I. Der verwandelte Braten.

[262] In Grimms Märchen Nr. 145 wird (nach Pauli, Schimpf und Ernst Kap. 437) folgende Geschichte erzählt:


Der undankbare Sohn.


Es saß einmal ein Mann mit seiner Frau vor der Haustür, und sie hatten ein gebraten Huhn vor sich stehen und wollten das zusammen verzehren. Da sah der Mann wie sein alter Vater daherkam, geschwind nahm er das Huhn und versteckte es, weil er ihm nichts davon gönnte. Der Alte kam, tat einen Trank und ging fort. Nun wollte der Sohn das gebratene Huhn wieder auf den Tisch tragen, aber als er danach griff, war es eine große Kröte geworden, die sprang ihm ins Angesicht und saß da und ging nicht wieder weg; und wenn sie jemand wegtun wollte, sah sie ihn giftig an, als wollte sie ihm ins Gesicht springen, so daß keiner sie anzurühren getraute. Und die Kröte mußte der undankbare Sohn alle Tage füttern, sonst fraß sie ihm aus seinem Angesicht; und also ging er ohne Ruhe in der Welt hin und her.


Hierzu hat Reinhold Köhler im Archiv f. slaw. Philologie 3, 216 f. reichliche Nachweise gegeben.1 Danach stammt die älteste ihm bekannte Überlieferung aus dem 13. Jahrhundert. Sie steht bei Thomas von Cantimpré, Bonum universale de apibus, lib. II, cap. 7 § 4 (von Köhler abgedruckt ebd. 217) und ist von da in so manches andere mittelalterliche Werk übergegangen. Aus dem glagolitischen Büchlein Korizmenjak vom Jahre 1508, das sich als Übersetzung eines lateinischen Werkes vom Frater Rubertus erweist, teilt T. Maretić im Arch. f. slaw. Phil. 6, 427 eine Variante mit, deren Übersetzung vielen erwünscht sein wird. Sie lautet folgendermaßen:


[262] Es war ein schreckliches Gottesgericht im Jahre 1453 in einer Stadt in Istrien, namens Montana. Ein böser und ungeratener Sohn hatte einen guten, alten Vater, der sehr arm war. Oft fand dieser weder Brot noch Wein zu Hause, und nirgends gab man ihm ein Almosen. So manches Mal ging er zu seinem Sohn und pochte an das Tor. Da sagte dann die Frau des Sohnes: »Sieh, da ist dein Vater.« Und er antwortete: »Was zum Teufel will er denn? Er mag heraufkommen, gib ihm wenig Brot und recht verdünnten Wein, wie man es mit Kindern macht.« Und der Alte nahm es geduldig hin, und so geschah es mehrere Male. – Eines Tages kaufte der Sohn einen guten Kapaun, und sie setzten sich zu Tisch und fingen an, ihn gut zubereitet und warm zu essen. Die Frau, in ihrer Schlechtigkeit und vom Teufel angestiftet, sagte: »Ach, wenn jetzt nur nicht dein Vater herkäme!« Da sagte der Sohn: »Es wäre mir lieb, wenn wir den Kapaun ungestört äßen.« Auf einmal pocht es ans Tor. – Der Sohn schaut hinaus und sieht nach, – es ist sein Vater. »Verwünscht, daß ich ihm gerade jetzt öffnen muß!« ruft der Sohn und versteckt rasch den Kapaun in einen Schrein. Dem armen Alten gibt er wenig Brot und Käse, wenig Wein, drängt ihn aufzuessen und schickt ihn alsbald nach Hause. Kaum ist der Vater fort, so eilt der Sohn zum Schreine, den Kapaun zu holen. Er hebt den Deckel auf. Da springt eine große, schreckliche Kröte heraus und dem Sohn gerade ins Gesicht. Weder Ärzte noch Arzeneien haben sie jemals losreißen können, und die Kröte hat ihm das ganze Gesicht zerfressen, und er war so zugerichtet, daß er sich nicht unter den Menschen blicken lassen konnte.


Auch in Luthers Tischreden (hg. von Förstern ann 1, 206) findet sich die Geschichte. »Solche Exempel, heißt es dort, zeigeten sie darumb an, daß man sehe, wie hart Gott der Kinder Undankbarkeit gegen den Aeltern strafet; denn der Ungehorsam und Undankbarkeit der Jugend ist überaus groß.« Dieser moralische Kerngedanke war recht eigentlich der Grund, daß die Geschichte die weiteste Verbreitung fand. Darum blieb auch der Hauptinhalt – die Verwandlung in eine ekelhafte Kröte – unverändert. Ob nun die Kröte auf dem Braten sitzend gefunden wird oder dem Sohne ans Gesicht springt, ob nur ein Stück Fleisch oder der Braten selbst zur Kröte wird, ob der Braten ein Huhn, eine Gans oder ein Truthahn war und was dergleichen Unterschiede sein mögen, darauf kommt selbstverständlich nichts an. Wohl aber hat die Verwandlung des Bratens zu einer ganz neuen Spielart der Geschichte geführt, einer Spielart, die auf Kosten der moralischen Grundidee den Hauptnachdruck auf einen anders zugespitzten Schluß legt. Sie handelt von der Entstehung der Schildkröte. Ein erfinderischer Kopf hat sich die Sache so vorgestellt, daß der Braten mitsamt der Schüssel und dem Deckel sich verwandelte. Was konnte dann aber anderes daraus werden als die Schildkröte, deren Schalen oben und unten ganz offenbar an die zwei Halbschüsseln erinnern? Andererseits ist die Schildkröte zu plump, um ins Gesicht springen zu können. Somit lautet der Schluß einfach so: zur Strafe dafür, daß der Braten versteckt wurde, verwandelt sich dieser in eine Schildkröte. Und seitdem gibt es Schildkröten. Man sieht: die Undankbarkeit kommt hier weit besser weg, als in den Fassungen, in denen die Kröte sich dem Sohne ins Gesicht heftet.[263] Denn jener Schluß ruft weniger moralische Wirkung als vielmehr Gefallen an der phantasievollen Erklärung der Tiergestalt hervor.

Eine serbische Version dieser Spielart ist bereits im Archiv f. slaw. Philologie 3, 215 in Übersetzung mitgeteilt. Dort versteckt ein Mensch Kuchen und Huhn vor seinem Paten oder Freunde, er legt das Huhn auf den Kuchen, deckt beides mit der Schüssel zu, und alles zusammen wird zur Schildkröte. »So kam die Schildkröte auf die Welt.« Eine mir nicht zugängliche Variante hierzu in der Zeitschrift Karadzić 2, 187 f., 215 stammt aus dem Jahre 1674. In einer kleinrussischen Fassung sind es wieder Mann und Frau, die sich undankbar zeigen. Wichtig dabei ist, daß die Mutter zu Besuch kommt und die geizige Tochter den Braten zudeckt, der dann zur Schildkröte wird. In Varianten ist dann überhaupt nicht weiter vom Manne die Rede, sondern es stehen einfach Mutter und Tochter einander gegenüber. Ich teile folgende kleinrussische Sagen mit:


1. Eine Mutter ging einmal zu ihrer Tochter auf Besuch. Als sie zu ihr in die Hütte kam und die Tochter sie erblickte, packte diese ein gebratenes Huhn, das sie gerade jetzt mit ihrem Manne zu essen angefangen, mitsamt der Schüssel und lief in die Kammer, es dort zu verstecken. Die Mutter trat ein, man empfing sie und lud sie zum Sitzen ein. Sie blieb eine Weile, dann machte sie sich auf den Heimweg. Kaum war sie über die Schwelle, so ging die Tochter mit ihrem Manne zu dem Huhn, um es zu Ende zu essen. Sie trug nun das Huhn, das sie zuvor mit einem Deckel bedeckt hatte, herein. Aber wie sie darauf hinblickte, da war es eine Schildkröte, und so, wie das Huhn zugedeckt war, mit zwei Halbschüsseln, so hat auch die Schildkröte oben und unten ganz harte Schalen.

Ebd. Var.: Es war einmal eine Mutter und eine Tochter. Einmal kochte die Tochter ein Huhn in roter Rüben suppe. Zu dieser Zeit kam die Mutter zu ihr. Die Tochter nahm das Huhn und versteckte es, und als die Mutter weggegangen war, holte sie rasch das Huhn, deckte es auf, und da kroch eine Schildkröte.


  • Literatur: Dragomanov, Malorusskija predanija S. 10, Nr. 31. (In einer Variante ebd. S. 386 versteckt ein Geizhals vor einem Greise Knödeln, die sich in eine Schildkröte verwandeln.)

2. Eine Mutter ging zu ihrer verheirateten Tochter zu Gaste. Kaum hatte die Tochter durch das Fenster ihre Mutter kommen sehen, so deckte sie eine gebratene Henne, von der sie mit ihrem Manne eben gegessen hatte, rasch mit einem andern Teller zu und versteckte sie vor der Mutter, um ihr nichts davon geben zu müssen. Die Mutter kam, saß eine Weile da und ging ohne alle Bewirtung weg. Sofort holte die Tochter den Braten, um ihn zu Ende zu essen. Als sie aber den oberen Teller abheben wollte, war er an den Braten angewachsen. Im Augenblicke verwandelten sich auch die beiden Teller samt der Henne in eine Schildkröte. So ist die Schildkröte entstanden.


  • Literatur: Kupczanko, Russische Schöpfungssagen. Am Urquell. III, 18.

Etwas völlig Neues begegnet uns in einer kleinrussischen Fassung, in der die Tochter selbst zur Schildkröte wird.


Die Mutter, die bei ihr zu Besuch ist, bemerkt, daß sie heimlich ein Hühnchen verzehrt und macht ihr Vorwürfe. Sie erwidert aber, daß es kein Hühnchen sei, sondern daß sie sich aus Armut eine Schildkröte gekocht habe. Da verfluchte sie die[264] Mutter, daß sie selbst eine Schildkröte werde. Und so geschah es. Und auch jetzt noch wird die Schildkröte häufig »Hühnchen« genannt.


  • Literatur: Čubinskij, Trudy 1, 66.

Auf die Entstehung dieser Spielart hat möglicherweise eine andere Sagengruppe eingewirkt, die ebenfalls auf Beobachtung der Schildkröte beruht. Sie erzählt, daß die Schildkröte ein verwandelter Mensch (Frau oder Bäcker) mit dem Backtrog oder Waschtrog auf dem Rücken sei.


  • Literatur: Krauß, Sagen und Märchen der Südslawen 2, 123 (mit dem hübschen Einzelzug: Wenn die Schildkröte den Kopf zurückzieht, schämt die Frau sich).
    Politis, μελέται Nr. 338 und 351 (aus dem Pontus und aus Thrazien), daselbst wird verglichen Äsop, Halm 154. Kálmány, Szeged Népe 2, 142. Vgl. Arany eś Gyulai, Magyar Népköltési Gyiytemény 3, 413. Dazu Natursagen 3, 466. 468. 473. Wlislocki, Volksgl. u. relig. Brauch der Magyaren S. 79.

Fußnoten

1 Vgl. auch Volkskunde 16, 1904, S. 102.


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 265.
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