63. Abchasisch (Abrskil)

[242] In alter Zeit lebte in Abchasien eine schöne Jungfrau von vornehmer Herkunft. Schon als Kind hatte sie das Gelübde getan, Jungfrau zu bleiben, und ihre Eltern hatten nicht nur nichts dagegen, sondern halfen ihr auch ihr Gelübde zu erfüllen. Und doch wurde sie nach einiger Zeit schwanger. Ihre Eltern aber erwarteten ruhig den Tag der Entbindung, weil sie wußten, daß ihre Tochter unschuldig war.[242]

Sie gebar einen Knaben, der ungemein rasch wuchs; mit zehn Jahren war er wie ein Zwanzigjähriger und wurde der schönste unter allen jungen Leuten. Abrskil – so hieß er – zeichnete sich von Kindheit an durch Tapferkeit und Wagemut vor seinen Gefährten aus; er schonte sich nicht in der Gefahr, verteidigte tapfer sein Land gegen die Feinde und rächte es furchtbar an diesen. Gott schützte ihn, den Verteidiger seines Vaterlandes. Bald ging der Ruf von seiner Tapferkeit durch ganz Abchasien und durch die Nachbarländer; seine Landsleute liebten, die Feinde aber fürchteten ihn; viele Fremde baten ihn um seinen Schutz. Aber Abrskil wurde von all dem so stolz und hochmütig, daß er sich Gott gleich achtete und dadurch dessen Zorn auf sich herabbeschwor.

Abrskil rottete mitleidslos alle Menschen mit hellen Haaren und blauen Augen aus – unter seinen Landsleuten sowohl, als auch unter den Kriegsgefangenen. Sie hätten das böse Auge, behauptete er, und könnten Menschen und Tiere verhexen. Auch die Geschlechter Aschwba und Khatsba rottete er aus. Er hieb alle Weinstöcke ab, deren Ranken sich über einem Weg hinzogen68, so daß ein Reiter gezwungen war, sich zu bücken, um unter ihnen hindurchzukommen, und er tat das nur, damit niemand den Kopf beugen müsse, weil das aussehe, als ob er sich vor Gott verneige. Gott aber forderte von Abrskil, er solle sein sündhaftes Vernichten von Menschen und nützlichen Pflanzen aufgeben und zur Rettung seiner Seele vierzigmal sich verbeugen. Abrskil weigerte sich unter dem Vorwand, daß alle Menschen sich vor ihm verbeugen, er stehe also höher als diese und sei Gott ebenbürtig. Lange verschonte der Höchste ihn, in der Hoffnung, er werde in sich gehen und sich bessern. Aber Abrskil blieb bei seinem Trotze. Da befahl Gott in seinem Zorne seinen Engeln, ihn gefangenzunehmen, um ihn zu strafen.[243]

Als Abrskil sich mit Gott entzweit hatte, hatte er sieh zwei Orte herausgesucht, die ihm Schutz zu bieten schienen; einen auf dem Gipfel des Berges Uartsachu, einen andern an einer unbewohnten Stelle am Ufer des Schwarzen Meeres. So kam es, daß, wenn die Engel ihn auf dem Berggipfel suchten, Abrskil sich auf sein Wunderpferd Arasch69 setzte, das ihn mit einem einzigen Satz ans Meeresufer trug, wo er ausruhte und aß, während Arasch sich auf der Weide gütlich tat und Meerwasser trank. Wenn das Pferd dann aber witterte, daß die Engel näher kamen, dann sagte es seinem Herrn, er solle aufsitzen und trug ihn mit einem Sprunge wieder auf den Uartsachu. Dort ruhten sie dann wieder aus, bis die Engel nachkamen. Lange verfolgten die Engel Abrskil vergebens, schließlich wandten sie sich an eine alte Hexe um Hilfe. Die riet ihnen, auf dem Gipfel des Uartsachu eine Ochsenhaut auszubreiten und sie mit etwas Schlüpfrigem einzureiben, sich dann in zwei Parteien zu teilen, von denen die eine auf dem Berggipfel sich verstecken, die andere aber am Meeresufer sich zeigen solle. Als Abrskil nun auf seinem Arasch auf den Berg sprang, glitt sein Tier auf der schlüpfrigen Haut aus, Abrskil fiel herab, tat sich weh und wurde von den Engeln gepackt und gebunden.

Das Gerücht von seiner Gefangennahme durchflog eilends ganz Abchasien. Wie freuten sich die Leute mit blauen Augen und hellen Haaren und wie betrübt waren dagegen seine Freunde! Diese taten alles, was in ihren Kräften stand, um ihn zu befreien, aber umsonst! Denn Gott hatte ihn in eine unzugängliche Höhle verbannt.

Die Engel hatten lange nach einem solchen Orte gesucht, ohne einen zu finden. Dann hatten sie sich wieder an die Hexe gewandt und diese wies ihnen eine Höhle beim Dorfe Tschilou, das am Fuße eines Ausläufers der Panawer[244] Kette liegt. In der sollte früher, so behauptete die Hexe, ein Recke eingeschlossen gewesen sein, der sich dreihundert Jahre lang in ihr abquälte und dank der Wachsamkeit der alten Besitzerin der Höhle nicht entkommen konnte, bis Gott ihm verzieh und ihn herausließ. In diese Höhle nun führten die Engel Abrskil mit seinem Arasch und empfahlen ihn der besonderen Aufmerksamkeit der Alten. Diese befahl ihren Dienern, den Gefangenen an eine Kette zu schmieden und ihn sorgfältig zu bewachen. Von dem Augenblick an begann Arasch die Kette zu belecken, damit Abrskil sie durchreißen könne, wenn sie einmal dünner werde. Die Engel aber meldeten voller Freude Gott dem Herrn, daß sie für Abrskil einen sicheren Ort gefunden hätten. Und der Alten befahl der Herr, niemanden zu dem Gefangenen zu lassen und ihm solange nichts zu essen zu geben, als er nicht reumütig sich schuldig bekenne.

Lange ließ die Alte Abrskil hungern, aber schließlich erbarmte sie sich seiner und ließ ihm heimlich Nahrung zutragen. Dafür wurde sie von Gott in einen Welp verwandelt, der nur dann den Mund aufmachen und Nahrung zu sich nehmen kann, wenn Arasch durch beständiges Lecken die Kette so dünn wie ein Seidenfaden gemacht hat. Sowie der Welp aber den Rachen auftut, um seinen Hunger zu stillen, nimmt die Kette ihre frühere Stärke wieder an.

Solange nun Abrskil sich auch in seiner Höhle quälte, er vergaß doch sein Vaterland nicht, dachte immer daran und sein sehnlichster Wunsch war es, einmal einen seiner Landsleute zu sehen, der ihm Bericht erstatten könne von dem Zustande seiner Heimat. Ein solcher Bote erschien ihm in der Person seines Hauptverehrers, eines gewissen Djomlat70. Der nahm einige geschickte Führer und zwanzig mit Wachskerzen beladene Esel mit sich und drang in[245] Abrskils Höhle ein. Dort war es sehr dunkel, als sie aber ihre Kerzen angezündet hatten, konnten sie weiter in die Höhle eindringen. Diese war an einigen Stellen so niedrig, daß die Leute auf allen Vieren kriechen mußten; an andern Stellen waren große Felder und Obstgärten. Sie gingen immer weiter und weiter, fanden aber keine Spur von Abrskil. Als ihre Kerzen zu Ende waren, dachten sie schon an die Rückkehr, hörten aber zu ihrer Freude die Stimme des Gesuchten, der ihnen erklärte, ihre Anstrengungen seien nutzlos, denn je weiter sie in die Höhle eindrängen, desto weiter werde er nach hinten geschoben. Dann frug er sie, ob Aschwba und Khatsba noch lebten und ob es noch hellhaarige mit blauen Augen gäbe. Djomlat antwortete ihm, es sei alles noch wie früher und daß das Land das Schicksal seines Beschützers bitter beweine. »Unglückliches Abchasien, du gehst zugrunde!« stöhnte Abrskil.

Auf die Frage der Besucher, wie sie ohne Kerzen aus der Höhle kommen könnten, gab ihnen Abrskil den Rat, ihre Esel umzuwenden und sich an deren Schwänzen festzuhalten; die Tiere würden den Ausgang dann schon finden.

Lange schwiegen sie und nahmen dann Abschied voneinander. Djomlat kehrte nach Hause zurück und Abrskil blieb in seiner Höhle, tief betrübt darüber, daß er seine Landsleute nicht sehen durfte. Als Djomlat aus der Höhle trat, erfuhr er, daß er drei Tage darin gewesen war.

Abrskil lebt noch und wird erst dann frei, wenn es ein zweites Mal jemandem glückt, ihn zu besuchen. Arasch aber ist wohl schon tot.

68

Die Weinreben ranken sich im Kaukasus vielfach an Bäumen empor und senden ihre Ranken von Baum zu Baum.

69

»Rasch« ist identisch mit Reksch, dem Streitrosse Rustems im Schahname. Auch in daghestanischen Sagen findet sich ein Wunderpferd Rasch. Über die Identität kann kein Zweifel sein, denn das a- in Arasch ist eine Art deiktischer Artikel.

70

Andere sagen, er habe »Sasruqwa« Antschabadse geheißen. In diesem Sasruqwa ist unschwer der Sosryqo der Nartensagen zu erkennen.

Quelle:
Dirr, A.: Kaukasische Maerchen.Jena: Eugen Diederich, 1922, S. 242-246.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Wieland, Christoph Martin

Musarion. Ein Gedicht in drei Buechern

Musarion. Ein Gedicht in drei Buechern

Nachdem Musarion sich mit ihrem Freund Phanias gestrittet hat, flüchtet sich dieser in sinnenfeindliche Meditation und hängt zwei radikalen philosophischen Lehrern an. Musarion provoziert eine Diskussion zwischen den Philosophen, die in einer Prügelei mündet und Phanias erkennen lässt, dass die beiden »nicht ganz so weise als ihr System sind.«

52 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon