1. Märchenvarianten.

1. Zum Märchen vom Aschenbrödel.

[404] Rumänische Sage.


Ein alter Witwer mit einer Tochter heiratete eine Witwe, die auch eine Tochter mitbrachte. Die Frau konnte aber ihre Stieftochter nicht leiden, weil sie viel schöner war als ihre eigene, und wollte sie daher möglichst erniedrigen. Als die Kleine eines Tages die Kühe austrieb, gab ihr die Stiefmutter ein Bündel Hanf mit; sie[404] sollte das bearbeiten und bis zum Abend Leinwand daraus machen. Als das Mädchen über diese grausame Forderung weinte, kam ein wundertätiges Kalb1 zu ihm und machte die Leinwand fertig. Abends war die Frau höchst verwundert und gab dem Kinde am nächsten Tage die doppelte Arbeit mit. Auch das brachte das Kalb fertig. Am dritten Tage gab sie drei Bündel Hanf und belauschte das Gespräch des Mädchens mit dem Kalbe. Als die Frau so hinter das Geheimnis gekommen war, veranlaßte sie ihren Mann, das Kalb zu schlachten. Das Tier aber wußte das vorher und riet dem Mädchen, die Knochen nach der Mahlzeit zu sammeln und in einen hohlen Baum zu legen, dann würde es auch nach dem Tode des Helfers nicht ganz verlassen sein. So geschah's, daß das Kalb ge schlachtet und verzehrt, die Knochen aber vom Mädchen im Baume aufbewahrt wurden.

Wie nun eines Sonntags die Eltern mit dem häßlichen Mädchen zur Kirche gingen, befahl die Mutter der Stieftochter, daheim zu bleiben, das Haus zu bewachen und einen Sack Leinsamen zu verlesen. Das Mädchen brach in bittre Klagen aus. Da kamen drei Tauben, die aus den Kalbsknochen entstanden waren, und wollten für sie arbeiten; sie aber solle zu jenem Baum gehen, dort werde sie Kleider und einen Wagen finden, in dem sie zur Kirche fahren sollte. Das Mädchen tat es, fuhr zur Kirche und kam vor den Eltern wieder heim. Da war alles schön sauber und der Leinsamen ausgelesen.

Am nächsten Sonntag gab die Mutter zwei Säcke Leinsamen; dasselbe Wunder wiederholte sich. So auch am dritten Sonntag mit drei Säcken. In der Kirche jedoch, wo die schöne Jungfrau schon die beiden ersten Male Aufsehen erregt hatte, näherte sich ihr der Bojarensohn und wollte mit ihr sprechen. Sie aber durfte nicht reden, floh deshalb und verlor einen Schuh. Diesen hob der junge Bojar auf und ging im Dorf von Haus zu Haus, um die Verlustträgerin zu suchen. Er kam auch zum Hause der bösen Frau. Die wollte nun gern ihre häßliche Tochter geehrt wissen, aber der Schuh paßte nicht. Die hübsche Stieftochter hatte sie versteckt, und als der Bojar fragte, ob nicht noch ein Mädchen im Hause wäre, sagte sie: »Nein!« Ein Hahn aber, der das Gespräch mit angehört hatte, begann zu schreien: »Kikeriki, die Alte lügt; das andere Mädchen steckt hinter der Tür.« So wurde das schöne Mädchen gefunden, der Schuh paßte tadellos, und der Bojar führte die verachtete Stieftochter als Frau heim.

Die drei Tauben, die aus den Kalbsknochen entstanden waren, sind bis heute Tauben geblieben.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 182.

2. Zum Märchen vom Fischer und seiner Frau.

1. Rumänische Sagen.


a) Ein armer Holzarbeiter wollte eine schlanke Espe fällen. Da bat der Baum, ihn doch am Leben zu lassen; dafür sollte der Mann einen Schatz finden. Der Mann ließ den Baum, grub in seiner Nähe und fand den Schatz. Er brachte ihn nach Hause und freute sich mit seiner ehrsüchtigen Frau an dem gefundenen Glück. Bald wählte man ihn zum Dorfschulzen. Auf Drängen der Frau ging der Mann wieder zum Baum und erpreßte einen neuen Schatz. Da er nun ein ziemlich reicher Mann war, so wählte man ihn zum Richter. Aber die Frau war noch immer nicht zufrieden; der Mann mußte neues Geld vom Baum verlangen. Nicht lange darauf[405] wurde der Richter kaiserlicher Rat. Ehrsüchtig und stolz wie sie war, wollte seine Frau noch höhere Würden; der Mann holte abermals einen Schatz vom Baum und wurde bald darauf zum Kaiser ausgerufen. Aber auch jetzt war die Frau noch nicht zufrieden; sie wünschte, ihr Mann sollte Gott werden und sie seine göttliche Gemahlin. So ging denn der Kaiser zum Baum und trug ihm seine Wünsche vor; der aber schalt ihn aus und verwünschte den Undankbaren in den Kuckuck und seine Frau in den Wiedehopf (Femin.). Er beklagt nun von Bunavestire (Maria Verkündigung) bis Sândiene (Johannes der Täufer) sein verlorenes Glück, die unzufriedene Frau aber nährt sich und baut ihr Nest vom Niedrigsten und Verachtetsten, was es auf Erden gibt.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 159.

b) Ein sehr armer Familienvater macht sich auf den Weg, um Lebensunterhalt zu suchen. Im Walde will er sich einen Haselnußstecken abschneiden; da spricht der Strauch zu ihm, er solle ihn nicht verletzen, solle vielmehr ins Dorf zurückgehen, dort würde man ihn zum Gemeindevorstand wählen. So geschah's auch. Nach drei Jahren wird ein anderer gewählt; er ist wieder arm. Da geht er zu seinem Strauch. Dieser bittet ihn wieder, ihn nicht abzuschneiden, er solle vielmehr in den und den Marktflecken gehen, wo man ihn zum Richter wählen würde. So geschah's. Wieder nach drei Jahren ist er ohne Beschäftigung. Er geht zum Haselnußstrauch, und dieser heißt ihn in das und das Land gehen, wo man ihn zum Kaiser machen würde. Das geschieht für eine bestimmte Zeit, dann wird ein anderer gekrönt. Unser Mann hat zwar Geld gesammelt, aber seine Frau verleitet ihn, vom Haselnußstrauch höhere Ehren zu fordern. Er geht hin und wünscht noch größer als Gott zu werden. Da verwandelt ihn der Strauch zur Strafe in den Kuckuck und seine Frau in den Wiedehopf. Nun fliegen sie von Baum zu Baum; er schreit »Kuckuck«, sie schreit »pupupu« (rum. pupăză = Wiedehopf).


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 8. In franz. Übers. Revue des trad. pop. 8, 41.

c) Ursprünglich hatte die Wiedehopfin (rum. fern.) keinen Federschopf. Ihr Mann war der Kuckuck. Den schickte sie zu Gott mit der Bitte, sie zur Gemeindevertreterin zu machen. Gott tat es. Bald darauf mußte der Mann Gott bitten, seine Frau zur Anführerin zu machen. Er tat es. Aber auch jetzt unzufrieden, will die Frau Kaiserin werden. Ihr Wunsch wird erfüllt, und sie bekommt als Abzeichen den Federschopf. Doch noch immer nicht zufriedengestellt, schickt sie den Kuckuck zu Gott mit der Bitte, sie auf seinen göttlichen Stuhl zu erheben. Da verflucht sie Gott und bestimmt, sie solle auf Erden allgemein verachtet sein; der Kuckuck aber solle zur Belohnung für seine unermüdliche Dienstbeflissenheit sehr beliebt sein.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 169.

2. Aus Nivernais.


Ein armer kinderreicher Mann begegnet Gott und erzählt ihm seine Not. Gott sagt ihm, er solle nach Hause gehen, er würde dort genug Brot vorfinden. Nach einigen Tagen ist die Frau nicht mehr damit zufrieden, nur Brot zu haben, und läßt ihren Mann wieder an den Ort gehen, wo er Gott getroffen hat, und um Wein bitten, nach einer Weile um Fleisch, dann um Geld und zuletzt um Gottes Allmacht.

»Du wirst sie zu Hause finden,« sagt Gott.

[406] »Wie lange gibst du sie mir?«

»Bis die Blätter der Stechpalme fallen.«

Frau, Kinder und Verwandte erwarteten den Mann voll froher Hoffnung. Sobald er zur Tür hineintrat, wurden alle in Fledermäuse verwandelt, die zum Kamin hinausfliegen. So hatte Gott sie gestraft, und darum sagt man, die Fledermäuse seien Menschen. (Gekürzt.)


  • Literatur: Vgl. Sébillot, contes des provinces de France 124.

3. Slawische Varianten s. unten: Verwandlung in den Bären.


3. Zum Märchen vom Machandelboom.

1. Rumänische Sage.


Ein armer Witwer mit zwei Kindern verheiratet sich; die Stiefmutter haßt die beiden Kleinen und setzt ihrem Mann beständig zu, er solle sie beseitigen. Das Mädchen hört es, und als der Vater die beiden Kinder mit in den Wald nimmt, um sie auszusetzen, da bestreut sie den Weg mit Asche und findet so am nächsten Tage mit ihrem Bruder sich wieder heim. Die Stiefmutter ist wütend, erschlägt den Knaben und befiehlt dem Mädchen, den toten Bruder als Speise dem Vater zuzubereiten. Das Kind wird auch gegessen, nur Herz und Knochen hatte das Mädchen in einem hohlen Baume versteckt; hieraus entsteht der Kuckuck. Die Stiefmutter will ihn mit einem Stein (Salzklumpen) werfen; der niederfallende Stein aber erschlägt sie selbst.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 1, 14. Vgl. Revue des trad. pop. 8, 41.

2. Lettische Sage.


Der Kuckuck ist aus einem Waisenkind entstanden. Es waren einmal zwei Waisen, Bruder und Schwester. Ihre Mutter war gestorben, und der Vater nahm sich eine andere Frau, die war eine Zauberin und konnte das Mädchen nicht ausstehen. Immer wieder verlangte sie von ihrem Mann: »Schaff sie weg, damit ich sie nicht mehr sehe!« Der Vater wollte es aber nicht tun. Da nahm sie das Kind, tötete es, richtete aus ihm Speisen an und trug sie auf. Sie selbst aß davon und ebenso auch der Vater, der Bruder aber nicht, denn er wußte, daß es seine Schwester sei. Er sammelte aber die übriggebliebenen Knochen, trug sie in Büsche und legte sie dort nieder. Dahin kam ein Vogel geflogen, setzte sich auf die Knöchelchen und brütete einen Kuckuck aus. Der kam zum Vaterhaus geflogen, ließ sich auf einen Baum nieder und begann zu singen: »Ku-ku! Stiefmutter hat mich umgebracht und gebraten. Ku-ku! Vater hat mich aufgegessen! Ku-ku! Bruder hat meine Knöchelchen hinausgetragen! Ku-ku! Ein Vogel hat mich ausgebrütet!«


  • Literatur: Živaja starina 5, 439 = Zbiór 15, 266 Nr. 11. Aus Ulanowska 1, 86.

Vgl. hierzu folgendes lettisches Lied der Bachstelze:


»Mein Vater hat mich erschlagen, meine Mutter hat mich gegessen und meine Knöchlein zum Badstubenfen ster hinausgeworfen; mein lieb Schwesterlein hat sie aufgelesen und in ein Taubennestchen getan. Die Taube hat mich ausgebrütet, ich lief hinaus ins Sonnchen – ich lief ins Sonnchen hinaus als Bachstelzlein mit glattem Köpfchen, mit weißem Schnäbelchen, ich wälzte auf den Vater einen kleinen Block, ich wälzte auf die Mutter einen Mühlstein, auf das liebe Schwesterlein deckte ich ein wollenes Tüchlein.« (Aus Lerchis-Puschkaitis.)[407]


3. Estnische Sagen.


a) Eine Mutter tötete ihr Kind und gab das Fleisch ihrem Manne zu essen. Der Mann lobte das Fleisch als ein sehr schmackhaftes. Aber die Schwester trauerte sehr um den kleinen Bruder, sammelte seine Knochen in ein seidenes Tuch zusammen und brachte sie in den Wald auf einen Baumstumpf, indem sie den Wunsch aussprach, daß in die Knochen noch Leben käme. In die Knochen kam auch Leben, aus ihnen entstand der Kuckuck.

Der Kuckuck flog vor die Tür seines Vaterhauses und sang:

»Mutter ist meine Blutvergießerin, Vater mein Fleischesser. Die Schwester sammelte meine Knochen, band sie in ein seidenes Tuch und brachte sie in den Wald auf einen Baumstumpf. Dort bekam ich Leben. Kuku!«

Das ist die Entstehung des Kuckucks. (Kirchspiel St. Marien-Magdalenen.)


b) Während einer Hungersnot lebte eine Stiefmutter mit drei Kindern. Das älteste und jüngste Kind waren Mädchen, das dritte ein Knabe. Als der Vater der Kinder einmal weit fort von Hause war und die Kinder mit der Stiefmutter Hunger litten, da wollte die Stiefmutter das jüngste Kind töten, um es verspeisen zu können. Zu dem Zweck schärfte sie den Deckelrand einer großen Kiste messerscharf und stellte den Deckel halb offen auf, daß er bei der leisesten Bewegung niederfallen mußte. Nun schickte die Stiefmutter das kleine Kind, etwas aus der tiefen Kiste zu holen. Der schwarze Deckel fiel zu, als das Kind sich in den Kasten gebeugt, hatte, und tötete das Kind. Wehklagend lief sie mit den beiden anderen Kindern herzu, als es schon zu spät war. Die Stiefmutter versprach, das Kind zu beerdigen, aber in Wirklichkeit kochte sie sein Fleisch und setzte es den Geschwistern vor. Die unschuldigen Kinder aßen. Aber plötzlich entdeckten sie die Finger der kleinen Schwester und erkannten die grauenhafte Tat. Die Schwester band alle Knochen in ein seidenes Tuch und brachte sie in den Wald auf einen Baumstumpf. Drei Donnerstage nach der Reihe kam die Schwester, die Knochen im Walde zu besehen. Am ersten Donnerstag abend war den Knochen eine Haut draufgewachsen, am zweiten waren sie mit Flaumfedern bedeckt, am dritten fand sie einen lebenden Vogel vor. Als die Schwester den Vogel sah, lief sie schnell nach Hause, um den Bruder zu holen und den Vogel zu fangen. Doch bevor sie am anderen Morgen in den Wald konnten, erblickten sie den Vogel schon vor ihrem Hause auf dem Baum. Der Vogel sang:

»Was soll ich trauriges Vöglein, armes Kindchen singen? Kukku! Traurig ist der Kuckuck mit dem buschigen Köpfchen, mutlos hängt der Silberschnabel, kukku! Habe keinen Wohltäter, keinen teuren, der mich kleidet, kukku! Schutzlos ist das Waisenkind, vaterlos ist das häßliche Mädchen, kukku! Was soll ich meiner zarten Schwester wünschen? Goldne Schuhe, seidne Strümpfe, tausend Silbertaler, kukku! Dem Bruder wünsch' ich goldne Stiefel, ein Pferd in goldnem Schmuck, schöne Zimmer im Heim, kukku! Dem Vater schöne Ochsen, starke Pferde im Stall, die Habe fülle die Speicher, nie fehle das Geld im Beutel, kukku! Der Mutter einen Mühlstein als Halsschmuck, weil sie das arme Kind gequält, das Vöglein getötet hat. Kukukukuk!«

Und der Vogel flog in den Wald, wo er oft die Guten mit dem Gesang erfreut, die Bösen erschreckt. (Kirchspiel Hallist.)


c) Ein Mann hatte zwei Töchter. Die ältere war schön und hatte eine schöne Stimme, ein jeder war entzückt, der sie singen hörte. Die jüngere Tochter aber war nicht halb so schön. Die Mutter aber liebte nur die jüngere, denn diese war ihre[408] leibliche Tochter, während die ältere ihre Stieftochter war. Das Mädchen aber wußte nicht, daß es eine Stiefmutter hatte. Je älter die Mädchen wurden, desto größer wurde der Haß der Mutter zum Stiefkinde.

Der Vater war einst nicht zu Hause. Da sagte die Mutter den Töchtern, wer zuerst Wasser aus dem Brunnen brächte, bekomme ein Butterbrot. Die eigene Tochter bekam ein Gefäß aus zusammengebogenem Holze und das Stiefkind einen Sieb zum Wasserholen. Wie das Mädchen weinend vergebliche Versuche gemacht hatte, Wasser zu schöpfen, da hörte sie einen Vogel rufen: »Tue Lehm hinein, tue Lehm hinein!« Das Kind tat auch so, und das Sieb hielt das Wasser. Die Stieftochter war vor ihrer Schwester mit dem Wasser zurück. Die Mutter mußte gute Miene zum bösen Spiel machen und sagte freundlich: »Dort in jenem Kasten ist das Butterbrot, geh und nimm es!« Während das Kind sich in den Kasten beugte, schlug die Mutter den Deckel des Kastens zu, so daß das Kind zu Tode gequetscht wurde. Die böse Stiefmutter kochte das Kind und setzte das Fleisch dem Manne vor. Der Vater ahnte, wessen Fleisch das sei, und aß nicht davon, obwohl die Frau behauptete, es sei Hühnerfleisch. Als die Frau aus dem Zimmer gegangen war, sammelte der Vater die Totengebeine zusammen, band sie in ein Tuch und brachte es auf einen Handmühlenstein und sagte: »Wachse hier, mein Hühnchen! Stehe auf, mein Töchterchen!« Nach einigen Tagen fand er das Totengebein zusammengewachsen und mit Muskeln und Sehnen versehen. Wieder vergingen einige Tage. Da fand der Mann das Totengebein mit Haut und feinen Daunen bedeckt. Jetzt wagte der Vater lange nicht hinzugehen. Endlich tat er das. Da sah er, wie der Kuckuck vom Mühlenstein aufflog, den Mühlenstein mit sich nahm und damit aufs Dach eines Hauses flog und rief:


»Komm, mein Vater,

Dir gebe ich einen goldenen Hut,

Komm, meine Mutter,

Dir gebe ich eine Schnur Perlen,

Komm, mein Schwesterchen,

Dir gebe ich eine große Spange.«


Die Stiefmutter erkannte den Vogel, sie nahm eine Ofengabel und wollte den Kuckuck schlagen. Der Vogel erschrak und ließ den Mühlenstein fallen. Er fiel auf die Stiefmutter und erschlug sie.

Nie kommt der Kuckuck mehr aufs Dach eines Hauses zum Rufen.

Wenn er es aber tut, so bedeutet es Unglück.

Der Kuckuck wird am meisten geachtet von allen Vögeln. Wenn jemand einen Kuckuck erschlagen haben sollte, so muß er ihm einen Sarg machen und ihn wie einen Menschen begraben. (Kirchspiel Paistel.)


d) Vor uralten Zeiten gab es ein Ehepaar, welches zwei Kinder hatte: ein Mädchen und einen Knaben. Als die Kinder noch klein waren, starb die Mutter, und der Vater nahm sich eine andere Frau. Die Stiefmutter war eine sehr böse Frau, sie behandelte ihre Stiefkinder schlecht, nur ihren eigenen Sohn verwöhnte sie.

Schon früh wurde die Stieftochter, welche älter war als ihr Bruder, zu fremden Leuten in die Arbeit geschickt.

Eines Tages hatte die Stiefmutter Weißbrot gebacken. Sie wollte ihrem Stiefsohne nicht gern davon geben.

Um aber nicht ungerecht zu erscheinen, befahl sie ihrem eigenen Sohne und dem Stiefsohne, Wasser zu holen; wer das Wasser brächte, erhalte vom Weißbrot. Dem Stiefsohne gab sie aber ein Sieb zum Schöpfen. Dem armen Knaben gelang es nicht, Wasser zu schöpfen, und schon war er den Tränen nahe, da hörte er eine Krähe über seinem Haupte krächzen: »Waaks, waaks! Pilla sawi, pilla sawi!« (Waaks, waaks![409] schütt Lehm hinein, schütt Lehm hinein!) Als er Lehm in den Sieb geschüttet hatte, konnte er ganz bequem mit dem Siebe Wasser schöpfen.

Als die Stiefmutter das sah, war sie sehr ärgerlich, denn sie mußte ihm jetzt auch Weißbrot geben. Sie steckte das Brot in einen großen Kasten und befahl dem Knaben, das Brot herauszunehmen. Als das Kind sich in den Kasten bückte, um nach dem Brote zu greifen, da schlug die Stiefmutter den Deckel des Kastens zu, so daß der Kopf des Kindes dazwischen blieb. Das Kind starb. Die Stiefmutter begrub es im Garten unter einem Baum. Als der Vater und die Schwester von der Arbeit kamen, vermißten sie das Kind. Die Stiefmutter sagte, sie wisse nicht, wo das Kind sei. Ein ganzes Jahr suchte das Mädchen immerfort ihren Bruder. Da fand sie schließlich im Garten die Knochen der Hand des Bruders. Sie grub an der Stelle weiter und sammelte alle Knochen des Bruders und brachte sie in den Wald auf einen Baumstumpf, damit sie nicht verfaulten.

An einem Donnerstag abend kam das Mädchen wieder in den Wald. Vor alters war ein jeder Arbeiter oder Diener Donnerstag abend frei, damit er an dem Tage seine eigenen Arbeiten verrichten könne. Das Mädchen fand zu ihrer Überraschung alle Knochen des Bruders vereinigt. Nur ein Knochen war etwas weit entfernt, den schob sie zu den übrigen. Den nächsten Donnerstag fand sie die Knochen mit feinen Daunen bedeckt. Das Mädchen freute sich und rief: »Kukku, mu wennake, kukku!« (Ruf oder auch sing, mein Brüderchen, sing!)

Sie hoffte, daß aus ihm ein Singvogel werde. Am dritten Donnerstag fand sie auch wirklich einen hübschen, kleinen grauen Vogel vor, aber er lebte noch nicht.

Als sie ihn noch freudig betrachtete, hörte sie eine Stimme rufen: »Geh nach Hause, morgen wird dieser Vogel auf dem Dache eures Hauses singen.« Am anderen Morgen fand sie auch wirklich den Vogel auf dem Dache ihres Hauses.

Der Vogel sang:


»Schwesterchen, komm, kucku!

Ich gebe dir ein silbernes Halsgeschmeide, kucku!

Brüderchen, komm, kucku!

Ich gebe dir einen goldenen Helm, kucku!

Vater, komm, kucku!

Ich gebe dir einen grauen Hengst, kucku!

Stiefmutter, komm!

Ich gebe dir einen Mühlstein an den Hals, kucku!«


So wie der Vogel sang, so rollte dasjenige, was er sagte, vom Dache. Nachher flog der Vogel fort und ist noch jetzt unter den Vögeln als Kuckuck bekannt. (Kirchspiel Fennern.)


e) Eine böse Stiefmutter läßt die eigene und die Stieftochter aus dem Brunnen Wasser in die Truhe schöpfen, wobei sie dem eigenen Kinde einen festen Eimer, dem fremden aber einen ohne Boden gibt/Letzteres bringt nur wenige Tropfen in die Truhe. Die Stiefmutter erschlägt das Mädchen mit dem Truhendeckel, kocht eine Suppe und bringt sie dem Vater und Bruder, die auf dem Felde arbeiten. Diese aßen und legten die Knochen auf einen Baumstumpf, wo sie sofort zusammenwuchsen. Am folgenden Tage hatten sie sich mit Blutfedern bedeckt, und am dritten Tag flog ein Vogel auf, »Kuckuck, Kuckuck!« rufend.

Der Vater und der Sohn erzählten die Geschichte zu Hause, aber die Stiefmutter schwieg und tat, als wenn sie nichts von der Sache wüßte. Der Kuckuck kam aufs Hausdach und sang:


»Komm heraus, mein Väterchen, kukku!

Ich gebe dir einen Eisenhelm!« usw.


Der Bruder erhielt einen betreßten Pelz, die Schwester eine goldene Kette und die Stiefmutter eine Handmühle, die sie erschlug. (Kirchspiel Jestama.)


f) Einem jungen Manne war seine junge Frau gestorben. Eine kleine Tochter hatte sie hinterlassen. Nach einiger Zeit heiratete der Mann eine junge Witwe, welche ebenfalls eine Tochter hatte. Das Stiefkind wurde von der Mutter nicht geliebt. Als eines Tages der Mann im Walde Holz hacken war, ließ die Mutter ihre Kinder vom Brunnen Wasser holen. Dem eigenen Kinde gab sie einen Eimer, dem Stiefkinde aber ein Sieb zum Wassertragen. Als das Stiefkindchen ohne Wasser zurückkam, wurde es von der Stiefmutter tot geprügelt. Dann kochte die Rabenmutter das Fleisch des[410] Kindes und trug es zu Mittag dem Manne in den Wald. Dem Manne wollte das Fleisch gar nicht schmecken, aber er aß es doch. Die Knochen stellte er auf einen Baumstumpf. Als er gegessen hatte, vereinigten sich die Knochen von selbst, und ein kleiner Vogel entstand aus ihnen. Dieser Vogel flog auf den Baum, den der Mann gerade fällen wollte, und sang ihm seine traurige Geschichte. Der Mann erfuhr das schreckliche Ende seiner Tochter und ging nach Haus. Der Vogel flog ihm nach, setzte sich aufs Dach des Vaterhauses und sang:


»Kuuku, kuuku! Komm heraus, Väterchen, kuuku kuuku!

Ich gebe dir 'nen goldenen Hut, kuuku!«


Der Vater trat hinaus und erhielt auch den goldenen Hut.

Der Kuckuck sang weiter:


»Komm heraus, Schwesterchen, kuuku,

Ich gebe dir ein seidenes Tuch, kuuku!«


Die Schwester kam und erhielt das Versprochene.


»Komm heraus, Mütterchen, kuuku!

Ich geb' dir ein schönes Tuch, kuuku!«


Die Mutter kam heraus, aber statt des Tuches fiel ihr Teer auf den Kopf (oder auch ein Mühlenstein).

Der Kuckuck flog in den Wald zurück und singt noch heute sein trauriges Lied. (Kirchspiel Theal-Fölk.)


g) Ein Witwer, welcher eine Tochter hatte, heiratete zum zweitenmal. Die zweite Frau gebar ihm auch eine Tochter. Die Stiefmutter litt aber die Stieftochter nicht. Und eines Tages faßte sie den Gedanken, die Stieftochter zu töten Damit das eigene Kind den Mord nicht bemerke, schickte die Mutter es, aus dem Brunnen Wasser zu holen, gab ihr aber ein Sieb zum Schöpfen. Das Kind mühte sich vergebens ab, Wasser zu schöpfen. Eine Krähe flog vorüber und krächzte dem Kinde zu: »Sawwi sisse, sawwi sisse!« (Lehm hinein, Lehm hinein!) Das Mädchen tat Lehm in das Sieb, und nun hielt es das Wasser. So kam das Mädchen der Mutter dennoch zu früh nach Hause und sah den Mord. Die Mutter verbot ihr streng, etwas von dem Geschehenen andern mitzuteilen. Das Fleisch der Stieftochter wurde gekocht und dem Vater vorgesetzt, der es ahnungslos aß. Nach dem Essen sammelte das Mädchen die Knochen der Stiefschwester und trug sie in den Wald auf einen Baumstumpf. Als das Mädchen nach Hause ging, vereinigten sich die Knochen auf dem Baumstumpf, und der Kuckuck entstand aus ihnen. Der Kuckuck flog aufs Dach des Elternhauses und £ng an zu singen (wie in d. vor. Fassung). Er teilte auch die genannten Geschenke aus.

Der Stiefmutter warf der Kuckuck einen Mühlstein um den Hals. (Kirchspiel Theal-Fölk.)


h) Ein Witwer mit zwei Kindern heiratete zum zweitenmal. Die Stiefmutter war zu den Kindern sehr schlecht. Eines Tages, als der Mann von Hause war, gab der Teufel dem Weibe den Rat, die Kinder zu töten und das Fleisch dem Vater zur Suppe zu kochen, damit der Mord nicht bekannt würde. Nach dem Essen sammelte das Weib die Knochen der Kinder zusammen, tat sie in einen schwarzen Tuchfetzen und steckte sie auf den Rand des Daches, welcher gegen Osten gerichtet war. Der Vater trauerte sehr über seine Kinder, die so plötzlich in seiner Abwesenheit verschwunden waren.

Eines Tages kam Jesus in dieses Gesinde und bat um etwas zu trinken. Er sah des Mannes sorgenvolles Antlitz und fragte nach seiner Trauer. Der Mann teilte ihm seinen Kummer mit. Jesus tröstete ihn und sagte: »Deine zweite Frau hat die Stiefkinder beseitigt. Aber sie sollen nicht verloren gehen. Wenn es Frühling geworden ist, so geh vor dein Haus, dann wirst du in der Ostseite deines Hauses in der Traufe des Daches etwas in einem Zeuglappen finden. Das größere lebende Wesen wird dein Sohn, das kleinere deine Tochter sein. In jedem Frühling werden sie dich, solange du lebst, erfreuen. Das sei zum Dank dafür, daß du mich Durstigen getränkt hast.« Nach diesen Worten ging Jesus fort.

[411] Als der Frühling kam, erinnerte sich der Mann der Worte seines Gastes und fand das Tuch. Als er es auftat, sah er zwei Vögel darin. Der graue Vogel flog auf eine Fichte und sang:


»Mutter hat mein Blut vergossen,

Vater hat meine Knochen gelutscht.«


Der andere Vogel war mit einem seidenen Bock. Er flog auf den First des Daches und sang:

»Mutter vergoß mein Blut, legte die Knochen in die Traufe. Jesus kam trinken und lehrte Vater. Vater kam sehen, und ich flog davon, sit-sirr!«

So entstanden der Kuckuck und die Schwalbe. (Aus Ösel.)


i) Ein Mann liebte stets Fleischspeisen zu essen. Er hatte aber nicht viel Vieh zu schlachten. Trotzdem verlangte er immer wieder von seinem Weibe Fleischspeisen. Und wenn sie seinen Wunsch nicht erfüllen konnte, so mißhandelte er sie.

Als der Mann eines Tages wieder recht energisch eine Fleischsuppe verlangte, obwohl er wußte, daß kein Fleisch im Hause war, da faßte die Frau einen entsetzlichen Entschluß. Sie schickte ihre Magd mit einem Sieb aus dem Brunnen Wasser holen, um ungestört zu sein, und tötete ihr eigenes Kind. Ein Vogel lehrte die Magd, Lehm in den Sieb zu tun und dann zu schöpfen. So war denn die Magd bald mit dem Wasser zurück, aber schon lag das Fleisch des Kindes im Kessel. Nachdem der ahnungslose Mann das Fleisch gegessen hatte, sammelte die Frau die Knochen des Kindes, band sie in ein Tuch und stellte sie auf den Pfosten der Pforte. Aus diesen Knochen entstand der Kuckuck. (Kirchspiel Jörden.)

k) Vor Zeiten heiratete ein Witwer zum zweitenmal. Er hatte aber ein kleines Sind. Die Stiefmutter liebte das Kind nicht. Als der Vater einmal von Hause fort war, tötete die Stiefmutter das Kind und gab das Fleisch dem Manne zu essen. Der Mann fragte: »Von wo hast du das Fleisch?« – »Ich habe ein Ferkel geschlachtet,« war die Antwort der Stiefmutter. Aber die Stiefschwester des getöteten Kindes sammelte alle Knochen des Kindes zusammen und legte sie in ein seidenes Tuch und brachte sie in den Wald auf einen Baumstumpf.

Dort auf dem Baumstumpf wurden die Knochen des Kindes zu einem Kuckuck:

So singt der Kuckuck:


»Mutter hat mein Blut vergossen,

Vater hat mein Fleisch gegessen;

Schwester hat die Knochen gesammelt,

Band sie in ein seidenes Tuch,

Brachte sie auf einen Baumstumpf im Walde,

Dort wurde ich zum Kuckuck«

Kuckuck! (Kirchspiel Klein-Marien.)


l) Eine böse Stiefmutter lockt ihre kleine Stieftochter heraus, schlachtet sie und kocht dem Vater, dem Bruder und der Schwester eine Suppe. An einem Fingerknochen erkennt der Vater sein Kind, das sie essen. Sie sammeln die Knochen und stellen sie auf das Ende der Pferdekrippe. Aus den Knochen entsteht ein Kuckuck. Er singt draußen und ruft nacheinander den Vater, den Bruder, die Schwester und die Stiefmutter heraus. Der Vater bekommt einen Sommerhut, der Bruder ein Halstuch, die Schwester ein Kleid; die Stiefmutter jedoch wird von einem Mühlstein erschlagen. (Kirchspiel Sangaste.)


m) Ein Weib schlachtete ihr Stiefkind, kochte es zur Suppe und brachte die Suppe dem Vater, der im Walde arbeitete.

Der Vater und die Schwester aßen. Die Schwester sammelte die Knochen, band sie zusammen und legte sie auf einen Ast. Sobald die Knochen auf dem Aste waren, sprang aus dem Löffel des Vaters das Herz zu den Knochen auf den Baum. So entstand der Kuckuck. (Kirchspiel Odenpäh.)


[412] n) Eine Stiefmutter kann ihre Stieftochter nicht leiden. Wie der Vater einmal draußen pflügt, tötet sie das Kind und kocht das Fleisch zu Mittag. Der Vater und auch die Stiefmutter mit ihren Kindern essen. Da springt das Herz des geschlachteten Kindes heraus auf den Kessel im Herd, wo es sich in einen Vogel verwandelt und also singt:


»Meine Mutter schlachtete mich, kuku, kuku!

Mein Vater verspeiste mich, kuku!

Mein Bruder trank mein Blut,

Meine Schwester aß meinen Finger, kuku!«

(Aus Wastse Antslar.)


o) Eine Mutter hat zwei Töchter, eine eigene und eine fremde Pflegetochter. Sie verlangt von der Pflegetochter unmögliche Dienste und verlangt, sie solle mit einem Sieb aus dem Brunnen Wasser schöpfen. Der Lohn ist Schelte. Einst versprach die Mutter den Mädchen Butterbrot. Aber das Brot des Pflegekindes war ohne Butter und lag in einer leeren Truhe. Als das Kind es herauslangen wollte, fiel der Deckel zu und erschlug sie. Die Mutter kochte eine Suppe und setzte sie dem Bruder und der Schwester vor, die zu Gast gekommen waren. Der Bruder aß arglos, aber die Schwester erkannte die Finger und Zehen, sammelte sie, band sie in ein Tuch und brachte sie auf den Zaunpfahl. Da fingen die Knochen an zu rufen: »Mutter meine Blutvergießerin, kukku! Bruder mein Fleischverzehrer, kukku! Schwester meine Knochensammlerin, kukku!« (Kirchspiel Karusen.)


p) Die Stiefmutter schickt beide Mädchen, das eigene und das Stiefkind, zum Brunnen mit einem Sieb, Wasser zu schöpfen. Wer damit wirklich Wasser zur Stube bringt, bekommt ein Butterbrot. Arglos beeilt sich das Stiefkind, und es gelingt ihm, mit dem Wasser zurückzukommen. Indem sich das Mädchen über den Band der Truhe beugt, um das Brot herauszulangen, schlägt die Stiefmutter den Deckel zu, er fällt dem Mädchen auf den Nacken und erschlägt es. Die Stiefmutter kocht die Hände zur Suppe und bringt sie dem Vater, der im Walde pflügt. Hungrig verspeist er fast die ganze Schüssel voll Suppe.

Die Knochen sammelt er auf einen breiten Stein im Sonnenschein. Am Abend vermißt er sein Töchterchen. Das Weib sagt, es sei zum Brunnen gegangen und nicht wiedergekehrt; sie habe ihre Tochter nachgeschickt, aber diese habe keine Spur von der Verlorenen gefunden. Der Vater ahnt Böses. Er weiß, daß die Frau mit der Stieftochter nicht auskam. Wie er am nächsten Tage in den Wald geht, sieht er gleich nach den Knochen, – sie bewegen sich. Am dritten Tage sind sie zusammengewachsen und haben stellweise Daunen. Am vierten Tage fliegt der Kuckuck auf, läßt sich auf dem Stubendach nieder und singt. Der Vater bekommt einen grauen Hengst, die Mutter ein Schwert, das ihr den Kopf abhaut, dem Bruder ruft er viele Grüße zu, und der Schwester verkündet er einen unglücklichen Tod. So singt er jedem dreimal und fliegt davon. Jeden Frühling kommt das zum Kuckuck gewordene Stiefkind und verkündet uns, was es vor Zeiten seinen Verwandten gesungen. (Kirchspiel Hallist.)


q) Eine Stiefmutter mißhandelt häufig ihre Stiefkinder. Der Vater und der Sohn gehen in den Wald zur Arbeit. Das Essen soll ihnen dahingebracht werden. Die Mutter schlachtet die jüngste Tochter und kocht eine Suppe. Vater und Sohn verspeisen das Fleisch. Der Sohn sammelt die Knochen in einen wollenen Fetzen und sagt im Scherz: »Das sind meiner Schwester Fingerknochen, das sind meiner Schwester Beinknochen.« – Später geht er an drei Donnerstagabenden zu den Gebeinen beten. Die Knochen bedecken sich mit Haut und Federn, der Kuckuck entsteht und fliegt auf eine hohe Tanne.

Eines Morgens singt der Kuckuck von der Birke, die an der Schwelle des Hauses wächst:


»Komm heraus, mein Schwesterchen, kuckuck!

Ich gebe dir ein Goldkettelein, kuckuck!«


usw.; dem Vater einen goldenen Pelz, dem Bruder einen goldenen Schuh; zuletzt singt der Kuckuck der Stiefmutter:


»Komm heraus, Stiefmutter mein, kuckuck!

Ich gebe dir einen heißen Stein, kuckuck!«


Die Stiefmutter kocht in der Kammer Brei und will nicht hinausgehen (sie ahnt wohl Böses), aber der Brei, der zu dick ist, brennt an und setzt sich fest an den Boden[413] des Kessels. Nun muß sie doch hinauslaufen, um aus dem Brunnen Wasser zu holen. Wie sie heraustritt, wirft ihr der Kuckuck einen heißen Stein auf den Kopf, und sie versinkt mit dem Stein unter die Erde, eine große schwarze Öffnung in der Erde lassend. (Kirchspiel Karkus.)


r) Ein junges Weib stirbt und hinterläßt dem Mann ein Töchterchen. Da der Mann allein die Wirtschaft des Bauernhofes schwer bewältigt, heiratet er seine Nachbarin, eine Witwe mit ebenfalls einem Töchterchen. Die Kinder gewannen sich bald lieb, und der Vater sorgte in gleicher Treue für beide. Die Mutter aber konnte das Stiefkind nicht leiden. Eines Tages, als sie mit der Stieftochter allein zu Hause war, tötete sie das Kind und kochte dem Vater eine Suppe. Als die Schwester die Geschichte erfuhr, trauerte sie sehr, sammelte die Knochen in ein gro ßes grünseidenes Tuch und brachte sie, als es Abend wurde, in den Wald, wo sie sie auf dem Stamm einer Espe niederlegte. Weinend sprach sie beim Abschied; »Teure Gebeine, wachset zusammen, werdet zum Vogel, und das seidene Tuch werde dir zum Federkleide!«

Nach einiger Zeit entstand aus dem Knochenbündel ein neuer Vogel, der im Walde herumflog und sang:


»Die Mutter hat mein Blut vergossen, kukku!

Vater hat mein Fleisch gegessen, kukku!

Schwesterlein sammelte meine Gebeine, kukku!

Legt sie im Walde auf dem Baumstumpf nieder, kukku!

Zum Vogel wurd' ich, kukku!«


Da die Menschen das lange Lied nicht gern hörten und die Stiefmutter jedesmal ärgerlich wurde, sang der Kuckuck nur das »kukku« laut, und die übrigen Worte sprach er leise nur für sich allein. So tut er es noch heute, und wir verstehen, warum seine Stimme traurig klingt, wenn er sein »kukku« singt. (Kirchspiel St. Jürgens.)


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachl. von J. Hurt. Zum Lied des Vogels vgl. Prato, La Tradition 1, 114 f.

s) Der Kuckuck ist aus dem Herzen eines Waisenkindes entstanden.


  • Literatur: Wiedemann, Aus dem inn. u. äuß. Leben d. Esten, S. 453.

Fußnoten

1 Vgl. z.B. Haltrich, Deutsche Volksmärchen = Dähnhardt, Deutsches Märchenbuch 2, 144.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 414.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Christen, Ada

Gedichte. Lieder einer Verlorenen / Aus der Asche / Schatten / Aus der Tiefe

Gedichte. Lieder einer Verlorenen / Aus der Asche / Schatten / Aus der Tiefe

Diese Ausgabe gibt das lyrische Werk der Autorin wieder, die 1868 auf Vermittlung ihres guten Freundes Ferdinand v. Saar ihren ersten Gedichtband »Lieder einer Verlorenen« bei Hoffmann & Campe unterbringen konnte. Über den letzten der vier Bände, »Aus der Tiefe« schrieb Theodor Storm: »Es ist ein sehr ernstes, auch oft bittres Buch; aber es ist kein faselicher Weltschmerz, man fühlt, es steht ein Lebendiges dahinter.«

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon