VIII. Das Versengen.

[71] (Die Gewinnung der Sonne und des Feuers ist im folgenden Kapitel behandelt.)


1. Aus Frankreich.


Die Amsel, die früher ein blendend weißes Gefieder hatte, saß einmal ganz versteckt in einem Busche. Zu ihrem großen Erstaunen bemerkte sie, wie die Elster nacheinander Diamanten, Kleinode und Goldstücke in die Höhlung eines Baumes legte. Die Amsel kam hervor, zeigte sich der Elster und fragte sie, wie man es machen müsse, um sich solche Schätze zu verschaffen. Die Elster, die sich ertappt sah, wagte nicht die Auskunft zu verweigern und sagte: »Gehe zum Prinzen des Reichtums in das Erdinnere, biete ihm deine Dienste an, so wird er dir erlauben, soviel Schätze mitzunehmen, als du in deinem Schnabel tragen kannst. Du wirst durch viele Höhlen kommen, von denen eine immer herrlicher als die andere ist, aber vor allen Dingen berühre nichts, ehe du den Prinzen des Reichtums gesehen hast.«

Die Amsel begab sich an den Ort, den die Elster ihr bezeichnet hatte, und fand dort den Eingang zu einem unterirdischen Gang, in den sie eintrat.

Sie gelangte zwar in eine Höhle, die von lauter Silber erglänzte, aber sie erinnerte sich an den Rat der Elster und ging weiter. Da kam sie in eine zweite Höhle, die war ganz mit Gold angefüllt. Diese Versuchung war zu stark für[71] die Amsel, und sie versenkte ihren Schnabel in den Goldstaub, der den Boden der Grotte bedeckte. In demselben Augenblick aber erschien ein Ungeheuer, das rauchte und spie Feuer und wollte sich auf die arme Amsel werfen. Erschreckt entfloh sie und konnte sich gerade noch mit knapper Mühe und Not retten. Aber der dichte schwarze Rauch, mit dem das Ungeheuer sie angeblasen hatte, färbte ihr schönes weißes Gefieder. Es wurde ganz schwarz, nur ihr Schnabel behielt die Farbe des Goldes, das sie hatte rauben wollen.

Wenn man jetzt eine Amsel überrascht, läßt sie einen jämmerlich ängstlichen Schrei ertönen, als ob sie fürchte, daß sie es wieder mit solch einem schwarzen Ungeheuer zu tun bekomme.


  • Literatur: Rolland, faune pop. 2, 250. Vgl. Sébillot, Folklore de France 3, 158.

2. Aus Finnland.


a) Der Rabe ist einmal auf einen heißen Stein geflogen und hat sich die Füße versengt. Als er aufflog, klapperten ihm die Flügel. Ebenso klappert es noch jetzt, wenn der Rabe fliegt; auch klagt er sein Lebtag darüber, daß er sich die Füße verbrannt hat.


  • Literatur: Frdl. Mitt. von Herrn Prof. K. Krohn in Helsingfors.

b) Die Ohren des Hasen wurden auf folgende Weise schwarz: Als der Hase eben erschaffen war, – das war damals, als auch die andern Tiere geschaffen wurden, – da war er noch naß und lag an der Wurzel einer Fichte. Er ist aber so furchtsam, und irgend was muß ihn erschreckt haben, denn er sprang auf. Es lag ein großer Baum umgehauen da, der schon halb zu Kohle verbrannt war; der Hase sprang unter den Baum, dabei streiften seine Ohren das rußige Holz und sind davon bis zum heutigen Tage schwarz geblieben.


  • Literatur: (Aus Nyland.) Gleichfalls von Herrn Prof. K. Krohn mitgeteilt.

c) Die Kuh hatte einst ebensoviele Zitzen wie das Schwein. Die Katze aber nahm sie und trug sie alle ins Feuer. Als der Hund das sah, rief er: »Nicht auch meinen Teil!« und rettete noch vier, indem er sie mit dem Maule aus dem Feuer riß und zur Kuh zurücktrug. Dadurch wurde sein Maul schwarz gebrannt. Die Katze sagte: »Ich lebe auch sonst, ich erhalte meine Nahrung vom Walde.« Deshalb geben die Zauberer der Katze nicht zuerst Milch, trotzdem ihr die Milch zuerst zukommt. Die Milch ist der Katze viel nützlicher als dem Hund.


  • Literatur: K. Krohn, Suomalaisia Kansansatuja 1, 272, Nr. 283.

Varianten: Eine Frau ärgerte sich einmal über ihre Kuh, weil sie so viele Euter hatte, ganz wie das Schwein. Das Melken war daher sehr mühsam. Darum schnitt sie der Kuh die Euter ab und warf sie ins Feuer. Katze und Hund stürzten hinzu, sie herauszuholen. So erhielt jeder zwei. Der Hund brannte sich die Schnauze schwarz, die Katze die Pfoten (K. Krohn Nr. 285). – Die Katze saugte an der Kuh, biß ihr das Euter ab, lief damit fort und trug es ins Feuer. Der Hund brachte es zurück zur Hausfrau, und diese steckte es wieder an die alte Stelle. Da es aber im Feuer ein wenig zusammengeschrumpft war, so ist das fünfte Euter seitdem etwas kleiner als die übrigen. Der Hund hat noch jetzt ein verbranntes Maul (K. Krohn Nr. 284). – Ein Weib ist beim Melken. Die Kuh hat viele Euter. Der Mann wirft sie ins Feuer. Der Hund erwischt daraus zwei, ebenso die Katze. Seitdem hat der Hund eine schwarze Schnauze, die Katze ein rundes Mäulchen (Mitt. von K. Krohn; aus Lapinlahti).[72]


3. Aus Estland.


a) Die Kuh hatte acht Zitzen gehabt, das Schaf vier und die Ziege ebenfalls vier. Die Katze hatte alle Zitzen ins Feuer geworfen, der Hund war schnell nachgesprungen und hatte die Hälfte herausgeholt, die andere Hälfte war nicht mehr zu retten. So hatte die Kuh von nun an vier Zitzen, die Ziege und das Schaf aber je zwei. Auch das Brot hatte die Katze ins Feuer geworfen, und der Hund hatte es herausgeholt. Darum geben die Leute nach alter Sitte von der Milch und dem Brote zuerst dem Hunde etwas zum Dank dafür, daß der Hund sie erhalten.

b) Einst war eine große Teuerung. Nirgends war der Roggen gewachsen, nur unter der Hundepfote fand sich ein Körnchen.1 Darum muß man jedesmal, wenn man ißt, dem Hunde auch Brot geben. Die Katze aber hat nichts Gutes getan, und man braucht ihr nicht Brot zu geben. Die Katze hat vielmehr einmal die Zitzen der Kuh ins Feuer geworfen, wo sie der Hund herausholte. Darum tut man besser, dem Hunde Milch zu geben, nicht aber der Katze.


4. Aus einem längeren Märchen der Lappen in Westfinnmarken (Karasjok).


[Der Fuchs hatte den Bär verbrannt und die Knochen in einem Sack gesammelt; damit ging er über Land und begegnete einem Lappen mit einer Raide (Reihe zusammengebundener Renntierschlitten).] Er schüttelte den Sack, so daß die Knochen darin klapperten und der Lappe, als er dies hörte, bei sich dachte: »Klang es da nicht gerade wie Silber und Gold?« »Was hast du da?« fragte er dann den Fuchs. »Mein elterliches Erbteil«, antwortete dieser, »wollen wir handeln?« »Jawohl«, sprach der Lappe, »doch zeige mir erst das Geld, womit du mich bezahlen willst!« »Das kann ich nicht«, versetzte der Fuchs, »denn es ist mein Erbe von Vater und Mutter. Wenn du mir aber das Zugtier da geben willst und den Zweijährling da und den Dreijährling dort, dann sollst du den Sack bekommen und alles miteinander, was darin ist.« Der Lappe ging darauf ein, nahm den Sack, und der Fuchs bekam die Renntiere. »Aber«, sagte der Fuchs, » du darfst nicht eher hineingucken, als bis du ein gutes Stück Weg fort bist, so über fünf oder sechs kleine Berge weg. Siehst du früher hinein, so wird alles Silber und Gold zu lauter verbrannten Knochen.« Der Lappe nahm den Sack, der Fuchs die Renntiere, und jeder zog seines Wegs. Der Fuchs wollte sich nun Leute verschaffen, die ihm beim Schlachten der Tiere Hilfe leisten konnten, und rief deshalb allerlei Raubtiere zusammen: den Bären, den Wolf, den Vielfraß, das Hermelin, die Maus, den Weißfuchs, die Schlange, die Natter und den Frosch; sie sollten seine Diener sein und ihm helfen. Sie machten sich also daran, jedes auf seine Weise, den Renntieren das Leben zu nehmen. Der Bär schoß in die Kinnlade, deshalb befindet sich in der Kinnlade des Renntieres ein Mark, das noch heute der Bärenpfeil heißt.[73] Der Wolf schoß in den Hinterschenkel, deshalb findet sich da ein Zeichen wie ein Pfeil, das der Wolfspfeil genannt wird; der Vielfraß schoß in den Nacken, weshalb das Kenntier dort ein Zeichen von dem Pfeile des Vielfraßes behalten hat; das Hermelin schoß in die Kehle, deshalb findet sich an deren Wurzel ein Zeichen von diesem Pfeile; die Maus schoß in die Hufspalte, deshalb findet sich dort das Zeichen der Mäusepfeil; die Natter schoß in den After, wo sich deshalb das Zeichen der Natterpfeil findet; der Weißfuchs schoß in die Ohrwurzel, weshalb sich auf der Hinterseite des Ohrs ein ganz kleines Knöchelchen befindet, das der Weißfuchspfeil heißt; die Schlange schloß in das Darmfett, weshalb sich zwischen diesem und dem Darm ein Zeichen, genannt der Schlangenpfeil, befindet; der Frosch schoß in das Herzfett, und deshalb ist zwischen diesem und dem Herzen ein kleiner Knorpel, welcher Froschpfeil heißt. Als sie ihre Opfer geschlachtet hatten, sagte der Fuchs: »Nun gehe ich zum Bache, um die Renntiermägen auszuspülen.« Er ging hinter einen Stein, wo er heftig zu schreien und zu jammern anfing, gerade als ob ihn jemand gepackt hätte und ihm den Garaus machen wollte. Die andern Tiere kriegten es mit der Angst und liefen nach allen Seiten auseinander. Bloß das Hermelin und die Maus blieben zurück.

Der Fuchs hatte nun das ganze Fleisch für sich allein und wollte gerade zu kochen anfangen, als ein Lappe herbeikam. Es war aber eben der, den der Fuchs geprellt hatte. Er war unterwegs immer begieriger geworden, in den Sack zu gucken, noch ehe er so über fünf oder sechs kleine Berge weg war. Tat's und sah, daß er angeführt war, kehrte gleich um zur Verfolgung, und nun hatte er den Betrüger.2

»Was machst du da?« rief er. »Warum hast du mich belogen und mir verbrannte Knochen verkauft? Und warum hast du alle Renntiere geschlachtet?«

»Lieber Bruder«, sprach der Fuchs mit kläglicher Stimme, »glaube ja nicht, daß ich das gewesen bin. Meine Kameraden haben es getan, und die haben die Tiere geschlachtet.«

In demselben Augenblicke wurde der Lappe das Hermelin und die Maus gewahr, welche mit Fett um das Maul beschmiert zwischen den Steinen umherschlichen. Er ergriff daher den Haken, an dem der Kochtopf über dem Feuer hing, und schlug damit nach dem Hermelin. Allein er traf es bloß an der Schwanzspitze, und deshalb ist nur diese schwarz geblieben. Die Maus jedoch traf er mit einem Brande dermaßen, daß sie über und über am ganzen Körper schwarz geworden ist. Inzwischen sprang der Fuchs eilends davon. [Er fangt dann noch einen Lachs, verbrennt sich die Augen und holt sich die der Espe; s. unten: Wechsel des Eigentums.]


  • Literatur: Poestion, Lappländische Märchen S. 11 ff., auch von F. Liebrecht in Pfeiffers Germania 15 (1870) mitgeteilt; englische Übersetzung in Notes and Queries 6. Ser. Vol. XII 1885, S. 382.

Eine merkwürdige Übereinstimmung hinsichtlich des betrügerischen Verkaufes sowie der Weisung, erst hinter fünf oder sechs Hügeln in den Sack zu sehen, findet sich in Afrika in zwei Bilinsagen.


a) Der Fuchs bietet einen Topf mit Affengehirnen, über die er Honig gestrichen hat, auf dem Markte zum Verkauf aus und verkauft ihn an einen Adligen, der ihm einen Stier und eine Kuh dafür gibt. Als der Fuchs sich entfernt, sagt[74] er zum Käufer: »Dieser Honig ist vom Himmel. Deshalb betrachtet ihn nicht, bis ich sieben Flüsse überschritten habe

Als er über sieben Flüsse gegangen war, sahen sie den Honig genau an und fanden da eitel Gehirn. Da sie aber den Fuchs nicht mehr erreichen konnten, so ließen sie die Sache auf sich beruhen.


  • Literatur: Reinisch, Texte der Bilinsprache 1, 203.

b) Der Fuchs hat die Weinschläuche der B Unterhändler in deren Abwesenheit ausgetrunken und mit Unrat gefüllt. Als sie zurückkommen, sagt er zu ihnen: »Damit euch Gott auf dem Wege Heil gewähre, so öffnet eure Schläuche nicht, bis ich sieben Bäche überschritten habe.« Als der Fuchs hinüber ist, ruft er ihnen zu: »Öffnet!« Die angeführten Butterhändler setzen ihm eilends nach, erhaschen ihn und reißen ihm den Schwanz aus. Der Fuchs aber entwischt und kommt zu den Füchsen. Diese beredet er, sich die Schwänze abzuschneiden. Die Butterhändler kommen, vermögen aber unter all den gestutzten Füchsen den rechten nicht zu erkennen.


  • Literatur: Ebd. S. 219.

Ich halte diese Übereinstimmung mit der lappländischen Erzählung nicht für zufällig, glaube vielmehr, daß man sowohl in Afrika, wo eine Entlehnung von Indern oder Arabern stattgefunden haben wird, als auch in Lappland mit asiatischem Einfluß zu rechnen hat. Parallelen, die als Mittelglieder gelten könnten, waren nicht aufzufinden.


5. Aus Rußland.


In einem Tiermärchen (bei Afanasjev IV, 32) nimmt der unruhige Barsch Besitz vom Rastoff-See. Von den Brassen vor Gericht gefordert, sagt er aus, daß vom St. Peterstage bis zum St. Eliastage der ganze See in Feuer stünde, und führt als Beweis für diese Behauptung an, daß die Augen der Roche und ebenso die Finnen des Barsches von den Folgen des Brandes noch rot sind, daß der Hecht dunkelfarbig geworden ist und daß die Aalraupe infolge des Brandes schwarz ist. Diese Fische als Zeugen vorgeladen erscheinen entweder gar nicht oder leugnen die Wahrheit dieser Behauptungen. Der Barsch wird festgenommen, entkommt aber und wird schließlich doch noch zur Aburteilung gebracht.


  • Literatur: Gubernatis, Die Tiere in der idg. Myth.2 605 (vgl. 598).

6. Aus der Türkei:


Den türkischen Juden »sind die Schwalben sehr geheiligte Tiere, weil sie behaupten, daß sie, um den Brand des Tempels von Jerusalem bei der Zerstörung dieser Stadt zu löschen, Wasser herbeigebracht hätten. Von dem Rauch, dem sie bei dieser Feuersbrunst ausgesetzt waren, seien diese kleinen Tierchen schwarz geworden und hätten nur einen weißen Fleck übrig behalten


  • Literatur: Ami Boué, Die europäische Türkei. Deutsche Ausg., Wien 1889, Bd. I, S. 417.

7. Aus Indien.


a) Einstmals brannte ein Haus, an dem ein Spatzenpaar (gêkurullô) sein Nest gebaut hatte. Das Weibchen flog fort, aber das Männchen versuchte, seine Jungen zu retten, und versengte sich die Kehle. Die Narbe kann man noch sehen.


  • Literatur: Singalesisch. Indian Antiquary 33, 230.

b) Damayanti, eine der 5 heiligen Jungfrauen (Panchkanya), von deren Finger spitzen Nektar floß, briet sich ein Rebhuhn. Als sie es mit den Fingern berührte,[75] wurde es wieder lebendig und flog davon. Da es halb gebraten war, ist es schwarz geblieben, des Morgens singt es: »Khuda teri marzi (Gott, es war dein Wille, daß ich halb gebraten wieder zum Leben kam).«


  • Literatur: North Indian Notes and Queries 5, 18.

c) Râja Nala kam einst in seinem Leben unter den bösen Einfluß des Sani oder Saturn und verlor alles, was er auf der Welt besaß. Endlich, als er am Verhungern war, gelang es ihm, ein schwarzes Rebhuhn zu fangen, und er begann es zu braten. Aber durch den bösen Planeten trat das Unglück von neuem in Kraft – der tote Vogel wurde wieder lebendig und flog davon. Daher rühren die schwarzen Sengmale, die noch an dem Körper des Rebhuhns sind. Jetzt ruft es die Worte: »Subhân terî qudrat« (= Groß ist die Kraft des Allmächtigen), weil es vom Feuer errettet worden ist.


  • Literatur: Crooke, Pop. Rel. and Folklore of N. India 2, 251.

8. Sage der Aino.


Hasen sind aus Schneebällen erschaffen, darum sind sie weiß. Die Ohren sind schwarz, weil sie von einem Feuerbrand getroffen wurden.


  • Literatur: Folklore Journal 6, 9.

9. Sage der Iukagiren.


Der Bär ist verwundet, und der Vielfraß will das Fett aus der Wunde fressen. Der Bär schlägt ihn mit einem Feuerbrand. Der Rücken des Vielfraßes ist versengt, aber seine Mutter tut einen Flecken braun geräucherte und zugerichtete Renntierhaut darauf. Darum ist der Rücken des Vielfraßes jetzt braun.


  • Literatur: Am. Anthropologist 1902, p. 656.

10. Indianersagen.


a) Sage der Tlatlasik·oala.


Eines Morgens saß Ō'meatl am Strande und sah dicht vor sich den Lachs sich im Wasser tummeln. Da rief er: »O, Freund! Komm zu mir und heile mich, mein Rücken schmerzt mich, ich bin sehr krank!« Der Lachs kam herangeschwommen und fragte, wie er ihm helfen könne. Ō'meatl antwortete: »Wenn du einmal nach rechts und einmal nach links über mich fortspringst, werde ich gesund sein.« Der Lachs tat, wie Ō'meatl ihn gebeten hatte. Dieser trug aber eine Keule in der Hand und erschlug ihn. Dann trug er ihn nach Hause, zerschnitt ihn und lud alle Tiere ein. Er legte den Lachs in seinen großen Holzkessel, schüttete Wasser darauf und warf glühende Steine hinein, um ihn zu kochen. Die Tiere aber saßen alle herum und freuten sich auf das kommende Mahl. Endlich war der Fisch gar. Ō'meatl nahm ein Stück aus dem Kessel, reichte es dem Eichhörnchen und sagte: »Siehe her! ist das nicht gut?« Als dieses eben zugreifen wollte, zog Ō'meatl ihm das Fleisch fort. Da weinte das Eichhörnchen und rieb sich die Augen. »So, das ist recht!« sprach der Rabe, »reibe noch ein bißchen mehr.« Und da das Eichhörnchen weiter weinte und seine Augen rieb, sprach Ō'meatl: »So, jetzt bist Du hübsch. So sollst Du immer bleiben.« Es hatte sich die Augenbrauen und die Haare unter den Augen ganz abgerieben. Ō'meatl wandte sich dann zur Drossel (Hesperocichla naevia), die ungeduldig zu werden anfing. Er sagte: »Sitze doch nicht so weit fort; komm näher ans Feuer, ich will Dir Lachs geben.« Diese gehorchte und kam so nahe ans Feuer heran, daß ihr Bauch ganz schwarz wurde. Dann reichte er dem Blauhäher ein Stück[76] Fisch und wollte es wieder fortziehen. Dieser war aber zu flink und erhaschte es. Darüber ward Ō'meatl so böse, daß er ihn am Schopfe ergriff und zum Hause hinauswarf. Seitdem hat der Blauhäher seine Haube.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen von der nord-pacifischen Küste Amerikas S. 176.

b) Sagen der Tsimschian.


1. Ein Häuptling brät olachen (Fische?). Als sie fertig waren, erschien eine Seemöwe über dem Häuptling. Dieser ruft »kleine Möwe!« Da kamen viele Möwen, die fraßen alle die olachen des Riesen. Während sie fraßen, sag ten sie: »qanä', qanä', qanä', qanä'!« So schrieen sie die ganze Zeit, während sie die olachen des Häuptlings fraßen. Da wurde er traurig. Darum nahm er die Seemöwen und warf sie auf den Feuerherd, und seitdem sind ihre Flügelspitzen schwarz.


  • Literatur: Boas, Tsimshian Texts, S. 31 und 236.

2. Der Rabe hatte einen Lachs gefangen und lud alle Tiere zu einem Feste ein. Er briet den Lachs, und alle Tiere saßen um das Feuer herum und warteten gierig auf das Essen. Darüber ärgerte sich der Rabe und hieß sie weiter fortrücken. Aber sie hörten nicht auf ihn. Da nahm er einen der Gäste und hielt ihn dicht ans Feuer, bis eine Seite seines Gesichts ganz rot war. Dann drehte er ihn um und ließ die andere Seite rot werden. Er warf ihn zum Hause hinaus und verwandelte ihn in einen Vogel mit roten Backen. Das Eichhörnchen war so hungrig, daß es weinte und sich die Augen rieb. »So ist es recht«, rief der Rabe, »reibe nur noch ein wenig mehr!« Da verlor das Eichhörnchen seine Augenbrauen. Zudem bestrich der Rabe sein Gesicht mit Farbe und jagte es dann in den Wald. Dem Kormoran gab er vom Lachse zu schmecken, und als er dabei die Zunge ausstreckte, riß er sie ihm aus (vgl. ob. S. 29).


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen S. 277.

c) Sagen der Nutka.


Der Bär lud den Raben zum Essen ein. Er machte ein großes Feuer, setzte eine Schüssel dicht daran und hielt seine Hände darüber. Da troff Fett aus seinen Händen in die Schüssel. Er röstete sodann Lachse, die er dem Raben nebst dem Fette vorsetzte. Hierauf lud der Rabe den Bären ein. Als dieser zu dem Hause des Raben ging, lachte er, denn er wußte, daß jener versuchen würde, ihm nachzuahmen. Der Rabe machte ein großes Feuer, setzte eine Schüssel dicht daran und hielt seine Hände darüber. Er wartete darauf, daß Fett heraus tropfen sollte, es kam aber nichts heraus. Er drehte sie um und schüttelte sie, aber kein Fett troff hervor. Seine Hände wurden nur schwarz gesengt.

Daher hat der Rabe schwarze Flügel und Füße.


  • Literatur: Boas, ebd. S. 106. Über den Haben als dummen Nachahmer: Boas, S. 76 f., S. 177.

d) Sagen der Tlingit.


1. Der Rahe war einst weiß wie die Möwe. Seine Frau war die Tochter eines mächtigen Häuptlings, des Spechts, welcher im Besitze von einem reichen Vorrate an Harz war. Allzu gern hätte der Rabe einen Teil davon gehabt. Eines Tages, als alle Spechte gerade vor dem Hause spielten, schlich er hinein, tauchte seinen Finger in das rote Harz und steckte ihn dann in den Mund. Da klebte der Finger fest, und er konnte ihn nicht wieder aus dem Munde entfernen. Als die Spechte nach Hause kamen und sahen, daß der Rabe Harz gestohlen hatte, ergriffen sie ihn, räucherten ihn und warfen ihn in eine Kiste, auf deren Boden sie ihn, den Rücken nach unten gewandt, festklebten; seine Augen verschmierten sie mit Harz. Dann warfen sie ihn ins Meer. Als er nun so auf den Wellen umhertrieb,[77] rief er: »O, rettet mich, rettet mich!« Nachdem er Tage lang umhergetrieben war, hörte er eine Raubmöwe über sich schreien. Diese flehte er an, ihm Nahrung zu reichen und ihn zu erlösen, sie aber beschmutzte ihn nur statt dessen. Endlich, nachdem er lange auf dem Wasser umhergetrieben war, erbarmte sich eine Möwe seiner. Sie bespie ihn mit Fett; das Harz löste sich, und er konnte wieder seine Augen öffnen und sich bewegen. Als er endlich ans Land gelangte, sah er, daß er ganz schwarz geworden war.


  • Literatur: Boas, ebd. S. 314.

2. Jēlch, der Rabe, fand nirgends süßes Wasser, bis er an das Haus eines Mannes mit Namen Kanuk3 kam. Dieser hatte Wasser in einem kleinen Kasten, den er immer verschlossen hielt und auf dem er selbst zu sitzen pflegte. Kanuk gab zwar dem Jēlch etwas zu trinken, aber doch nicht genug. Jēlch wandte nun eine List an, um mehr Wasser zu bekommen. Als Kanuk eingeschlafen war, legte er Hundekot unter seine Renntierdecke, weckte ihn dann auf und sagte: »Freund, du träumst. Du hast dein Bett verunreinigt; gehe hinaus und wasche es.« Kanuk befolgte auch wirklich diesen Rat. Jēlch aber trank, sowie Kanuk hinausgegangen war, so viel Wasser, daß es ihm bis zur Kehle stieg. Dann flog er davon und setzte sich auf einen Harzbaum. Der erzürnte Kanuk aber sammelte alles Pechholz unter dem Baume und zündete ein großes Feuer an. Von dessen Rauche wurde Jēlch schwarz, während er bisher weiß gewesen war. Dann flog er davon auf alle Berge und spie auf jeden derselben ein wenig Wasser aus. Seit dieser Zeit kommen die Bäche und Flüsse von den Bergen.


  • Literatur: A. Krause, Die Tlinkit-Indianer S. 259. Vgl. Journ. of Am. Folklore 20, 294. Eine Variante bei Krause, S. 260 f. enthält noch einiges mehr. Kanuk fährt in einem Boot auf dem Meer und begegnet Jelch. Sie fragen einander, wer von beiden älter ist, und Kanuk gibt eine Probe seiner Überlegenheit. Dann lädt er Jelch zu Gaste nach der Insel Tekinu, wo er ihn unter anderem auch mit süßem Wasser bewirtet. Nach dem Essen erzählt Jelch Geschichten, und Kanuk verfällt darüber in einen festen Schlaf auf dem Deckel seines Brunnens. Jelchs List, wie oben. »Nachdem er getrunken und noch den Mund voll genommen hatte, verwandelte er sich sogleich in den Raben und flog nach der Rauchöffnung. Hier aber wurde er durch irgend etwas aufgehalten. Da machte Kanuk Feuer an, um seinen Gast zu räuchern, soviel er konnte. Dadurch aber wurde Jelch und mit ihm auch der Rabe schwarz. Vorher war er weiß gewesen. Endlich ließ Kanuk nach, und Jelch flog davon auf seine Erde und ließ aus seinem Schnabel Wassertropfen auf das Land fallen. Und wo kleine Tropfen hinfielen, da sind jetzt Quellen und Bäche. Wo aber größere fielen, da entstanden Seen und Flüsse.« Zu dem Anfange vgl. Bd. 1, Reg.: »Fahrt auf dem Urmeer« und »Anspruch auf Gottheit«.

3. [Jēlch war mit seinen Neffen, den Dohlen, auf Lachsfang ausgegangen und hatte einen großen Lachs gefangen. Er machte ein großes Feuer, um ihn zu braten, und schickte die Neffen weg, um Blätter zu holen, die als Teller dienen sollten. Sie wollten sie aus der Nähe bringen, aber Jēlch sagte, hier habe er sein Weib verbrannt, und schickte sie jenseits der Berge.] Während sie nun dahin flogen, verzehrte Jēlch den ganzen Lachs bis auf den Schwanz, den er versteckte. Darauf steckte er rings um das Feuer Stäbe in die Erde und legte sich dann schlafen. Als nun die Neffen zurückkamen und ihn aufweckten, fragte er sie: »Wo habt ihr denn den Lachs gelassen? Ihr habt ihn ja verzehrt.« Und mit verstelltem Zorne warf er Asche auf sie. Davon wurden die Dohlen schwarz, während sie vordem weiß gewesen waren.


  • Literatur: Krause, Die Tlinkit-Indianer, S. 265.

[78] e) Sage der Kootenay.


Der Coyote (Präriewolf) will den Indianern gegen einen Berggeist helfen und läßt sie ein Feuer machen, sagt ihnen aber, sie möchten kein Eukalyptusholz bringen.

Die Frauen machten ein großes Feuer, und der Coyote sprang und tanzte darüber von einer Seite zur andern. Als er das dritte Mal sprang, warf ein junger Mann mutwillig etwas Eukalyptusholz hinein, das er gesammelt und unter seinem Tuche versteckt hatte. Der Coyote war so mit seinen Beschwörungen beschäftigt, daß er es nicht bemerkte, und verbrannte sich beim Springen am Bauche, wie man noch heute sehen kann.

[Es folgt, wie der Coyote dann den Berggeist besiegt.]


  • Literatur: Journal of Am. Folklore 7, 196.

f) Sage der Mojave.


Als Matyavela starb, wollte ihn Mustamno nach seinem Wunsch verbrennen. Aber der Coyote wollte den Leichnam fressen. Damals gab es nun noch kein Feuer auf der Erde. Die blaue Fliege setzte einen Stern an den Himmel: »Geh dahin und hole mir etwas Feuer«, sagte sie zum Coyote. Der Coyote ließ sich anführen und rannte fort, um den Stern zu holen; er wußte nicht, daß die blaue Fliege die Kunst kannte, Holz aneinander zu reiben und Feuer damit zu machen. Als er fort war, machte die blaue Fliege ein großes Feuer und verbrannte Matyavela. Der Coyote aber sah sich einmal zufällig um, sah die Flamme und hatte gleich Verdacht. Er lief zurück, so schnell er konnte. Alle Tiere waren bei dem Begräbnis zugegen. Sie sahen den Coyote zurückkommen und bildeten einen Kreis um das Feuer, um ihn von dem Leichnam fernzuhalten. Der Coyote lief um den Kreis, bis er zu dem Dachs kam, der sehr klein war. Über den sprang er hinweg, ergriff das Herz Matyavelas, das der einzige Teil war, der noch nicht verbrannt war, und lief damit fort. Er verbrannte aber sein Maul dabei, und das ist schwarz bis heute.


  • Literatur: Journal of Am. Folklore 2, 188.

g) Sage der Hēiltsuk.


Der Rabe gab einst ein Fest und ließ Mahai'us (Men schenname des Waschbären) beim Feste tanzen und singen. Als er sang, rief der Rabe: »Mache dein Lied länger! Mache es länger!« Darüber wurde Mahai'us böse. Der Rabe nahm dann Asche und bestrich seine Stirn damit. Daher ist der Waschbär grau.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen von der nord-pacifischen Küste S. 233.

h) Sage der Athapasken.


Eine Frau, die der Rabe (die Krähe) beleidigt hat, flieht als Eichhörnchen in ihr Haus und wirft dem Raben, der zum Rauchloch hineinsieht, heiße Asche in die Augen, daß sie weiß wurden und es bis heute geblieben sind.


  • Literatur: Journal of Am. Folklore 16, 180.

i) Sage der Jicarilla-Apachen.


Eine alte Frau wird über ein Reh zornig, das die Bedeckung ihrer Wohnung benagt, nimmt einen Stock aus dem Feuer, an dem noch weiße Asche hängt, und schlägt es ihm auf die Nase. Dadurch entsteht der weiße Fleck, den das Tier noch heute hat. Dazu sagt sie: »Von nun an sollst du die Menschen meiden, deine Nase wird es dir sagen, wenn sie in deine Nähe kommen.«


  • Literatur: Journal of Am. Folklore 11, 261.

[79] k) Sage der Arapaho.


Nih'ānçan überredet die Biber, ihre Baue zu verlassen. Er macht sich Keulen und folgt ihnen. Er zeigt einem kleinen Biber die Keule und sagt, er würde ihn damit töten. Der kleine Biber läuft nach Hause und erzählt es. N. sagt, es wäre nicht wahr. Als die Biber sich noch ein größeres Stück vom Damm entfernt haben, schlägt N. einen von ihnen tot. Da laufen alle zurück. N. läuft ihnen nach und tötet alle, außer einem männlichen und einem weiblichen. Diesen sagt N., sie sollen zum Damm zurückkehren, damit sie sich vermehren können. Nun gräbt N. eine Grube und macht ein Feuer, um die toten Biber zu rösten. Der Wind läßt zwei Glieder auf dem Baumwollbaum aneinanderschlagen und ein knarrendes Geräusch machen. N. gebietet ihnen, mit Kämpfen aufzuhören, und klettert hinauf, um sie zu trennen. Er faßt mit jeder Hand ein Glied und wird eingeklemmt. Der Präriewolf läuft herbei und gräbt das geröstete Fleisch aus. N. sagt ihm, er solle nicht alles fressen, der Präriewolf tut es doch und läuft davon. Darauf gelingt es N., sich zu befreien, er folgt dem Präriewolf und findet ihn schlafend. N. macht ein Feuer an der Windseite vom Präriewolf so nahe, daß es das Haar von den Füßen des Präriewolfs abbrennt und ihn weckt. N. sagt dem Präriewolf, daß er hinfort gelben Pelz an den Füßen haben wird, und läuft fort.


  • Literatur: Dorsey and Kroeber, Arapaho Trad., Nr. 24 u. 427.

l) Sage der Zuñi (Neu-Mexiko).


Es war einmal vor langer, langer Zeit, da konnte man auf einem Berge viel Flügelschlagen und Gezwitscher hören: die Amseln übten einen großen Tanz. Droben auf der Höhe sammelten sie sich in guter Ordnung – erst die Alten, dann die Jungen – und hüpften hinunter hopp, hop, hopp! mit lautem Gezwitscher:


»Ihr Vögel, ihr Vögel, so tanzet, so tanzt,

Den Berg hinunter, ihr Vögel, tanzt!«


Dann breiteten sie die Flügel aus und flogen, weite Kreise ziehend, in dichtem Schwärm davon, schössen wieder herunter, tauchten schnell in den Quell, der am Fuße des Berges hervorrieselte, und flogen wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Ein Präriewolf war gerade auf Beute ausgegangen – als ob so ein ungeschicktes Tier überhaupt etwas fangen könnte! – und sah nun den Tanz der Vögel.

»O ihr niedlichen Tiere!« rief er. »Ihr anmutigen Tänzer! Wie entzückt ihr mich! O wie herrlich ihr tanzt! Wenn ich es euch doch gleichtun könnte!«

»O ja«, sagten die Vögel, und ihr Anführer nickte, »warum nicht?«

»Ich meine, ich kann mit euch vom Berge herunter hüpfen und das Lied singen, so wie ihr, aber wenn ihr dann in die Höhe fliegt, dann muß ich wohl dasitzen und mit dem Schwanz auf die Erde klopfen und das Lied noch einmal singen, während ihr euch mit dem Fliegen vergnügt.«

»Nun, nun«, meinte eine alte Amsel, »vielleicht können wir es so machen, daß du mit uns fliegst.«

»Ist das möglich?« rief der Präriewolf. »O, so tut es, bei allen Göttern! Wenn ich auch nur einmal so herumfliegen kann wie ihr, so werde ich schon der erste unter allen Präriewölfen sein!«

»Ich denke, es wird ganz gut gehen«, sagte der alte Vogel wieder. »Hört mich an, ihr Vögel, ihr seid ja so viele und habt unendlich viele Flugfedern. Gebt diesem Freunde jeder eine eurer Federn!« Da gab ein jeder Vogel eine Feder. Sie nahmen aber alle von derselben Seite.

[80] »Willst du dir jetzt alle diese Federn in die Haut stecken lassen?« fragte der Alte.

»Ja, das will ich«, sagte der Präriewolf, setzte sich hin und stützte sich auf seinen Schwanz, und alle Vögel steckten ihre Federn dahin, wo die Flügel sein sollten. Dem Präriewolf tat es sehr weh, und es zuckte bedenklich in seinem Gesicht, aber er ließ sich nichts merken. »Bin ich jetzt fertig?« fragte er; und die Amseln antworteten: »Ja, so wird es gehen.« Also sammelten sie sich wieder oben auf dem Berge, sangen ihr Lied und hüpften flatternd hinunter und – schwirr! – flogen sie fort in die Luft. Der Präriewolf erschrak tüchtig und kam ganz aus dem Takt, aber dann flog auch er mit ungelenkem Flügelschlag davon. Nun waren aber doch die Flugfedern alle von einer Seite genommen, darum flog er ganz schief und endigte mit einem Ruck, daß ihm beinah der Atem verging. Er schüttelte sich und schrie den Amseln nach: »Halt, halt, halt, ich kann nicht nachkommen.« Als die Vögel wiederkamen, meinten sie: »Ein junger Vogel, der fliegen lernt, ist ebenso ungeschickt wie du, und deine Flügel werden nicht dicht genug sein!« »So setz dich hin«, sagte die alte Amsel und rief den übrigen zu: »Nehmt alle noch eine Feder von der andern Seite, und auch ein paar starke Flugfedern müssen dabei sein, mit denen wir die Luft durchschneiden und unseren Flug lenken.« So taten sie und steckten auch diese Federn in seine Haut, und die geschickteste der Amseln steckte ihm auch ein paar Schwanzfedern ein. Das schmerzte ihn sehr. Aber er hielt doch den Kopf stolz in die Höhe und dachte immer: »O, was für ein Präriewolf werde ich jetzt! Hat man je gehört, daß ein Präriewolf fliegen kann?«

Also begann der Tanz von neuem. Hopp, hopp! ging es den Abhang hinunter mit Gesang, und dann flogen sie davon, der Präriewolf in der Mitte. Hoch und weit kreisten sie, der Präriewolf aber wollte es besser können als sie, wollte höher und weiter kreisen. Allmählich kehrten sie alle zurück, tauchten in den Quell und setzten sich wieder auf den Felsen.

»O seht«, rief der Präriewolf und schlug mit den Schwanzfedern, »ich kann ebenso gut fliegen wie ihr.«

»O ja«, sagten die Amseln, »es geht ganz leidlich. Wollen wir noch einmal anfangen?«

»Ja, ja! Ich bin zwar etwas außer Atem, aber Schöneres hab' ich nie gekannt.«

Doch die Amseln waren mit ihrem Gefährten nicht recht zufrieden. Er war nicht mit solchem Ernst wie sie bei dieser wichtigen Sache, und sie ärgerten sich über seine unregelmäßigen Abstecher beim Herumkreisen, wenn er es schöner machen wollte als sie. Da flüsterten die Alten den Jungen zu: »Was für ein eitler Narr er ist! Wir wollen so weit fliegen, bis er nicht mehr kann, und dann soll er an uns denken!«

Also begannen sie den Tanz noch einmal, und der Präriewolf vermaß sich sogar, sie anzuführen. So ging es weiter und weiter, hinauf und herum, bis der Wolf nicht mehr konnte, aus der Reihe kam und um Hilfe rief.

»Wir kommen«, riefen die Amseln. »Haltet ihn an den Federn, haltet ihn«, riefen die Alten, und die Jungen flogen heran und taten, als ob sie ihm hülfen, aber immer, wenn sie ihn ergriffen, rupften sie ihm eine Feder aus. Er dachte aber, sie stützten ihn. Zuletzt war er fast kahl und fiel und fiel und fiel, und patsch! lag er auf dem Felsen. Die paar Federn, die er an den Vorderbeinen, an der Seite und dem Schwanz noch hatte, hatten ihn gerade noch vorm Zerschmettern gerettet. Er lag nun bewußtlos eine lange Zeit da; als er wieder erwachte, schüttelte er traurig den Kopf und lief mit eingezogenem Schwänze nach Hause.[81] Durch die Todesangst beim Fallen aber waren die Federn in kleine schwarze Haarsträhnen zusammengeschrumpft und sahen aus wie vom Feuer versengt.

Dieser Präriewolf hatte viel Nachkommen, und sie bekamen alle dasselbe Aussehen. Wenn man jetzt einen Präriewolf findet mit schwarzen Strähnen an den Vorderbeinen und mit schwarzer Schwanzspitze, so kann man sicher sein, daß es einer aus seiner Familie ist.


  • Literatur: Cushing, Zuñi Folk Tales S. 237.

m) Aus Britisch Guayana.


Nach einem Kampf der Vögel werden der Trompetervogel (Psophia crepitans) und der Reiher über der Teilung der Beute so zornig, daß sie miteinander kämpfen und sich dabei in der heißen Asche der verbrannten Wohnungen wälzen, so daß der Reiher ganz grau wurde und der Trompetervogel einen grauen Rücken bekam.


  • Literatur: Im Thurn, Among the Ind. of Guiana S. 382.

11. Aus Westafrika.


Es ist schon lange her, da versammelten sich alle Tiere, um eine große Beratung abzuhalten, denn das ganze Land war am Verdorren. Es war kein Regen gefallen, auch nicht ein Tropfen, so daß alle Leute am Verdursten waren. Ein jedes Tier bekam das Wort, und sie redeten alle, die großen wie die kleinen Tiere. Aber trotz ihrer schönen Reden wußte keines einen Ausweg aus der Not. Das schlaue Moschustier aber sagte gar nichts, es hörte nur allen zu und überlegte: »Wo kann ich nur Wasser herbekommen?« Nach einer Weile stand es auf, ging nach Hause und begann einen Brunnen zu graben. Es grub und grub und grub, und auf einmal war viel Wasser da. Da trank es, soviel es konnte. Es kam aber den Tieren zu Ohren, wie gut es dem schlauen Moschustier ging, und die Spinne machte sich zu ihm auf und sprach: »Freund, wir haben keinen Tropfen Wasser zu trinken, wir müssen sterben, gib uns Wasser!« Das schlaue Moschustier aber sagte: »Wer Wasser von mir haben will, mag erst mit mir kämpfen.« »Gut«, sagte die Spinne. So begannen die beiden einen großen Kampf. Das Moschustier warf die Spinne in die Höhe bis zum Himmel, sie fiel herunter auf den Rücken, stand auf und warf nun das Moschustier hinauf. Es flog zum Himmel und blies dabei in ein Hörn, das es in der Hand hatte. Als es das erste Mal blies, kam die Dunkelheit; als es zum zweiten Mal blies, wurde es wieder hell. Dann fiel das Moschustier herunter, ergriff die Erde und sank hinein; aber bald kam es wieder herauf und warf die Spinne in die Höhe. Sie blieb eine Regenzeit und eine Sonnenzeit über dem Himmel, und als sie wieder herunterkam, rief sie: »O weh, o weh, Freund, ich kann nicht mehr.« Dann schüttelte sie ihm die Hand und sagte: »Du bist ein starker Mann.« So versuchten es nun alle Tiere nacheinander mit ihm, aber keins konnte es besiegen. Da kam der große Elefant: »Wo ist der Mann, der sich den Stärksten nennt? Laßt ihn kommen, wir wollen kämpfen, ich muß Wasser haben.« »Hier bin ich«, rief das Moschustier. Der Elefant nahm es mit seinem langen Rüssel, faßte es fest an, warf es, drehte es, hob es, daß es den Himmel berührte. Aber das kleine, schlaue Moschustier stand wieder auf und warf den Elefanten in die Höhe. Zwar wollte sich dieser mit dem Rüssel festhalten, doch der Rüssel zerbrach. »Wie ist das möglich«, sagte er, »daß das schlaue Tier mir das antun kann?« ergriff es wieder mit seinem langen Rüssel und schleifte es mit großem Geräusch auf dem Boden herum. So kämpften sie lange miteinander. Der[82] Ort., wo das geschah, war größer als diese Stadt, ja zweimal, ja viermal so groß, und sie kämpften, bis der Ort Feuer fing. Da brannte alles ab mit Stumpf und Stiel. Nichts blieb übrig als der Sand. Da nun keiner das Moschustier besiegen konnte, versuchte man es auf andere Weise zu gewinnen. Man brachte einen Haufen Kleider (? clo'es für clothes?), so viel, daß sie diese Stadt, ja die Hauptstadt ausfüllen würden, und gaben sie dem Moschustier. »Bitte, bitte, wenn du uns kein Wasser gibst, müssen wir alle sterben.« Da sagte das Moschustier: »Nun gut, jeder mag ein Glas Wasser trinken, aber nur unter einer Bedingung: Wer es nicht ganz austrinken kann, muß mir ein Kleidungsstück (clot') geben und sagen: das ist fürs Wasser.« Das Glas aber war so groß, daß es diese ganze Stadt hätte fassen können, oder Amerika, oder England, oder die ganze Hauptstadt! O so groß war es! Der Elefant kam nun und sagte: »Laßt mich zuerst trinken.« Er füllte das Glas ganz voll und steckte seinen langen Rüssel hinein, zog das Wasser auf und zog und zog, bis alles aus war. Dann sagte der Leopard: »Nun will ich's versuchen.« Sie füllten ihm das Glas, und er trank und trank und trank auch, bis alles aus war. Und alle Tiere tranken es aus, so klein sie auch waren. Aber nun konnten sie nicht mehr nach Hause gehen und begannen sich etwas zu kochen. Sie kochten viel, viel Reis, so viel, daß der Kochtopf – nun ein Lügenmensch würde sagen, er sei so groß gewesen wie diese Stadt oder wie die Stadt Grimah oder Moshungo. Aber ich lüge nicht, ich lüge nie. Ich sage euch, er war so groß wie das ganze Temneland, ja wie das ganze Land der weißen Leute. So groß war der Topf. Und alle aßen sie von diesem Reis, die Ziegen und die Kühe, das Geflügel und die Schafe und der Elefant, Auf einmal kam ein großes Wasser. Niemand wußte, woher es kam, und die Asche von dem Feuer sprühte auf alle Tiere. Ein jedes schwamm schnell fort nach seinem Hause. Und all diese Tiere, die bisher weiß gewesen waren, wurden durch die Asche verändert. Sie wurden rot, sie wurden braun, sie wurden schwarz und gefleckt. Und sind so geblieben bis auf den heutigen Tag.


  • Literatur: Cronise and Ward, Cunnie Rabbit S. 80–88.

Fußnoten

1 Vgl. folgende Variante: Vor Zeiten war eine so große Hungersnot gewesen, daß alles Getreide zu Ende ging und nirgends auch nur ein Körnchen zur Saat zu finden war. Die Menschen starben vor Hunger und drohten auszusterben. Da hatte ein Hund ein Roggenkörnchen gebracht, das. er sorgfältig unter seiner Pfote verwahrt hatte; er fürchtete, die ganze Welt könnte vor Hunger verderben, wenn kein Brot mehr im Hause wäre. Dieses Körnchen ward gesäet; die Körnchen, die man im anderen Jahre erntete, wurden wieder zur Saat verwahrt und so weiter, bis schließlich wieder ein ganzes Feld unter Roggen stand. So hatte der Hund die Roggensaat erhalten. Wenn das Butterbrot herunterfällt, dann fallt es immer auf die Butterseite. Das kommt daher, daß das Brot älter ist; denn als alles ausging, gab es doch noch Brot.


2 Gekürzt. Im Original verwünscht der Fuchs den Verfolger zweimal, so daß ihm erst die Schneeschuhe zerbrechen, dann ein Renntier den Fuß bricht.


3 »Eine geheimnisvolle Person ohne Anfang und Ende, älter und mächtiger als Jēlch.«

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 71-83.
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