B. Unredliches Tauschen und Diebstahl.

[127] 15a. Aus Schweden.


Die Waldtaube wurde von der Elster dazu verleitet, ihre Eier mit ihr zu tauschen. Früher hatte sie sieben Eier; jetzt erhielt sie statt deren nur zwei. Während nun die Elster noch heute froh schnatternd umherfliegt, klagt die Taube im dunkeln Wald:


»Hu, hu, jag bytte med dig,

för sju fick tu, hu hu!«


(Hu, ich tauschte mit dir; für sieben erhielt ich zwei, hu!)


  • Literatur: Cavallius, Wärend och Wirdarne 1, 319. Vgl. Svenska Landsmålen 5, 5, 158 [u. Nachtr.]

15b.


Die Taube klagt:


Du, du, du

som tog alla mina sju, sju, sju

ock gaf mig dina tu, tu, tu!

Tag igän dina tu, tu, tu

ock gif mig mina sju, sju, sju!

(d. h: Du, du, du,

die du alle meine sieben nahmst

und mir deine zwei gabst,

nimm deine zwei zurück

und gib mir meine sieben!)


  • Literatur: A. Hjelmström, Från Delsbo [Aus Delsbo in Helsingland] 1896, S. 31. In verschiedenen Fassungen in Schweden sehr verbreitet. Vgl. Svenska Landsmålen 11, 4, 31.

15c. Variante der finnländischen Schweden.


Die Krähe nimmt die sieben Eier der Taube und legt ihre zwei an deren Stelle. Seitdem hat die Taube nur zwei Junge und klagt:


Du, du

tog mina sju, sju,

och jag fick tu, tu

(nahmst meine sieben, sieben,

und ich bekam zwei, zwei.)


  • Literatur: Aus dem Kirchspiel Helsinge in Nyland.
    Nyland, Samlingar utg. af Nyländska Afdelningen 2, 220.

15d. Finnische Varianten.


a. Das Huhn beredet die Taube mit List zu einem Tauschhandel; sie gibt dem Huhn ihre zehn Eier und erhält dafür nur zwei. Seitdem sie die Arglist des Huhnes und ihre eigene Einfalt eingesehen hat, klagt sie:[127]


Kyy, kyy, kymmenen munoa,

kaa, kaa, kahtehen katosi.

(Küü, küü, Zehn meiner Eier

kaa, kaa, sind bis auf zwei entschwunden.)


  • Literatur: Krohn, Suom. Kans. 1, Nr. 251. Vgl. E. Schreck, Finnische Märchen, S. 222, Nr. 2 = Rudbeck, Suomen Kansansatuja 3, 45, wo der Wortlaut der Klage etwas anders lautet, zu deutsch:

Girre, girre! Zehn meiner Eier

Gab ich Elende hin für des Huhnes zwei Eier.


b. Das Täubchen klagt um seine Eier. Es hatte zehn Eier gelegt. Da stahl sie ihm ein Huhn, und wenn das Huhn zehn Eier hat, dann fängt es an zu brüten. Aber das Täubchen legt jetzt nur noch zwei Eier und klagt nun immer:


Küü, küü, zehn meiner Eier

Stahl bis auf zwei das Huhn!


  • Literatur: (Aus Südkarelen.) Frd. Mitt. von Prof. K. Krohn in Helsingfors.

16. Estnische Sagen.


a) Die Waldtaube (meigas) hat früher sechs Eier gelegt, aber infolge einer unglücklichen Wette tut sie das nicht mehr. Die Waldtaube sang, um das Huhn zu ärgern: »Kuuck, kuuck, minu kuus kullast muna, kanal kans kär nast muna.« (Kuuk, kuuk: ich habe sechs Goldeier, das Huhn hat zwei rauhe Eier.) Das Huhn ärgerte sich und forderte die Waldtaube zum Wettlauf auf. Das Ziel war der Waldtaube Nest. Der Flug begann. Das Huhn blieb immer mehr zurück, da rief es plötzlich: »Waldtaube, Waldtaube! du verlierst deine Dotter!« Erschreckt hielt die Taube im Fluge inne, um zu untersuchen, ob es wahr wäre, was das Huhn sagte. Unterdessen überholte das Huhn die Taube, erreichte das Nest der Waldtaube und warf drei Eier aus dem Nest. Als die Taube auch hingelangte, fand sie nur drei Eier im Nest. Weil sie die Wette verloren hatte, darf sie nie mehr als drei Eier legen, während das Huhn so viele Eier legen kann, wie es will. (Vgl. unten das Kap. Wettende Tiere).


b) Früher hatte die Holztaube (mēok, mēus) goldene Eier gehabt und das Huhn rauhe. Darum hatte die Holztaube das Huhn beständig verspottet und ihr das Spottlied gesungen:


»Töö, töö, ein leeres Nest,

Hab in meinem sechs goldne Eier,

Du hast bloß zwei rauhe Eier.«


Darüber war das Huhn wohl ärgerlich, konnte aber an der Sache nichts ändern. Schließlich machte es mit der Holztaube ab, der solle die goldenen Eier haben, der früher zu dem Nest fliegen und sich auf die goldenen Eier setzen könnte. Die Holztaube wußte, daß sie viel schneller fliegen konnte, und ging auf den Vorschlag ein. Bald hatte sie das Huhn überholt und war ihm ein gutes Stück voraus gekommen, da rief das Huhn: »Holztaube, Holztaube, ein Fetzen hängt, geh ins Weidengebüsch, binde ihn fest!« Schnell flog die Holztaube ins Weidengebüsch, um sich eilends in Ordnung zu bringen. Aber das Huhn war unterdes beim Nest angekommen und saß auf den goldenen Eiern. So erhielt das Huhn die goldenen Eier und die Holztaube die rauhen. Seitdem legt die Holztaube alljährlich zwei rauhe Eier, und wenn die Hirtenjungen sie fliegen sehen, so rufen sie ihr nach, wie das Huhn oben.


[128] c) Gott hatte einem jeden Tiere seine Pflichten und Arbeiten auferlegt, mit welchen es zufrieden sein mußte. Das Huhn kam aber und klagte über sein Leben. Es sagte: »Ich muß viele Menschen mit meinen Eiern füttern, und mir sind nur zwei Eier gegeben. Aber die Waldtaube hat im Walde ein ganzes Nest voll Eier.« Gott rief die Waldtaube vor sich und fragte, ob es wahr sei. »Wahr ist es wohl,« sagte die Taube, »aber was mein ist, das ist mein, und ich will keins von meinen Eiern fortgeben.« Gott entschied, daß derjenige von den beiden Vögeln die meisten Eier haben solle, welcher das Nest der Waldtaube im Wettlauf früher erreichte. Der Wettlauf begann. Die Taube rief dem Huhn zu: »Das Huhn läuft breitbeinig!« Das Huhn beachtete das nicht und lief ruhig weiter. Da rief es der Taube zu: »Wilde Taube, du hast Fetzen hinten!« Die Taube hielt inne im Lauf und ordnete ihre Fetzen hinten. Unterdessen erreichte das Huhn das Nest der Taube mit den vielen Eiern.

Deswegen kann das Huhn jetzt so viele Eier legen. Die wilde Taube legt aber nur zwei Eier und wehklagt im Frühling: »Uhuu, uhuu, uhuu – pesa tuhi!« (Uhuu, uhuu, uhuu – das Nest ist leer).


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

17. Aus Lappland.


[Der Fuchs hat einen Lachs gefangen und über dem Feuer gebraten. Das spritzende Fett des Lachses hat ihm die Augen verbrannt.] Er zog daher blindlings seines Weges und traf zuerst die Birke, die er fragte: »Hast du nicht ein Paar Äuglein übrig?« »Nein«, antwortete die Birke, »ich habe keine Augen übrig.« Dann kam er zur Föhre und versuchte, von dieser ein Paar Augen zu erhalten. »Hast du nicht ein Paar Augen übrig?« fragte er. »Nein, ich habe keine Augen,« versetzte die Föhre. Dann kam er zur Espe. »Hast du nicht ein Paar Äuglein übrig?« »Ja, die habe ich wohl,« sprach die Espe, »doch leihe ich sie nicht auf lange fort; auf kurze Zeit jedoch kannst du sie geliehen erhalten.« »Ich brauche sie nicht lange,« sagte der Fuchs, »hinter dem Hügel dort habe ich ein paar andere Augen.« Er bekam also die Augen, und indem er mit ihnen fortlief, rief er aus: »Von Geschlecht zu Geschlecht sollen die Augen der Espe dem Fuchse verbleiben.« Daher kommt es, daß die Espe wegen des eingegangenen Tausches gleichsam verbrannte Augen hat. Sie wurde darüber sehr aufgebracht und schlug nach dem Fuchs, traf aber nur die Spitze des Schwanzes, so daß diese weiß geblieben ist.


  • Literatur: Poestion, Lappländ. Märchen, S. 14 = Liebrecht, Germania 15 (1870).
    Dieselbe Beobachtung, daß der Baum fremde Augen hat, im Orient: China Review, 5, 49 (das Haupt des getöteten Prinzen Yueh wird an einen Baum gehängt und verwandelt sich in eine Kokosnuß mit zwei Augen. Die Frucht heißt seitdem Prinz Yuehs Kopf). Vgl. Revue des trad. pop. 11, 611 (aus Indien).

18. Aus Ungarn.


Vordem war des Hundes Sohle behaart, die des Hasen nackt; der Hase fror, der Hund nicht. Einmal lag der Hund in der Sonne und schlief; der Hase ging hin, schor ihm die Haare von der Sohle herunter und klebte sie eins nach dem andern auf seine eigene Sohle. Seitdem friert der Hund im Winter, und seitdem zürnt er auch dem Hasen. Wenn er ihn erwischen kann, fängt er ihn.


  • Literatur: Kálmány, Széged Népe 3, 171. Auffallend ähnlich: Harris, Nights with Uncle Remus Nr. 61: der Hase probiert des Hundes Stiefel an und läuft damit weg; seitdem verfolgt der Hund den Hasen.

[129] 19. Aus Ceylon.


Von der Prachtdrossel (pitta coronata) heißt es, sie habe einst des Pfauen Federn besessen. Eines Tages beim Baden stahl der Pfau ihr Kleid, seitdem ruft die Prachtdrossel im Dschungel nach ihrem verlorenen Kleid.


  • Literatur: Folklore Journal 5, 364.

20. Aus Indien.


Der Pfau stahl die Federn, als die Prachtdrossel badete, und diese ruft seitdem »ayittam, ayittam« = mein Kleid, mein Kleid!


  • Literatur: Indian Antiquary 33, 231. Vgl. Nr. 31.

21. Aus Neupommern (Gazelle-Halbinsel).


In alten Zeiten hatte der Kau (Philemon cockerelli Kl.) das bunte Gefieder des Mallip (Lorius hypoenochrous H.E. Gr., eine Papageienart), und der Mallip das graue Federkleid des Kau. Eines Tages ging der Kau baden und legte sein buntes Kleid vorsorglich am Ufer ab. Auch der Mallip kam herbei und legte sein graues Kleid ab, ehe er ins Bad stieg. Da gewahrte er das bunte Gefieder und schlich sich heran, um den prachtvollen Schmuck zu bewundern. Unbemerkt putzte er seinen eigenen Körper mit den schillernden Federn, und als er fertig war, rief er dem Kau zu: »Sieh, wie schön ich bin!« Der Kau war sehr erbost und rief ihm zu, das Kleid wieder abzulegen. Der Mallip aber flog weg. Darüber entrüstet ergriff der Kau einen Klumpen Erde und warf ihn dem Mallip nach. Der Klumpen traf den Kopf des Mallip, und seit der Zeit hat er auf seinem schönen roten Kopf einen großen schwarzen Fleck. Der Kau mußte nun in das unscheinbare Kleid des Mallip schlüpfen, und es ist ihm noch nicht gelungen, sein geraubtes Eigentum zurückzuerhalten.


  • Literatur: Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee, S. 691.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 127-130.
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