Anmerkungen

[66] U, ch, j in Eigennamen und aurauk. Wörtern sind nach spanischer Weise auszusprechen annähernd wie deutsches lj, tsch, ch; ng ist ein Laut wie im norddeutschen Dinge, Onkel; tr in arauk. Wörtern lautet wie im südenglischen try. w gleich englischem w.

Autobiographie.


1.

(1) Der »kleine« Indianer ist im Sinne eines Deminutivs gebraucht, als Kosewort. Die körperliche Grösse kommt nicht in Betracht.

(2) Der Boleador besteht aus zwei oder drei Kugeln, die mit Riemen zusammengebunden sind und so auf das zu jagende Tier geschleudert werden, dass sie sich ihm um die Füsse wickeln. Im Gebrauch unter Indianern und Gauchos der argentinischen Pampas.

(3) Der Cherruve ist wahrscheinlich der Geist des Wetterleuchtens; über seine Gestalt wusste Kalvun nichts zu sagen, es ist eben ein »Ungeheuer,« das Feuer speit.

(4) Die Wände des Hauses sind aus Reisig, halten also den Gestank des Chingue (Mephitis chilensis) nicht ab.

(5) Die Erzählung ist hier mangelhaft. Wahrscheinlich sollte der Bursche nur hinaussehen, ob das Pferd auch nicht fortgeht, und sich beim Anblick des Holzpferdes beruhigen.

(6) Diese letzte Wette ist offenbar ein ungehöriges Einschiebsel; es ist gar kein Witz dabei.


2.

(1) Sie stellte sich krank und sagte dem Cherruve, ihr Bruder habe ihr die Krankheit angehext; denn jede Krankheit geht nach Ansicht der Araukaner von einem Feinde aus. Deshalb will der Cherruve den Indianer töten.

(2) Es handelt sich also um das Versiegen der Bäche in der Pampa, das durch ein dem Cherruve dargebrachtes Menschenopfer beseitigt werden soll.

(3) Hier fehlt die Angabe, dass der kleine Indianer dem Cherruve seine sieben Zungen ausschneidet und sie mitnimmt, was späte? entscheidend wird für den Lauf der Erzählung.

[67] (4) Auch der Neger ist ein Beweis für den argentinischen Ursprung der Sage. In allen Gauchoerzählungen kommen Neger vor; in Chile sind sie ebenso selten als in Berlin.

(5) Fôt! ein Ausruf, verkürzt aus vótm Bruder.


3.

(1) Von hier an, wo man erwartet, dass der Indianer die Tochter des Reichen heiratet, scheint der Schluss unpassend.


4.

(1) Diese Stelle ist seltsam. Es ist nicht unmöglich, dass an Knabenliebe zu denken ist (vergl. das Wort hueye in den Wörterbüchern und Bascuñan, Cautiverio feliz p. 107); oder will sich der Tote nicht umarmen lassen, weil er keinen vollständigen Körper hat und fürchtet der Knabe möchte es merken?

(2) Der Araukaner unterscheidet ganz genau zwischen dem unehelichen Verhältniss (üñam) und der Ehefrau (kure). Die Eheschliessung ist formell Raub und Kauf. Der Bräutigam entführt die Braut, oder lässt sie durch Freunde rauben; darauf kommt der Vater des Mädchens und verlangt die Bezahlung. Erst wenn diese geleistet ist, wird die Braut rechtmässiges Eigentum des Mannes.


5.

(1) Der Latrapai is ein rätselhaftes Ungeheuer der Pampa, über das Kalvun nichts näheres wusste. Auch der Name war ihm unerklärlich. Herr Chiappa glaubt von anderer Seite den Namen Latripai gehört zu haben; das würde bedeuten »der Tote kam heraus.«

(2) Vergleiche 4, 2. Statt der Bezahlung sollen hier die Schwiegersöhne arbeiten.

(3) Dieser Satz hat hier gar keinen Sinn; vergl. N°. 14.

(4) Gemeint ist der im Wuchs der Eiche ähnliche chilenische Roble (Fagus Dombei). Im Arauk. haben die alten Bäume (aliwen) deren Holz innen rot ist, einen anderen Namen als die jungen (koyam). Ich übersetze jenes mit Kerneiche dieses mit Eiche, obgleich es sich um eine Buchenart handelt.

(5) Pillan ist der Donnergott, wahrscheinlich die höchste Gottheit der alten Araukaner. Sein Name lebt in mehreren chilenischen Ortsnamen fort.

(6) Wildes oder verwildertes Rindvieh kommt in den Abhängen der Kordillere noch heute vor.

(7) Es handelt sich hier vermutlich um eine alte Mythe; man sollte aber eher erwarten, dass der Tag (die Sonne) in einen Topf getan würde, damit es Nacht wird.


8.

(1) Hier ist das Wort chüpei toro gebraucht, dessen genaue Erklärung Kalvun nicht geben konnte. Es soll ein stierartiges Ungeheuer sein.


11.

(1) Diese Geschichte beruht auf chilenischem Original. Der Stoff ist weitverbreitet; man vergleiche das deutsche: Der Herr der schickt den Jockei aus, er soll den Hafer schneiden u.s.w. Ich habe eine ähnliche Geschichte »la averiguacion de la tenca« in[68] chilenisch-spanischem Dialekt am Ende meiner »Chilenischen Studien« (Phonetische Studien, herausgeg. von W. Victor, Marburg. Band VI, p. 296) veröffentlicht. In dieser Lesart geht die Tenca, eine Art Drossel, persönlich von einem zum andern, um sich über den Frost zu beschweren, der ihr ein Bein erfroren hat. Sie fragt: Frost, warum bist du so bös, dass du mir das Bein erfrierst? und erhält als Antwort: Böser als ich, ist die Sonne die mich schmilzt. So kommt das Vöglein bis zum lieben Gott, der es für seine freche Frage einfach tot schlägt.

(2) Winka ist der arauk. Name für die Europäer, die Eindringlinge. Lehmhaus bezieht sich auf die chilenischen Häuser aus ungebrannten Ziegeln.


12.

(1) Kalvun sagte alle Fragen der Reihe nach und dann die Antworten. Sehr geistreich sind die Rätsel nicht.

(2) Die essbare Frucht des Quilo (Mühlenbeckia chilensis).

(3) Der Wirrschwamm (gargal) wächst auch auf dem chilenischen Roble.

(4) Das heisst »auf einem Baumstumpf.«


13.

(1) Für Gerte und Geld werden die spanischen Worte varilla und plata gebraucht, was auf spanisches Original schliessen lässt.

(2) Die Bittfeste (ngillatun) werden veranstaltet, wenn entweder zu viel Regen oder zu viel Trockenheit zur Unzeit eintritt.

(3) Die Araukaner haben von je her nur Silberschmuck hochgeschätzt und haben in der Verfertigung desselben beträchtliche Geschicklichkeit erreicht.

(4) All diese Gegenstände, die den vollen Schmuck einer reichen Indianerin ausmachen, sind von Silber.

(5) Dasselbe Zwiegespräch kommt auch im Märchen von den drei Brüdern vor.

(6) Wie man sieht ist die ganze Erzählung voller Züge die auch aus deutschen Märchen bekannt sind. Die drei Brüder oder Schwestern, die in die Welt ziehen, und von denen das jüngste Kind, scheinbar dumm oder unglücklich, schliesslich doch am besten davonkommt, kehren häufig wieder. Insbesondere vergleiche man die Geschichte vom Aschenputtel. Der »Sohn des gar reichen Herrn« ist der unvermeidliche Königssohn als Freier.


14.

(1) Dieses Märchen erinnert in vielen ganz eigenartigen Zügen (z.B. die ganze Szene, in der die Tür vom Baum auf die Räuber fällt) so lebhaft an das Grimm'sche Katerlieschen, dass zwischen beiden unbedingt ein Zusammenhang herrschen muss. Das ganze scheint übrigens die Verschmelzung mehrerer unabhängiger Märchen zu sein.

(2) Vergl. 13, Anm. 4, hier das Gegenstück mit allem Schmuck des Mannes. Man beachte überhaupt die zahlreichen Parallelestellen in beiden Märchen.[69]


15.

(1) Kalvukura ist einer der letzten Häuptlinge gewesen, mit denen die Argentiner noch in den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts zu kämpfen hatten. Die folgenden Erzählungen sind von Interesse insofern sie die eigentümlichen Rechtsbegriffe des Volkes beleuchten. Kalvun hörte die Geschichte von seinem Onkel, einem Namensvetter des berühmten Häuptling Kalvukura.


18.

(1) Diese Erzählung ist vermutlich aus Kalvuns eignem Leben. Als ich ihm diese meine Vermutung sagte, lächelte er und schwieg. Wenn ich sie trotzdem mitteile, so geschieht es, weil sie einen Einblick in die Denkweise des Volkes gewährt.


19.

(1) Diese Erzählung ist eine Erläuterung zu dem folgenden Liede, Mariñamko soll ein böser Häuptling gewesen sein, der noch nicht lange tot ist.


20.

(1) Die araukanischen Lieder kennen keine bestimmte metrische Form; es sind mehr oder weniger gleich lange Zeilen ohne Reim und bestimmten Rhythmus. Der Gesang ist, soweit ich ihn gehört habe, eigentlich mehr melodisch gehobener Vortrag.


21.

(1) Das für unseren Geschmack geniessbarste von allen Liedern die ich besitze. Die Frau war von einem Indianer aus der Nähe von Temuco aus ihrer Heimat Winfali entführt worden. Nach Kalvuns Angaben handelt es sich um eine wahre Begebenheit.

Quelle:
Lenz, Rudolf: Aurakanische Märchen und Erzählungen. Valparaiso: Universo de Guillermo Helfmann, 1896, S. 66-70.
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