4. Kapitel.

Die Hasen und die Frösche.[97] 1

Die Äsopische Fabel von den Hasen und Fröschen berichtet, daß die Hasen in der beschämenden Erkenntnis ihrer Furchtsamkeit und Schwäche den Beschluß fassen, sich zu ertränken. Als sie an ein Ufer kommen, an dem Frösche sitzen, springen diese, von dem Lärm der herannahenden Menge erschreckt, in das Wasser. Darauf wendet sich einer der Hasen zu den übrigen und ermahnt sie zur Umkehr, denn andere Tiere seien ja noch schlimmer daran als sie.

Diese Fabel hat sich einer weiten literarischen Verbreitung erfreut.


  • Literatur: Vgl. Oesterley zu Kirchhof, Wendunmuth 7, 158. Kurz zu Waldis 1, 23. Hans Sachs, Fabeln u. Schw. hg. von E. Goetze 1893, 1, Nr. 20; hg. von Goetze u. Drescher 3, Nr. 15 (nach Steinhöwel II, 8; darüber s. Stiefel, Nürnberger Festschrift, S. 55). Erasmus Alberus, Nr. 20 (hg. von Braune, S. 88 f, vgl. S. L). Boner, Edelstein 32. Wright, Latin stories app., S. 152.

[97] Weniger bekannt ist eine französische handschriftliche Überlieferung aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts:


Ci nous dist fable, comment un tropel de lièvres s' en fouirent pour le vent qui remuoit les feuilles du bois et aloient disans: Comme sommes ores couars qui pour les feuilles du bois laissons nos habitations. Come un tropel de raines les oïrent qui estoient au soleil, si saillirent en l' yaue de paour. Lors dist uns anciens preudoms de lièvres, nous ne sommes mie encore des plus meschans (malheureux); encore a-on paour de nous, retournons en nos regions et nous confortons en nos tribulations, car nous ne sommes pas seuls qui ayons à souffrir.


  • Literatur: Paulin Paris, Mscr. françois IV, S. 87. Aus dem Sammelwerke: Les Ci nous dit (Mscr. Nr. 7026, fol. 133).

Auch in der mündlichen Erzählung hat sich die Fabel andauernder Beliebtheit erfreut. Natürlich lebte sie hier zunächst in einer Form weiter, die der äsopischen gleich- oder nahekommt. Von den nur nahekommenden führe ich eine kleinrussische Version an, die nur von einem Hasen handelt, von dem gemeinsamen Beschluß also nichts weiß. Sie erzählt:


Der Hase dachte bei sich: Ich bin der schwächste von allen auf der Welt, vor allem muß ich mich fürchten. Wenn nur ein Vogel flattert, hab ich Angst. Lieber ertränk ich. mich. Er geht also nach dem Sumpf und geht am Ufer entlang und sucht, wo er am besten ins Wasser springen könne. Da saß ein Frosch, und plumps! sprang er ins Wasser. Oho! denkt der Hase bei sich. So werd ich mich doch nicht ertränken. Denn es gibt noch welche auf der Welt, die sich vor mir fürchten.


  • Literatur: Čubinskij, Trudy 1, 55. Vgl. Dragomanov, S. 366, Nr. 39.

Mit dieser oder der äsopischen Gestalt der Fabel stimmen mehrere andere2 fast durchaus überein. »Wesentlich für die Verbreitung dieser Fabel war die Einfachheit des Gegenstandes, die Klarheit des moralischen Grundgedankens, die Möglichkeit, ihn jeweilig didaktisch zu verwerten. Bei Äsop ist die Folgerung die, daß man bei persönlichem Unglück dessen eingedenk sein soll, daß es noch unglücklichere Menschen gibt. Oder wie es Mickiewicz (Poezye 2, 302) ausdrückt: es hat jeder seinen Frosch, der vor ihm flieht, und seinen Hasen, der ihn fürchtet.«3 Aber es ist doch nicht immer die Moral gewesen, die der Fabel ihre Unsterblichkeit verliehen hat. Eine französische Fassung lautet nämlich so:


Da die Hasen von aller Welt und auch von den Tieren schlecht angesehen wurden, versammelten sie sich eines schönen Tages und sprachen untereinander: Wir müssen uns ertränken. Als sie an einen Sumpf kamen, tauchten die Frösche unter, die sie gehört hatten. »Es gibt doch noch Tiere, die uns fürchten,« sprachen sie und begannen sich dabei anzusehen und so sehr zu lachen, daß sich seitdem ihr Maul gespalten hat.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 10, 576 = Sébillot, Folklore de France 3, 7.

[98] Wie man sieht, ist der Entschluß der Hasenversammlung, die gemeinsame Flucht und der Schrecken der Frösche völlig wie in der griechischen Urform erhalten. Aber das Ende ist märchenhaft und lenkt ab von der lehrhaften Idee. Das gleiche finden wir in anderen Beispielen. Mögen sie auch bisweilen nur von einem Hasen berichten oder dessen Lebensmüdigkeit auslassen, in der Hauptsache stimmen sie überein: in dem willkürlich gewählten Schluß der ätiologischen Spielerei. Denn mehr als eine witzige Spielerei, eine gefällige Arabeske ist dieser Einfall doch wohl nicht. Indem ich mich begnüge, auf diese im wesentlichen übereinstimmenden Beispiele nur hinzuweisen (Revue des trad. pop. 6, 315. Rolland 1, 87. Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels 1898, S. 95. Rond den Herd 1, 398. Cornelissen-Vervliet, Vlaamsche Vertelsels, S. 216), teile ich folgende zumeist unveröffentlichte Märchen mit:


Schon der erste Hase hatte mit vielen Drangsalen zu kämpfen, die Hunde stellten ihm nach, die Habichte und anderen Tiere waren ihm feind, selbst der Vogel, der unerwartet aus dem Busch aufflog, versetzte ihn in Schrecken und machte ihn erzittern. Da beschloß der Hase seinem Leben ein Ende zu machen und sich in den Fluß zu stürzen. Er meinte, es sei besser, wenn einer einmal stürbe, als daß das ganze kommende Geschlecht es scharenweise tun müßte. In langen Sätzen sprang er zum Fluß. Die Frösche erschraken und hüpften in großer Eile ins Wasser. Darüber freute sich der Hase dermaßen, daß er weiterzuleben beschloß; gab es doch noch armseligere Geschöpfe, denen ein Hase Furcht einjagen konnte. Und er lachte, daß ihm die Lippe barst.


Kleine Abweichungen zeigen folgende Varianten:


1. Aus Schweden.


Der Hase war mutlos und deswegen betrübt und wollte sich zuletzt ertränken. Am See angelangt, fuhr ein Volk junger Enten aus. Da lachte er, daß er allein so wild habe ausjagen können, und seine obere Lippe wurde zerspalten, wie sie seitdem geblieben ist.


  • Literatur: Cavallius, Wärend 2, XXV.

2. Aus Finnland.


a) Der Hase war über seine Mutlosigkeit betrübt und wollte sich ertränken. Da er am Gestade des Sees anlangte, flohen alle die kleinen Fische; da lachte er darüber, daß er so viele einschüchtern könne, daß seine obere Lippe barst.


  • Literatur: Nyland 4, 100.

b) Der Hase am Ufer. Der Hecht flieht vor ihm. Der Hase lacht, daß ihm das Mäulchen platzt.


  • Literatur: Aus Sääminki. Handschriftlich durch Herrn Prof. Kaarle Krohn.

c) Dem Hasen bangt vor dem Leben, und er springt ans Seeufer; der Hecht flieht vor ihm. Auf der Wiese ist eine Schafherde; die Schafe erschrecken; das Mäulchen platzt kreuzweise.


  • Literatur: Aus Iuva. Hdschr. durch Herrn Prof. Krohn.

3. Aus Estland.


a) Als der Hase einmal flüchtete, erschreckte er durch seine Hast eine Herde Schafe so, daß sie auseinanderstob. Diese Furcht vor einem Hasen kam dem Hasen[99] selbst so komisch vor, daß er in ein unmäßiges Gelächter ausbrach, wovon ihm die Oberlippe platzte.


  • Literatur: Wiedemann, Aus dem inneren und äußeren Leben der Esten 1876, S 451.

b) Der Hase wollte fort nach Deutschland ziehen, weil er hier viele Feinde hatte, die er fürchten mußte, aber ihn fürchtete niemand. Er begab sich auf die Reise. Da mußte er durch eine Schafherde gehen, weil die Schafe ihm den Weg versperrten. Die Schafe glaubten, er sei ein Hund, und liefen vor ihm fort. Als der Hase sah, daß die Schafe vor ihm wegliefen, freute er sich darüber, daß es doch jemand gebe, der ihn furchte, und lachte so herzlich, daß ihm die Oberlippe platzte.

Seitdem hat der Hase eine gespaltene Oberlippe.


  • Literatur: Aus dem handschriftl. Nachlaß von J. Hurt.

c) Der Hase wollte aus dem Lande flüchten, weil er alle fürchten mußte und immer in Todesangst war.

Bis auf einen Heuschlag, wo Schafe grasten, kam der Hase ganz glücklich. Der Heuschlag war durch einen Steckenzaun abgegrenzt. Der Hase wollte unbemerkt durch den Zaun schlüpfen, war aber so ungeschickt, daß er einen ordentlichen Lärm dabei verursachte. Als die Schafe den Lärm hörten, liefen sie erschreckt davon. Das sah der Hase und hielt verwundert still. War es möglich, daß man ihn gefürchtet hatte? Ja, die Schafe ergriffen vor ihm die Flucht. Darüber freute sich der Hase so, daß er dermaßen lachte, daß ihm die Lippe platzte. Der Hase dachte nicht weiter an seinen Fluchtplan.

Seit der Zeit hat der Hase eine gespaltene Lippe.


  • Literatur: Aus dem handschriftl. Nachlaß von J. Hurt.

Diese Form entfernt sich etwas weiter von Äsop, insofern sie von Schafen erzählt, außerdem wieder von nur einem Hasen und von dem geborstenen Maul. Sie hat sich offenbar nicht unmittelbar aus der Urgestalt der Äsopischen Fabel entwickelt, sondern aus einer zwischen beiden vermittelnden Form, wie sie in folgender russischer Fassung vorliegt:


Der Hase lief, um sich in Verzweiflung zu ertränken. Was bin ich unglücklich, sprach er. Mir ist am elendesten auf der Welt. Ich fürchte alle, und mich fürchtet niemand. Da erblickte ihn eine Herde Schafe und ergriff die Flucht. Der Hase blieb stehen: Ach, so gibt es doch welche, die sich vor mir fürchten.


  • Literatur: Etnogr. Sbornik 6, (1864) Abt. 1, 22.

Hier ist zwar auch schon von Schafen die Rede, aber noch nicht von der gespaltenen Lippe. Sobald nun die Naturdeutung sich der Fabel bemächtigt hatte, war es leicht möglich, daß der so veränderte Stoff ein noch bunteres Aussehen erhielt. Märchenhaft, wie die Ätiologie einmal ist, verbindet sie sich mit dem Märchen vom Wettlauf zwischen dem Hasen und der Schnecke (Revue des trad. pop. 6, 314). Der Hase, nachdem er die Wette verloren, will ins Wasser gehen, sieht aber die Angst der Frösche und lacht, daß ihm die Lippen platzen. Aber es entstanden auch Erweiterungen von innen heraus.


1. Aus Oldenburg.


Die Hasen kamen einst zusammen und überlegten miteinander, daß sie weglaufen wollten, dieweil sie vor allen Tieren flüchten müßten. Als sie nun so im[100] Laufen waren, gelangten sie an eine Brücke, darauf saß gerade ein Frosch, der wurde bange vor ihnen und sprang von der Brücke und kroch hinunter. Als die Hasen seine Angst sahen, sprachen sie zueinander: »Nun wollen wir bleiben!« und fingen an zu lachen, daß ihnen das Maul offen barst. Seitdem haben alle Hasen ein geborstenes Maul. Der Frosch aber saß unter der Brücke und wagte sich nicht wieder weg, solange bis einmal ein dicker, schwerer Kerl hinüberging. Der trat auf den Frosch, daß ihm der Rücken zerbrach. Seit der Zeit haben alle Frösche den Rücken zerbrochen.


  • Literatur: Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg 2, 93.

2. Aus Finnland.


Einstmals trafen sich Fuchs und Hase. Der Fuchs sagte verächtlich zum Hasen: »Dich fürchtet doch niemand!« – »Wer fürchtet dich denn?« fragte der Hase. – »Mich fürchtet jedermann,« meinte der Fuchs. »Ich besitze einen langen Schwanz, deshalb hält man mich aus der Ferne für den Wolf und fürchtet mich. Aber dich fürchtet doch niemand!« – »Laß uns eine Wette eingehen,« sagte der Käse, »ich werde dir zeigen, daß auch ich gefürchtet bin.« – Danach wandelten die beiden miteinander dahin. Da erblickte der Hase eine Herde Schafe, die hinter einem Zaune ruhte. In einem Satze sprang er mitten unter sie. Im blinden Schrecken darüber stoben die Schafe auseinander, so schnell sie nur irgend konnten. Der Hase war überglücklich, seine Wette gewonnen zu haben, und fing an zu lachen und lachte so unbändig, daß ihm das Mäulchen kreuzweise zerriß. Von der Zeit an tragen alle Hasen die Lippen kreuzweise gespalten.


  • Literatur: E. Schreck, Finnische Märchen 1887 S. 228, sowie handschriftlich aus West Ingermanland und Hausjärvi.

3. Aus den Niederlanden.


Der Hase wäscht sich an einem Bache Pfoten und Maul, kämmt sich die Haare und spiegelt sich. Ein Frosch kommt darüber zu und lacht ihn regelrecht aus. Der Hase wird wütend und gibt dem Frosch einen so gewaltigen Schlag mit der Pfote, daß dieser halbtot hinfällt. Wie nun der Spötter so daliegt, quakt und zappelt, bricht der Hase in ein solches Gelächter aus, »dat zijne lippe spleet«.


4. Aus Béarn.


Eines Tages schwatzten Frosch und Hase zusammen in der Nähe einer Mergelgrube, als Staubregen zu fallen begann. »Schnell!« rief der Frosch, »lauf und flieh in dein Lager, ich bringe mich in Sicherheit.« Und schnell sprang er ins Wasser. »Was für ein Dummkopf!« sagte der Hase. »Er springt ins Wasser, um sich nicht naß zu machen!« Und lachte so, daß seine Lippe platzte.


  • Literatur: Sébillot, Folklore 3, 7.

5. Wallonische Variante.


Als ein Jäger sein Gewehr anlegte, um einen Hasen zu schießen, da sprang in plötzlichem Schrecken ein kleiner Frosch auf und gerade auf die Nase des Mannes los; der sprang zurück und ließ sein Gewehr fallen. Da mußte der Hase so lachen, daß sein Maul gespalten wurde. Die Spalte kann sich niemals schließen, denn immer, wenn der Hase an das Abenteuer denkt, muß er von neuem lachen.


  • Literatur: Sébillot, Folklore 3, 7 = Wallonia 1, 54.

6. Aus Schweden.


Nachdem ein armer Hase von einigen feindlichen Jagdhunden den ganzen Tag gejagt worden war und, um ihrer scharfen Verfolgung zu entgehen, manchen Sprung[101] hatte machen müssen, konnte er seinen ermüdeten Körper in einem Gebüsch ausruhen. Da kam abends ein Fuchs, der an das Versteck des Hasen hinterlistig heranschlich. Als der einfältige und furchtsame Hase den Fuchs gewahrte, ward er bestürzt und meinte, daß seine Feinde oder Tyrannen kämen, um nach ihm zu suchen; aber er wagte doch nicht, sich etwas merken zu lassen, sondern saß ganz still; er wagte nicht einmal zu husten, aus Angst, daß der Fuchs es hören würde. Aber Reineke (Michel) machte viele Umschweife, denn er sah, in was für einem Gebüsch der Hase lag. Er hätte wohl gern seine Gans gerupft; aber er sah auch, daß der Hase von dickem Buschwerk umgeben war, so daß er schwer zu fassen war.

Nun sah der Fuchs eine große Herde Schafe auf einem ebenen Felde nahe bei einem Gatter, und er wußte, daß der Hase gutmütig war. So benutzte er die, Gelegenheit, trat, näher zu »Bruder Hans« [Jöns, schwed. Beiname des Hasen] und begann ein freundliches Gespräch mit ihm (damals konnten alle Tiere reden) und sagte zu ihm: »Lieber Vetter, ich bin wie du ein wildes Geschöpf und vielen Gefahren ausgesetzt, muß auch oft Hunger leiden. Komm, wir wollen einander helfen, uns ein Abendessen zu verschaffen.« Da antwortete der Hase mit zitternder Stimme: »Mein Freund, ich kenne dich nicht, sondern ich fürchte, daß du mich verraten willst.« Michel sagte: »O du Narr, kennst du mich nicht, der ich auf dem letzten Reichstage für eine und die andere Kleinigkeit so oft von unserer Obrigkeit zum Tode verurteilt wurde, und auch einige Male auf dem Richtplatze war. Mich sollst du nicht fürchten, denn ich bin wie du, mein lieber Bruder, einfältig wie ein Lamm. Hier weidet, nicht weit von uns, die große und fette Schafherde eines reichen Bauern. Du meinst doch auch, daß eines davon ein schmackhafter Braten wäre.« Der Hase erwidert: »Ich kann solche Speise nicht essen, denn ich bin damit nicht aufgezogen; aber trotzdem will ich dir zu Gefallen mitgehen, wenn du mir nur Treue hältst.«

Darauf kriecht Jons aus dem Gebüsche, und nachdem er und Michel einander Treue geschworen, gibt Michel dem leichtgläubigen Dummkopf solche Instruktion: »Du,« sagt der Fuchs zum Hasen, »siehst, daß bei dem Gatter, das nach dem Hofe zu Hegt, wo der reiche Bauer wohnt, ein kleines Gebüsch steht. Wenn du hingehst und dich dort niederläßt, sollst du etwas Kurzweiliges sehn.« Der Hase tat so. Dann kommt der Fuchs mit seinem buschigen Schwänze, den er zwischen die Beine klemmt, damit nichts davon zu sehen sei, und schleicht sich immer näher und näher zur Schafherde. Wie die Schafe ihn gewahrten, begannen sie zu laufen, und da sie wußten, wo ihr Heim war, so liefen sie zum Gatter hin. Der Fuchs eilt ihnen nach, und als die Schafe zum Gatter kamen, wo der Hase saß, und sich schon fast geborgen glaubten, weil sie so nahe beim Hofe ihres Herrn waren, da springt Jons aus dem Busch, und sie machen in ihrer Angst eine Wendung, und in dem Moment nahm der Fuchs ein Schaf und eilte mit ihm fort.

Der Hase, der das sah, setzte sich sofort nieder und lachte darüber so herzlich, daß seine Lippe platzte, wie er sie dann nicht allein bis zum Tode behielt, sondern auch alle seine Nachkommen von ihm erbten.

Man findet solche Beispiele unter den Menschen in unserer Zeit; denn wenn auch manche Leute einfältig und harmlos sind, werden sie doch von den listigen und bösen Menschen, unter denen sie leben, oft zum Bösen verleitet. Aber ihr Lohn ist gemeiniglich wie der des gutmütigen Hasen, der für seine wohlgemeinten Dienste nichts von der köstlichen Schafbeute zu schmecken bekam, sondern statt[102] dessen, als er sich über das Gaunerstück des Fuchses freute, ein Gebrechen bekam das ihm ins Grab folgte.


  • Literatur: A. Ahlström 1895. Om folksagorna. Bihang (Anhang): Nach Handschriften abgedruckte Märchen. Abgedruckt nach: E. Nordinsche Sammlung, Universitätsbibliothek in Upsala, IV, 1172. Anno 1766. [Ahlströms Schrift publiziert in der Zeitschrift Nyare bidrag etc.]

Die Frage, woher dieser ätiologische Schluß in die Äsopische Fabel hineingeraten ist, läßt sich vielleicht durch den Hinweis auf andere Natursagen lösen, die denselben Schluß aufweisen. Je öfter wir diesen antreffen, je klarer zeigt sich's, daß diese Ätiologie sich dem Märchenerzähler als etwas Reizvolles aufdrängte, daß sie gleichsam in der Luft lag, und man nur danach zu greifen brauchte, um sie für irgendeine Geschichte, in der der Hase vorkam, zu verwenden. Und so wurden Hase und Hasenscharte auch da zusammengebracht, wo keine innere Notwendigkeit vorhanden war.

Belege für die Beliebtheit gerade dieses Naturdeutungsstoffes finden sich in Bd. 3, S. 22.

Fußnoten

1 Halm Nr. 237 und 237 b. Babrius Nr. 25. Phaedrus app. 2. Romulus 2, 9. Hervieux, Les fab. latins 2 an verschiedenen Stellen.


2 Asmus und Knoop, Sagen und Erzählungen aus dem Kreise Kolberg und Körlin S. 68. Ulr. Jahn, Volkssagen S. 449. Blätter f. pomm. Volksk. 1, 147. Wallonia 1, 54. Kolberg, Lud. 8, 238. Ciszewsky, Krakowiacy 1, 271. Zbiór wiad. 1, 11, Nr. 37; 7, 109 Nr. 8. Verščagin, Votjaki Sosnov. Kraja 73.


3 Ich entnehme dies der Abhandlung von Sumcov über den Hasen in der Volksüberlieferung, Ethnograf. Obozrênie 10, 69–83.


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 103.
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