31. Der getreue Sohn

[147] In einem gewissen Dorfe lebte einst ein Kaufmann mit seinem Sohne; sonst hatte er niemanden auf der Welt. Denn seine Frau war schon längst gestorben. Nach ihrem Tode hatte sich eine Djinn in ihn verliebt und er hatte sie zu sich genommen. Nun wollte die Djinnfrau den Sohn ihres Geliebten gerne sehen. Aber das war auf dieser Welt nicht möglich. Nun wurde der Kaufmann krank und vor seinem Tode befahl er seinem Sohne, ihm, wenn er einmal gestorben wäre, jeden Abend eine Schüssel voll Pilaw zu kochen und sie im Stalle in einen Winkel, den er ihm näher bezeichnete, zu stellen. Der Kaufmann starb, und am dritten Tage nach seinem Tode mietete der Sohn einen Koch, ließ jeden Abend eine Schüssel Pilaw herrichten und stellte sie an den angegebenen Ort. Das tat er, bis alles Geld, das er hatte, ausgegeben war und ihm nur sein Land und sein Haus blieben. Der Sohn verkaufte zuerst sein Land, dann sein Haus und wandte alles Geld auf den täglichen Pilaw an. Als ihm nur mehr so viel geblieben war, um noch einmal Pilaw zu kochen, dachte er nach: »Was tu' ich jetzt? Ich will doch heute nacht einmal wachen und sehen, wo der Pilaw hinkommt.« Und er sah, wie aus einem Winkel des Stalles ein Weib hervorkam, die Schüssel nahm und wegging. Er folgte ihr und kam zu einem Ort, wo es lauter Djinnen gab. Da bekam er Angst und wollte zurückkehren, das Weib aber sagte: »He, Junge, fürchte dich nicht! Geh mir nach und niemand wird dich anrühren.« Er ging ihr also nach und wurde von ihr in ein wunderschönes Schloß[147] geführt, das in einem paradiesähnlichen Garten stand. Eine Frau kam herbeigelaufen, umarmte und begrüßte ihn: »Sei willkommen, mein Sohn!« Sehr wunderte sich der junge Mann darüber. »Wer mag sie nur sein?« dachte er, »meine Mutter war doch nicht so jung, als sie starb.« Dann kamen noch zwei Knaben herbeigesprungen und begrüßten ihn als ihren Bruder und hängten sich an seine Arme. Noch mehr wunderte er sich: »Das können doch meine Brüder nicht sein! Wer sind sie wohl? Sind es Djinnen?« Und fürchtete sich noch mehr. Aber die Frau, die sich seine Mutter nannte, sagte: »Komm, Kind, komm herein ins Haus und setze dich!« Und als er eingetreten war und sich gesetzt hatte, fuhr sie fort: »Du kennst mich nicht. Aber nur, weil du mich auf jener Welt nie gesehen hast. Als deine Mutter starb, kam ich zu deinem Vater. Ich bin eine Djinn. Die beiden Knaben sind deine Brüder. Fürchte dich nicht, als dein Vater im Sterben lag, kamen wir überein über eine Sache. Ich wünschte nämlich sehr, dich zu sehen und da sagte mir dein Vater, daß er dir aufgetragen habe, vom dritten Tage nach seinem Tode an jede Nacht eine Schüssel Pilaw in den Stall zu stellen und wir Djinne sollten jemanden schicken, um den Pilaw zu holen. Der ganze Pilaw liegt jetzt hier bei uns; ich werde ihn dir zeigen.« Und sie führte ihn in ein Nebenhaus und zeigte ihm da einen großen Haufen Geld. »Siehst du,« sagte sie, »du hast deinem Vater treulich Wort gehalten. Das ist das Geld, das du für den Pilaw ausgegeben hast; es gehört dir. Beruhige dich also.«

Als er einige Tage dagewesen war, wurde seine Mutter zu Gaste gebeten. Als sie sich anschickte, wegzugehen, sagte sie zu ihrem Sohne: »Bleib du in diesem Zimmer und gehe nicht in die andern.« »Gut«, antwortete er; als seine Mutter aber fort war, überlegte er sich's und dachte so bei sich: »Was weiß meine Mutter davon, wenn ich doch in das andere Zimmer gehe und hineinschaue.« Er ging also hinüber und fand einen ganz leeren Raum. Als er aber wieder hinaus wollte, sah er über der Türe ein Bild hängen, und so[148] schön war es, daß er in Ohnmacht fiel. Als er wieder zu sich kam, schaute er wieder auf das Bild und sagte: »Das Mädchen, das dieses Bild vorstellt, muß ich unbedingt finden; ohne sie geh' ich nicht von hier weg.« Dann ging er in sein Zimmer zurück und fiel wieder ohnmächtig nieder. Als seine Mutter zurückkam und ihn auf den Boden liegen sah, frug sie ihn: »Kind, was ist mit dir? Es ist dir doch nichts passiert? Bist du vielleicht doch in jenes Zimmer eingetreten, das ich dir verboten habe?« »Ja«, antwortete er. »Nun, wenn Gott will, so bekommst du sie, jetzt beruhige dich aber!«

Dann gaben sie ihm ein neues Gewand und ein Kissen, riefen jene Frau, die abends immer den Pilaw aus dem Stall geholt hatte und sagten zu ihr: »Im Lande so und so lebt die Tochter eines Chans. Zu der führst du unsern Jungen.« »Sehr gerne,« sagte sie, »nur muß er unbedingt meinen Worten folgen.« »Was du auch befiehlst, ich werde alles getreulich ausführen«, entgegnete der Sohn. Dann versahen sie ihn mit Geld; es wurde ein Pferd vorgeführt, die Frau setzte sich darauf und nahm auch den Jungen noch hinter sich auf den Sattel.

In der Nähe des Ortes, wo jene Schöne lebte, deren Bild der Junge gesehen hatte, hielten sie an. »Geh jetzt,« sagte die Frau zu ihrem Begleiter, »geh' in das Dorf und bleibe dort und bleibe bei irgendeinem zu Gaste. Gib ihm Geld für die Auslagen, die er deinetwegen haben wird. Dann wirst du abends zu dem Mädchen gehen, das du haben möchtest und ich werde auch dort sein, hinter dem Leuchter versteckt. Wenn du sie grüßen wirst, wird sie dir nicht antworten. Nimm dein Kissen mit und setze dich darauf, denn sie wird dich auch nicht einladen, dich zu setzen. Dann wirst du mit ihr sprechen, sie wird dir aber nicht Red' und Antwort stehen. Wenn es dann Zeit wird, daß du wieder gehst, dann wende dich an den Leuchter und sprich: ›He, Leuchter, ich bin zu diesem Mädchen auf Besuch gekommen und sie hat auf meinen Gruß nicht geantwortet. Sie ist wohl keine Muselmanin, sonst hätte sie es[149] doch getan. Ich habe mit ihr gesprochen, sie hat geschwiegen, ist sie stumm? He, Leuchter, erzähl du etwas, mir ist's langweilig hier und außerdem ist es bald Zeit, heimzugehen.‹ Dann werde ich, hinter dem Leuchter versteckt, sagen: O, Junge, was soll ich dir sagen? Schämst du dich nicht, daß du zu diesem Mädchen auf Besuch gekommen bist? Die ist ja kein Menschenkind; wenn sie eines wäre, hätte sie dir geantwortet. Aber ich will dir eine Geschichte erzählen; darin ist eine Streitfrage, die sollst du lösen. Also höre!«

Es waren einmal drei gute Freunde und die liebten alle drei ein und dasselbe Mädchen; doch wußte keiner von ihnen, daß sie dasselbe Mädchen gern hatten. Als sie dies aber erfuhren, sagten sie zueinander: ›Wir wollen zu ihr gehen und sie fragen, welchen von uns sie will. Sie wird dann den beiden andern eine gute Freundin32 sein.‹ Sie schickten also einen Boten zu ihr und ließen sie fragen. Ihr Vater aber wußte nicht recht, wie er es machen sollte. ›Wenn ich sie dem einen gebe, was werden dann die andern sagen? Ich habe ja nur eine Tochter. Das beste ist, ich gebe den jungen Leuten dreitausend Rubel; sie sollen damit Handel treiben, und wer am meisten verdient, der kann meine Tochter haben.‹ Er schlug den Dreien diese Lösung vor und sie willigten ein, gab jedem tausend Rubel und sie gingen damit Einkäufe machen. Und zwar in ein sehr entferntes Land, wo sie sich dann trennten. Der erste fand auf einem Basar ein Pferd, das gerade tausend Rubel kostete. Aber es war ein ganz besonderes Pferd; einen Weg von drei Monaten konnte es in drei Stunden zurücklegen. Der zweite fand auf einem andern Basar ein Fernrohr, das auch tausend Rubel kostete. Aber es war wiederum ein ganz besonderes Fernrohr: wer durchsah, der sah überall in der Welt, was er nur sehen wollte. Und der dritte erstand um seine tausend Rubel eine Flasche Medizin, eine ganz besondere Medizin: ein Tropfen genügte, um einen Sterbenden wieder zum Leben zu erwecken.[150]

Dann trafen sich die drei wieder an einem bestimmten Orte und berichteten einander, was sie für ihr Geld erstanden hätten. Und am folgenden Morgen beschlossen sie, ihre Einkäufe zu erproben. Zuerst schaute der eine durch sein Fernrohr und sah, daß jenes Mädchen, um das sie gefreit hatten, im Sterben lag. ›Ach,‹ sagte der mit der Arznei, ›wenn ich nur jemand hätte, der die Arznei dem Mädchen hinschaffen könnte!‹ »Das kann ich tun«, sagte der mit dem Pferde. Sprach's, stieg auf, nahm die Arznei und war in einer Stunde bei der Sterbenden. Man tat ihr einen Tropfen davon in den Mund und sie sprang auf und war gesund. ›Du sollst mein Schwiegersohn sein‹, sagte der Vater des Mädchens zu dem, der die Arznei gebracht hatte. Als aber später die beiden andern ankamen, gab es Streit zwischen ihnen, denn jeder wollte das Mädchen haben und jeder hatte ja ein Recht darauf. ›Mir gehört sie‹, sagte der mit der Arznei, ›nein, mir!‹ behauptete der Besitzer des Pferdes, und der mit dem Fernrohr sagte: ›Wenn ich nicht gesehen hätte, daß sie im Sterben liegt, wären euer Pferd und eure Arznei nutzlos gewesen.‹ »Und was meinst du dazu?« sagte der Leuchter zu dem jungen Mann.33 »Ich meine, sie gehört dem mit der Arznei«, antwortete dieser. »Nein«, sagte das Mädchen, das bisher so hartnäckig geschwiegen hatte, »wenn du lügst, soll dir der Bauch platzen, sie gehört dem mit dem Pferde.« Der Junge aber stand auf, klopfte das Mädchen auf die Schulter und sagte: »Und du gehörst mir! Und morgen abend komm' ich wieder.« Mit diesen Worten stand er auf und ging weg.

Die Djinnfrau aber, die hinter dem Leuchter gestanden hatte, sagte zu ihm: »Wenn du morgen abend wieder zu ihr gehst, sprich mit ihrer Tachta.34 Ich werde darunterstecken und dir antworten.«[151]

Am folgenden Abend ging der Junge wieder zu dem Mädchen, grüßte sie und erhielt wiederum keine Antwort. Dann fing er an zu erzählen; das Mädchen schwieg. »Du, Tachta,« sagte er dann, »ich habe das Mädchen gegrüßt und sie hat mir nicht geantwortet. Das ist doch keine Muselmanin! Ich habe mit ihr gesprochen; sie schweigt. Sie ist wohl stumm. Geh', sprich du mit mir!« Und die Tachta hub an: »Ja, Junge, ich will dir etwas sagen. Schämst du dich nicht, zu einem solchen Mädchen zu kommen. Dies Mädchen ist ja kein menschliches Wesen. Aber ich will dir was erzählen. Es waren einmal drei Kameraden auf dem Wege. Einer davon war ein Schneider, der zweite ein Zimmermann, der dritte ein Gelehrter. Eines Abends hielten sie an, um im Walde zu übernachten. Zuerst mußte der Zimmermann auf Wache ziehen. Um sich die Zeit zu vertreiben, schnitzte er aus einem Holzstück einen Menschen. Dann, als seine Zeit um war, legte er sich schlafen und der Schneider übernahm die Wache. Um der Langeweile zu entgehen, machte er für die Holzfigur Kleider. Als er damit fertig war, war auch seine Wache zu Ende und es kam der Gelehrte daran. Als der die Figur in Kleidern dastehen sah, betete er zu Gott: ›Herr, ich bitte dich, gib diesem Menschen eine Seele.‹ Ehe er mit seinem Gebet zu Ende war, stand das Mädchen – denn es war ein Mädchen, was der Zimmermann gemacht hatte – schon da und zündete ein Feuer an. Als die drei am Morgen aufstanden, wollte jeder das Mädchen haben. ›Ich habe sie gemacht‹, sagte der Zimmermann, und ›ich habe sie angekleidet‹, der Schneider, der Gelehrte aber ›ich habe von Gott eine Seele für sie erbeten.‹ ›Nun, mein Junge,‹ fuhr die Tachta fort, entscheide du, wer in dem Streit Recht hat.« »Dem Schneider gehört sie«, sagte der Junge. »Nein,« meinte die Tachta, »nein, dem Zimmermann.« Da aber mischte sich das schweigsame Mädchen ein: »Wenn du wieder lügst, soll dir dein Bauch platzen. Wenn der Gelehrte nicht um eine Seele gebeten[152] hätte, wäre sie der Holzblock geblieben, der sie war. Dem Gelehrten allein kann sie also gehören.« Da stand der Junge auf, klopfte sie auf die Schulter und sagte: »Und du sollst mir gehören!« Da nahm ihn das Mädchen bei der Hand und führte ihn zu ihrem Vater, dem Chan, und sagte »Vater, das ist mein Bräutigam.« Der Chan wurde schrecklich zornig und schrie seine Tochter an: »Was soll das bedeuten?« »Vater, so war die Sache,« sagte sie, und erzählte ihm, wie es gekommen war. Dann nahm der Chan selbst den Jungen bei der Hand, begrüßte ihn als seinen Schwiegersohn und veranstaltete ein großes Hochzeitsfest.

Als dieses zu Ende war, sagte der junge Mann, er müsse jetzt abreisen. »Wozu das?« sagte der Chan, »bleib' doch; du wirst nach meinem Tode Chan; es wird dir hier gut gehen.« »Nein, nein,« antwortete der junge Ehemann, »mir ist es hier langweilig; ich muß zu meinen Eltern.« Da war nun weiter nichts zu machen, der Chan gab den jungen Leuten eine große Menge Geld und Gut mit und entließ sie. Als der junge Ehemann nun zu seiner Mutter kam, freute sich diese ungemein: »O, mein lieber Sohn, hast du nun dein Ziel erreicht? Bleib jetzt nicht hier, gehe in den Wohnort deines Vaters, vergiß uns aber nicht! Und noch eins. Komm mit in das andere Zimmer. Dort liegt das Geld, das du ausgegeben hast, um deines Vaters letzten Willen zu erfüllen. Sieh, hier ist es, nimm es, es gehört dir.« »Gut,« sagte er, »ich nehme es und gehe dann.« Er lud das Geld einem Djinn auf, setzte sich selbst auf einen zweiten und kam bald in den Ort, wo sein Vater gelebt hatte und gestorben war. Dort wurde er Chan, und Gott schenkte ihm auch einen Sohn, und er lebte zufrieden und glücklich mit Frau und Kind.

»Gott sei Dank,« pflegte er zu sagen, »daß ich meines Vaters Willen getreulich erfüllt habe. Gott hat mir mein ganzes Geld zurückgegeben. Ihm sei Preis und Dank.«

32

Im Original: Schwägerin.

33

Der Erzähler hat hier bereits vergessen, daß dies alles nur Vorhersagung der Djinnfrau ist u. diese als bereits eingetroffen angenommen.

34

So nennt man im Kaukasus ein niedriges Holzgestell, das, mit Teppichen und Kissen versehen, als Sofa dient.

Quelle:
Dirr, A.: Kaukasische Maerchen.Jena: Eugen Diederich, 1922, S. 147-153.
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