Die Geschichte von Luc-Van-Tiên.

[238] Beim Scheine der Lampen lasst uns eine Geschichte erzählen, die sich tief in unsere Seele eingegraben hat. Sie regt uns zum Nachdenken an und belustigt uns gleicherweise. Ihr Grundzug ist Liebe. Haltet den Atem an, beobachtet Schweigen, damit ihr höret. Schenkt mir die grösste Aufmerksamkeit und ihr werdet von den darin enthaltenen Lehren Nutzen ziehen. Ein seinen Eltern treu ergebener Jüngling macht den Anfang; dann kommt ein bescheidenes und sittsames, mit allen moralischen Reizen geschmücktes Mädchen.

Es war einmal ein Mann, der in der Provinz Quaudong-thauh wohnte, human, mitleidig und voller Tugenden. Es wurde ihm zuerst ein Kindlein geboren, das man Luc-Van-Tiên nannte. Als er 16 Jahre alt war, widmete er sich gänzlich dem Studium und folgte dem Unterricht seines Lehrers um zu einer vollkommenen Kenntnis der Wissenschaften zu gelangen. Er arbeitete ohne Unterlass und zählte nicht Tage noch Monde. In der Litteratur stieg er ruhmreich empor, wie der Phönix. Alles wollte er wissen[238] und sogar in den drei militärischen Wissenschaften und den besonderen militärischen Künsten that es ihm niemand zuvor.

Nun geschah, dass Prüfungen abgehalten werden sollten. Van-Tiên begab sich zu seinem Lehrer, ehe er ihn verliess, um seine Familie wieder aufzusuchen, und sprach ihm seinen Dank aus, für die lange Zeit, die er auf der Schwelle des heiligen Thores (der Studien) zugebracht hatte.

Der geistreiche und geradsinnige Jüngling war bereite voller Freude wie der Drache, wenn er auf Wolken trifft. Er gehörte nicht zu denen, die sich keine Stellung in der Welt erringen wollen; sein Ehrgeiz brannte danach, sein Ziel zu erreichen. Er sagte sich: »Ich wünsche, dass mein Ruhm erstrahle, und der Name meines Lehrers weithin bekannt werde.« Er wollte ein Mensch sein und unter Menschen Wurzel schlagen. Aber vor Allem ehrte er seine Eltern, und das Suchen seines eigenen Ruhmes kam erst in zweiter Linie.

Sein Lehrer sprach aufrichtig zu ihm: »Ich glaube, sagte er zu ihm, dass dein Schicksal dich noch vom Gelingen fern hält. Indessen wage ich es nicht, dir die Geheimnisse des Himmels zu entschleiern. Dein Geschick bewegt mich in meinem Herzen und flösst mir ein starkes Mitgefühl ein. Aber damit du später sicher das Trübe vom Klaren (das Böse vom Guten) zu unterscheiden vermagst, so muss ich jetzt einen Zauber machen, damit deine Person geschützt sei. Jetzt mein Sohn steige hinab an den Ort, wo sich die Menge drängt (= die Welt)«. Darauf teilte der Lehrer seinem Schüler zwei Zauberworte mit, die ihn überall schützen sollten, wenn etwa eine Gefahr ihn bedrohen würde. Auf dem Grund eines Flusses, inmitten der See, und auf dem Gipfel eines Berges hatte er nichts mehr zu fürchten.

Darauf zog sich der Lehrer zurück. Van-Tiên war verstört und fühlte seine Zweifel wachsen; er wusste nicht mehr, was er thun sollte. Der Lehrer hatte ihm gesagt,[239] dass das Gelingen des Examens noch in weiter Ferne stehe. Lag das etwa daran, dass er durch Familienangelegenheiten gefesselt war? Oder besass er nicht genug Tugenden? Oder war sein Wissen unzulänglich? »Wie lange,« sprach er, »widme ich alle meine Kräfte dem Studium der Wissenschaften? Wenn es mir diesmal nicht gelingt, wann soll es mir sonst gelingen? Was soll ich thun? Wozu mich entschliessen? Ist es nicht am besten noch einmal mit dem Lehrer zu sprechen?« In derselben Nacht noch begehrte er bestimmte Erklärungen. Danach sollen ihn tausende von Meilen nicht schrecken; er wird stark genug sein, seinen Frieden in sich zu tragen.

Der Lehrer sass und sann. Als er um sich schaute, erblickte er seinen Jünger, der zurückkam. Er sprach zu ihm: »Du hast einen langen Weg zu durchlaufen, warum hast du dein Bündel noch nicht auf dem Rücken? Warum bist du umgekehrt? Zweifelst du an mir? Oder ist das Wort daran schuld, das ich zu dir gesprochen habe, dass das Gelingen noch fern sei?«

Van-Tiên hörte zu und antwortete sogleich: »Ich bin noch sehr jung und kenne nicht den Lauf der Dinge dieser Welt. Meine Eltern sind wohlbetagt. Ich bitte dich, Meister, gieb mir ein Mittel, in der Zukunft zu lesen.«

Der Meister hört diese Worte und empfindet Mitleid mit seinem Schüler. Er ergreift ihn bei der Hand, führt ihn vor sein Haus, zeigt ihm den Mond und spricht nach einer Weile des Nachdenkens: »Das Menschenleben gleicht dem Lauf dieses Gestirnes am Himmel. Obwohl sein Glanz überallhin erstrahlt, hat es doch seine Phasen, bald ist es dunkel, bald hell, bald voll und bald um die Hälfte vermindert. Wenn du klar davon überzeugt bist, so du wirst mich nicht zum zweiten Male fragen. Dein Schicksal ist in diesen beiden Worten enthalten: ›Examen, Gelingen.‹«

Inzwischen war der Stern Dan aufgegangen. Sein Glanz gesellt sich zu dem des herauf ziehenden Tages und immer noch plaudern sie zusammen. Die Sonne ist ihrem[240] Aufgange nahe; der Hahn kräht. Da sprach der Meister: »Wenn du auf deinem Wege eine Ratte finden wirst, dann wird die Stunde deines Ruhmes schlagen. Aber selbst wenn du zum höchsten Ruhme gelangst, so mögen diese Worte deines Lehrers nie für dich verloren sein. Erinnere dich stets dessen, was ich dir sage: Nach den Thränen die Freude; wache über dich, mein Sohn, dass dein Gewissen rein sei und du wirst nichts zu fürchten haben.«

Van-Tiên dankt ihm mit Inbrunst. Diese weisen Lehren werden ihm stets im Gedächtnis bleiben, und nicht das geringste Wort davon wird er je vernachlässigen.

Die Sonne ist aufgegangen. Van-Tiên macht sich traurig auf den Weg, indem er einen wehmutsvollen Blick auf die Stätte der Ruhe und des Lernens wirft. Ein Seufzer entringt sich ihm bei dem Gedanken an die neuen Länder, die er durchziehen wird.

Der Meister seinerseits ist bei dem Anblick seines betrübten Schülers, dieses dem Winde und Wetter einsam ausgesetzten Jünglings, von Mitleid bewegt.

Wie einst der Weise Nhan-huyên, so ist Van-Tiên unterwegs, sein Bündel auf dem Rücken. Bei sich trägt er das Buch Tu-lô und einen Flaschenkürbis mit frischem Wasser. Er sprach bei sich: »Wie den Fisch nach Wasser verlangt, so verlangt mich nach Ruhm und Ehren. Indessen stets will ich Gerechtigkeit beobachten. Aber wie lange dauert es, bis es dahin kommt. Ich bin traurig und verzagt, wenn ich an die langen Tage denke, die ich vor mir habe. Der Weg ist weit und das Ziel ist sehr fern. Wo soll ich eintreten? Welches ist die nächste Wohnung? Ich will mir erst ein freundliches Gesicht suchen und dann daran denken, meine Füsse auszuruhen.«

Aber woher kommen diese Thränen? Warum diese Klagen? Alle fliehen dem Walde und den Bergen zu. Van-Tiên ruft ihnen zu: »Wohin eilt ihr mit euren Kindern? Warum entflieht ihr so eilends?« Sie aber antworten: »Was ist das für ein Jüngling? Ist es einer von den[241] Räubern, der uns bis in die Berge verfolgen will?« »Ich bin,« spricht Van-Tiên, »der Bewohner eines fernen Landes und bitte euch, mir mit kurzen Worten die Ursache euerer Furcht zu erklären.« Wie sie diese Worte Van-Tiêns hören, erscheinen sie ihnen aufrichtig. Sie rufen einander zu, halten ein in der Flucht und sagen: »Siehe, Räuber, deren Führer Phong-laï ist, haben sich zu einer Bande zusammen gethan und bewohnen das Chon-daï-Gebirge. Ihre Macht ist gross und wir fürchten sie sehr. Jetzt sind sie von ihren Bergen herabgekommen, uns zu berauben. Zwei junge hübsche Mädchen, die unterwegs waren, sind von ihnen entführt worden; aber wer in unserem Dorfe möchte es wagen, ein Wort zu sagen. Und doch sind wir voller Mitleid mit dem Geschick dieser beiden unglücklichen Jungfrauen. Die eine ist eine Perle, sie gleicht dem reinsten Golde. Ihre Wangen sind rot wie Äpfel, ihre Augenbrauen lang wie Bogen. Sie ist schön, ihre Gestalt zierlich und schlank. Ihr Äusseres atmet Wohlanständigkeit. Aber diese wilden Verbrecher haben die Jungfrauen davongeschleppt, deren Natur der ihrigen in kleiner Weise gleicht. O weh! Wir wagen nicht länger zu reden.« Damit entflohen sie voller Hast und Furcht, dass die Räuber sich ihrer bemächtigen könnten. Van-Tiên entbrannte von Zorn bei ihren Worten. Er erkundigt sich, wo die Bande haust. »Ich will die grössten Anstrengungen machen,« ruft er aus, »Anstrengungen eines Helden. Ich will die Jungfrauen aus dem Elende und dem Unglück befreien, darein sie geraten sind.« Man antwortet ihm: »Die Bande ist hier in der Nähe. Wir sehen an deinen Augen, wie tapfer du bist, aber wir fürchten, dass du nicht stark genug bist, um diesen Grausamen zu widerstehen. Wenn dir niemand zu Hilfe kommt, so wirst du sicher gezwungen werden, dich zu ergeben und wirst so selbst in ihren schrecklichen Schlupfwinkel geraten.« –


Van-Tiên138 nimmt darauf einen starken Knüttel, geht der Räuberbande zu Leibe und schlägt sie in die Flucht. Ihr Anführer Phong-laï wird erschlagen. In einem Wagen entdeckt er die beiden Entführten.[242] Sie erzählen ihm auf seine Frage, dass sie auf dem Wege zu Tay-xuyên, den Gouverneur zu Hake, dem Vater der einen, gewesen seien, als man sie überfiel. Sie bitten ihn, sie zu begleiten, um ihn reich zu belohnen, was er aber ausschlägt, weil er das Gute um des Guten willen thun wolle. Tay-xuyêns Tochter bietet ihm darauf eine Stecknadel alsUnterpfand ihrer Treue.


Van-Tiên wendet sein Antlitz ab, um nicht zu sehen. Nguyet-nga blickt ihn verstohlen an und errötet schamhaft. »Dies Geschenk ist freilich sehr gering,« spricht sie, »ich rede mit dir und du siehst mich nicht an. Was ich dir darbiete, ist wertlos, aber dein Herz möge es nicht verachten. Wende dein Gesicht nicht länger ab.« Van-Tiên kann kaum noch an sich halten. Schon liegt er in der Liebe Banden und in den Fesseln der Leidenschaft. »Wo man geschickt ist,« antwortet er, »hat man die Herausforderung für sich. Dein Dank ist mir wertvoll genug. Die Stecknadel ist zu schön als Geschenk. Hat ein Wort von dir, die Erinnerung an dieses glückliche Zusammentreffen nicht den Wert von tausend Kleinodien? Deine Zuneigung ist es, nach der ich mich sehne. Hab und Gut verachte ich. Was sollte ich auch damit thun, wenn ich sie annähme?« Sie antwortet: »Ein junges Geschöpf wie ich kennt noch nicht die Lüge, die das Herz verdunkelt; wer könnte denken, dass ein mutiger Held um eine Stecknadel soviel Aufhebens machen würde. Ich erröte für sie und weine, denn, ach, sie ist nur eine arme Stecknadel und hässlich genug. Wer wollte ihrer begehren? Wenn ich sie dir anbiete, so wendest du den Kopf ab. So bitte ich dich, ein Dankgedicht annehmen zu wollen.« –


Sie wechseln darauf Verse aus und trennen sich dann, die Liebe zu einander im Herzen tragend. Bei ihrem Vater angelangt, bittet ihn Nguyet-nga, den Jüngling holen zu lassen und ihn zu belohnen, was er ihr auch verspricht. Inzwischen giebt sie sich sehnsüchtigen Träumereien hin:


Ihr, Ebbe und Flut,

Und du, ragend Gebirge,[243]

Wer kann euch sehen,

Wer kann euch hören,

Die Harmonien,

Die euch umhallen,

Und nicht gedenken

An seine Liebe?

Und nicht vergiessen,

Rinnende Zähren?

O dass sie schwänden,

All' meine Leiden,

Und meines Kummers

Farbe erblasste!

Niemals, o weite

Erde, und nimmer,

Endloser Himmel,

Lasset ihn niemals,

Ihn, den Geliebten,

Unglücklich werden.


Inzwischen hat Van-Tiên seinen Weg fortgesetzt, trifft unterwegs einen Jüngling, namens Anminh, der sich gleichfalls zum Examen begiebt und schliesst mit ihm Freundschaft. Während Anminh sich direkt auf den Weg zur Akademie macht, unterbricht Van-Tiên seine Reise, als er sein Heimatsdorf erreicht, um seine Eltern zu begrüssen. Seine Eltern gehen ihm für die Weiterreise einen jungen Diener mit. Er begiebt sich zurück nach Han-giang zu dem Mandarin Vô-cong, mit dessen Tochter Vô-phi-lan er bereits seit langer Zeit von seinen Eltern verlobt worden ist. Sein zukünftiger Schwiegervater macht ihn mit Tu-truc bekannt, einem jungen Gelehrten, den Van-Tiên im poetischen Wettkampfe besiegt. Am anderen Morgen, als er wieder aufbricht, begrüsst ihn seine Braut Vô-phi-lan und bittet ihn, ihr seine Zuneigung zu bewahren. Tu-truc gesellt sich als Reisegefährte zu ihm. In der Hauptstadt angelangt, nehmen sie in einer Herberge Wohnung, um das Examen abzuwarten. Als die Zeit da ist und Van-Tiên sich bereits auf den Weg zur Akademie gemacht hat erhält er plötzlich einen Brief, der ihm den Tod seiner Mutter meldet, wodurch ihm für den Augenblick die Ablegung des Examens zu seinem tiefen Schmerze unmöglich gemacht wird. Sofort lässt er sich Trauerkleider besorgen und macht sich auf den Rückweg, traurigen Herzens des Ausspruchs gedenkend, den ihm sein Meister beim Abschied auf den Weg gegeben hatte. Unterwegs[244] erkrankt Van-Tiên vor Kummer und Aufregung und wird von seinem Diener mit Aufopferung gepflegt. Ergötzlich ist der Arzt geschildert, den er zur Bekämpfung von Van-Tiêns Krankheit herbeiruft. Die betreffenden Scenen erinnern lebhaft an Molinères Malade imaginaire. Endlich rafft sich Van-Tiên auf und beide schleppen sich, entblösst von allen Mitteln, mühsam weiter. Auf dem Wege wird er von einer Schaar junger Gelehrter eingeholt, die vom Examen kommen und sieh zur Unterstützung anbieten. Aber einer von ihnen, Hâm, der einen Hals gegen Van-Tiên gefasst hat, lockt dessen Diener in den Wald und bindet ihn an einen Baum. Seinem Herrn sagt er, ein Tiger habe ihn zerrissen. Tief betrübt schliesst sich Van-Tiên den jungen Gelehrten an.

Inzwischen wird sein Diener besonders durch die Vorstellung gequält, dass sein Herr jetzt hilflos und verlassen sei. Als die Nacht anbricht, naht sich ein Tiger, zernagt die Stricke, während der Diener schläft, und entfernt sich wieder, ohne ihm ein Leid zu thun. Am anderen Morgen macht sich der Diener auf, um seinen Herrn zu suchen.

In Phiên erfährt er, sein Herr sei gestorben. Verzweifelt begiebt er sich zu dessen Grab und verbleibt daselbst. In der That hatte Hâm den Van-Tiên hinterrücks ans dem Boot in den Fluss gestossen. Ein alter Fischer rettet ihn jedoch, schildert ihm in lebhaften Farben sein friedliches und selbstgenügsames Leben und fordert ihn auf, bei ihm zu bleiben. Dabei erfährt Van-Tiên, dass er sich in der Nähe seines Schwiegervaters in spe, Vô-cong, befindet. Auf seine Bitte zu letzterem geführt, findet er gedrückte Aufnahme, da Vô-cong den Spott der Leute fürchtet. Auch Phi-lan, seine Braut, wendet sich von ihm ab. »Wollt ihr eine Perle meiner Art mit einem groben Bauer vergleichen? Lieber mein ganzes Leben allein bleiben.« Man denkt vielmehr jetzt an eine Verbindung mit Tu-truc, der sein Examen bestanden hat. Um sich Van-Tiêns zu entledigen, führt ihn Vô-cong in eine tiefe, dunkle labyrinthartige Höhle, aus der er sich nicht wieder herausfinden kann und überlässt ihn dort seinem Schicksal. Hier beginnt Van-Tiên einzusehen, wie wenig man sich auf irdische Dinge verlassen darf. In seiner höchsten Not erinnert er sich an drei Pillen, die ihm ein Gastwirt in der Hauptstadt, der Gefallen an ihm fand, geschenkt hatte. Hiermit stillte er seinen Durst. Endlich erbarmt sich seiner der Engel Du, führt ihn aus der Höhle und bettet ihn unter einen grossen Baum mitten im Walde. Dort findet ihn ein Holzhauer, dem er sein Unglück klagt, und der ihn auf seinen Schultern bis in sein Haus trägt, da er völlig entkräftet ist. Unterwegs treffen sie An-minh, Van-Tiêns Freund.

An-minh erzählt ihm, was ihm inzwischen begegnet ist; auch er ist vom Unglück verfolgt worden. Beide beschliessen zunächst, zusammen zu bleiben.

[245] Als Tu-truc in seine Heimat zurückkehrte, sagte man ihm, Van-Tiên sei gestorben, und machte ihm den Vorschlag, die verlassene Braut zu heiraten. Tu-truc lehnt indessen unter Hinweis auf sein Freundschaftsverhältnis zu dem Verstorbenen ab und lässt sich von dieser Haltung auch nicht durch die Koketterie Phi-lans abbringen. Aus Ärger darüber stirbt Vô-cong nach kurzer Zeit.

Kehren wir nun zu Nguyet-nga zurück. Ihr Vater, der inzwischen Gouverneur geworden war, erliess einen Aufruf, um Luc-Van-Tiên ausfindig zu machen. Van-Tiêns Vater begiebt sich zum Gouverneur und teilt ihm mit, er habe erfahren, dass sein Sohn unterwegs gestorben sei. Als Nguyet-nga dies hörte, war ihr Schicksal gebrochen, wie eine Blume, die ins Wasser gefallen ist und ans Ufer geworfen wird. Sie lässt den alten Luc zu sich kommen und bejammert mit ihm das Schicksal seines zu früh dahingeschiedenen Sohnes.


Ngnyet-nga war untröstlich:


»Wie lange habe ich ihn erwartet!

Weit besser will es mir erscheinen,

Ich hätte niemals ihn gesehn.

Dann brauchte ich jetzt nicht zu weinen.


Kaum dass wir flüchtig uns erblickten,

Da war er mir auch schon geraubt.

Ich bleibe einsam und verlassen

Und du, o Himmel, hast's erlaubt.


Kaum dass wir noch ein Wort gewechselt! –

Du junger Held, ich liebe dich.

Und ewig werde ich dich lieben,

O, welche Sehnsucht foltert mich!


Ein Meister in der Wissenschaft,

Warst du, mein Freund, und auch im Streite,

Im Kriegsgetümmel unerreicht,

Wer stellte sich dir wohl zur Seite.


Ich wein' um ihn, des tiefes Wissen,

Ihm Ruhm und Ehre viel verhiess,

Kaum vierundzwanzig Jahre zählt er,

Als er dies Erdenthal verliess. –
[246]

Ach, wie ein schattenhaftes Irrlicht,

Das schnell verlischt, so starb er hin!

Ich wein' um ihn, dass er geschieden,

Eh' ihm der Ruhm geletzt den Sinn.


Sein Feuergeist ist nun verglommen,

Sein Ruhm verwelkt und weh' mir, nie

Vereint man uns, nicht beugen Kinder,

An unserm Grab dereinst die Knie.«


Während dieser Zeit bewarb sich ein hoher Würdenträger um Nguyet-ngas Hand ward aber abgewiesen und sann auf Rache. Als daher ein Aufstand der O-qua ausbrach, äusserte er im Kriegsrat, derselbe sei durch die Begierde der O-qua nach den Töchtern des Landes veranlagst und werde sogleich aufhören, wenn man ihnen eine schöne Jungfrau zuführe. Er schlage dafür Nguyet-nga vor. Der König folgte diesem Rate. Nguyet-nga muss sich fügen, zwischen Liebe zu Van-Tiên und dem Vaterlande hin- und herschwankend. Sie bedingt sich aus, zuvor dem alten Luc einen Besuch machen zu dürfen, um sieben Tage dem Andenken ihres verstorbenen Geliebten zu weihen. Dies wird ihr gewährt. Nach Verlauf dieser Frist muss sie mit fünfzig anderen Jungfrauen die Reise ins Land der O-qua antreten. Unterwegs stürzt sich Nguyet-nga nachts ins Wasser, während ihre Wächter schlafen, und diese, in der Befürchtung für ihre Nachlässigkeit bestraft zu werden, setzen Nguyet-ngas Dienerin Kimliên heimlich an deren Stelle. Nguyet-nga wird von den Wellen ans Land geworfen. Dort trifft sie mit einem Greisenamens Buy zusammen, dem sie vorspiegelt, sie sei mit ihrer Barke verunglückt. Buys Sohn, der einige Tage darauf aus der Hauptstadt heimkehrt, verliebt sich sogleich in die schöne Nguyet-nga und sucht vergebens ihren Entschluss, ehelos zu bleiben, zu erschüttern. Auch der alte Buy drängt sie zur Heirat mit seinem Sohne:


Klar ist der Mond,

Sanft säuselt der Wind;

Wirf aus den Anker,

Mein Boot, geschwind!


Bleib hier und denk,

Dass der Dichter singt:

»Ob wohl die Zukunft

Wieder Frühling bringt?«
[247]

Heut blüht die Blume,

Welk ist sie bald;

So macht das Herzleid

Schönheit schnell alt.


Ach, und die lange Nacht

Ruhst du allein,

Fröstelnd auf Kissen,

Golden und fein.


Um sich dem Drängen zu entziehen, bittet Nguyet-ngaum Bedenkzeit. In der Nacht des dritten Tages entflieht sie heimlich und findet bei einer alten Frau im Lande O-shao ein Unterkommen.

Inzwischen hat Van-Tiên, der nun sechs Jahre von seiner Heimat entfernt war, durch eine Erscheinung Buddhas ermutigt, die Heimreise angetreten. An-minh gab ihm einige Meilen weit das Geleite. Seine Ankunft in der Heimat erregt allenthalben lebhafte Freude. Nachdem der erste Rausch vorüber ist, fasst Van-Tiên den Entschluss, Nguyet-nga aufzusuchen, deren Schicksal er vernommen hat. Zunächst begiebt er sich zu ihrem Vater und liegt dort fleissig seinen Studien ob. Mit Glanz besteht er im Rattenjahr139 sein Examen.

In O-qua bricht zu dieser Zeit ein Aufstand aus und Van-Tiên wird vom Könige beauftragt, denselben zu unterdrücken. Als Begleiter erbittet er sich An-minh. Beide schlagen den Feind und vollbringen dabei Heldenthaten. Dabei verirrt sich Van-Tiên im Walde und findet daselbst seine Nguyet-nga. Bald stösst auch An-minh mit dem Heere zu ihnen. Nachdem Nguyet-nga ihnen ihre Schicksale berichtet hat, führen sie sie im Triumph zur Hauptstadt, wo die gegen sie gesponnenen Intriguen aufgedeckt und bestraft werden. Gleichzeitig findet sich auch Van-Tiêns Diener unversehrt wieder ein. Mit der Heirat Nguyet-ngas und Van-Tiêns schliesst das Gedicht.

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1898, S. 238-248.
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