VI. Nachbildungen.

[93] 70. Aus Rügen.


Eine Snik un ein Maikäwer bigegneten sik unner en'n Boomstamm un vertürnten sik, wen von en de Blärer baben inne Krön hüren deeren. De Snik sär: »Se hüren mi, denn ik bün toirst hier wäst.« De Maikäwer sär: »Dat sünt min, denn unner de Wördel heww ik all lang vor di bi dissen Boom wohnt.« – »Goot,« sär de Snik, »wi will'n werren. Wer toirst den Stamm to höchten kümmt, denn[93] hüren de Blärer; äwer een Toll Vösprung un beir denselben Weg.« »Du säst twee hebben!« lacht de Maikäwer un buddelt sik vor Freur een lütt Irbad torecht. De Snik treckt los un makt dorbi een' dicken Sliemweg. Nah twee Toll Vörsprung fung de Maikäwer an to höchten to zappeln. Äwer he kunn nich Foot faten, wiel dat so glatt wier. Also keem de Snik toirst baben an, freet de Blärer af un smeet denn Maikäwer de Blattrippen nah unner.


  • Literatur: Blätter f. pomm. Vk. 3, 44.

71. Aus Schweden.


Der Teufel (Skam) wollte Tita Grå zu seinem Dienstmädchen haben; am Ende wurden sie eins, daß sie um die Wette laufen wollten. Verlor sie, so mußte sie in seinen Dienst treten. Sie hatte aber eine Schwester, die ihr ähnlich war wie eine Beere der anderen. Grå Lora war ihr Name. Als der Wettlauf angehen sollte, stellte sich Grå Lora am Ziele auf, Tita Grå und der Teufel standen gegenüber am anderen Ende. »Jetzt geht's los!« rief der Teufel. Aber als er am Ziele ankam, rief ihm Grå Lora entgegen: »Hier bin ich schon!« Der Teufel rannte wieder zurück. »Hier bin ich schon!« sprach Tita Grå, und der Teufel lief, bis er die Beine bis an die Knie abgenutzt hatte. Da sprach er: »Ich habe verloren«. Seit der Zeit ist kein grüner Grashalm auf der Ebene zu finden, daher sie »Svarte mose« (Schwarzes Moor) genannt wird. Das liegt, wie du wohl weißt, in Usta Kirchspiel.


  • Literatur: J. Henriksson, Plägseder och Skrock (Åmål 1889) S. 58.

Variante.


Nur die eine Schwester, Tita Grå, wird mit Namen genannt. Die beiden Schwestern standen strickend. Der Teufel und Tita liefen um ein paar Schuhe um die Wette. Da er am Ziele anlangte, stand dort das Weib [das er für Tita hielt] mit einem Strickstrumpf in der Hand und sagte: »Wohlan, jetzt laufen wir wieder!« Zuletzt gab der Teufel die Wette verloren, brachte die Schuhe auf einer langen Stange und reichte sie der Tita mit den Worten: »So viel länger die Stange ist als du, so viel häßlicher bist du als ich.«


  • Literatur: A. Bondeson, Historiegubbar på Dal (Stockholm 1886), S. 109.

72. Aus Finnland.


a) Wie mir Herr Dr. O. Hackman mitteilt, ist bei den Finnen der Wettlauf auch in der Form bekannt, daß der Teufel mit dem ihn auch anderweitig foppenden Bauern Matti (Mathias) um die Wette läuft. Matti hat dann entweder einen Bruder von völlig gleichem Aussehen und gleicher Kleidung (so in zwei Varianten aus dem westlichen Finnland, aus den Kirchspielen Luvia und Nakkila), oder seine Frau zieht Kleider von ihm an, wodurch sich der Teufel täuschen läßt. (Drei Varianten, eine aus Jùva, im mittleren, die zweite aus Kittilä im nördlichen Finnland, die dritte endlich von den Kareliern im russischen Gouvernement Archangelsk.)

b) Der Fuchs wollte einmal mit dem Pferd in die Wette laufen; er biß sich in den Schwanz des Pferdes fest; das wurde der Hase gewahr und lachte so übermäßig, daß seine Lippe barst.


  • Literatur: Nyland IV, 100.

73. Märchen der Lur in Wadelai (Sudan).


Eines Tages sagte der Hase zur Erde: »Du rührst dich nicht, du stehst beständig fest; warum das?« – »Du täuschest dich,« erwiderte die Erde; »ich laufe[94] mehr als du.« – »Es soll auf den Beweis ankommen!« rief der Hase und fing zu laufen an. Nachdem er eine lange Strecke durcheilt hatte, hielt er, des Sieges versichert, inne. Aber zu seiner großen Überraschung sah er die Erde noch immer unter seinen Füßen. Öfter noch wiederholte er die Probe, bis er, durch die langen Anstrengungen ermüdet, zu Boden sank und starb.


  • Literatur: Casati, Zehn Jahre in Äquatoria 1, 309. Ins Holl. übers.: Ons Volksleven 11, 196.

74. Märchen von der Guineaküste.


Der Engena ist ein großer mächtiger Affe, aber der Telinga ganz klein und spuchtig. Er lebt auf den Bäumen und kommt nur selten auf die Erde, aber alle diese Tierchen sehen einander ähnlich, und man kann sie nicht voneinander unterscheiden.

Nun ging es im Walde eines Tages sehr munter zu, und alle lachten und waren froh, denn der Engena hatte weit und breit Boten ausgeschickt, die bekannt machten, daß er seine schöne Tochter verheiraten wolle. Wer ein ganzes Faß Rum austrinken könne, der solle sie haben.

An einem bestimmten Tage stand das Faß bereit. Da kam zuerst der Elefant ruhig und mit gemessenem Schritt und trat vor den Waldkönig hin, der auf einem aus Baumzweigen geflochtenen Throne saß. Als er das kleine Faß da stehen sah, lachte er verächtlich und sprach: »Ich kann viel solcher mit Wasser gefüllten Fässer trinken und bin meiner Sache sicher.« Als er aber den Rum zu schmecken begann, warf er seinen Rüssel in die Höhe und lief schneller in den Wald zurück, als er gekommen war.

Dann erschien der schlanke Leopard, streckte sich vor dem Waldkönig aus und sprang dann mit einem gewaltigen Satz auf das Faß. Als er aber Rum geleckt hatte, fiel er flugs zur Erde, schrie, daß Feuer auf seiner Zunge brenne, ließ Kopf und Schweif hängen und kroch heulend nach seiner Höhle.

Wer trat nun auf? Der wilde Eber, der laut und heiser lachte und sich sehr wunderte, daß Elefant und Leopard vor dem kleinen Dinge da – er meinte das Faß – fortgelaufen seien. »Meine Zunge ist nicht so fein,« sagte er, ging dreist und keck hinzu und nahm einen Schluck. Aber nur einen einzigen, denn auch für ihn war der Rum zu stark. Er schimpfte sehr über den Menschen, welcher das Feuerwasser erfunden habe, und zog auch ab.

Der Engena machte große Augen, als der kleine Telinga schüchtern herankam. »Nun, was willst du hier, du kleiner Bursch; du möchtest wohl gar meine Tochter haben?« so sprach der große Waldkönig.

»Jawohl, die möchte ich gern haben,« sprach der Kleine, blieb aber in einiger Entfernung stehen, denn sonst hätte ihn vielleicht der Engena mit seinen langen Armen gepackt. »Ich hoffe, du erlaubst mir einen Versuch. Aber ich bin klein, und darum gestattest du mir wohl, daß ich nach jedem Schluck ein bißchen abseits gehe.«

Der kleine listige Bursche hatte aber einige Tausend von seinem Stamme aufgeboten, die sich ringsum in dem hohen Grase versteckt hielten; die sollten ihm helfen. Nachdem er nun einen Schluck Rum genommen, lief er schnell fort; aber bald kam ein anderer, der es ebenso machte, und so ging es fort, bis aller Rum ausgetrunken war. Der Waldkönig bemerkte aber nicht, daß immer ein anderer kam, denn ein Telinga sieht ja genau so aus wie alle übrigen.

Endlich kam der erste wieder; er hatte mittlerweile seinen Rausch ausgeschlafen und verlangte nun die Braut für sich. Der Waldkönig gab sie ihm nicht gern,[95] denn jener war doch gar zu klein; da er aber ein Mann von Wort war, so mußte er sich darein finden. Der Telinga war aber sehr stolz, als er die Tochter des Waldkönigs mit sich nahm. Ja, sein Glück war ihm dermaßen zu Kopfe gestiegen, daß er gar nicht hörte, wie es neben dem engen Pfade im Walde rauschte und brummte. Da erhielt er plötzlich vom Elefanten einen Schlag mit dem Rüssel und fiel nieder; gleich darauf kam auch der Leopard und setzte ihm die Krallen auf die Brust. Die beiden waren nämlich ganz ergrimmt darüber, daß ein so winzig kleiner Bursche ihnen die Braut weggefangen hatte; er sollte sie ein für allemal nicht haben. Zwar ließen sie ihn am Leben, aber er wurde fortgejagt. Vor Schrecken und Angst kletterte der Telinga auf einen Baum bis in die höchsten Zweige und verschwor sich, nie wieder auf die Erde herabzukommen, wo es so schändlich ungerecht hergehe.


  • Literatur: J. Leighton Wilson, Western Africa, its history, condition and prospects. London 1856, S. 382. Übersetzt in der Russischen Revue, hg. von W. Wolfsohn HI, 1864, S. 387 ff.
Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 93-96.
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