[126] 28. Moriandl, Zuckerkandl.

Es war einmal ein Bauer und eine Bäuerin. Diese hatten zwei Kinder, einen Knaben mit Namen Zuckerkandl und ein Mädchen mit Namen Moriandl. Mutter und Vater liebten ihre Kinder sehr und gaben ihnen alles, was zu ihrer Wohlfahrt nothwendig war. Die Eintracht und der Friede ward in diesem Hause niemals gestört, so daß man weit und breit das Leben dieser Familie als Muster des häuslichen Friedens aufstellte. Doch das sollte nicht so bleiben. Die Mutter starb, und mit ihrem Tode kam auch Elend und Jammer in das Haus.

Der Bauer war Schweinehändler und mußte deswegen oft weite Reisen machen, um das Geschäft zu besorgen. Die Kinder, welche doch noch zu jung waren, um sich selbst überlassen zu werden, brauchten Aufsicht. Ganz fremden Leuten wollte er sie nicht anvertrauen, daher nahm er wieder ein Weib. Scheinheilig und hinterlistig erfüllte sie in Gegenwart des Mannes den Kindern ihre leisesten Wünsche, war hingegen der Mann verreist, so quälte sie dieselben auf alle mögliche Weise. Sie mußten die härtesten Arbeiten verrichten und bekamen dafür mehr Schläge als zu essen.

Dieß mochte so ein Jahr gedauert haben. Klagten die Kinder beim Vater, so glaubte ihnen der Vater nicht, da sein Weib vor ihm immer anders handelte. Die Stiefmutter sah aber immer ängstlich dem Heranwachsen des Zuckerkandels und der Moriandl entgegen, da diese, wenn sie einmal verständiger[126] würden, leicht den Haß der Stiefmutter ahnden würden. Den Kindern gehörte nämlich der Bauernhof, weil der ihrer Mutter Eigenthum war; ferner hatten sie als die ersten Kinder des Vaters Vermögen.

Die Stiefmutter hatte mittlerweile auch ein Knäblein erhalten, das wegen seines rothlockigen Haares Glühwürmchen hieß. Da ereignete sich eines Tages, daß ein Brief kam, in welchem eine Testamentsabschrift enthalten war, laut welcher die Kinder zu Alleinerben der überaus reichen Muhme, »der Rothbeißerin« eingesetzt waren. Da wußte nun die Stiefmutter vor lauter Galle nicht, was sie thun sollte. »Die Hundsbrut muß alles haben«, sagte sie, »während mein lieb Glühwürmchen dereinst nichts als Bettelbrocken bekommen wird: aber so wahr ich lebe, dem muß abgeholfen werden. Mein Glühwürmchen muß alles haben und sollte ich mein Leben daransetzen.« Sie sann hin und her und fand kein anderes Mittel, als durch Mord ihren Zweck zu erreichen. Sie zog daher andere Saiten auf und behandelte die Kinder zuvorkommender als je, auch in Abwesenheit ihres Mannes. Das fiel unserm Zuckerkandl, einem gescheiten Burschen, auf; er suchte sich daher bei Zeiten auf die Seite zu machen.

Der Vater mußte gerade einen Monat verreisen, und eine solche Abwesenheit kam den Plänen der Stiefmutter gut zu statten. Sie erwartete nur den günstigen Augenblick, beide auf die Seite zu schaffen. Zuckerkandl hatte eines Tages eine Vorahnung; es wurde ihm so bange im Hause, und er bat daher die Stiefmutter, ob er nicht die einige Stunden entfernte Großmutter besuchen dürfe.

Mit Freuden erlaubte sie ihm das, denn er mußte über den sogenannten Saufgraben gehn, eine tiefe Schlucht, die ihren Namen von den verunglückten Betrunkenen führte, die über den schmalen Weg gegangen und in die Schlucht gefallen waren. Zuckerkandls Großmutter war Methschenkerin, sie pflegte Zuckerkandln gewöhnlich einige Gläschen zu geben[127] und da Zuckerkandl dieses gern trank, so konnte er, wie die böse Mutter meinte, sehr leicht auch in die Schlucht fallen. Doch sie hatte sich verrechnet. Zuckerkandl ging, erzählte seiner Großmutter die üble Behandlung, äußerte auch seinen Verdacht und bat sie, ihn bis zur Rückkehr des Vaters zu behalten. Die Großmutter ahnete gleich, welchen Zweck die Stiefmutter haben könnte. Sie beschloß daher, die Stiefmutter auf die Probe zu stellen und abzuwarten, was sie beginnen würde. In der Zeit war der Sohn eines Gärtners vom Dache tot gefallen, und die Großmutter ließ ihn in den Saufgraben legen, damit es scheine, als ob Zuckerkandl hineingestürzt wäre. Ihn selbst versteckte sie in ihrem Hause.

Unterdessen ward es der verlassenen Moriandl gar traurig zu Muthe und sie wurde krank. Die Stiefmutter zeigte sich darüber sehr betrübt und lief von einem alten Weibe zum andern. Endlich kam sie voller Freude nach Hause und sagte zu Moriandeln: »Lieb Herzchen, dir wird geholfen, die Roßkopfinonerlmirlsepp hat mir ein Mittel angerathen, das gewiß hilft. Du sollst nämlich in den Dörrofen Zwespen und Klezen einklauben, und dabei kannst du essen, so viel du willst.« Das Mittel gefiel der Moriandl sehr gut, denn wie oft mußte sie in dem großen Ofen arbeiten und durfte keine einzige essen. Dießmal stieg sie gern hinein, obgleich er ungewöhnlich heiß war, und klaubte Zwespen und Klezen ein. Der Schweiß rann ihr von dem Körper und endlich fiel sie ohnmächtig nieder. Niemand war bei der Hand, und so blieb sie leblos da liegen. Die Stiefmutter nahm die Entseelte aus dem Ofen und bettete sie in einen Sarg. Dann rannte sie mit Zetergeschrei im Orte hin und her und rief alle Leute zusammen und theilte ihnen unter Thränen mit, daß ihr liebes gutes Kind, die Moriandl, gestorben sei. »Kommt, schaut sie an, sie ist ganz entstellt.« »Das glaub ich«, sagten alle, »sie ist ohne Sterbesakramente gestorben.« Niemand wollte hingehen und sie anschauen, um nicht verschrieen zu werden.[128] Der Totenbeschauer, ein eben so abergläubischer Mensch, wagte es auch nicht in das Leichenzimmer einzutreten, da ihm ein Geruch entgegenschlug, den die Stiefmutter absichtlich verbreitet hatte. »Ich glaubs schon, daß sie ganz tot ist«, sagte er, »gebt mir nur mein Geld.« Alle übrigen Zeremonien vollzog sie, ohne Aufsehen zu erregen, das doch bei Dorfbewohnern bald da ist.

Mittlerweile kam der Vater nach Hause, und sein Schmerz war grenzenlos, als er den Tod seiner Kinder erfuhr, denn die angebliche Leiche Zuckerkandls fand man im Saufgraben. Der Verborgene hatte aber erfahren, daß man ihn für tot halte, und seine Großmutter fand es für gut, ihn noch nicht sehen zu lassen. Sie suchte dagegen dem plötzlichen Verschwinden Moriandls nachzuforschen. Zuckerkandl erfuhr den Tod seiner Schwester, ging einige Tage nachher auf den Friedhof und betete dort. »Moriandl«, rief er, »Moriandl, warum bist du gestorben?« Und die bekannte Stimme Moriandls rief: »Zuckerkandl!« Das war ihm ein so unheimlicher Ton, daß er schauderte und die Flucht ergriff.

Athemlos kam er zur Großmutter, der er das sonderbare Begegnis erzählte. Diese sagte: »Geh morgen noch einmal auf den Friedhof und rufe. Wenn die Stimme dir antwortet, so bleibe tapfer stehn und frage: Was willst du, lieb Schwesterlein?« Des andern Tages ging Zuckerkandl, von seiner Großmutter mit Kreuzen und Partikeln (Reliquien) und Bildern versehen und in Weihwasser gebadet, daß der böse Feind keine Macht habe, wirklich auf den Friedhof. Er rief: »Moriandl!« Und unheimlich ertönte es: »Zuckerkandl!« Dieser bekreuzte sich und fragte, wie ihn die Großmutter gelehrt hatte: »Was willst du, lieb Schwesterlein?«

Und er vernahm: »Lieb Brüderlein, die Stiefmutter mein hat mich in den Backofen gesperrt und umgebracht. Geh zum Väterlein, es solle getröstet sein! Sag ihm von dem Weibe,[129] die hat wollen unser Geld; drum mußt' ich lassen mein junges Leben. O weh! weh!«

Der Wehruf verhallte und die Stimme verstummte. Zuckerkandl lief zurück und erzählte alles seiner Großmutter. Dann begab er sich zum Vater, der ihn tot geglaubt hatte. Wie sehr erschrak nun die Stiefmutter, deren Ränke jetzt an das Tageslicht kommen sollten. Der Vater war über die Maßen froh, wenigstens ein Kind wieder zu haben. Zuckerkandl erzählte ihm nun alles bis auf's kleinste und verschwieg auch das Begegnis auf dem Friedhofe nicht.

Da ward der Bauer grimmig böse, und ohne Gnad und Barmherzigkeit schleppte er die Stiefmutter zum Richter. Das Gericht verurtheilte sie zum Tode. Da sie sich an Kindern so schwer versündigt hatte, so soll sie von der Dorfjugend zu Tode gesteinigt sein.[130]

Quelle:
Vernaleken, Theodor: Kinder- und Hausmärchen dem Volke treu nacherzählt. 3.Auflage, Wien/Leipzig, 1896 (Nachdruck Hildesheim: Olms, 1980), S. 126-131.
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