Wie der Gute und der Böse Gefährte waren.

[145] (Ein Märchen.)


Früher einmal waren der Gute und der Böse Gefährten und reisten zusammen; beide reisten mit Pferd, Kleidung und Nahrung wohlversehen. Beide zehrten auf dem Wege von der Nahrung des Guten; da sie beide assen, so ging die Nahrung des Guten zu Ende. Da sprach der Böse: »Mein Guter, deine Nahrung geht jetzt zu Ende, was wirst du jetzt anfangen?« sprach er. »Mein Böser, du wisse es selbst,« meinte dieser. »Wenn ich's wissen soll, gut, so lass uns dein Pferd schlachten!« sprach jener. Sie schlachteten das Pferd des Guten, beide verzehrten das Fleisch von des Guten Pferd; da ging wieder ihre Nahrung zu Ende. »Was wirst du jetzt machen, mein Guter? Das Fleisch deines Pferdes ist zu Ende«. »Mein Böser, auch jetzt entscheide du«. »Wenn ich entscheiden soll, mein Guter, so schneide dir ein Ohr ab, ich will es kochen und dir geben, wirst du es essen?« »Ja, ich will es essen, mein Böser.« Ein Ohr schnitt er ab, für einen Tag war es Nahrung. Da sprach der Böse: »Das andere Ohr will ich dir noch für einen Tag als Nahrung geben.« Wieder ging die Nahrung zu Ende. »Was soll ich jetzt anfangen, mein Guter?« »Auch jetzt wisse du es selbst, mein Böser.« »Mein Guter, wenn ich es wissen soll, so will ich dir ein Auge ausstechen und es dir für einen Tag als Nahrung geben.« Auch das zweite[145] Auge stach er ihm aus und gab es ihm für einen Tag als Nahrung.

Des Guten Pferd. Rock. Nahrung, Ohren und Augen waren zu Ende. Der Böse hatte mit dem Guten zusammen alles verzehrt; als des Guten Nahrung zu Ende gegangen, gab der Böse seine eigene Nahrung nicht. »Mein Guter, dein Pferd haben wir geschlachtet und aufgegessen, deine Ohren und deine Augen habe ich genommen und dir für vier Tage Nahrung gegeben. Mein Guter, was willst du jetzt anfangen? Jetzt hast du kein Ohr und kein Auge mehr. Jetzt, mein Guter, will ich dich zurücklassen.« Dieser sagte: »Mein Böser, wenn du mich zurücklässt, so lass mich in einem dunklen, dichten Walde zurück!« Der Böse brachte den Guten in einen schwarzen, dichten Wald und liess ihn dort zurück.80

Als der Gute dort im Walde sass hielten dort ein Tiger, ein Fuchs und ein Wolf Rat.

Der Wolf sprach: »Mein Tiger, du gehst nicht aus diesem Walde hinaus, weshalb bist du in diesem Walde?« – »In diesem Walde, sagte er, sind zwei mächtige Espen, einem Augenlosen geben sie Augen, einem Ohrenlosen geben sie Ohren, diese bewache ich, mein Wolf«, sprach er. – Da sprach der Tiger: »Mein Wolf, du verlassest nicht dieses Land, weshalb lebst du hier?« – »In diesem Lande ist ein Reicher, der hat tausend Schafe; dieser Reiche hat einen schwarzen Hund; die Knochen dieses schwarzen Hundes geben einem Toten die Seele wieder; diesen möchte ich nehmen«. – Der Wolf sprach: »Du mein Fuchs, was gehst du von dem Hügel nicht fort, was machst du da?« »Im Grunde des schwarzen Hügels ist Gold von der Grösse eines Pferdekopfes, dieses bewache ich.«81

Jener Gute hörte die Rede dieser drei; er ging im Innern des Waldes umher, und als er so umherging, kamen die beiden Espen in seine Hand, seine Augen rieb er daran, da entstanden ihm Augen, seine Ohren rieb er daran, da entstanden ihm Ohren. Aus dem Walde ging der Gute[146] hinaus, zu dem Grunde des schwarzen Hügels kam er und nahm das Gold von der Grösse eines Pferdekopfes, das der Fuchs bewachte. Das Gold von der Grösse eines Pferdekopfes nehmend, kam er zum Hause des Reichen, der tausend Schafe hatte. »Herr,« sprach er, »verkaufst du deinen schwarzen Hund?« »Was giebst du dafür?« sprach jener. »Ich will Gold von der Grösse eines Pferdekopfes geben!« »Für Gold von der Grösse eines Pferdekopfes nimm ihn!« Den schwarzen Hund nahm er für das Gold, den schwarzen Hund führte er fort, und brachte ihn zur Steppe. Zu einer Stelle kommend er schlug er den schwarzen Hund. Mit dem Feuerstahl schlug der Gute Feuer an, zündete Feuer an und verbrannte den schwarzen Hund; es blieben alle die trockenen Knochen des Hundes übrig. Die Knochen nahm der Gute und zerrieb sie; er rieb sie ganz weiss und sie zerreibend, steckte er sie in beide Seitentaschen:82 er ging und kam zu dem Wohnsitze eines Fürsten.

»Was bist du für ein Mensch?«

»Ich möchte einem, der keinen Sohn hat, ein Sohn sein, einem, der keine Tochter hat, eine Tochter sein.«

Des Kans Gemahlin sagte: »Wenn du einem, der keinen Sohn hat, ein Sohn sein willst, so sei mir ein Sohn! Ich habe keinen Sohn. Der Fürst liegt (ausserdem) krank da.«

»Ich will dir ein Sohn sein.«

Ein Sohn war er ihr, und als Sohn ging er zu den Pferdeherden. Als der Gute am Abend von den Pferden heimkehrte, war der Fürst gestorben, und die Fürstin sass weinend da. Der Gute, von den Pferden kommend, sagte: »Weine nicht, er wird lebendig werden. Die Knochen des schwarzen Hundes geben einem toten Menschen die Seele wieder.« Von den Knochen des schwarzen Hundes gab der Gute der Fürstin ein klein wenig. »Nimm dies, und lege es in den Mund des Fürsten. Die Fürstin ging hin und legte es in den Mund des Fürsten.« Der Kan stand auf und sprach: »Ach, habe ich fest geschlafen!«

Am Morgen versammelte der Fürst Volk und Leute.[147] Der Gute sprach zu der Fürstin: »Der Fürst versammelt Volk und Leute; wenn der Kan fragt ob jemand da ist, der ihm Gutes gethan hat, so sage nur nichts von mir!« Darauf ging der Gute zu den Pferden.

Am Morgen fragte der Kan: »Ist jemand vom Volke, der mir etwas Gutes gethan hat?« Sie sagten: »Niemand hat euch etwas Gutes gethan.« Volk und Leute zerstreuten sich. »Wer ist noch übrig?« sagte er. Da sprach die Fürstin: »Mein Fürst, als du krank dalagst, habe ich einen Jüngling an Kindesstatt angenommen; er ist bei den Pferden, er ist ganz allein übrig geblieben! rufe diesen!«

Der Fürst liess den Guten rufen. »Hast du mir etwas Gutes gethan?« fragte er.

Ich habe euch nicht viel Gutes gethan; ein wenig Arzenei habe ich der Fürstin gegeben, die Fürstin hat sie hergebracht und euch in den Hund gelegt. Ihr seid darauf aufgestanden und habt gesagt: »Ach, wie fest habe ich geschlafen!« »Ausserdem habe ich euch nichts Gutes erwiesen.«

Der Fürst sprach: »Ist es wahr, dass er die Arzenei gegeben?«

»Es ist wahr,« sagte die Fürstin.

Der Fürst stieg von seinem goldenen Throne und gab seinen goldenen Thron dem Guten. Er hatte eine Tochter, die so schön wie der Mond und herrlich wie die Sonne war. »Wenn du mir Gutes gethan, so will ich dir meine Tochter geben!«, sagte er. Seine einzige Tochter gab er ihm. Von seinem Vieh gab er ihm die Hälfte, nahm ihn zum Schwiegersohn. So wurde nun der Gute reich.

Als der Gute einst bei den Pferden war, begegnete ihm sein früherer Gefährte, der Böse. »Guter, wie hast du es nur gemacht, dass du ein so angesehener Mann geworden bist?«

Der Gute erzählte ihm der Wahrheit gemäss, wie es zugegangen. Da sprach der Böse: »Mein Guter, bringe du mich in den dunklen Wald und lass mich dort zurück![148] Vielleicht glückt es mir auch, wie dir, ein angesehener Mann zu werden. Ich habe dir beide Augen und beide Ohren genommen und habe dich im Walde zurückgelassen; da bist du ein gar glücklicher Mensch geworden. Du stich mir nun auch beide Augen aus, schneide mir beide Ohren ab, bringe mich zu dem Walde, wo ich dich verlassen, und lass mich dort zurück!« sagte er.83

Der Gute brachte den Bösen dorthin und liess den Bösen dort mitten im Walde.

Der Fuchs, der Wolf und der Tiger, alle drei durchsuchten das Innere des Waldes, da fanden sie an einer Stelle den Bösen und frassen ihn alle drei auf. Dies bedeutet das Sprüchwort: »Für Gutes kommt Gutes, für Böses kommt Böses.« sagten alle drei und frassen ihn auf.

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1898, S. 145-149.
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