E. Die afrikanisch-europäische Märchengruppe.

[68] Während die Person des Besiegten in den angeführten Varianten sehr oft wechselte, war der Sieger fast immer die Schildkröte. Anders in Nordwestafrika und in Europa, wo insofern eine erhebliche Abweichung vorhanden ist, als der Igel statt der Schildkröte auftritt. Ich verzeichne zunächst die mir bekannten Märchen und beginne mit einer Fassung, die ich hinsichtlich des Ganges der Handlung für eine verhältnismäßig gute halte, wiewohl sie willkürlich den Wolf statt des Hasen besiegt werden läßt Einzelne Züge, die zu der bisherigen Handlung hinzukommen, bezeichne ich mit E und F.


E1: Beide Tiere besitzen und bebauen ein Stück Land gemeinsam.

E2: Dies führt zu einem Streit über den Anteil am Ertrage.

E3: Ein Schiedsrichter veranlaßt den Wettlauf (es ist dies eine Ausschmückung für das ebenfalls vorkommende A2: der Igel bietet die Entscheidung durch den Wettlauf an).

E4: Der am Ziel – dem strittigen Getreidehaufen – stehende Igel zählt bei Ankunft des Gegners in voller Gemütsruhe die Scheffel (Steigerung des einfachen Zurufes: Hier bin ich!)

F: Der Streit über den Feldertrag ist erweitert durch das Motiv der freigestellten Wahl dieses Ertrages (die Wahl des Oberen und des Unteren führt jedesmal die Niederlage des Wählenden herbei).1


26. Märchen der Berber von Tamazratt.


Wolf und Igel waren Genossen, [E1] sie besaßen ein Landgut und bebauten dies. [E2] Einst gerieten sie aber doch in Streit. [E3] Sie begaben sich zum Richter und trugen ihm ihren Streitfall vor. Der Richter gab folgendes Urteil: Einer soll das ganze Gut besitzen! Der Igel versetzte: »Nein! Ich übernehme es weder, noch gebe ich es hin! [A2] Wir wollen es lieber so machen: wir entfernen uns drei Meilen vom Gute, und dann laufen wir nach demselben zurück. [A3] Und der, welcher zuerst kommt, soll das ganze Gut bekommen!« Der Wolf versetzte: »Gut! Gott befohlen!« [A1] Er bemerkte noch: »Deine Füße sind aber sehr kurz, wie wirst du mit mir um die Wette laufen können?« »Ich kann es schon,« erwiderte der Igel. »Also los!« sprach der Wolf. Der Igel versetzte: »Warf noch ein wenig! Drei Stunden vor Mittag (um 9 Uhr) wollen wir uns hier wieder treffen!«

Der Igel besaß aber sieben Kinder. [B1] Die versteckte er an verschiedenen[68] Stellen; das letzte versteckte er an der Grenze des Gutes. Dann sprach er zum Wolf: »Wohlan denn! Laß uns nun, der eine neben dem andern, los rennen!« Sie begannen ihren Wettlauf. Der Wolf rannte natürlich viel schneller. [B2] Aber wo er auch pausierte, überall fand er, daß der Igel schon vor ihm da war. So ging es bis an die Grenze des Landgutes. [B3] Auf dem Gute selbst erblickte der Wolf den Igel oben auf der Getreidetenne sitzen; der war ruhig bei der Arbeit und rief gerade: [E4] »Sechzehn (Säcke), ohne die Spreu zu rechnen.«


  • Literatur: H. Stumme, Märchen der Berber von Tamazratt Nr. 19.

27. Aus Marokko.


Über das marrokkanische Märchen berichtet Quedenfeldt, Verh. d. Berl. anthrop. Ges. 1886, 682 kurz so: »Unsere Sage vom Swinegel findet sich in Marokko gleichfalls, nur ist der Wettende hier nicht ein Hase, sondern ein Schakal, der so lange zwischen zwei Getreidehaufen, [C] in denen der Igel und dessen Frau sitzen, hin und her läuft, [B4] bis er tot zu Boden stürzt


28.–30. Erweiterung durch das Motiv der Wahl des Ernteertrages (F.).


28. Märchen der Schaūi.


[E1] Schakal und Igel bestellen gemeinschaftlich ein Zwiebelfeld [E2 + F] und verabreden auf des Schakals Vorschlag, daß dieser selbst das Untere, der Igel das Obere erhalten soll. Der Igel erhält die Blätter und merkt, daß er betrogen worden ist. Darauf bestellen sie ein Getreidefeld und verabreden das Umgekehrte; der Schakal erhält also das Getreide, der Igel die Stoppeln. [A2] Er schlägt vor, einen Wettlauf entscheiden zu lassen; [A3] der Sieger soll das Getreide haben. Der Schakal ist einverstanden. [B1] Der Igel heißt seine Brüder sich längs des Weges verteilen und verstecken, dann beginnt der Lauf. Während der Schakal in voller Hast dahinstürmt, mißt der Igel das Getreide ab, das am Ort des Ablaufes liegt. [B2] Beim Laufen fragt der Schakal: »Igel, wo bist du?« und es antwortet einer der Brüder: »Hier bin ich.« [B3] Als der Schakal zum Getreidehaufen zurückkommt [der Lauf geht also hin und zurück], sagt der Igel: [E4] »Ich bin beim sechzehnten Maß.« Der Schakal erklärt sich für besiegt.


  • Literatur: G. Mercier, Le Chaouia de l'Aurès (Paris 1896), p. 71.

Diese Geschichte ist nach p. 68, Anm. 1: »très connue de tous les conteurs arabes aussi bien que berbères.«


29. Märchen der Zuaven (Distrikt Zuana in der algerischen Provinz Konstantine).


[E1] Schakal und Igel bestellen gemeinsam erst ein Zwiebelfeld, dann ein Getreidefeld; [E2 + F] bei der Teilung wird der Schakal zweimal vom Igel in der bekannten Weise betrogen und verlangt nochmalige Teilung. Der Igel weigert sich, und [As entstellt2] der Schakal schlägt einen Entscheidungswettlauf vor. [A3] Wer zuerst zur Tenne kommt, soll bekommen, was sie enthält. »Gut!« sagt der Igel und [C] versteckt seinen Bruder in das Innere eines Getreidehaufens. [B2] Dort findet ihn der Schakal, als er im Wettlauf anlangt. »Wir wollen noch einmal laufen 1« ruft er. »Gut!« »Sie entfernten sich. Der Igel nahm nun den Platz[69] seines Bruders ein, und nach dem Lauf [B3] fand ihn der Schakal wieder [E4] beim Getreidemessen. Da ging er fort


  • Literatur: Basset, Contes pop. herberes p. 14. Original in dessen Manuel de la langue kabyle textes p. 16.

30. Aus Malta.


[E1] Schakal und Igel besäen auf des Schakals Vorschlag gemeinschaftlich ein Feld. [F] Als die Saat emporgewachsen ist, läßt der Igel den Schakal wählen, ob er das Untere oder das Obere haben will; der Schakal wählt das Obere. So erhält er Blätter, der Igel aber Rüben. Im nächsten Jahre säen sie wieder, und als sie den Ertrag teilen wollen, wählt der Schakal das Untere. Der Igel erhält den Weizen, der Schakal dessen Wurzeln.. [E2] Dieser verklagt nun den Igel. [E3] Die Verhandlung findet vor einem anderen Igel statt, und dieser entscheidet: »Rennt auf den Berg dort und dann wieder hierher zurück, und wer hernach den meisten Weizen auf der Tenne hat abmessen können, der soll den Weizen haben.« [B1] Der Igel hat drei Brüder. Den einen läßt er auf der Tenne beim Weizen, dem andern weist er einen Platz inmitten des zu durchlaufenden Weges an, den dritten läßt er noch etwas weiter sich aufstellen. Dann ruft er den Schakal zum Wettlaufen herbei. [B2] Als der Schakal ein Stückchen gerannt ist, sieht er den einen der drei Igel vor sich und beschleunigt seinen Lauf, um ihn zu überholen. Der Igel versteckt sich, als der Schakal vorübergerannt ist, im Heu; als der Schakal zurückkommt, findet er ihn wieder vor sich, [B3] und als er zur Tenne gelangt, sieht er den Igel [E4] Weizen abmessen mit den Worten: »Fünfzehn Metzen! Und das ist die sechzehnte!« Da rief der Schakal: »Nimm nur den ganzen Weizen, ich will nichts haben!«


  • Literatur: H. Stumme, Maltesische Märchen Nr. 33.

31. Literarische Überlieferung aus dem 13. Jahrhundert.


Eine solche Erzählung, die den Igel enthielt, findet sich schon in einem lateinischen Gedichte des 13. Jahrhunderts.


[E1] Hirsch und Igel haben gemeinsam ein Feld bestellt. Als nun wilde Tiere die Saat verwüsten, losen die beiden, wer den Acker bewachen soll, und das Los trifft den Hirsch. Dieser beteiligt sich jedoch an der Verwüstung, und der Igel verlangt entrüstet die Wache für sich, um den Rest der Saat zu retten. Das gelingt ihm, [E2] und sie gehen an die Teilung des Ertrages, doch können sie sich nicht einigen. [E2] Endlich bringt der Hirsch einen Schiedsrichter, den Eber, herbei, und dieser [A + A3] fällt den Spruch: »Wer am schnellsten die Flur (prata) durchlaufen könne, dem solle der Acker gehören.« Jammernd kommt der Igel nach Hause. Seine Frau erinnert ihn daran, daß sie ja gleiches Aussehen hätten:


[C] »igitur consilium sanum tibi dabo.

vobis simul stantibus ego contra stabo;

cum ad me cucurrerit, tunc ego clamabo:

[B3] perveni citius, ex hoc tibi prata negabo.

[B4] hoc idem tu facies, donec sit confusus

et recedat penitus lassus et illusus.«

hoc artis ingenio cervus est conclusus,

contra spem misero fructus conceditur usus.


  • Literatur: (Folgt Nutzanwendung: Der Übermütige wird bestraft. Verachte nicht den Schwachen. List vermag mehr als Gewalt.)
    Zeitschr. f. dtsch. Altert. 12, 527 = Th. Wright, Latin stories (1842), 171.

[70] 32. Notiz aus dem 15. Jahrhundert.


In einer Sammlung Versus proverbiales vom Jahre 1494 (Mskr. Nr. 2 der Bibl. der ehemaligen Ritterakademie zu Lüneburg) finden sich folgende Verse:


Ericius fatur: supra omnia sors dominatur,

Festinans contra celerem sumens sibi cursum.

Glück walt als spil spricht man,

do lief der ygel den berenn an.


33. Grimms Märchen Nr. 187.


[E1] Eine Spur der alten Überlieferung vom gemeinsamen Ackerbau zeigt der Anfang, wo der Igel ins Feld geht, um zu prüfen, wie seine Steckrüben stehen, und der Hase, um seinen Kohl zu besichtigen. [A1] Darauf folgt, wie im 26. Märchen, der Hohn des Hasen und [A2] die Antwort des Swinegels, der ihn zum Wettlauf herausfordert. [A3] Als Preis wird, da das Motiv des gemeinsamen Ackerbaues verdunkelt und nicht mehr als solches wirksam ist, »en goldne Lujedor un'n Buddel Branwin« ausgesetzt. Der Swinegel geht dann nach Hause, aber nicht jammernd, wie in Nr. 31. Er ist (ebenso wie in andern Varianten die Schildkröte) von vornherein des Sieges sicher und hat seine List schon fertig im Kopfe. Er heißt seine Frau sich anziehen und aufs Feld gehen, weil er mit dem Hasen um die Wette laufen wolle, und nun jammert umgekehrt die Frau. [CB3] Unterwegs erklärt er ihr die bekannte List. Die Situation beim Wettlauf – Hase in der einen, Igel in der andern Furche – ist genau dieselbe wie in Amerika – Reh am einen, Schildkröte am andern Ufer. [B4] Der Hase fällt schließlich tot hin.


  • Literatur: Zur Geschichte der Überlieferung dieses Märchens siehe KHM. 3, zu Nr. 187 und Wolfs Zschr. f. dtsch. Myth. 1, 381–383.

34. Englisches Märchen.


In den Notes and Queries 1851, S. 3 ist für Northamptonshire ein Wettlaufmärchen bezeugt, das mit dem Grimmschen übereinstimmt, nur läuft dort der Fuchs statt des Hasen. (»In all other respects the English tale runs word for word [!?] with the German.«)


35. Polnisches Märchen.


Im polnischen Märchen wetten der Igel und der Hase, wer den andern überholen würde. Der Igel fing es listig an: er stellte auf den Platz, zu dem der Abmachung gemäß hingelaufen werden sollte, einen andern Igel auf, und der arme Hase, – so oft er auch von einem Punkt des Feldes zum andern lief, – stets fand er den Igel schon zur Stelle.


  • Literatur: Sumcov in den Etnogr. Obozr. III (1891), 3, 81 (= Buch X, 81). Er verweist auf Zbiór wiadomości do antropol. krajowej XI, S. 37, Nr. 3 (wo ebenfalls nur eine ganz kurze Inhaltsangabe steht: Hase und je ein Igel am Ausgangspunkt und am Ziel), sowie Chełkowski, Powiesci II, 97 (mir nicht zugänglich).

36. Lettisches Märchen.


Der Igel will den Hasen anführen und wettet mit ihm, wer schneller laufen könne. Wenn der Igel verliere, will er zehn Stacheln aus seinem Pelz hergeben;[71] verliert der Hase, so soll ihm der Igel ebensoviele Haare aus dem Schnurrbart raufen dürfen. Der Hase unterliegt infolge der bekannten List. »Der Igel riß dem Hasen zehn Barthaare aus und steckte fünf seinem Bru der und fünf sich selbst an die Lippen. Seit jenem Tage haben alle Igel solche Hasenbärte an den Lippen.«


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis, auch in russischer Übersetzung: Živaja Starina 5, 442.

Den Schluß dieses Abschnittes mögen zwei französische Fassungen bilden, die sich als Mischformen darstellen. Die erste enthält den Ackerbau und die Hilfe mehrerer Kröten (vgl. ob. A und B), die zweite hat ihre zwei Schnecken aus anderen französischen Märchen entlehnt, die unten zu besprechen sind.


37. Aus dem Departement Gard.


Der Fuchs und die Kröte bearbeiten gemeinsam ein großes viereckiges Stück Land und säen Getreide. Da der Fuchs den ganzen Acker allein haben möchte [A], so schlägt er einen Wettlauf vor: Wer zuerst um das Feld herumkomme [A3], dem soll das Getreide gehören. [B1] Die Kröte holt »die drei erfahrensten der Krötenschaft« zu ihrer Hilfe und setzt sie an drei Ecken des Feldes; sie selbst setzt sich an die erste Ecke. Hier beginnt der Lauf. [B2] Der Fuchs macht an jeder Ecke Halt und ruft: Wo bist du, Kröte? und eine Stimme antwortet ihm: Hier vor dir! Ganz erschöpft, weil er sich immer mehr angestrengt hat, kommt er zur ersten Ecke und [B3] findet, daß die Kröte wiederum vor ihm dort ist.


  • Literatur: Rolland, Faune populaire 3, 61; auch Sébillot, Folklore de France 3, 290.

38. Aus der Haute-Bretagne.


[A1] Der Fuchs verspottet die Langsamkeit der Schnecke. [A2] Diese schlägt einen Wettlauf vor: wir werden sehen, wer von uns beiden am schnellsten ans Ziel gelangt. Sie verabreden sich am nächsten Tage am Anfang einer Ackerfurche zu treffen. Die Schnecke holt eine ihrer Gevatterinnen [C] und heißt sie, sich ans Ende der Furche aufstellen; und wenn der Fuchs dort ankommt, soll sie rufen: Hier bin ich! [B2] Der Fuchs läßt sich durch die List täuschen, wiederholt den Lauf nach dem Anfang der Furche zu und trifft nun die andere Schnecke. Er fällt tot um.


  • Literatur: Sébillot, Littérature orale de la Haute-Bretagne p. 237 = Folklore de France 3, 338 (»le même conte« in Loiret und Deux-Sèvres bei Rolland, Faune pop. 3, 208; Souché, Proverbes 19; beide Werke stehen mir zur Zeit nicht zu Gebote).

Die Frage, wie die engere Zusammengehörigkeit der afrikanisch-europäischen Gruppe zu erklären ist, läßt sich besser erst dann behandeln, wenn wir noch andere europäische Märchen ins Auge gefaßt haben, die einem völlig neuen Formtypus angehören.

Fußnoten

1 Über die Verbreitung dieser Teilungsgeschichte s. Bolte, Zeitschr. d.V.f. Volksk. 1898, 21. Chauvin, Bibl. arabe 2, 159.


2 Der Igel müßte den Vorschlag machen.


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 72.
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