I. Die Urform.

[46] Äsop (ed. Halm, Nr. 420) erzählt, daß der Hase und die Schildkröte einst um die Wette liefen. Der Hase verließ sich auf seine flinken Beine und legte sieh am Wege schlafen; die Schildkröte, in dem Bewußtsein ihrer Langsamkeit, lief ohne Unterlaß, überholte den schlafenden Hasen und gewann den Sieg, einen Sieg der Beharrlichkeit über die Nachlässigkeit. (Ὅτι πολλάκις φύσιν ἀμελοῦσαν πόνος ἐνίκησεν).

In einer Variante (Halm, Nr. 420 b) hat diese knappe, nur in Umrissen gehaltene Fabel etwas mehr Fülle und Farbe empfangen. Der Hase verspottet den trägen Gang und die Füße der Schildkröte, und diese fordert ihn zum Wettlauf heraus (ἐγό σε τὸν ταχὺν ἐν τοῖς ποσὶ νικήσω). Der Hase willigt siegesgewiß ein. [Alles dies findet sich in den unten angeführten Volksmärchen zum Teil wörtlich wieder.] Als Schiedsrichter, der die zu durchlaufende Strecke bestimmt, tritt der Fuchs auf. Im übrigen wie oben.

Wie eine große Zahl von Märchen beweist, gehört der Sieg des Schwachen zu den beliebtesten Erzählungsstoffen aller Zeiten und Völker, und so hat auch diese anziehende Fabel eine weite Verbreitung erlangt. Zunächst natürlich auf griechich-römischem Gebiet.

Der Byzantiner Tzetzes setzt sie als bekannt voraus, wenn er sich (Chiliade VII, 105) mit der kurzen Andeutung begnügt:


Ὁ μυϑογράφος Αἴσωπος τοῖς μύϑοις αὐτοῦ γράφων,

Ὡς ἡ χελώνη λαγωὸν ἐνίκησε τοῖς δρόμοις,

Ὡϑεῖ πρὸς πόνους ἀφυεῖς, ὀξεῖς ἐκτρέπει νάρκης.


In späteren Fabelsammlungen finden wir die erste Fassung ohne wesentliche Abweichung wieder, im Arabischen bei Loqmân Nr. 20, im Syrischen bei dem sogen. Sophos, hrsg. von Landsberger, Nr. 38, im Italienischen[46] bei Verdizotti (Cento favole morali, Venez. 1577) Nr. 80 und dem mir nicht zugänglichen Ces. Pavesio (150 favole tratti da diversi autori, Venet. 1587) Nr. 150, im Französischen bei Lafontaine (Oeuvres p. Henri Regnier 2, 31) und andern Fabeldichtern (siehe die Nachweise bei Robert, fables inédites 2 [1825], p. 23). Natürlich überbietet Lafontaine die Kürze der antiken Vorlage durch breite und lebendige Darstellung, aber er fügt kein neues Motiv hinzu. Am Anfang wird (wie in der ersten Variante) keine Veranlassung zum Wettlauf angegeben; es heißt nur (wie in der zweiten Variante), daß die Schildkröte den Hasen herausfordert und sich vermißt zu gewinnen. Der Hase verlacht ihre Torheit, nimmt die Wette an und verliert wie bei Äsop.

Eine französische Nachdichtung von Guill. Haudent, apologues d'Esope (Rouen 1547) IIe partie, fab. 40 und eine deutsche bei Burkhard Waldis, Esopus, Buch 3, Fabel 76 erzählen die Geschichte vom Hasen und der Schnecke. Diese Form beruht auf Vermengung mit einem später zu besprechen den Volksmärchen.

Eine wesentliche Veränderung zeigt eine Fabel bei Libanius, der sich in den προγυμνασμάτων παραδείγματα an einer wenig glücklichen Nachbildung des Originals versucht hat (Opera ed. Reiske IV, 853; auch in Äsops Fabeln ed. Koraes, S. 188).

Ich unterlasse es, den Wortlaut mitzuteilen, und gebe statt dessen eine armenische Fassung, die auf Libanius beruht. Sie steht als Nr. 2 in einer kleinen Sammlung von Fabeln des Olympianos1 (Arrhakkh Oghompianou), die im Jahre 1842 (auch 1854) von Mitgliedern der haikanischen Akademie auf S. Lazaro bei Venedig – armenischen Mechitaristen – herausgegeben wurde (hinter Arrhakkh Mchitaraj Goschi, Fabeln des Mchitar Gosch, S. 169–187). Übersetzt ist sie in »W. Roths Leben und Erstlingschriften« 1862, S. 67, wie folgt:


Eine Schildkröte rief das Pferd zu einer Probe des Laufes2; und als ob vorher bestimmt sei die Siegerschaft, so machte das Pferd sowohl die Sache zum Gespött, als auch überlieferte es sich gänzlich dem Wohlleben und der Trägheit; und der Schildkröte Geschäft war Läufe und sehr häufige Übungen, und sie wuchs durch ihre Übungen an Schnelligkeit. Wie (nun) kam die Zeit der Probe und sich füllte der Zuschauerplatz3 und ins Freie gekommen sie dastanden und das Zeichen entgegennahmen zum Lauf, alsdann war das Pferd gewaltig durch Trägheit gefesselt und konnte nicht einmal gehen; aber die Schildkröte vollendete schneller, als irgend einer von ihr erwartet hätte, den Lauf und erschien als Sieger. Nicht[47] darf man alles der Natur anvertrauen, sondern daß einem jeden Übung und Eifer nötig sei.


Die stoffgeschichtliche Bedeutung der Fabel liegt darin, daß wir das Bestreben erkennen, eine einfache Handlung willkürlich aufzuputzen. Das geschieht dadurch, daß ein neues Tier eingeführt wird, das Pferd statt des Hasen, daß das Verhalten der beiden Gegner von dem der ursprünglichen Fassung erheblich abweicht und daß auch die Ausführung des Wettlaufes in andern Formen geschieht. Wichtig ist vor allem die Änderung des Hauptgedankens, daß nicht mehr die zähe Ausdauer beim Laufen, sondern die vorhergehende eifrige Übung den Sieg über die Nachlässigkeit davonträgt.

Mit derselben Willkür, mit der der literarische Bearbeiter dem gegebenen Stoffe neue Seiten abzugewinnen suchte, ging man noch mehrmals an die Aufgabe des Umschaffens heran. Die äsopische Fabel genügte nicht jedem Geschmack.

Vielleicht wurde die Einfachheit der Handlung als dürftig empfunden, wie das jene Variante (Halm 420 b) zu bezeugen scheint, in der durch allerlei Ausschmückung dem Übel abgeholfen wird. Vielleicht galt die Vorstellung von dem schwerfällig ans Ziel kriechenden Sieger als gar zu sonderbar, oder die Dummheit des Hasen, der sich für den Schlaf eine möglichst unpassende Zeit erwählt, als wenig glaublich. Genug, an beiden Mängeln – wenn es solche sind – setzte die Überarbeitung ein.

Nun liegt offenbar in der Beharrlichkeit der äsopischen Schildkröte auch ein gut Teil praktischer Klugheit. Sie baut auf den Leichtsinn des Hasen, zum mindesten auf seine allbekannte Gewohnheit, oft stillzusitzen; sie weiß, was man mit Ausdauer erreichen kann und wie oft andererseits durch Unbeständigkeit aller Erfolg verloren wird. In dem Verhalten des Hasen liegt ein gut Teil Hochmut. Er baut auf seine natürlichen Gaben und hat es nicht nötig, sie durch eigne Arbeit zur Geltung zu bringen, zum Erfolge zu führen. (Diesen Zug hat schon der Bearbeiter der äsop. Variante erkannt und in dem neuen Anfange zum Ausdruck gebracht.) Wenn man nun jene beiden Charakterzüge, die Klugheit des langsamen Tieres und den Hochmut des schnellen, in hellere Beleuchtung rücken wollte, so ergab sich die Einführung eines neuen Motivs. An die Stelle der Beharrlichkeit der Schildkröte trat die List, und die List siegte über den Hochmut. Die so überarbeitete Form der äsopischen Fabel hat sich als Volksmärchen die Welt erobert.

Fußnoten

1 Über diese s. Neumann, Zs. d. dt. morgenl. Ges. 2, 118 f.


2 Bei Libanius genauer; entsprechend der äsopischen Vorlage ist die Herausforderung als Antwort auf den Hohn des auf seine Schnelligkeit stolzen Pferdes dargestellt.


3 Bei Libanius ist genauer angegeben, welche Tiere herbeikamen, auch daß sie schon vorher auf diesen Wettlauf aufmerksam waren.


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 48.
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