2. Das Märchen von den beiden Hündchen.

[19] Es waren einmal zwei Geschwister, er ein Indianer und sie eine Indianerin. Die Frau war gross, der Indianer aber klein. Da kam ein Cherruve um mit der Frau zusammen zu schlafen[19] und sie ward seine Liebste. Der kleine Indianer aber musste die Schafe hüten.

Da sah er einmal einen alten Mann mitten auf dem Felde, der hatte zwei Hündchen bei sich, die gefielen dem Indianerchen gar sehr.

»Möchtest du mir nicht deine Hunde verkaufen? Du hast so gar hübsche Hündchen,« sagte der Indianer.

»Ich will sie dir geben, wenn du mir alle deine Schafe gibst,« war die Antwort.

»Ich werde es meiner Schwester sagen; bringe morgen wieder die Hündchen hier vorbei,« sagte er zu dem Alten.

»Morgen um Mittag komme ich wieder vorbei,« antwortete der Alte.

»Dann werde ich deine Hündchen kaufen,« sagte der kleine Indianer.

Als er zu seiner Schwester kam, sagte er: »Es ging da ein alter Mann, der hatte zwei kleine Hündchen, ach, die waren so hübsch! ›Gieb mir deine Schafe, so geb' ich dir meine Hündchen,‹ hat der alte Mann zu mir gesagt, liebes Schwesterchen,« so sagte er zu seiner Schwester.

»Was willst du mit den Hunden anfangen,« antwortete sie.

Da sagte der kleine Indianer: »Wir wollen sie doch kaufen!«

Am nächsten Morgen ging er wieder auf's Feld hinaus; um Mittag sah er den Alten. Da kaufte er die beiden Hündchen und eine Flinte. Als er nun die beiden Hündchen kaufte, da sagte der alte Mann zu dem kleinen Indianer: »Dieser Hund heisst Süd und der andere heisst Nord. Wenn dir irgend einmal ein Unglück geschieht, dass man dich etwa morden will, so ruf die beiden Hündchen.« So kam er wieder nach Hause zurück und brachte seine beiden Hündchen und die Flinte mit. Da fragte man ihn: »Und deine Schafe ...?«

»Die hab' ich verkauft und habe dafür die beiden Hündchen und die Flinte eingehandelt.«

Da wurde die Frau gar böse und wollte ihren Bruder töten lassen durch den Cherruven.

Kurze Zeit darauf stellte sie sich krank1. Da sagte der Cherruve zu ihr: »Ich werde ihn dir töten.«

So stellte sich also die Frau krank und liess dem kleinen[20] Indianer sagen: »Geh und hole mir Birnen als Heilmittel; du musst auf den Baum steigen und mir sie herunter holen,« sagte man ihm. Da ging er hin und stieg auf den Birnbaum. Vorher aber steckte er seine beiden Hündchen und seine Flinte in eine Kiste.

Da machte sich der Cherruve auf um den kleinen Indianer zu töten. Als er ihn fand, sagte er zu ihm: »Jetzt werde ich dich töten, verdammter Kerl!«

»Ganz recht so; aber ehe du mich tötest, lass mich noch ein Gebet sprechen,« antwortete der kleine Indianer, und stieg von seinem Birnbäume herunter. Dann rief er seine beiden Hunde: »Süd! Nord!«

Da kamen seine beiden Hündchen eiligst angelaufen und packten den Cherruve und versetzten ihm ordentliche Bisse. So töteten die beiden Hündchen den Cherruve.

Als der kleine Indianer nun nach Hause zurück kam, sagte er zu seiner Schwester: »Was sind mir das für Sachen! Also du wolltest mich töten lassen?«

»Warum hast du deine Schafe verkauft?« war die Antwort.

Da wurde der kleine Indianer böse und sagte: »Jetzt gehe ich sogleich fort.« So zog er aus und ging um Arbeit zu suchen bei einen reichen Herrn. Wie er dahin zog, erblickte er ein Mädchen, die war ganz nackt.

»Guten Tag!« sagte er zu dem Mädchen; »was machst du denn hier so nackend?« sagte er.

»Mein Vater hat mich an einen siebenhäuptigen Cherruven verkauft, um Wasser zu bekommen, [denn der Cherruve hielt alles Wasser zurück2],« sagte das Mädchen.

»Dann wird er dich also bald töten,« sagte der kleine Indianer, und machte ihr den Vorschlag: »Wenn du dich mit mir verheiraten willst, so werde ich dir den siebenhäuptigen Cherruve töten.«

»Töte ihn mir erst,« sagte das Mädchen; »bald, so gegen Mittag, kommt der siebenhäuptige Cherruve an,« sagte sie und fing an bitterlich zu weinen, weil der Cherruve sie fressen würde.

Der kleine Indianer warf sich auf die Erde um zu schlafen. Gegen Mittag kam der siebenhäuptige Cherruve an. Da rief[21] er seinen zwei Hündchen zu: »Mutig, mutig!« Und die beiden Hündchen machten sich gut; sie ergriffen den siebenhäuptigen Cherruven und töteten ihn [und er schnitt ihm seine sieben Zungen aus]3. Als er tot war, da strömte das Wasser wieder.


Da sagte der reiche Mann, [der Vater des Mädchens]: »Ach nun ist meine Tochter tot;« [denn sonst würde das Wasser nicht fliessen].

Eine Weile darauf machte sich das Mädchen auf und ging zu ihrem Vater zurück.

Der aber schickte gerade einen Neger4 aus um Holz zu fällen. Der fand den toten Cherruve, indem er ihn ganz von weitem sah. Da. sprang er von seinem Wagen herab und nahm seine Axt herunter und näherte sich langsam dem toten Cherruve und versetzte ihm einen tüchtigen Hieb.

»Ich hab' ihn tot geschlagen,« sagte er und machte sich daran ihm alle seine sieben Köpfe absuschneiden und lud sie alle auf seinen Wagen und brachte sie zu dem reichen Herrn zurück. »Ich habe den siebenköpfigen Cherruve tot geschlagen,« sagte er und zeigte alle sieben Köpfe vor.

»Ei, das ist Recht, mein Sohn!« sagte da der Vater des Mädchens zu dem Neger; »nun sollst du dich auch gleich mit meiner Tochter verheiraten.«

Da tötete der reiche Mann fünf Rinder zur Mahlzeit.

Bald darauf kam der kleine Indianer an und brachte seine zwei Hündchen mit; die sieben Zungen des Cherruve hielt er versteckt. Als nun dem Neger sein Essen aufgetragen war, da sagte der kleine Indianer: »Geh, Nord! wirf ihm sein Essen herunter.«

»Was ist denn das?« sagte der Neger und schämte sich sehr, [dass ihm das Hündchen das Essen herunterwarf]. Abermals wurde dem Neger Essen gebracht; da sagte der kleine Indianer: »Jetzt geh du, Süd! und lass dich ergreifen.« Da näherte sich das Hündchen, und warf alles Essen dem Neger auf die Kniee. Da ergriff dieser das Hündchen.

Da kam der kleine Indianer heran und sagte: »Das ist mein Hündchen!« dann begann er zu fragen: »Was ist denn los, dass ihr hier versammelt seid?« sagte der kleine Indianer.[22]

»Dieser Neger hat heute den siebenhäuptigen Cherruve getötet; dafür gebe ich ihm meine Tochter,« sagte der reiche Mann.

»Hat er ihn wahrhaftig tot geschlagen? Ich glaube er hat es nicht getan,« sagte der kleine Indianer.

»Doch, er hat ihn wahrhaftig totgeschlagen,« sagte der Reiche.

»Ich meine er hat ihn nicht totgeschlagen,« sagte der Heine Indianer. »Uebrigens, meinetwegen mag er ihn auch totgeschlagen haben,« sagte der kleine Indianer.

»Ja, er hat ihn totgeschlagen; er hat die sieben Köpfe des Cherruve mitgebracht, deshalb glaube ich es ihm,« sagte der Reiche.

Da sagte der kleine Indianer: »Er hat ihn nicht getötet; ich habe ihn getötet. Zeig mir doch mal alle Zungen des Cherruve.«

Er brachte nämlich in einem Tüchlein die Zungen des Cherruve zusammengebunden mit sich und zog sie nun hervor.

»Gut, so zeigt mir doch einmal die Köpfe,« sagte der kleine Indianer. Da zeigte ihm der Reiche alle Köpfe vor, aber er sah keine Zungen in ihnen. Da zeigte der kleine Indianer alle Zungen des Cherruve vor.

In dem Augenblick kam auch das Mädchen heraus und erblickte den kleinen Indianer.

»Fôt!«5 sagte das Mädchen, »dieser kleine Indianer hat mir das Leben gerettet,« so sagte das Frauenzimmerchen.

Da wurde denn der heiratslustige Neger hinausgeworfen: »Hinaus mit dir!« hiess es; und der kleine Indianer kam heran und setzte sich an seine Stelle.

»Wir beide wollen uns verheiraten! Dieser hat mir das Leben gerettet, Vater,« sagte da das Mädchen zu seinem Vater.

»Gewiss, ihr sollt euch gleich verheiraten,« antwortete der Reiche.

So verheirateten sich beide richtig und der kleine Indianer blieb dort. –

Da sagte seine Schwester: »Ich will mich doch sofort aufmachen und zu meinem Bruder gehen.«

So machte sich denn die Liebste des Cherruve auf um zu[23] ihrem Bruder zu gehen, nachdem sie vorher dem Cherruven die Klauen abgeschnitten hatte. Die nahm sie mit sich und so kam sie bei ihrem Bruder an.

Der kleine Indianer aber war ein reicher Mann geworden. So sagte denn die Frau zu ihm: »Lieber Bruder, ich komme ganz verlassen zu dir, ich bin allein; so komm' ich denn um zu sehen, ob ich dir vielleicht bei irgend einer Arbeit helfen kann.«

»Es ist recht so, sagte der kleine Indianer. Was sollte ich sonst dir anders sagen?«

So kam also die Frau bei ihrem Bruder an; zwei Tage nach der Ankunft tat sie die Klauen des Cherruve in das Bett, in dem der kleine Indianer schlafen sollte, und stellte sie aufgerichtet hin. Da starb der kleine Indianer. Sogleich machte sich die Frau davon.

Dem Reichen tat es aber so gar leid und er sagte: »Ach, nun muss ich meinen lieben Schwiegersohn begraben!«

Die beiden Hündchen des kleinen Indianers weinten gar so sehr. Darauf als der tote kleine Indianer begraben war, gingen sie hin zum Grabe und gruben es wieder auf und holten ihn so wieder heraus.

Da sagte der Reiche: »Lasst das! was soll denn das?« zu den beiden Hündchen. Aber es blieb dabei und die beiden Hunde gruben immer weiter bis sie alle Erde heraus geholt hatten. Dann suchten sie die Klauen, an denen er gestorben war und richteten den Toten sitzend auf und suchten an ihm die Klauen. Mit den Zähnen beissend zogen sie ihm die Klauen wieder heraus.

Da wurde der kleine Indianer wieder lebendig und kehrte ins Leben zurück und lebte als reicher Mann [glücklich und zufrieden].

Auf diese Weise fing das Wasser wieder an zu fliessen; so erzählen die Indianer in ihrem Märchen.

Quelle:
Lenz, Rudolf: Aurakanische Märchen und Erzählungen. Valparaiso: Universo de Guillermo Helfmann, 1896, S. 19-24.
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