Legende über die Gründung Pegu's.[233] 136

Nach den Birmanischen Autoritäten hat Gautama nie die Gegenden östlich vom Irawaddi betreten, aber die Talein berichten von seiner Ankunft in Maleitaun im Gefolge von 40000 Rabandas (Heilige). Diese Rabandas waren die 40000 Kaufleute, welche zur Zeit des Buddha Dipingara die Pungyis mit Reis bewirteten, wenn Gautama in seiner früheren Existenz als Thumeda mit seinem Körper eine Brücke bildete, worüber der Gott dahinschritt. Als Gautama den Irawaddi überschritt, war jenseits desselben alles noch ein weites Meer, und nur die Spitzen von sechs Berggipfeln ragten daraus hervor, der Berg von Pabiet, von Sinjai, von Sinjaik, von Jaiktiboh, von Jeikkata und von Sogabin, und auf jedem derselben hatte sich ein Eremit niedergelassen. Als diese frommen Männer von der Ankunft des künftigen Gottes hörten, flogen sie (mit Ausnahme des letzten, den Krankheit verhinderte) herbei, ihre Verehrung darzubringen, und empfingen von Gautama Reliquien seiner Haare, um sie in den Grundstein der Pagoden niederzulegen, die sich in späteren Zeiten auf der Höhe ihrer Berge erheben sollten.[233]

Gautama wanderte dann weiter mit seinen Begleitern am Himmelsgewölbe dahin, und an der Mündung des Salwehn anlangend, rastete er auf einem Stein, wo jetzt die Jeikkamee-Pagode steht. Dort war es, wo ihn sein Bruder befragte, ob er keine Prophezeiungen über den Ozean zu geben habe, aber Gautama antwortete, dass das Unendliche (Ananda) keine Messung zulasse. Sein Schüler Shin Maukela war mit dieser Antwort nicht befriedigt und schuf einen wunderbaren Vogel (einen Papagei oder kyek tejuet), der mit jedem Schrei (kyek, kyek, kyek) sechs Meilen weit zu fliegen vermochte. Aber keine Grenzen des Meeres sehend, ermüdete der Vogel und fiel ins Wasser, wo er umgekommen sein würde, wenn nicht die Göttin Mani-megela, die Tochter des Schutzgottes der See, einen grossen Fisch geschaffen hätte, auf dessen Rücken er zurückgebracht wurde. Und so, fügt der Autor hinzu, geben die Bücher der Birmanen und Talein keine Bestimmung über Länge und Breite des Meeres.

Als Gautama weiter zog und in Yaminjatein anlangte, blickte er aus der Höhe herab und sah auf einem aus dem Wasser hervorragenden Felsblock ein Vögelpaar sitzen, die unzertrennlichen Hensavögel. Er lächelte, und um die Ursache des Lächelns von Ananda befragt, verkündete er, dass auf diesem Platze einst die Residenz eines mächtigen Königs blühen werde, die ruhmvolle Stadt Hensawuddi oder Pegu.

Viele Jahrhunderte später fuhr ein ausländisches Schiff über die Meereswüste dahin. Es war von dem König von Sattula ausgesandt und mit 500 Soldaten bemannt, um die Grenzpfeiler seines Reiches zu stecken. Sie sahen in der Mitte der Wellen eine wilde Ente ihr Nest bauen und sprachen zu einander: »Seht, die Wasser beginnen abzufliessen, wie könnte sonst der Vogel hier Land finden? Lasst uns dort die Zeichen unseres Reiches aufstellen und die werdende Insel in Besitz nehmen.« So errichteten sie einen Pfeiler mit dem königlichen Wappen, ihn sieben Faden[234] tief in den Grund einrammend, und berichteten bei ihrer Rückkehr dem König, der das Dokument in den Archiven niederlegen liess. Dort wurde es von einem seiner Nachfolger gefunden, der ein Schiff ausrüstete und dem Befehlshaber Auftrag gab, nach jener Insel zu suchen, die einst für ihn in Besitz genommen worden sei, und wo er das königliche Wappen finden werde. Den gegebenen Direktionen folgend, gelangten die Schiffer an die Stelle und sahen, wie überall das lehmige und schlammige Land sich aus der Meeresfläche erhob und mit dem Kontinent vereinigte. Sie entdeckten den Pfeiler und fanden alle Zeichen übereinstimmend mit den ihnen gegebenen Beschreibungen; aber als sie Vorbereitungen trafen, um den Grundstein zu der neu zu bauenden Stadt zu legen, fanden sie in unerwarteter Weise ihr Recht bestritten. Von allen Seiten sahen sie Flösse auf sich zusteuern, die hohe Häuser trugen und die mit dem Schlammwasser umhertrieben, die Flösse der Talein, der Eingeborenen des Landes, geführt von ihrem Königsbrüderpaar Thamala und Wimala. Diese Thalein kamen von Thatung, und das Folgende ist ihre Geschichte.

Als noch die Meereswasser alle Lande bedeckten, stand nur der Simaikberg daraus hervor, und auf ihm hatte sich ein frommer Eremit niedergelassen. Eines Tages stieg aus der See eine weibliche Naga-ma (Drache) hervor, welche die Gestalt eines schönen Weibes angenommen hatte, und in der Nähe der Zelle des Einsiedlers ihren Wohnplatz aufschlug, wo sie sich religiösen Bussübungen ergab. Ein Weizza, der sie auf seinem Flug erspähte, kam zu ihr hernieder, und gefesselt von ihrer Schönheit, verweilte er dort längere Zeit. Dann hatte er seine Reise fortzusetzen, aber versprach ihr alle sieben Tage einmal zurückzukehren. Doch bei seiner Ankunft im Haemacunta-Walde fand er den Tujaun-Baum, aus dem gerade ein Mädchen hervorsprosste und bezaubert von den Reizen dieses himmlischen Wesens, vergass er seine wässerige Liebe und blieb wo er war. Die Naga-ma gebar aber im Laufe der Zeit zwei Eier und[235] kehrte in ihre Heimat zurück. Diese Eier wurden von dem Eremiten gefunden auf einer seiner Wanderungen, und überrascht von ihrer Grösse nahm er sie mit sich und legte sie in seiner Zelle nieder. Dort brachen sie später auf und enthüllten zwei Knäbchen, die von dem Eremiten sorgsam aufgezogen und in den Wissenschaften unterrichtet wurden. Als sie aufgewachsen waren, rief der Einsiedler die Talein zusammen, die in den Morästen zerstreut lebten, lehrte sie Flösse bauen mit Häusern darauf und sandte sie fort unter der Leitung von Thamala und Wimala, sich eine neue Heimat zu suchen. So erreichten sie die neu werdende Insel, wo die Ausländer (Kala) von Sattula im Begriff waren, eine Stadt zu bauen, und bestritten ihr Recht, da sie aus einem fremden Lande herübergekommen. Die Kala deuteten auf den Pfeiler mit den königlichen Insignien, den ihre Vorfahren aufgerichtet, und die Talein, dieses Wahrzeichen sehend, waren überführt und wussten nicht, was zu antworten. Sie würden sich zurückgezogen haben, wenn ihnen nicht eine höhere Hilfe gekommen wäre. Der Thagya-min (der König der Nat oder Götter) blickte gerade aus seiner himmlischen Wohnung auf die Erde nieder, und diesen Streit zwischen den Kala und den Talein bemerkend, sah er voraus, dass die letzteren verlieren würden. So beschloss er, der schwächeren Partei seine Hilfe zu leihen, und als in der Nacht der Führer der Talein schlaflos auf seinem Lager lag, nahte er sich ihm und sprach: »Verzage nicht, mein Sohn! Wohl steht dort der Pfeiler der Kala sieben Faden tief in die Erde eingerammt, aber fordere sie auf, sieben Faden tiefer zu graben, und sie werden sieben goldene Schalen finden, und nach weiteren sieben Faden sieben eiserne Haken, die Wahrzeichen der Talein-Rasse.« Die Brüder thaten am anderen Tage, wie ihnen geheissen war, und der Vorhersagung gemäss kam es aus. Sieben Faden unter dem Pfeiler wurden sieben goldene Schalen gefunden, und unter den sieben goldenen Schalen sieben Faden tiefer sieben eiserne Haken, die Wahrzeichen der[236] Taleinrasse, und die Kala waren jetzt der geschlagene Teil. Aber der Ort heisst seitdem das »gestohlene Land«, denn die eisernen Haken waren dort nicht von den Talein niedergelegt worden, sondern durch die Macht des Thagya-Königs, der in Gestalt eines Ponah oder Brahmanen die Nachgrabungen geleitet hatte. Die Talein machten sich jetzt ans Werk, ihre Stadt zu bauen, aber die Soldaten des Königs von Sattula, die sich fürchteten, unverrichteter Sache zu ihm zurückzukehren, baten um die Einräumung eines kleinen Stück Landes, und erhielten den Platz, wo sie die Stadt Taniin (den späteren Hafen Syriam) oder Kalamyo erbauten. Die Talein gründeten Hensawuddi oder Pegu, wo Thamala als erster König herrschte. Später wurde er in einem Streite mit seinem Bruder, der dann selbst den Thron bestieg, getötet, und liess eine schwangere Wittwe zurück. Als diese ein männliches Kind gebar, fürchtete sie die Nachstellungen Wimalas und liess es fortwerfen auf einen Platz, wo wilde Büffel weideten. Es wäre zertreten worden, aber Naunkalaun (die Königin der Büffel) nahm es sorgsam auf, nährte es mit ihrer Milch, und schützte es gegen die anderen Büffel. Als der Knabe aufwuchs, wurde er vertraut mit dem Leben der Büffel, trieb sich mit ihnen umher und bestieg die wildesten ohne Furcht, sie zum Reiten zu benutzen. Der Ruf des kühnen Jünglings war bis in die Stadt gedrungen, und da Pegu damals von einer mächtigen Armee bedrängt war, die der König von Sattula ausgesandt hatte, um sein altes Recht zu wahren, so liess ihn Wimala vor sich rufen. Der Prinz kam zur Stadt und verlangte, dass seine Büffel ungestört aus zwei grossen Wasserbehältern in der Nähe des Thores trinken könnten, dann forderte er das Schwert und den Speer seines Vaters und bestieg den grössten seiner Büffel, um einem riesigen Kala entgegenzutreten, der seit längerer Zeit täglich einen der Gegner zum Zweikampf herausgefordert hatte. Der Riese war ganz in Eisen gekleidet, als er aber seinen Arm zum Schlagen erhob, bemerkte der Prinz die verwundbare[237] Stelle, wo die Gelenke übereinander fassten, und stiess seine Lanze dort hinein. Der verwundete Kala rief den Namen seiner Mutter an, an dem Platze, wo jetzt die Inuan-Pagode (amay lede) steht, und von seinem erschreckten Pferde zu der Stelle gebracht, wo die Pagode von Jakkasin erbaut wurde, gab er dort den Geist auf. Nach seines Oheims Wimala Tode bestieg der Prinz den Thron von Pegu, und errichtete über den Knochen seiner Pflegemutter eine Pagode, die Pagode von Kjeiktah.

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1898, S. 233-238.
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