14. Das Märchen von den drei Brüdern.[51] 1

Es war einmal eine alte Frau, die hatte drei Söhne. Sie war krank, sehr krank. Zwei von den Söhnen waren erwachsen, der dritte war noch klein.

Da gingen die beiden grossen einmal auf die Jagd und liessen den Kleinen zu Hause. »Du musst deine Mutter baden,« sagten sie zu ihm; da badete er seine kranke Mutter in siedendem Wasser, davon starb sie ganz mausetot. Er aber war ganz vergnügt und ging hinaus um zu spielen.

Als nun seine beiden Brüder zurückkamen, da fragten sie ihn: »Wie geht es deiner Mutter?« sagten sie zu ihm. »Ei, ganz gut, sie lacht vor Vergnügen,« antwortete er.

»Das ist gut,« sagten da die beiden Brüder und gingen hinein um die Mutter zu sehen. Da war sie tot. Nun weinten sie gar sehr. »Du bist doch wirklich gar zu dumm, Freundchen; unsere Mutter ist gestorben,« sagten sie.

Darauf sprachen sie zu ihm und sagten: »Du wirst die Mutter zum Vater bringen,« so sagten sie zu dem Kleinen. Da nahm er seine tote Mutter und legte sie oben auf ein Pferd und führte sie so davon. Seine Hand wurde müde. Da warf er seine Mutter hinunter und liess sie liegen. So ging er denn allein von dannen und kam zu seinem Vater und sprach so zu ihm: »Da hinten hab' ich meine tote Mutter liegen lassen.« – »Wo?« war die Antwort. – »Nun, da hinten,« sagte er. – »Wir wollen zusammen hingehen,« war die Antwort.

So ging er denn dahin mit seinem Vater. Und sie beeilten sich sehr; aber wie sie so eilten, da kehrte der Vater auf einmal um. Er hatte Angst. Auf einem schnellen Pferde ritt er davon; der andere aber folgte ihm. Bald blieb der Kleine zurück und setzte alleine seinen Weg fort.

Da traf er einen Mann. »Willst du nicht deine Stute verkaufen?«[51] sagte der zu ihm. »Ja, ich will sie verkaufen,« antwortete er. »Was kostet sie?« fragte der andere. »Achtzehn Thaler.«

So wurde der Kauf abgeschlossen und er ging zu Fuss weiter. Da fragten sie [seine Brüder] ihn: »Und wo hast du deine Stute?« sagten sie zu ihm. – »Die hab' ich verkauft,« antwortete er. – »Für wie viel hast du sie verkauft?« – »Für achtzehn Thaler,« sagte er. – »Bist du aber dumm! Donnerwetter!«

Da sagte er zu ihnen: »Warum bin ich denn dumm?«

»Was hast du denn für Geld?« sagten sie zu ihm. – Da zog er zehn Pfennig und einen Fünfer hervor. – »Du bist doch gar zu dumm,« sagten sie zu ihm.

»Wir wollen sogleich alle zusammen ausziehen,« sagten sie und zogen davon. – »Was willst du mitnehmen?« sagten sie zu ihm. – »Ich werde die Tür meiner Mutter mitnehmen,« antwortete er. So zogen sie denn aus, und er nahm die Tür auf den Rücken.

So kamen sie zu einem Ort, wo spanische Räuber waren, die kamen auf sie zu. Da machten sie sich aus dem Staube und stiegen auf einen Witrubaum, und zogen die Tür mit hinauf.

Da sagte er: »Ich bin müde; helft mir festhalten.« Aber sie sagten, sie wollten nicht. Da zog er seine Unterhosen herunter und kackte, während die Räuber gerade Suppe kochten, und seine Kacke fiel gerade in den Topf

»Was ist denn das?« sagten die Spanier. »Vielleicht ein Geier,« sagte einer. »Wollen wir ihn schiessen?« sagten einige. Aber ein anderer sagte: »Tut das nicht! gar zu weit würde der Schuss schallen.«

Da warf er seine Tür von oben hinunter und tötete einen von den Spaniern. Da machten sich die andern eiligst davon.

Nun kamen sie [die drei Brüder] wieder vom Baum herunter und sagten: »Wir wollen aufbrechen.« »Ich breche nicht auf,« sagte der Kleine. So zogen die beiden Grossen davon; sie brachen auf und machten sich auf den Weg. Der Kleine aber blieb da.

Da kam ein Hund heran. Den rief er. Da kam er heran. Er gab ihm Fleich; da schlief der Hund ein. Da band er ihm[52] Heu mit Fett zusammengeschmiert an den Schwanz und steckte es an. Da sprang der Hund davon und lief gerade dahin, wo die Räuber waren. Da liefen die spanischen Räuber eiligst davon. Sie überlegten und sagten: »Was geht denn eigentlich mit uns vor?« Und sie sagten zu einem, »Geh,« da ging er und fand den kleinen Indianer.

»Guten Tag,« sagte der zu ihm. »Guten Tag,« antwortete er. »Steig ab,« sagte er zu dem Spanier.

Da ging er gerade zum Fleisch essen und der Spanier stieg ab. Als er abgestiegen war, sagte der Indianer: »Komm auch Fleich essen.« Da kam er zum Essen. Während er so ass, sah ihm der andere immerfort ins Gesicht, dann sagte er zu ihm:

»Was hast du denn eigentlich im Munde?«

Der Räuber fasste sich in den Mund und antwortete: »Gar nichts!«

»Nun, merkst du denn das nicht?« sagte der kleine Indianer. »Das ist ja Wolle.« Da fasste er ihm in den Mund und sagte: »Das hier! tu das heraus. Steck' deine Zunge heraus.« Da steckte er sie heraus und als er sie heraussteckte schnitt ihm der Indianer die Zunge aus. Da rannte der Räuber eiligst davon und kam zu seinen Gefährten.

»Nun, was ist denn los?« fragten ihn seine Gefährten. »Was giebt es denn?« Aber der sagte gar nichts. Da gingen sie eilends davon.

Der kleine Indianer aber legte sich schlafen. Als es Morgen war, machte er sich auf und nahm seine Tür mit.

Wie er so dahinwanderte, kam er zu einem Herrn.

»Wo willst du hin?« fragte man ihn. »Ich bin auf der Wanderschaft,« antwortete er; »ich suche Arbeit.« »Wo hast du die Tür gekauft?« fragte man ihn.

»Da hinten,« antwortete er. »Sind da noch mehr Türen zu verkaufen?« fragte man ihn.

»Eine ganze Menge,« antwortete er. »Wo denn?« fragte der ander; »führ mich dahin.« – »Nein, ich mag nicht,« antwortete er. »Ich werde es dir bezahlen,« sagte der Herr.

»Wie viel willst du mir geben?« fragte der kleine Indianer.

»Einen Thaler,« war die Antwort. »Nein, ich will nicht,«[53] sagte er. »Zwei Thaler,« sagte der Herr. Da sagte er: »Gut.«

Er führte den Herrn und sie gingen dahin. Der Herr aber hatte viel Geld.

»Wo führt der Weg hier hin, mein Sohn?« fragte der Herr, »Dahin,« antwortete er und liess ihn aufwärts gehen. So kamen sie oben auf den Berg. Der Kleine aber stieg immer voran und als er ganz oben war, rollte er Steine herab. Der Herr sagte zu ihm: »Tu' das nicht!« Da traf er ihn mit einem grossen Stein an den Kopf, so dass er starb.

Darauf kehrte der kleine Indianer um und kam wieder zu dem Hause des Herrn zurück. Man fragte ihn: »Wo ist denn dein Herr?«

»Der ist da hinten geblieben, und lässt sagen, ihr solltet ihm morgen einen Wagen schicken. Er möchte gern Türen kaufen.«

So ging er wieder hin und nahm seine Tür mit und ging. Dann sagte er: »Ich will meine Tür hier lassen.«

Dann kam er wieder zu einem anderen Häuptling. Da fragte man ihn: »Was willst du?« »Ich suche Arbeit,« antwortete er.

Da sagte der Reiche zu ihm: »Ich habe Arbeit.«

»Was hast du für Arbeit, Vater?« sagte der Indianer. »Beaufsichtige mein Gut,« war die Antwort; »man stiehlt mir so viel Mais.«

»Fang mir eine säugende Stute,« sagte der Herr. »Gut,« sagte der kleine Indianer.

»So komm' mit mir!« sagte der Herr und sie gingen zusammen und er zeigte sie ihm.

»Das ist sie,« sagte der Herr. »So ist's Recht,« sagte der kleine Indianer.

Dann reinigte er die Erde ringum und sagte: »Hier will ich mich hersetzen. Bringt mir Nadeln.« Und er steckte die Nadeln rings um sich in die Erde. Dann sagte er so: »Wenn ich einnicke, so werde ich mich stechen und wieder aufwachen.«

Als es eben Morgen wurde näherte sich die säugende Stute. Da warf er das Lasso nach ihr und traf das weisse Pferdchen.[54] Darauf brachte er es zu seinem Herrn. Als es eben Morgen wurde, ging er hin und rief: »Herr!«

Da sprang der Reiche auf und sagte: »Hast du sie gefangen?« »Ja,« antwortete er. »So bring mir ein Messer,« sagte der Reiche. Da sagte der kleine Indianer: »Gieb sie mir, warum willst du sie töten?«

So rettete das Pferdchen sein Leben.

Da zog der Meine Indianer wieder aus und auf dem Wege holte er seine beiden Brüder ein.

»Es ist ruchbar geworden, dass du einen Herrn getötet hast,« sagten sie und schlugen den kleinen Indianer tot.

Als er tot war, liessen sie ihn so liegen und liessen auch sein Pferdchen da zurück.

Da leckte es ihn, und er wurde wieder lebendig. Da sprach das Pferd zu ihm: »Vorhin hast du mir das Leben gerettet; jetzt habe ich dich auch wieder ins Leben zurückgebracht,« so sagte das Pferdchen. »Wir wollen zusammengehen; wir werden deine beiden Brüder einholen,« sagte das Pferdchen zu ihm.

Da machten sie sich auf und holten seine beiden Brüder wieder ein. Dann sagte das Pferdchen zu ihm: »Du musst mich zum Ufer des Meeres bringen.« Da brachte er es dorthin. Und das Pferd sprach zu ihm: »Wenn irgend wo einmal ein Fest ist, so kannst du alles was du willst von mir fordern,« so sagte das Pferdchen.

Bald darauf feierte man ein Fest. Der kleine Indianer hatte unterdessen seine beiden Brüder eingeholt. Da sagten seine beiden Brüder: »Wir wollen hingehen!« Und der Kleine sagte: »Ich will auch hingehen.«

»Nein, du gehst nicht!« sagten die andern und wurden böse.

So gingen also die beiden Männer hin zum Feste.

Der kleine Indianer aber ging hin und sagte: »Schimmelchen, gieb mir einen Rappen, einen ganz schwarzen, Sattel, Dolch, Sporen, Steigbügel, Zaumzeug, Zügel, Gurten; rein von Silber will ich's haben, über und über voll Silber.«2 Da kam das alles hervor und er stieg auf. So ging er zum Feste.

Als er ankam, war man gerade beim Spielen. Er spielte mit und gewann. Da war keiner ihm gleich und die hübschen[55] Mädchen verliebten sich in ihn und sagten: »Steig' ab und komm zum Tanze!« »Nein, ich will nicht, antwortete er; ein ander Mal, später!«

So reiche Männer auch da waren, keiner war ihm gleich. Und es waren wohl reiche Männer da, die auch Silber hatten, aber gleich war ihm keiner.

Darauf kehrte er um und kam wieder zurück und gab auch sein Pferd wieder ab. So war er wieder ganz arm. Da kamen seine beiden Brüder auch wieder an, und erzählten einander: »Da war auch ein prächtiger, reicher Herr, dem war niemand gleich,« sagten sie.

»War ich das nicht etwa?« sagte da der kleine Indianer.

»Deinetwegen konnte der Mann uns alle ausstechen, Freundchen,« sagten seine Brüder.

Abermals fand ein Spiel statt und auf sechs Tage wurde das Spiel angesetzt. Als nun das Fest herankam, da gingen die beiden Männer hin.

»Ich will auch gleich hingehen,« sagte der kleine Indianer, und ging zu seinem Schimmel.

»Schimmel, sagte er, gieb mir einen Braunen, ohne Tadel, dem nichts gleich kommt. Von reinem Gold soll er alles haben; Steigbügel von Gold, Gurten von Gold; nichts soll ihm gleich sein.«

Da kam ein gesatteltes Pferd hervor. So ging er zum Feste. Und als er ankam, da war keiner prächtiger als der kleine Indianer. Und er ging zum Spiele und gewann. Da verliebten sich die hübschen Mädchen in ihn und sagten: »Steig' ab und komm trinken!«

»Nein, ich will nicht,« antwortete er; »ein ander Mal, später!«

Darauf kehrte er um und kam wieder zurück. Gar viel Geld hatte er gewonnen. Als er ankam brachte er sein Pferd wieder dahin zurück, wo er es geholt hatte.

Und abermals war ein Fest. Und als das Fest heran kam, da sagte er: »Dieses Mal werden sie mich erkennen!« Und er ging wieder zu seinem Pferdchen und sagte: »Schimmelchen, schaff' mir einen grossen Fuchs, gar schön muss er sein, alles von reinem Silber haben, nichts soll ihm fehlen. Wäsche, Jacke, Weste, Hose, Stiefel und meine ganze Tasche über und[56] über voll von Geld.« So ging er zum Feste und kam an und spielte und gewann. Da sagten wieder die hübschen Mädchen zu ihm: »Steig ab!« Da stieg er ab und ging zum Tanze. Da sassen seine beiden Brüder im Hause. Und er ging zum Tanze und tanzte einmal herum; dann ging er hinaus. Dann rief er seine beiden Brüder: »Kommt her, ihr Männer!« sagte er, und rief sie bei Namen; »Lienkura, Kalviluan!« rief er. Da kamen die beiden Männer und er fragte sie: »Habt ihr Geld, Freunde?« sagte er. »Nein, wir haben keines,« sagten da die beiden Männer. Da zog er eine grosse Handvoll aus der Tasche und gab es ihnen; jeder von beiden bekam eine grosse Handvoll.

Dann ging er wieder hinein zum tanzen, und die hübschen Mädchen verliebten sich in ihn. Da nahm er eine Frau und wurde ein gar vornehmer Herr. Drei gesattelte Pferde hatte er und das Sattelzeug immer verschieden. Einen silbernen und einen goldenen Sattel, das alles hatte er.

Quelle:
Lenz, Rudolf: Aurakanische Märchen und Erzählungen. Valparaiso: Universo de Guillermo Helfmann, 1896, S. 51-57.
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