Zur Einführung.

[4] Im Globus 1908, S. 81 bespricht Richard Andree die treffliche Schrift: Beiträge zur Volkskunde Südschantungs von P. Georg Stenz und schließt mit dem bemerkenswerten Urteil: »Man lege einmal Wuttkes Deutschen Volksaberglauben und die Schrift von Stenz nebeneinander, vergleiche dann, und man wird keinerlei Zweifel mehr an der Einheit der menschlichen Natur hegen, gleichviel ob ihre Äußerungen bei Weißen oder Gelben sich offenbaren.« Das erinnert mich an eine Stelle in Andrees Ethnographischen Parallelen (S. III), die sich mit der oft vorhandenen Ähnlichkeit des inneren und äußeren Lebens der Völker beschäftigt. Danach »sind Übereinstimmungen in den Anschauungen und Gebräuchen räumlich weit voneinander getrennter und ethnisch verschiedener Völker häufig so schlagend, daß man auf den ersten Blick an eine gemeinsame Abkunft oder Entlehnung solcher Vorstellungen und Sitten denken möchte. Es wird uns oft schwer, zu glauben, daß ein Gebrauch, ein Aberglaube, ein Mythus, der in allen Erdteilen identisch oder fast identisch auftritt, nicht der gleichen Wurzel entstammen und von einem Punkte aus zu allen damit bekannten Völkern gewandert sein solle. Je weiter und eingehender wir aber eine solche gleichartige Sitte oder Anschauung über die Erde zu verfolgen unternehmen, desto häufiger zeigt sich uns das unabhängige Entstehen derselben, und wir gelangen zu dem Schlüsse, daß zur Erläuterung derartiger Übereinstimmungen, bei denen Entlehnung ausgeschlossen ist, auf die psychologischen Anlagen des Menschen zurückgegangen werden müsse. Wie nicht geleugnet werden kann, daß allenthalben die körperlichen Eigenschaften und Tätigkeiten der Menschen die gleichen sind, so finden wir auch, daß ihre geistigen Funktionen überall in ihren wesentlichen Zügen dieselben sind, dieselben Grundformen zeigen, allerdings nach Rasse und natürlicher Umgebung variierend, aber dennoch trotz untergeordneter Abweichungen von demselben ursprünglichen Werte und Gehalt... Es ist, wo wir Übereinstimmungen finden, von vornherein zunächst an eine unabhängige Entstehung derselben, an eine generatio aequivoca zu glauben.«

Ich gestehe, daß ich zu Beginn meiner Studien diesen letzten Satz fortwährend vor Augen gehabt habe. Ihn auf die Natursagen anzuwenden und den Beweis zu führen, daß der menschliche Geist bei gleichen Anlagen unter gleichen Bedingungen auch gleiche Ideen entwickeln müsse, schien eine lockende Aufgabe. Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß es leichter ist, Wanderungen zu beweisen, als unabhängige Analogien. Es gibt nichts Flüchtigeres und Beweglicheres als Sagenmotive, und so muß der Forscher[5] grundsätzlich in allen Fällen mit der Möglichkeit der Wanderung rechnen, und er wird nicht immer mit Sicherheit entscheiden können, ob Wanderung oder selbständige Entwicklung vorliege. Im allgemeinen darf man wohl annehmen, daß Sagen und Märchen, die nur in einem Motiv übereinstimmen, ohne Wanderung überall in gleichen oder ähnlichen Formen entstehen können, besonders Natursagen, denn die Natur ist überall das gleiche Objekt, an dem sich die beobachtende und dichtende Volksphantasie in gleicher Weise versucht. Doch ist auch hier die Wanderung nicht ausgeschlossen (vgl. z.B. Kap. IV). Gleichheit mehrerer Motive deutet dagegen wohl immer auf Wanderung hin.

Solche Übereinstimmungen können nicht, wie bei selbständiger Entstehung, auf Zufall beruhen. Da hängen die einzelnen Geschichten wie die Glieder einer Kette in engem Reihenschluß zusammen. Jede ist gleichmäßig nach dem Muster der andern geformt, und wenn auch die Hand eines nach schaffenden Bildners hie und da größere Vollkommenheit erstrebt oder wenigstens auf Abwechslung sinnt, so bleibt doch immer eine gewisse Abhängigkeit vom Muster erkennbar. Im Rahmen einer gegebenen Handlung, mit gegebenen Motiven und gegebenen Personen läßt sich wohl allerlei Neues, aber nichts Selbständiges gestalten.

Mögen es nun gleichgeartete »Grundgedanken« sein, auf die Bastian einst mit überzeugendem Nachdruck hinwies, oder mögen es Übertragungen von Volk zu Volk sein, – diese wunderbaren Übereinstimmungen in Sagen und Märchen beweisen in jedem Falle die Einheit des mythischen Denkens aller Völker. Denn anders ist die fortwährende und überall vollzogene Aufnahme fremder Stoffe in den vorhandenen Vorrat einheimischer Überlieferungen nicht zu erklären, als durch die Gemeinsamkeit der menschlichen Vorstellungswelt, in die Fremdes und Eigenes in gleicher Weise hineinpaßt. Die Aneignung selbst geschah auf dem Wege der assoziativen Denkweise. Diese erklärt nach den einleuchtenden Darlegungen von E. Mogk (Mitt. d. Verbandes deutscher Vereine f. Volksk. Nr. 6, 1907, S. 3–6) volkskundliche Parallelen überhaupt und somit jenen großartigen Weltzusammenhang, der die Ideen der Menschheit verbindet.

In dem vorliegenden Bande ist von gewanderten Tiersagen, da diese den Inhalt des vierten Bandes bilden sollen, nur wenig die Rede. Hervorheben will ich nur, daß sich die in Band I bewiesene Verwandtschaft amerikanischer und asiatischer Überlieferungen in mehreren Beispielen bestätigt (S. 83 ff, 113 ff, 146 f., 152 ff.) und daß sich einige sehr interessante Beziehungen zwischen Finnland und dem Orient oder Amerika ergeben (S. 43 f., 74 f., 109, 146 ff). Wanderstoffe finden sich ferner auf S. 125, 134, 186, 191 ff., 272 ff., 295 ff., 312 ff, 364 ff, 372, 405 f., 408 f.

Es wird die Aufgabe meines letzten zusammenfassenden Bandes sein, diese Parallelen in Verbindung mit denen der übrigen Bände zu untersuchen. Für die Einführung in die folgenden Sagen, die mit stark überwiegender Mehrheit unabhängige Analogien darstellen, empfiehlt sich vielmehr ein kurzer Hinweis auf die Frage, inwieweit die Stammcharaktere[6] der einzelnen Völker aus der besonderen Art ihrer Erzählungen festzustellen sind. Wiewohl diese Frage erst durch künftige Arbeiten der Sagenvergleichung gelöst werden kann, so möchte ich doch einiges Wenige, was zum Verständnis der folgenden Kapitel beitragen mag, an dem Beispiel eines an Erzählungen überaus reichen Volkes, der Indianer, erörtern.

»Der Indianer ist ein Kind der Natur.« So sagt ein Vollblutindianer, der uns in einem anziehenden und lehrreichen Buche die Geschichte seiner Erziehung erzählt hat.1 In dieser Geschichte findet sich der Schlüssel zum Verständnis indianischer Natursagen.

Schon der ganz kleine Knabe, der eben zu laufen anfing, wurde zur Naturbeobachtung erzogen. Während er mit der Großmutter den Wald durchstreifte, belehrte sie ihn über alles, was seine Aufmerksamkeit erregen konnte. Die Stimmen der Vögel mußte er schon deshalb unterscheiden lernen, weil feindliche Späher sich ihrer als Zeichen bedienten; der nachgeahmte Schrei ging dem Kriegszug voraus. Auch der Oheim hielt den Knaben streng zum Beobachten an. Verließ er morgens mit ihm das Zelt, so ermahnte er ihn, gut Umschau zu halten, und abends stellte er ein ausführliches Verhör an. Der Knabe mußte ihm alle neuen Vögel benennen, die er gesehen hatte, und zwar nach der Farbe, der Form des Schnabels, dem Aussehen und der Lage ihres Nestes, ihrem Gesang. Als der Knabe acht oder neun Jahre alt war, stellte der Oheim schon schwierigere Fragen, um ihn tiefer in die Kunst des Beobachtern einzuführen. Besonders diente die Unterweisung dazu, den künftigen Jäger auf seinen Beruf vorzubereiten. Der Oheim zeigte ihm, wie man sich durch die Gewohnheiten der Tiere müsse leiten lassen, um sie zu erbeuten, und indem er von ihrer List erzählte, lehrte er zugleich sie zu überlisten.

Das alles sind Beobachtungen, die den folgenden Tiersagen zugrunde liegen. Auch aus andern Berichten wissen wir, daß das Auge des Indianers infolge früher und andauernder Gewöhnung zu erstaunlichen Leistungen befähigt ist. »Das Bewußtsein der unaufhörlichen persönlichen Lebensgefahr und die Notwendigkeit, das Leben durch den Ertrag der Jagd zu fristen, erhält seine Aufmerksamkeit in ununterbrochener Spannung, und so wird es leicht verständlich, wie die Feinheit und Schärfe seiner Naturbeobachtung einen für uns geradezu wunderbaren Grad erreicht. Das ganze Denken des Indianers wird von dieser genauen Beobachtung in hohem Grade in Anspruch genommen« (Fritz Schultze, Psychologie der Naturvölker, S. 27).

Je mehr nun das innere und äußere Leben des Indianers mit der Natur verbunden ist, um so lebhafter beschäftigt seine Phantasie deren Deutung. Es gibt wohl nirgends so zahlreiche Beispiele für »willkürliche Naturerklärung« (vgl. Bd. I, S. X) als in den Sagen des Indianers. Die Vorliebe für diese reizvolle Ausschmückung von Geschichten, die im[7] übrigen auf ganz anderen Motiven aufgebaut sind, mag vor alters noch weit mehr als heutzutage den Sageninhalt beeinflußt haben. Daß sie aber bis in die neueste Zeit herein ihre gestaltende Kraft bewahrt hat, zeigt ein höchst interessantes Beispiel, das Cushing in seinem ausgezeichneten Werke Zuñi Folktales (S. 411) anführt. Er erzählte den Zuñi im Jahre 1886 folgendes Märchen aus den Italian Populär Tales von Crane:


Es waren einmal ein Hahn und eine Maus. Eines Tages sagte die Maus zum Hahn: »Freund Hahn, wollen wir gehen und unter dem Baum dort Nüsse essen.« – »Wie du willst.« So gingen sie beide unter den Baum, und die Maus kletterte sogleich hinauf und begann zu essen. Der arme Hahn versuchte zu fliegen und flog und flog, aber er konnte nicht dahin kommen, wo die Maus war. Als er sah, daß er nicht hinaufgelangen konnte, sagte er: »Freund Maus, weißt du, was ich von dir möchte? Wirf mir eine Nuß herunter.« Die Maus tat es und warf dem Hahn eine an den Kopf. Der arme Hahn ging mit seinem zerbrochenen blutigen Kopf zu einer alten Frau. »Alte Mutter, gib mir ein paar Lumpen, damit ich meinen Kopf heilen kann.« – »Gibst du mir zwei Haare, so geb ich dir die Lumpen.« Der Hahn ging zum Hund. »Hund, gib mir zwei Haare, die will ich der alten Frau geben, die wird mir Lumpen geben, um meinen Kopf zu heilen.« – »Gibst du mir etwas Brot,« sagte der Hund, »so gebe ich dir die Haare.« Der Hahn ging zum Bäcker. »Bäcker, gib mir Brot. Das Brot will ich dem Hund geben, der Hund wird mir Haare geben, die will ich usw ....« Der Bäcker antwortete: »Ich gebe dir kein Brot, wenn du mir nicht etwas Holz bringst.« Der Hahn ging in den Wald. »Wald, gib mir etwas Holz. Das Holz will ich dem Bäcker geben, der Bäcker wird mir Brot geben, das Brot usw ....« Der Wald antwortete: »Wenn du mir etwas Wasser bringst, gebe ich dir Holz.« Der Hahn ging zu einer Quelle. »Quelle, gib mir Wasser. Das Wasser will ich dem Walde geben, der Wald wird mir Holz geben, das Holz will ich dem Bäcker usw ...« Die Quelle gab ihm Wasser, das Wasser gab er dem Wald, der Wald gab ihm Holz, das Holz gab er dem Bäcker, der Bäcker gab ihm Brot, das Brot gab er dem Hund, der Hund gab ihm Haare, die Haare gab er der alten Frau, die alte Frau gab ihm die Lumpen, und so heilte der Hahn seinen Kopf.


Im Jahre 1887 wurde ihm dasselbe Märchen in folgender Ausgestaltung wiedererzählt:


So geschah es in der Stadt der vielen Fluten (Venedig) vor langer Zeit. Dort lebte eine alte Frau, so heißt es, vom Italia-kwe (kwe = Leute), die im Lande ihrer Herkunft die Väterbrüder der Mexikaner sind, so erzählt man. Nun hatte die Frau nach der Art dieser Leute einen Tâkâkâ-Hahn, den sie von den anderen abschloß, damit er nicht mit ihnen kämpfte. Er war sehr groß, wie ein Truthahn, mit schönem, glattem Kopf und einem Borstenbusch an der Brust, wie es der Truthahn auch hat, denn die Tâkâkâ-Hähne waren einst, wie es scheint, die jüngeren Brüder der Truthähne. Also, die alte Frau hielt ihren Hahn in einer kleinen Einzäunung von großen enggesteckten Pfählen mit scharfen Spitzen, die mit rohkantigen Kiemen zusammengeflochten waren, wie ein Adlerkäfig an einer Mauer, nur war da noch ein kleines Türchen, das auch mit Riemen befestigt war. So konnte der alte Tâkâkâ-Hahn versuchen, soviel er wollte, er konnte nicht heraus, denn er konnte nicht umherlaufen und einen Anlauf nehmen, wie es die wilden Truthähne machen, aber er versuchte es doch immer wieder und wieder, denn er war hungrig nach Fleisch und besonders nach Würmern. Wenn auch die Leute des Dorfes genügend Nahrung hatten, so war doch diese alte Frau arm und lebte hauptsächlich von Körnern, darum war sie gezwungen, den Hahn mit dem Abfall ihrer Nahrung zu füttern. Des Morgens pflegte sie zu kommen und den Abfall in den Käfig zu werfen. Unter der Mauer ganz in der Nähe lebte eine Maus. Sie hatte keine alte Großmutter, die sie fütterte,[8] und sie mochte Körner ganz besonders gern. Wenn der alte Hahn sich sattgefressen hatte, kam die Maus und stahl ihm etwas Maiskuchen oder ein Krümchen und schlüpfte schnell wieder in ihr Loch. Da der Tâkâkâ-Hahn dann immer schläfrig war, sah er die Maus nie, und so nährte sich die Maus täglich reichlicher und wurde zuletzt allzu kühn. Denn eines Tages, als das Korn reif war, der Hahn gut gefüttert worden war und sich zum Schläfchen hingesetzt hatte, kam die Maus hervor und stahl ein besonders großes Stück Brot. Als sie versuchte, es in ihr Loch zu schieben, machte sie etwas Geräusch und mußte dazu noch anhalten, um ihr Eingangsloch zu erweitern. Der Hahn wandte den Kopf, sah gerade hin, als die Maus langsam ins Loch kroch, und erblickte den langen, nackten Schwanz, der am Boden lag und sich hin und her schlängelte, wenn die Maus sich beim Graben bewegte. »Ha, bei der Großmutter der Nahrung (substance), es ist ein Wurm!« krähte der Hahn, schoß nach dem Mauseschwanz und biß so tüchtig zu, daß er ihn ganz abbiß und ihn in eins verschlang. Die Maus quiekte: »Mord!« verschwand in ihrer Wohnung und leckte ihren Schwanz, bis das Maul ganz rosa war und ihre Mundwinkel herunterhingen wie bei einer Frau, die weint, denn sie liebte ihren langen Schwanz, wie ein junger Tänzer den Reichtum seines Haares liebt, und sie rief immerzu: »Weh tsu tsu, weh tsu tse, yam hok ti-i-i!« und dachte: »O, das schamlose, große Tier! Bei dem Dämon der Sklaven-Kreaturen, er soll es mir bezahlen! Denn er ist schlimmer als eine Eule oder ein Nachtfalke. Sie alle fressen uns, aber er hat mir das Zeichen meines Mäusetums genommen und mich zurückgelassen, um den Verlust zu beklagen. Ich werde mich an ihm rächen.« So dachte die Maus von dieser Zeit an immer darüber nach, und dies schien ihr der beste Plan: eines Tages herauszukriechen, schwanzlos wie sie war, um Mitleid zu flehen und sich womöglich mit dem Hahn zu befreunden. Also nahm sie Flaumhaar machte damit ein Pflaster mit Nußharz und tat es auf den Schwanzstumpf. Dann kroch sie eines Tages bis vor ihr Loch und hielt den Schwanz wie ein Hund seinen Fuß hält, wenn ihn ein Kaktus gestochen hat, und schrie mit schwacher Stimme:


»Sieh, hab' Mitleid, hab' Mitleid, Herr der Nahrung,

Mit meiner Verstümmlung,

Mit meinem Hunger,

Ich sterbe fast. O, hab Mitleid, o!«


Dabei hielt sie den Schwanz in die Höhe, was sie ja nun mit Sicherheit tun konnte, denn er sah nicht mehr aus wie ein Wurm oder sonst etwas Eßbares.

Nun war der Hahn so geschmeichelt, daß er Herr der Nahrung genannt wurde, daß er ganz hochmütig sagte (er hatte ja gegessen und konnte den Hals nicht bewegen, und dann war er auch noch stolz): »Komm herein, du armes Ding, und iß, was du brauchst. Als ob ich mich darum kümmerte, was so jemand wie du fressen kann!« Also ging die Maus hinein und aß sehr wenig, wie es sich für einen höflichen Fremden gehört, dankte dem Hahn und kroch wieder in ihr Loch. Nach einiger Zeit kam sie wieder und diesmal brachte sie den Teil einer Nußschale mit schönem weißen Nußfleisch. Als sie ihr Kommen angekündigt hatte und nun im Käfig war, sagte sie: »Kamerad, laß uns zusammen essen! Ich habe viel von dieser Nahrung, die ich dort von dem hohen Nußbaum sammle, den ich in jedem Herbst erklettere, wenn das Korn reif ist. Von aller Nahrung aber schätze ich deine am meisten, da ich mir dergleichen nicht in den Keller tun kann. Vielleicht wirst du meine ebenso schätzen, also laß uns zusammen essen!«

»Das ist recht, Kind,« erwiderte der Hahn, und so aßen sie. Aber kaum hatte der Hahn von der Nuß gegessen, als er vor Freude gluckste, er aß ihn schnell auf und begann dann sein Schicksal zu beklagen. »Weh mir,« sagte er, »an besonderen Tagen bringt mir die Großmutter etwas Ähnliches wie dies, aber allzu sehr ausgepickt. Es gibt nichts Eßbares, das diesem gleich käme. Kleiner Kamerad, sagtest du nicht, du hättest viel von dieser Nahrung.« »O ja,« sagte die Maus, »aber siehst du, die Jahreszeit geht zu Ende, und wenn ich nun mehr Nüsse brauche,[9] muß ich gehen und sie von dem Baum dort pflücken. Höre, warum gehst du nicht auch dahin? Dort ganz nah ist der Baum!«

»O weh, ich kann ja nicht entfliehen, weh mir! Sieh meine Flügel an,« sagte der Hahn, »sie sind bis auf die Borstenhaare abgeschabt, und sogar der Bart an meiner Brust, mein schönster Schmuck, ach der ist ganz zerzaust, so viel habe ich versucht, herauszufliegen, und so stark habe ich gegen die Stäbe gedrückt. Was die Tür anbetrifft, die schließt die Großmutter fest mit Riemen zu, sobald sie mich gefüttert hat.« »Ha, ha,« rief die Maus, »wenn das alles ist, so gibt es nichts Leichteres als die Tür zu öffnen. Sieh meine Zähne an, ich knacke sogar die harten Nüsse damit. Warte,« damit lief sie schnell am Gitter in die Höhe und zernagte schnell den Riemen. »Da, Freund, mach die Türe auf, du bist größer wie ich, nun wollen wir in die Nüsse gehen.« »Ich danke dir,« rief der Hahn, stieß die Tür auf und lief gackernd und krähend vor Freude hinaus.

Nun führte ihn die Maus zum Baume. Sie lief den Stamm hinauf und kletterte, bis sie in den höchsten Zweigen war. »Ah, die Nüsse sind schön und reif hier oben,« rief sie. Aber der Hahn flatterte und flatterte vergeblich. Seine Flügel waren so kümmerlich, daß er nicht einmal die niederen Zweige erreichen konnte. »O Kind, hab Mitleid mit mir, schneide ein paar Nüsse ab und wirf sie mir herunter. Mit meinen Flügeln kann ich nicht besser fliegen als der Nachbar dort drüben, der alte Hund der Großmutter.« »Geduld, Geduld, Vater,« rief die Maus, »ich knacke dir schon eine große auf, so schnell ich kann. Da, fang sie,« und sie warf dem Hahn eine große hin, die er vergnügt verzehrte, und ohne zu danken, rief er nach mehr. »Warte, Vater,« sagte die Maus. »Da, stell dich gerade unter mich. Nun fang, dies ist eine große.« Damit kroch die Maus vorwärts, bis sie gerade über dem Hahn war. »Nun paß auf,« und damit ließ sie die Nuß fallen. Sie traf den Hahn so stark auf den Kopf, daß er umfiel und wie tot liegen blieb. »Té mi thlo kô thlo kwa!« rief die Maus, als sie den Baum hinunterlief. »Eine kleine Spanne Zeit, und sieh! Was mein Feind mir antun wollte, tue ich ihm!« Und ehe der Hahn ein Auge öffnete, hatte sie seine Borstenhaare so kurz abgenagt, daß sie nicht wieder wachsen konnten. »So«, sagte die Maus, »so ist mein Herz geheilt, mein Feind ist das, wozu er mich gemacht, ohne Schmuck.« Dann lief sie befriedigt in ihr Loch.

Endlich öffnete der Hahn die Augen. »Oh mein Kopf,« rief er. Klagend stand er auf und erblickte dabei die Nuß. Sie war glatt und rund wie ein braunes Ei. Als der Hahn sie sah, klagte er noch mehr: »O mein Kopf! Tâ-kâ-kâ-kâ-â-â!« Aber sein Kopf blutete und schwoll an, bis er mit einem Saum von geronnenem Blut bedeckt war und so schwer wurde, daß der Tâ-kâ-kâ meinte, er würde sicher sterben. Da ging er zur Großmutter und klagte den ganzen Weg über. Die Großmutter hörte ihn, öffnete die Tür und rief: »Was gibt's?« »O Großmutter, o man hat mich gemordet!« antwortete er. »Eine große, runde, harte Frucht wurde mir von einem kleinen Geschöpf mit kurzem einfedrigem Schwanz auf den Kopf geworfen. Es kam und sagte mir, die Frucht sei gut zu essen, und – o mein Kopf blutet und ist geschwollen. Bei deiner Liebe, verbinde ihn mir, sonst sterbe ich.« »Es geschah dir recht. Was verließest du deinen Platz,« rief die alte Frau. »Ich verbinde dir den Kopf nicht, wenn du mir nicht 4 Borstenhaare, das Zeichen der Mannheit, bringst, daß es dir eine Lehre sein wird.« »Nimm sie, Großmutter,« sagte der Hahn, aber als er hinsah, war der Bart an seiner Brust, der Stolz seiner Gattung, verschwunden. »Oh, oh, was soll ich tun?« schrie er. Aber die alte Frau sagte ihm, wenn er ihr nicht wenigstens 4 Borstenhaare brächte, wolle sie ihn nicht heilen und schloß die Tür. Da wankte der arme Hahn langsam zum Käfig in der Hoffnung, dort ein paar der abgenagten Haare zu finden. Als er bei seinem Nachbar, dem Hund, vorbeikam, sah er dessen schönen Schnauzbart. Er erzählte dem Hund seine Geschichte und bat ihn um vier Haare – nur vier Haare! »Du großer Radaumacher, gib mir etwas Brot, schönes Brot, und ich gebe dir die Haare.« Darauf überlegte der Hahn einen[10] Augenblick, ging in das Haus des Mannes, der mit Nahrung handelte, und erzählte ihm seine Geschichte. »So bring mir etwas Holz, damit ich den Ofen heizen kann, um das Brot zu backen,« sagte der Mann. Der Hahn ging in den nahen Wald. »O, geliebte Bäume, laßt trockene Zweige herunterfallen.« Dann erzählte er den Bäumen seine Ge schichte, aber die schüttelten ihre Blätter und sagten: »Kein Regen ist gefallen und unsere Zweige werden bald vertrocknet sein. Ersuche das Wasser, daß es uns zu trinken gibt, dann geben wir dir gerne Holz.« Da ging der Hahn zur nassen Quelle, und als er darin sah, wie geschwollen sein Kopf war und er merkte, wie er immer härter wurde, begann er wieder zu klagen. »Was gibt es?« murmelte es im Wasser. Da erzählte er wieder seine Geschichte. »So höre,« sagten die Wassergeister. »Lange haben die Menschen ihre Pflichten vernachlässigt, und die Geister der Wolken brauchen schuldige Bezahlung so gut wie wir, die Bäume, der Nahrungshändler, der Hund und die alte Frau. Sieh, an unserem Ufer stehen keine Federn. Bezahle mit deinen Federn, nimm vier Federn unter dem Flügel fort und setze sie nah über uns, damit sie die Geister der Wolken mit ihrem regenschweren Atem anlocken, wenn sie sie über unserer Tiefe erblicken. So wird unser Wasser vermehrt werden, und die Bäume bewässert und ihr Wind wird tote Zweige von den Bäumen werfen, womit du bezahlen kannst, dann ist alles gut.« Also zog sich der Hahn vier der schönsten Federn aus, steckte sie an den Nord-, West-, Süd- und Ostrand der Quelle. Da wehten die Winde der vier Himmelsgegenden auf die Federn, und damit kamen die Wolken, und von den Wolken fiel Regen, und die Bäume warfen trockene Zweige, und der Wind tat Gras darauf, was leicht ist, und das Bündel leicht macht, in dem es ist. Als nun der Hahn kam und das Reisig sammelte, konnte er es leicht zu dem Nahrungshändler bringen, der gab ihm Brot, dafür gab ihm der Hund vier Borstenhaare, die brachte er der alten Großmutter. »Ah,« rief sie, »so will ich dich heilen, Kind, aber du bist so lang geblieben, daß dein Kopf mit einem Saum bedeckt sein wird, auch wenn er geheilt ist. Es muß so sein. Recht tun läßt recht bleiben, unrecht tun bringt Schaden; um den zu bessern, muß man bezahlen, wie die Kranken die bezahlen, die sie geheilt haben. Nun geh und bleib, wo ich dir sage.« Als der Hahn nach einiger Zeit geheilt war, siehe da waren große blutrote schlaffe Ränder auf dem Kopf und blaue Zeichen an den Schläfen, wo sie verletzt gewesen waren. Nun hört: Aus diesem Grunde heilen die Medizin-Leute nicht ohne Bezahlung, denn unbezahlte Medizin hat keine Kraft. Und seitdem haben die Hähne keine Borstenhaare an der Brust, nur kleine Stümpfe, und sie haben blutrote Fleischkämme auf den Köpfen. Und wenn eine Henne ein Ei legt, und ein tâkâka-Hahn sieht es, tâkâkât er, wie ihr Urvater tat, als er die braune Nuß sah. Und manchmal picken und essen sie sogar die Eier, besonders wenn sie gesprungen sind. – Was nun die Mäuse anlangt, wir wissen, wie sie in alter Zeit in die Mehlsäcke gingen und geräuchert wurden und tsothliko-ahâi wurden, mit langen, nackten Schwänzen. Aber das war, ehe der Hahn der Maus den Schwanz abbiß. Seitdem schreit sie in der Angst: »Weh tsu yii weh tsu!« wie ein Kind mit verbranntem Finger, und ihre Kinder sind die Wehtsutsukwe genannt worden und wandern wild im Feld umher, und darum haben die Feldmäuse bis heute kurze, braungefleckte, haarige Schwänze, und ihr Maul ist rosa, und wenn man sie ansieht, sieht es aus, als ob sie weinen.


So empfänglich nun ein Naturmensch wie der Indianer für die Sinneseindrücke ist, die die Außenwelt ihm liefert, so wenig vermag er mit seinem unentwickelten Denkvermögen das Wesen der Dinge zu erkennen. Er weiß nicht einmal, daß ihm als beseeltem Wesen eine unbeseelte Natur gegenübersteht, und er faßt sie in ihrer Gesamtheit, wie in all in ihren Bestandteilen, im anthropopathischen Sinne auf, d.h. er verleiht ihr ein menschenähnliches[11] seelisches Innenleben. Wem aber die unbeseelte Natur menschengleich erscheint, um wieviel mehr wird der die Tiere sich gleich stellen. Er wird sein eigenes inneres Wesen, das er nur ganz oberflächlich in seinem Empfinden, Wahrnehmen, Vorstellen und Wollen kennt, ohne weiteres auf sie übertragen. (Vgl. Schultze, ebd. S. 217 f.) Und so verschwinden ihm die Grenzen zwischen Mensch und Tier. »Ein beliebiges Tier«, sagt von den Steinen (Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens, S. 351), »kann klüger oder dümmer, stärker oder schwächer sein als der Indianer, es kann ganz andere Lebensgewohnheiten haben, allein es ist in seinen Augen eine Person genau so wie er selbst.« Den tiefern Grund für die Anschauung findet von den Steinen darin, daß es noch keine ethische Menschlichkeit gibt, daß die sittliche Erkenntnis und das ideale Wollen fehlt. Wie sollte da eine unübersteigliche Kluft zwischen Mensch und Tier angenommen werden?

Daher kommt auch das Umgekehrte vor, daß Menschen Tiere sind. Von den Steinen erwähnt den Glauben an Menschen, die im Wasser leben (S. 352), und die Sagen, daß Menschen von Tieren abstammen. Wenn z.B. das Kausalbedürfnis zu der Annahme gelangt, daß ein Jaguar der Urahn eines menschenfressenden Volkes gewesen sei, so beruhe dies auf dem mangelnden Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier. Auch der Glaube an den Werwolf (in Asien der Wertiger) sowie der Totemismus gehört hierher, aus den folgenden Kapiteln manche Verwandlungssagen.

Eine sehr wichtige und für das Verständnis der folgenden Kapitel wertvolle Bemerkung macht von den Steinen über die Tiermärchen:

»Wir sagen, der Eingeborene anthromorphisiert in seinen ›Märchen‹, er läßt die Tiere reden und handeln wie Menschen. Das ist von unserem Standpunkt aus richtig, aber wenn wir glauben wollten, er statte die Tiere nur zu dem Zweck, eine hübsche Geschichte zu erzählen, mit menschlichen Eigenschaften aus, so wäre das ein gewaltiges Mißverstehen; es hieße nicht mehr und nicht weniger, als ihm all sein Glauben und Wissen wegdisputieren. Sein Glauben: denn in die wunderbaren Geschichten, die er von den Tieren berichtet, setzt er dasselbe Vertrauen wie jeder überzeugte Christ in die Wunder der Bibel: denn er könnte die ihn umgebende Welt ohne seine Märchentiere ebensowenig begreifen als der Physiker die Kraftzentren ohne Stoffatome – si parva licet componere magnis.«

Von anderer Seite wird dieser Glaube an die Heiligkeit der Geschichten bestätigt. (Vgl. die Einl. von William Jones, Fox Texts. Leiden 1907.) Interessant ist, daß gerade die Naturdeutung in besonderem Ansehen steht.

So wird berichtet, daß eine Sage vom Heros Bladder, der den Unhold (Monster) tötete, zwar einem jeden, auch Frauen und Kindern, erzählt werden kann. Aber nur die alten oder weisen Männer werden in den Schluß eingeweiht: »Bladder ließ den Kopf des Unholds nicht wieder auf dessen Körper fallen, und so wurde der Kopf zur Sonne. Sie wird daher in dem Sonnentanz, den Bladder eingeführt hat, verehrt.« (Journ. of Am. Folklore 16, 162.)[12]

Die Erklärung wahrgenommener Naturerscheinungen gehört demnach, wenn sie mit solcher Scheu erzählt und vernommen wird, zur Religion. Und wenn auch unter den Sagen gewiß manche bedeutungslose Neubildung sein mag, wie das oben genannte Zuñimärchen, so gibt es zweifellos eine große Menge tief ernster religiöser Mythen darunter, wie z.B. alle die, die vom Holen des Feuers und der Sonne handeln, oder im ersten Bande die vom Tauchen und Emporbringen der Erde. Hier sind die Tiere zu den höchsten Leistungen befähigt. Ich weise nur auf den Biber hin (s. Register).

»Von den Bibern,« sagt Waitz bestätigend (Anthropologie 3, 193), »gehen unter den Indianern eine Menge mysteriöser und wunderbarer Geschichten, besonders gelten die weißen Biber, welche indessen nur in der Fabel zu existieren scheinen, für Wesen, die mit übernatürlichen Kräften begabt sind. Ein sonst recht verständiger Indianer versicherte alles Ernstes, daß er die Biber und die weißen Menschen für die klügsten Leute auf der Erde halte.«

Solche höheren Wesen sind auch die Tierschöpfer, unter denen der Rabe und der Präriewolf sieh auszeichnen. In einer Sage der Pomo-Indianer ist die überragende Stellung, die dem Präriewolf zukommt, besonders deutlich gekennzeichnet. Sie erzählt:


Der Präriewolf sagte zum Volk: »Ihr tut nicht, was ich euch sage. Es ist euch nicht daran gelegen, das Rechte zu tun und Menschen zu sein. Ihr könnt ebensogut Tiere sein und handeln, wie ihr wollt.«

So machte er sich daran, sie alle in Tiere und Vögel zu verwandeln, und gab jedem Wohnort und Merkmal.

»Du sollst immer in den Bergen leben. Du sollst dich fürchten, und man wird dich deines Fleisches wegen erlegen. Du sollst Reh heißen.«

»Du sollst in den Wäldern leben und das Reh jagen. Von Zeit zu Zeit wirst du auch einen Menschen töten. Dein Name wird Wolf sein.«

»Du wirst immer in den Bergen und den Wäldern leben. Du wirst Rehe jagen und manchmal Menschen töten. Dein Name wird Bär sein.«

Dasselbe vom Panther.

»Du wirst in den Bäumen leben, Nester bauen und reinigen. Du wirst rohen Fisch essen und großer Eistaucher heißen.«

»Du sollst im klaren See schwimmen und Käfer und Gras fressen. Dein Name wird Wasserhuhn sein.«

Dasselbe von der Ente.

In derselben Weise werden noch der Dīkubūhū, die Krähe, der rotköpfige Specht, der »Sapsucker« (kalēstat), der Königsvogel (?), die Falkenart Dakat, der Nachtfalke (?), die Eule, der Cmáikadōkadō bestimmt. Von sich selbst sagt der Präriewolf, daß er so weit riechen würde, wie die anderen Tiere sehen können, daß er stehlen und manchmal selbst menschliche Wesen anfallen würde.

»Nun steht auf und macht euch fertig. Wenn ich viermal gerufen habe, müssen wir alle zu unserem Wohnort laufen.« Alle standen auf, und der Präriewolf rief:


»ē – ī – ye!

ē – ī – ye!

ē – ī – ye!

ē – ī – ye!

yū – he! wē wē!«


Da wurden alle in die Vögel und Tiere verwandelt, die der Präriewolf bestimmt hatte, und gingen an ihre Plätze. Der Präriewolf ging zuletzt.


  • Literatur: Journ. of Am. Folklore 19, 48

[13] Hier haben wir offenbar Tierfetischismus (Animalismus). Aus den übrigen Sagen, die hierher gehören, hebe ich eine der Cherokee hervor (S. 255). Die Tiere senden den Menschen Krankheiten und böse Träume. Dem Jäger wird die Verpflichtung auferlegt, das Wild um Verzeihung zu bitten, wenn er es töte; sonst werde er durch Rheumatismus zum hilflosen Krüppel werden. Diese Sage hat bekanntlich ihr Gegenstück in der Sitte, das verehrte und doch getötete Tier durch Rede oder auch Handlung zu versöhnen.

Auch der Animismus ist, wie aus dem letzten Kapitel hervorgeht, auf die Entstehung von Tiersagen von Einfluß gewesen. Der Naturmensch hat bei seiner auf sinnlich konkrete Wahrnehmungen gerichteten Geistesart das Bestreben, sich die Seele, die den Körper verläßt, unter einer Gestalt vorzustellen. Er wählt hierfür Tiere, die dem geheimnisvollen, beweglichen Wesen der Seele zu entsprechen scheinen, Insekten, Schlangen, Eidechsen, Fledermäuse, namentlich Vögel. Er wählt sie um so eher, als er die Scheidelinie zwischen Mensch und Tier nicht kennt.

Inwieweit sich gleich dem Glauben auch die Sitten und Bräuche in den Sagen widerspiegeln, kann ich in dieser kurzen Einführung nur durch ein Beispiel andeuten. Es ist in den Indianersagen viel vom Bemalen die Rede, und zwar wird besonders gern das Rotfärben erwähnt, nicht selten auch das Schwärzen durch Ruß oder dergleichen. Andere Farben stehen dagegen auffallend zurück. Ich verweise hierzu auf die Beobachtungen, die von den Steinen am Schingú gemacht hat (Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens S. 419). Danach sind die Farbstoffe, die den Eingeborenen zur Verfügung stehen, Weiß, Schwarz, Rot und Gelb. Blaue und grüne Farbstoffe sind nicht vorhanden. Der Mensch, nach natürlicher Anlage jederzeit für den energischen Eindruck von Rot am meisten empfänglich, hat gerade für diese Farbe auch mineralische und vegetabilische Pigmente am reichlichsten vorgefunden. Holzkohle, Ruß und mehrere Harze liefern Schwarz. Kreidig weiße Tonerde, die mit Wasser angerührt wird, benutzen die Eingeborenen am Schingú, doch nicht zum Bemalen des Körpers. Der nächsthäufige Farbstoff ist Gelb, während die grünen und blauen Farbstoffe erst späte Erzeugnisse der Färbetechnik sind.

So viel mag zur ersten Einführung genügen. Der Schlußband wird sich im einzelnen mit der Geschichte und Psychologie der Sagen zu beschäftigen haben.

Fußnoten

1 Charles A. Eastman, Indian Boyhood. New York, Mc. Cleere, Philipp and Co., 1912.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912.
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