe geschlitzt. (Aus Palms.)


d) Einst war eine Frau plötzlich stumm geworden und hatte mit niemand mehr ein Wort gesprochen. Der Mann hatte sie mit verschiedenen Mitteln zum[416] Sprechen veranlassen wollen, aber vergebens. Er schlachtete die Kuh und meinte, die Frau würde es ihm verbieten und somit reden. Sie blieb stumm. Dann zerschnitt er den Wollenstoff auf dem Webstuhl. Ebenso vergebens. Dann nahm er das Kind und legte seinen Kopf auf den Klotz, als wollte er es töten. Aber das Weib blieb stumm. Schließlich versuchte der Mann das letzte und freite ein anderes Weib. Da zog sich die Frau am Morgen neue Kleider an, legte ein schwarzes Hemd an, band sich eine weiße Schürze vor und stellte sich neben den Herd in der Stube. Nun fing sie an zu reden und sagte2:


»Ich ertrug es, ertrug es, als der Stoff zerschnitten wurde,

Ich ertrug es, ertrug es, als die Kuh geschlachtet wurde,

Ich ertrug es, ertrug es, als des Kindes Haupt auf den Klotz gelegt wurde, –

Aber nicht vermag ich's zu ertragen,

Wenn ein Weib auf das andere gefreit wird

Und ein Weib nach dem anderen heimgeführt wird!«


Als sie so geredet hatte, flog sie als fertiges Schwälbchen auf und davon. (Kirchspiel Odenpäh.)


e) Eine Bauerwirtin hat ihrem Sohne eine Frau gewählt, aber nach der Hochzeit merkt sie, daß die Schwiegertochter niemals spricht. Um zu ergründen, ob die Schwiegertochter stumm ist oder eine lispelnde Sprache hat und sich deshalb zu sprechen scheut, versucht sie, die junge Frau sowohl durch Bitten als Drohungen zum Sprechen zu bringen, aber alles umsonst. Da kommt sie auf ein Mittel, womit sie die Schwiegertochter bestimmt zum Reden zu zwingen hofft. Sie sucht ihrem Sohn eine zweite Frau, als wenn er noch gar nicht verheiratet wäre. Alles duldet die junge Frau, aber als sie ihren Mann mit der neuen Frau bei Tisch sitzen sieht, geht sie auf den Herd und singt: »Frau ward auf die Frau gefreit, eine Frau nach der andern heimgeführt, was such' ich noch weiter hier?« und fliegt hinaus. Die Schwiegermutter will sie zurückhalten und freut sich, sie sprechen zu hören; sie faßt die Schwiegertochter am Rock, der Rock zerreißt, und die Frau wird zur Schwalbe mit gegabeltem Schwanz und fliegt zwitschernd davon. (Aus Wastse Antslar.)


f) Ein Mann, der allabendlich betrunken heimkam, mißhandelte seine Frau furchtbar. Einst kam er wieder, und da die Frau ihm nicht schnell genug das Essen bringen konnte, zerhieb er ihr Zeug, das sie auf dem Webstuhl in Arbeit hatte, lief dann in großer Wut auf sie los, und weil das Kind im Wege war, tötete er das Kind und wollte auch die Frau töten. Gott verwandelte die Frau in einen Vogel. Als der Mann das sah, riß er sein Schwert vom Haken und spaltete dem Vogel den Schwanz. Diesen Vogel nennt man eine Schwalbe, und sie singt: »Tötete das Kindchen mir, und zerhieb das Zeug in Stücke, selbst wurd' ich so viel verprügelt!«3


g) Die Schwalbe ist früher ein Mensch gewesen, und zwar die junge Frau eines Wirtssohnes, die mit der Schwiegermutter nicht zurechtkam. Als einmal Brot gebacken[417] wurde und das Feuer im Ofen glühte, hatte die Schwiegermutter die von der Schwiegertochter angefertigten Strümpfe ins Feuer geworfen und sie noch dazu mit dem Brotspaten schlagen wollen. Die Schwiegertochter war schnell zur Tür hinausgeschlüpft und war davongeflogen: wurr! Die Schwiegermutter hatte nur so viel noch von ihr erhascht, daß sie ihr mit dem Spaten den Schwanz spaltete: särrr! Da ward die Schwiegertochter gleich zur Schwalbe mit gespaltenem Schwanz und singt nun also4:


»Wühlte die Wolle, wühlte die Wolle,

Strickte der Schwiegermutter Strümpfe;

Griff sie grollend die Schwiegermutter,

Warf sie flugs ins Feuer: särrr!

Wollte mich noch schlagen

Mit dem schweren Spaten,

Spaltet mir das Schwänzchen: särrr!

Ich entwischt in Eile,

Flog hinaus ins Freie: wurr!«


h) Früher gab es keine Schwalben.

Einmal fuhr ein Hochzeitszug in den Hof des Bräuti gams. Sobald sie ins Zimmer getreten waren, setzten sie sich an die Hochzeitstafel und griffen nach den Speisen. Der Brautvater wollte wohl ein Tischgebet sprechen, aber der Bräutigam wehrte ihm und sprach: »Sei still! Heute wollen wir fröhlich sein; ohne Gebet kann man auch leben.« Nach dem Essen flog ein kleiner schwarzer Vogel mit einem geteilten Schwanz ins Zimmer und rief mit mächtiger Stimme: »Weil ihr alle ohne Tischgebet gegessen habt, sollt ihr alle in Vögel verwandelt werden, welche wie ich aussehen. Ihr sollt Schwalben heißen. Nur der Brautvater soll ein Mensch bleiben, weil er beten wollte.« Wie der Vogel schwieg, waren alle Hochzeitsgäste zu Vögeln geworden und wollten hinaus fliegen. Der Brautvater hatte allein seine menschliche Gestalt behalten. Er stand an der Tür und spaltete einem jeden Vogel den Schwanz.

So sind die Schwalben entstanden. Die Schwalben mit der weißen Brust sollen die jungen, unverheirateten Männer gewesen sein; die Schwalben mit der roten Brust sind die Frauen gewesen, und endlich die Kirchenschwalben sind Ehemänner gewesen.

Wenn man, was sehr selten vorkommt, eine weiße Schwalbe sieht, so sagt man: »Das ist die Braut.« (Kirchspiel Klein-Marien.)


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

i) Es war einmal ein böser Mann und Trunkenbold, dessen Weib sorgte von früh bis spät im Hause und schaffte mit Fleiß und Mühe alles herbei, wessen sie be durften. Eines Tages kehrte der Mann wieder ganz von Sinnen heim und polterte ins Haus. Die Frau aber saß fleißig am Webstuhl und trug dabei ihr Kind[418] im Schoß, das sie einlullte. Voller Wut sprang der Mann auf den Webstuhl zu, stieß das Weih beiseite, ergriff eine Axt und zertrümmerte den Webstuhl. Darüber fing das Weib an zu weinen, der Mann aber ward noch zorniger, erhob die Faust und ließ sie schwer auf den Kopf des Kindes niederfallen, daß es augenblicklich verschied. Dann schlug er mit einem Prügel so lange auf das Weib ein, bis es halb tot niedersank.

Der alte Gott erbarmte sich aber des Weibes und verwandelte es in eine Schwalbe. Schwirrend flog sie dem Manne unter den Händen auf ans Gebälk und wollte zur Tür hinaus. Der Mann zog sein Messer und schlug nach ihr, konnte sie aber nicht ordentlich treffen und hieb ihr nur den Schwanz mitten entzwei. Da flog sie hinaus vor die Tür, von da unter das Dach und schwang sich durch das Giebelloch hoch in die Lüfte. Da lebt ihr Geschlecht noch heute, und wenn einmal eine von ihnen auf dem Zaun rastet, so singt sie das Lied:


»Witt, witt dewelick,

Schlug den Webstuhl in Stück',

Zi, zi, zehr,

Schlug mich selbst so schwer,

Biwist, biwist,

Und mein Kind ermordet ist!«


Auch die Kleidung trägt sie noch wie zur Stunde, da sie verwandelt ward: ein schwarzes Tuch um den Kopf, ein rotes um den Hals gebunden, ein hübsches weißes Hemd und ein kohlschwarzes Röckchen. Und heute noch fürchtet die Schwalbe ihre Verwandten, die Menschen, nicht so sehr, wie es die anderen Vögel tun, sondern baut an ihren Häusern zutraulich ihr Nest.


  • Literatur: Harry Jannsen, Märchen und Sagen des estnischen Volkes 2, 161.

2. Aus Finnland.


Es war einmal eine Schwiegertochter, die wurde auf einen Hof geführt, auf dem eine böse Schwiegermutter war. Man gab ihr zuerst einen Stoff zu weben. Die Schwiegermutter schnitt aber den Stoff immer wieder ab, so daß es ihr große Schwierigkeit machte, ihn zu weben; doch sie webte ihn trotzdem und bekam ihn auch fertig.

Dann ließ die Alte ihre Schwiegertochter die Wände der Stube waschen. Als sie diese wusch, schlug die Schwiegermutter die Wand mit der Axt, so daß sie uneben wurde, aber die Schwiegertochter bekam sie trotzdem glatt.

Dann stellte sie sie dazu an, die Badestube zu heizen. Die Schwiegermutter aber ging, um das Feuer zu löschen; sie goß Wasser in den Ofen und sagte zu der Schwiegertochter, daß das Feuer erloschen wäre. Diese machte noch einmal Feuer. Die Schwiegermutter goß jedoch wieder Wasser hinein und sagte dann: »Das Feuer in der Badestube ist wieder ausgegangen.« Die Schwiegertochter ging zum drittenmal hin, um Feuer zu machen. Auf diese Weise konnte sie zuletzt die Badestube heizen, und man begab sich zum Baden. Als sie vom Baden in die Wohnstube gingen, sagte die Schwiegertochter: »Dreierlei Schwierigkeiten habe ich überwunden, einen flockigen Stoff gewebt, eine unebene Wand gewaschen, eine rauchige Badestube geheizt.« Darauf sagte sie: »pikii«, wie die Schwalben sagen, und flog als Schwalbe fort. Der Mann griff sie noch an einer Ecke des Kleides, und seitdem hat die Schwalbe einen gegabelten Schwanz.


  • Literatur: Krohn, Snom. Kansansatuja, S. 276, Nr. 291.
    Auch Živaja Starina, 5, 447 in russ. Übersetzung.

III.

[419] 1. Aus Thrazien.


Ein Bursche liebte ein junges Mädchen, das ihn gar nicht beachtete. Um sie zu bekommen, wechselte er seine Kleider und verkaufte auf den Straßen Äpfel. Er kam auch vor das Haus seiner Geliebten und rief: »Äpfel, schöne Äpfel!« Sie erkannte ihn nicht und fragte ihn: »Wie teuer verkaufst du die Äpfel?« »Ich gebe sie alle für ein Maß Hirse!« »Gut, so wollen wir sie kaufen!« Er ging hinein, nahm das Maß und gab die Äpfel. Aber während er die Hirse ausschüttete, schüttete er sie absichtlich auf die Erde und setzte sich dann hin, um sie Korn für Korn wieder einzusammeln.

Das Mädchen sah diese Dummheit des Burschen und lachte und sagte ihm, daß dies nicht gehe, so die ganze Hirse einzusammeln, und sie wollte ihm ein anderes Maß geben.

Er aber ging nicht darauf ein und sagte, es ginge nicht anders, und er sammelte, bis es Nacht wurde. Dann bat er, man möchte ihn des Nachts im Hause lassen, um seine Arbeit zu vollenden. Jene ahnten nichts Böses, und darum machten sie ihm keine Schwierigkeiten und bedauerten ihn nur wegen seiner dummen Hartnäckigkeit.

Als alle schlafen gegangen waren, beobachtete der Bursche genau, wo seine Geliebte schlafen würde, und um Mitternacht drang er in ihre Kammer, raubte sie und entfloh, ohne daß es jemand merkte, auch das Mädchen selbst nicht, denn sie schlief fest.

Erst als es Tag wurde, merkte sie, daß sie nicht in ihrem Vaterhause war, sondern in einem fremden, bei jenem Jüngling, der sie liebte, ohne daß sie ihn liebte.

Sofort merkte sie die Falle, die er ihr gestellt hatte, und beschloß, ihn seinen Zweck nicht erreichen zu lassen, sie sprach also kein Wort.

Er tat alles Mögliche, um ihr ein Wort zu entlocken, aber es war unmöglich, sie blieb wie stumm.

So verging lange Zeit, und als der Jüngling sah, daß er sich umsonst abquälte, beschloß er, eine andere zu heiraten, die wenigstens sprechen könnte. Während der Trauung war auch jenes Mädchen anwesend, und vor Kummer merkte sie nicht, daß die Lampe, die sie in der Hand hielt, so brannte, daß sie sich beinahe die Finger verbrannte. Als die Braut das sah, konnte sie sich nicht halten, stimmte ihr Brautlied an und rief ihr zu: »Ach! Du Arme, wenn du auch bist stamm, bist du doch nicht gänzlich blind.« Das Mädchen, das sich bis dahin verstellte, wurde sehr gereizt, wandte sich zu der Braut und sprach: »Drei Jahre habe ich gelitten, ohne zu sprechen, und du konntest nicht einen Augenblick leiden, ohne zu sprechen!« Wie der Jüngling hörte, daß seine Geliebte sprach, stürzte er sich auf sie, um sie zu ergreifen; er packte sie an den Zöpfen, aber sie wurde zu einer Schwalbe, und die Zöpfe blieben in der Hand ihres Geliebten. Nur zwei blieben ihr, und diese sind der scherenförmige Schwanz der Schwalbe.


  • Literatur: Politis, παραδόσεις Nr. 343.

2. Aus Bulgarien.


Zu einer Zeit schämten sich die jungen Frauen gar sehr vor ihren Schwiegermüttern. Damals war es Brauch, daß, wenn man die junge Frau nach Hause brachte, sie drei Jahre gar nichts sprach. Einmal brachte man in ein Haus eine junge Frau, die war so verschämt, daß sie vor ihren Schwiegereltern neun[420] Jahre lang nichts sprach. Sie war in jeder Beziehung folgsam, arbeitete, aber sprach nichts, so sehr war sie schamhaft. Sie begannen sie zu schimpfen, sie solle sprechen; aber es vergingen wieder drei Jahre, und sie schwieg. Da sprachen zu ihr die Schwiegereltern: »Seit neun Jahren bist du unsere Schwiegertochter, und seit du in unserem Hause bist, haben wir deine Stimme noch nicht gehört. Sie ist stumm, deshalb spricht sie nicht. Ei, holen wir eine Frau für unseren Sohn; diese jagen wir fort!« Sie verlobten ihren Sohn mit einer anderen; die junge Frau aber schwieg weiter. Sie brachten die neue Frau ins Haus, und die frühere schwieg noch immer. Es war am Abend, als sie die neue Frau brachten, und die Leute setzten sich, zum Nachtmahl. Die schamhafte junge Frau leuchtete ihnen noch zu Tische, und nur jetzt begann sie zu reden: »Verflucht sei eine solche Gefährtin, die so schamhaftig ist wie ich!« Kaum hatte sie ausgesprochen, so flog sie schon zum Rauchfang hin; ihre Schwiegermutter hielt sie aber an einer Schnur fest, so daß sie nur in den Rauchfang fliegen konnte. Sie ward eine Schwalbe. Die Schnur zerriß und ward zu ihrem Schwanze, und so flog sie zum Rauchfang hinaus. – Auch heute noch baut sich die Schwalbe, wohin immer sie kommt, an den Rauchfang oder Estrich ihr Nest, weil sie aus einem Menschen entstanden ist. Und wenn sie am Rauchfang zwitschert, so sagt sie stets: »Verflucht sei eine solche Gefährtin, die so schamhaft ist wie ich!« Seit der Zeit hat der Brauch aufgehört, daß die junge Frau vor ihren Schwiegereltern nicht sprechen durfte.


  • Literatur: Strausz, Die Bulgaren S. 73 = Sbornik umotvor. 7, 137.

IV.

Rumänische Sagen.


a) Ein reicher Mann hatte drei Töchter, eine immer schöner als die andere. Die älteste bat den Vater um die Erlaubnis, die Pferde auf die Sommerweide zu treiben. Es wurde ihr gewährt, aber der Mann gebrauchte eine List, um die Tochter von dem doch immerhin gefährlichen Vorhaben abzubringen. Verkleidet versteckte er sich an dem Wege, auf dem das Mädchen mit den Pferden hinauszog, und brachte die Tiere durch den seltsamen Anblick in wilde Flucht. So mußte das Mädchen wohl oder übel den Pferden folgen und heimlaufen. Nun wollte die zweite Tochter ihr Glück versuchen; auch hier scheuten die Pferde vor der Schreckgestalt des vermummten Mannes. Schließlich machte sich auch die dritte Tochter auf den Weg; sie hatte durch ihren Wunderhund erfahren, daß der Vater jenes Gespenst sei, und als sie an die betreffende Stelle kam, ging sie voran und rief: »Zurück, Vater, du willst doch nicht etwa auch mich erschrecken, wie meine beiden Schwestern!« Darauf ließ sie der Vater ziehen.

Bald traf die Hirtin einen jungen Hirten; bevor sie aber näher ging, ritt sie schnell in die nächste Stadt und kaufte sich Männerkleider. Mit diesen angetan, kam sie wieder und wurde bald der Freund des Hirten. Der aber glaubte nicht recht, daß sein Gefährte wirklich ein Knabe sei. Auf den Rat seiner Mutter wollte er sich beim Baden darüber Gewißheit verschaffen. Da jedoch kam der Wunderhund seiner Herrin zu Hilfe; er jagte im entscheidenden Mo ment die Pferde in die Flucht, und so hatte das Mädchen keine Zeit zum Baden.

Dann riet die Mutter, einen Blumenstrauß unter das Kopfkissen zu legen; wäre der Genosse ein Knabe, so würden die Blumen bleiben, ein Mädchen, so würden sie verschwinden. Aber auch hier kam der Hund zu Hilfe; er nahm den Strauß abends weg, trug ihn während der Nacht im Tau umher und brachte ihn so am Morgen viel schöner und frischer wieder. Also scheiterte auch dieser Versuch.

[421] Unterdessen war der Winter nahegerückt, und das Mädchen zog mit den Pferden heim. Der Hirte jedoch verfolgte es und kam gerade dazu, wie es mit einem Stab die Wogen eines großen Gewässers teilte und trocken mit der Herde hindurchzog; dann gingen die Wellen wieder zusammen, und die beiden waren getrennt. Jetzt nahm das Mädchen auch wieder die Mädchenkleider an und rief dem Hirten zu, er solle nicht länger suchen; seine Geliebte sei nicht für ihn bestimmt. Aber der junge Mann machte sich dennoch auf die Reise, um die Geliebte zu suchen; er fand sie auch und raubte sie. Sie aber warf schnell ihren Ring ins Wasser und gelobte, nicht eher zu reden, als bis sie den Ring wiedergefunden. Nach einigen Jahren fand die junge Frau selbst den Ring in einem Fisch. Als sie heimkam, begann sie plötzlich zu reden. Vor Freude umarmte sie ihr Mann, der gerade ein Schwein schlachtete, mit seinen blutigen Händen. Sie verwandelte sich in eine Schwalbe und flog davon. Noch heute ist der Kropf des Vogels rot von den blutigen Händen des Mannes.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 98.

b) Ein Mädchen verlor seine Eltern durch den Tod und besaß nichts als einige Schafe und einen Hund. Sie war als Hirtenknabe gekleidet und trieb ihre Tiere täglich zur Weide. Dort kam die Kleine mit einem anderen Schafhirten zusammen, dem Sohn eines Drachen, der sie jeden Abend als Begleiter mit auf das Drachenschloß nahm. Doch bald stiegen in dem Knaben Bedenken auf, ob sein Freund wirklich ein Junge oder gar ein verkleidetes Mädchen wäre. Er sagte diese Vermutung seiner Mutter, die zur Prüfung einen Zweig Immergrün unter das Bettkissen des vermeintlichen fremden Knaben legte: war es ein Mädchen, dann würde das Immergrün verschwinden, ein Knabe, so würde es bleiben. Aber der Hund der kleinen Hirtin hatte diese List bemerkt; er sagte seiner Herrin, sie solle abends den Zweig aus dem Bette herausnehmen und erst am Morgen wieder hineinlegen; so würde sie den Nachstellungen der Drachen entgehen. Das Mädchen tat, wie ihm geraten wurde, und täuschte so die Drachenmutter, die ihrem Sohn versicherte, sein Genosse sei wirklich ein Knabe, denn das Immergrün war nicht verschwunden. Die Kleine beschloß aber nunmehr, sich einer möglichen Entführung zu entziehen, und als sie mit dem Drachensohn einmal an ein Meer kam, schlug sie mit einem Stab in die Wogen; darauf teilte sich das Wasser, und sie zog mit ihrer Herde trocken hindurch. Als sie am anderen Ufer angelangt war, gingen die Wogen wieder zusammen, und nunmehr vom Drachensohn getrennt, nahm sie ihre Klippe ab, das goldne Haar fiel herunter – und der junge Drache sah, wie er getauscht worden war.

Von Liebe getrieben, erwog der Jüngling, wie er wohl die Geliebte einholen könnte. Da riet ihm seine Mutter, auf einem Schiffe das Meer zu durchqueren. Das tat er auch und kam so als Kaufmann an das andere Meerufer. Die Leute kamen an Bord, um die Waren zu beschauen. Auch die Geliebte kam ohne Bedenken; aber kaum hatte sie das Schiff betreten, da fuhr der Drachensohn ab und gab sich dem Mädchen zu erkennen. Dieses aber warf schnell seinen Ring ins Meer und sagte zu ihrem Entführer: »Erst wenn du den Ring gefunden haben wirst, werde ich mit dir sprechen.« Die Geraubte hielt ihr Versprechen, sie kamen zur Drachenburg, es wurde Hochzeit gehalten, aber kein Wort richtete die junge Frau an ihren Mann.

Eines Tages jedoch fand der junge Drache im Leihe eines Fisches, den er aufschnitt, den Ring. Schnell eilte er zur Geliebten, umarmte sie und zeigte ihr das[422] Kleinod; sie aber verwandelte sich schnell in eine Schwalbe und entfloh durchs Fenster. Der Drache suchte sie an der Mitte des Schwanzes zu fassen, riß aber nur einige Federn heraus, und deshalb hat die Schwalbe einen zweizinkigen Schwanz, am Kropfe aber einen roten Fleck, denn der Drache war vom Reinigen des Fisches noch blutig, als er seine Geliebte umarmte.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 1, 82.

c) Eine arme Witwe hatte drei Mädchen; das jüngste, sehr schön und mit goldenem Haar, sprach eines Tages zur Mutter: »Ich will mich aufmachen und bei der Drachin Schafhirt werden.« Weil der Sohn der Drachin aber die Kleine liebte, so nahm sie Männerkleider und begab sich an den Drachenhof. Der Sohn glaubte nicht recht, daß sein Gefährte wirklich ein Knabe sei; er befragte seine Mutter, die ihm riet, im Walde ein kräftiges Bäumchen abzuschneiden und den Gefährten zu fragen, was er daraus machen würde. Sage er »einen Spinnrocken«, so sei es ein Mädchen, sage er aber »einen Wagen«, so sei es ein Knabe. Dieses tat der junge Drache, und auf seine Frage bekam er die Antwort: »Einen Wagen.«

Die Mutter gab ihm noch einen anderen Rat: er solle mit dem Hirten baden. Als sie aber so weit waren, merkte das Mädchen die Absicht und jagte ihren Hund unter die Schafe, die wild davon liefen. Nun mußte die Hirtin den Schafen nach und konnte nicht baden.

Später wollte der Drache den Versuch wiederholen; da sprang das Mädchen angekleidet ins Wasser, gelangte ans andere Ufer und zeigte von da ihre goldenen Haare.

Jetzt hatte der junge Drache nur noch den Gedanken, wie er das Mädchen einholen könnte. Er machte sich deshalb auf die Reise als ein Kaufmann mit vergoldetem Spinnrocken. Er traf zunächst die Schwester der Geliebten, dann diese selbst. Als sie ahnungslos in den Wagen gestiegen war, um die Waren zu sehen, fuhr er auf und davon und brachte die Entführte mit heim, wo er sie heiratete. Aber unterwegs warf das Mädchen seinen Ring ins Wasser und gelobte, nicht eher zu reden, als bis es den Ring wiederbekomme. Auch mit der Schwiegermutter sprach die nunmehrige Frau nicht; deshalb wollte jene sie beseitigen. Sie schickte sie zu ihrer ältesten Schwester nach einem Weberkamm; dort, hoffte sie, werde die Schwiegertochter umkommen. Jedoch der Gatte erbarmte sich seiner Gattin und sagte ihr, sie solle beim Essen den ersten Bissen auf der Zunge behalten; dann könnte ihr nichts geschehen. Die Frau kam zur ersten Schwester, sie aß Hahnenbraten, und nichts stieß ihr zu, da sie den Rat ihres Mannes befolgte. Dann wurde sie zur zweiten Schwester geschickt, aß Lammbraten, und er schadete ihr nichts. Dann kam sie zur dritten Schwester; hier sollte sie die Hand eines toten Menschen essen, sie versteckte sie aber hinter ihrem Gürtel, und als die Alte fragte, ob sie die Hand auch gegessen hätte, da bedeutete sie ihr, sie wäre unter ihrem Herzen. Dann erhielt sie den Weberkamm, die Alte aber verlangte ihre Hand zurück. Da zog sie die Totenhand unter dem Gürtel hervor und gab sie ihr. Dann ging sie wieder zur zweiten Schwester, und diese verlangte das gegessene Lamm zurück (weil die Frau nicht daran gestorben war); da sprang das Lamm aus dem Munde heraus, und bei der ersten Schwester flog der gegessene Hahn lebendig heraus. Schließlich kam die Frau wieder zur Schwiegermutter und brachte den Weberkamm. Unterdessen hatte diese ihrem Sohn eine andere Frau gegeben, in der Hoffnung, daß die erste von ihrer Schwester getötet worden wäre. Jetzt war sie höchst erstaunt, die Frau lebendig wiederzusehen, und schickte diese sofort nach Wasser aus. Gehorsam[423] ging sie und fand dabei ihren Ring. Nun konnte sie wieder reden, und sie machte ihrer Schwiegermutter bittere Vorwürfe wegen ihrer Schlechtigkeit. Als der Mann sie hörte, eilte er schnell herbei und umarmte sie mit blutigen Händen (er schlachtete gerade ein Schaf). Die Frau aber entfloh ihm, in eine Schwalbe verwandelt. Der Mann flog ihr nach, er wurde zu einer männlichen Schwalbe. [Die Ätiologie, daß der rote Fleck an der Kehle der Schwalbe von dieser Umarmung herrühre, ist aus den Parallelen zu ergänzen.]


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 88.

d) Eine Witwe schickte ihre Tochter mit den Schafen auf die Weide, in Männerkleidern, um sie mehr zu schützen. Draußen traf das Mädchen einen Hirtenknaben, den Sohn einer Drachin; beide kamen eines Abends zu der Alten. Der Sohn sagte seiner Mutter, er vermute, sein Gefährte sei ein Mädchen. Um Gewißheit zu verschaffen, riet die Mutter, Blumen unter das Kopfkissen des Mädchens zu legen; würden sie vertrocknen, so sei es wirklich ein Mädchen; blieben sie frisch, so sei es ein Knabe. In der Nacht konnte die Kleine nicht schlafen; deshalb merkte sie, wie man Blumen unter ihr Kopfkissen legte. Schnell nahm sie aus ihrer Hirtentasche einen Zauberspiegel, um den geheimnisvollen Vorfall erklärt zu sehen; aber schon war die alte Drachin da, sah die vertrockneten Blumen und entdeckte die Verkleidung. Der Hirtenknabe, der die Kleine liebte, heiratete sie; sie aber schwor, kein Wort mit ihm ZU reden. Darüber lachte der junge Mann, umarmte und drückte sie, daß fast die Augen aus dem Gesichte quollen. Als das Mädchen diese Behandlung sah, verwandelte es sich in eine Ameise und entfloh. Der Mann verfolgte den Käfer und schnitt ihn mit einem Messer fast mitten durch in zwei Teile, die nur durch einen schmalen Fleischstreifen verbunden blieben. So ist die Ameise geblieben bis heute.


  • Literatur: Marianu, Insectele S. 234.

V.

Rumänische Sagen.


a) Eine Frau hatte eine sehr schlechte Schwiegermutter, von der sie täglich unaufhörlich gequält wurde. Wo hat man jemals in dieser Welt eine gute Schwiegermutter gesehen? Schließlich ging die Alte so weit, daß sie ihre Schwiegertochter in Stücke zerschnitt und so tötete. Aber kaum hatte der Mann diese Schandtat gesehen, so nahm er seine Mutter und wollte sie im Ofen verbrennen. Die Mutter Gottes nahm jedoch die Frau in Schutz, rettete sie durch die Ofenröhre und verwandelte sie in eine Schwalbe. Als Kennzeichen ihrer Schlechtigkeit verschnitt sie ihr aber den Schwanz und gab ihm die Form einer Schere oder besser die Form der zwei Messer, mit denen die Alte ihre Schwiegertochter getötet hatte. Von der Flucht durch den Ofen hatte der Vogel ein schwarzes Gewand bekommen; der rote Fleck am Kropf ist beim Beginn des Verbrennens herausgeflossenes Blut; die weißen Federn bedeuten den Überrest des Hemdes, mit dem sie beim Verbrennen bekleidet war.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 106.

b) Die Sântă Duminică (= heilige Sonntag) befahl, als sie einst zur Kirche ging, ihrem Dienstmädchen, die Speisen so zuzurichten, daß sie bei ihrer Rückkehr fertig wären, nicht zu warm und nicht zu kalt. Das Mädchen aber versah sich in der Zeit; als die Heilige zurückkam, war das Essen noch so heiß, daß sie sich verbrannte. Zur Strafe verwandelte sie das Mädchen in eine Schwalbe und bestimmte, daß dieser Vogel nur in den Ländern leben sollte, wo die größte Hitze[424] herrscht. Daher nistet noch heute die Schwalbe auf dem Boden der Häuser, wo doch die größte Hitze ist, und kommt nur in heißen Ländern vor.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 108.

VI.

1. Rumänische Sage.


Einem Ehepaar starben alle drei Kinder auf einmal. Beim Begräbnis war die Mutter wunderbarerweise außerordentlich lustig und freute sich auffällig. Bald darauf starben ihre Schwiegereltern; bei ihrem Begräbnis weinte und klagte die Frau unaufhörlich. Da fragte sie ihr Mann, warum sie jetzt so weine, während sie beim Begräbnis der Kinder keine Träne vergossen habe. Sie antwortete, ihre Kinder kämen ins Paradies; darüber habe sie sich gefreut; ihre Schwiegereltern aber kämen wegen ihrer Schlechtigkeit in die Hölle, darüber habe sie geweint.

Der Mann ärgerte sich sehr über diese Antwort und behandelte seine Frau sehr schlecht; als er sie wieder einmal schlagen wollte, verwandelte sie sich in eine Schwalbe und entfloh. Ihr Mann suchte sie am Schwänze festzuhalten, riß ihr aber nur die mittleren Federn aus, was man noch heute an dem zweizinkigen Schwanze der Schwalbe sehen kann.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 109.

2. Walachische Sage.


Die Rauchschwalbe war ehedem ein Mädchen, das stets mit seinen Eltern haderte und andere verleumdete. Zur Strafe wurde sie in ihre jetzige Gestalt verwandelt und muß ihr Nest in Schornsteinen bauen, dem schwärzenden Bauche ausgesetzt.


  • Literatur: Arthur und Albert Schott, walachische Märchen S. 284.

3. Estnische Sage.


Einmal kam ein Bettler in ein Haus, wo eine Hochzeit gefeiert wurde. Er wurde nicht hereingelassen, weil er so zerlumpt war. Der Bettler bat um Nachtquartier, welches ihm verweigert wurde, da nicht mal für die Gäste Platz genug sei. Der Bettler bat wenigstens neben dem Hunde auf der Türschwelle schlafen zu dürfen, weil das nächste Gesinde weit sei und er vor Hunger und Frost sterben müsse. Auch das wurde ihm versagt.

Das war aber kein wirklicher Bettler, sondern es war Gott selbst, der sehen wollte, wie die Menschen die armen Leute behandeln.

Als der Bettler vom Gesindewirte ohne ein Stück Brot vertrieben worden war, ging er zu einer Badstüblerin, einer armen Witwe. Diese war sofort bereit, ihm ein Nachtlager zu geben. Aber Essen konnte sie ihm nicht geben, da sie selbst nichts hatte, als eine junge Kuh und eine Handvoll Mehl. Der Bettler sagte, sie solle die Kuh schlachten und aus dem Mehl Klöße machen, dann habe sie selbst zu essen und er, der Bettler, bekomme auch.

Es war der armen Witwe nicht leicht, die Kuh zu schlachten, aber schließlich tat sie es doch des Gastes wegen.

Dann bereitete sie eine Suppe mit Klößen. Der Bettler trank nur etwas von der Suppe und befahl dann der Witwe, die vier Schenkel der Kuh in den Stall, in jede Ecke einen, zu bringen, und ein paar Klöße solle sie in die Kammer werfen. Das tat die Frau, und dann legten sie sich schlafen.

Am anderen Morgen fand die Witwe vier schöne Kühe im Stall und in der Kammer so viel Mehlsäcke, wie sie Klöße hineingeworfen hatte. Der Bettler schickte den Sohn der Witwe ins Hochzeitshaus, zu sehen, was die Leute machten.[425] Dieser kam und erzählte, daß alle am Tisch säßen und ihnen der Geifer vom Munde fließe. Als der Knabe das zweitemal hinging, fand er, daß alle auf allen Vieren standen und sie wie Wölfe heulten.

Dann ging der Bettler selbst mit einem Schwerte in der Hand hin und blieb vor der Tür des Hauses stehen. Als der Bettler ins Zimmer trat, waren alle in Wölfe verwandelt und liefen in den Wald. Aber das Brautpaar war zu einem Schwalbenpaar geworden.

Als sie hinausflogen, schlug der Bettler ihnen den Schwanz mitten durch. Darum haben die Schwalben noch heute einen geteilten Schweif.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

Fußnoten

1 »Küll ootin, kül kannatin

Küünelaalla, wastelaalla

Küünelaalla, külmalaalla

Wastelaalla, waljulaalla

Rei all kangast kududes järgiwäel,

Poega armast tapetie

Oma armast pölwe peal.«


2 Kanadi, kanadi, kui kaugas raodi,

Kanadi, kanadi, kui lehm tapeti,

Kanadi, kanadi kui latse pää paku pääle paudi

Ei seda jöra honamb kanada

Kui naine wöetas naise pääle

Ja töine naine töise pääle.


3 Estnisch: Laps mull ära tapeti, kangas katki rainti, ennast peale pekseti!


4 Sibrin sabrin willad, teen ämmale kapukad.

Ei saand ämma meelejärel,

Amm wiskas tulde: särrr!

Wöttas leiwa labida

Tahtas minu tabada.

Loi sawa lohki: särrr!

Mina lendu

Uksest wälja: wurrr!

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 414-426.
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