Saád ü Vakkas.

[103] 1. Vernehmt nun die Geschichte. Der Barmherz'ge

Hat seine Allmacht Allen kund gethan.


2. Propheten schuf er hundertzwanzigtausend,

Mohammed gab er seiner Zunge Kraft.
[103]

3. Mond, Erde, Sonne und die sieben Himmel,

Ars, Kursi62, Horizont 's ist All' sein Werk.


4. Acht Paradiese schuf er, sieben Höllen.

Mit Glanz umgab Mohammeds Antlitz er.


5. Erzähle, Andelib63, die schöne Sage,

Auf dass die Welt sie hör' und sich erfreut.


6. Von Saád ü Vakkas sollst du erzählen,

Von ihm, dem das Geschick sich treu erwiess.


7. Ein Hafiz64 war er, im Koran belesen,

Wo vierzehn mal den »Freigeb'gen« er fand.


8. Freigebig sein ist schön. »Wer ist der wahrhaft

Freigebige?« Einst der Allmächt'ge frug.


9. Mohammed Mustafa65 hierauf erwidert:

Freigebig nenn' ich »Saád ü Vakkas.«


10. »Und du, Allah, du liebst ihn ohne Zweifel«.

So äusserte der Gottgesandte sich.


11. Aufspringend rief ein anderer Koranleser

Die Arme kreuzend: »Du, den Gott gesandt,


12. Auch ich hab' es erforscht, kenn' den Freigeb'gen

Dem's Paradies zu teil einst werden wird.«


13. Und zornig der Prophet: »Nur Saád ü Vakkas

Erringt's, da er der Treuen Treuster ist.


14. Ihr mögt's bezweifeln, er ist doch der Treue,

Für Gott sich aufzuopfern stets bereit.«


15. Dies Wort aus des Propheten Mund hört Ali,66

Und Eifersucht entflammt ihn Seel' und Herz.


16. Der Edle zürnte, die Moschee verliess er

Sogleich, ging betend seiner Wohnung zu.
[104]

17. Und Fatme67 sah, dass Ali sehr gereizt war

Und frag: »Was, Ali, ist begegnet dir?


18. Gefährte meines Vaters warst du einstmals,

Sein Wort hat balsamgleich auf dich gewirkt.


19. Wie konnte heute euch der Grimm entzweien,

Entstehen zwischen euch so herber Zwist?


20. Auf deinen Wangen sehe ich den Kummer,

Was ist es, das dein Inn'res so empört?«


21. Und Ali sprach: »O Fatima ül Zehra,68

Geliebte, Schweres mich im Herzen traf.


22. Die Koranleser fragten den Propheten

Wer der Freigeb'ge sei, dem Eden winkts.


23. Mohammed sagte: ›Saád ü Vakkas ist es‹,

Denn er versteht am besten den Koran.


24. Auf neues Fragen nannte er ihn wieder.

Das ist es, was mir tief das Herz betrübt,


25. Auf meine Sehnsucht schien er nicht zu achten;

Es war als traf das grösste Unglück mich.


26. Ich weiss wahrhaftig nicht, was ich verschuldet!«

Dies sagend weinte Ali bitterlich.


27. »Wohl zwei und siebzig Mal nannt' ich mich Sklave,

Mein Haupt bot oft ich feil, mein Aug' war feucht.


28. Ich teilte immerdar mein Brot mit Armen,

Sie assen, tranken, beteten für mich.


29. Hasan und Husein, unsre beiden Prinzen,

Ich gab den Juden sie zum Pfände hin.


30. Ich that's allein der Freigebigkeit halber,

Hab' Handel, Wandel mir dadurch zerstört.«
[105]

31. Drauf Fatme sprach: »Ruf' mir herbei den Kamber69;

Wie ein Kalender70 kleide er sich schlicht,


32. Sein Stock sei angebrannt, mit einem Kürbis

Umgürt' er sich, denn also ist mein Plan.


33. Er gehe hin zu Saád ü Vakkas' Hause,

Er fleh': Um eine Spende bitte ich.


34. Er mache sich zum jämmerlichen Bettler.«

Dies alles riet ihm Fatme klüglich an.


35. »O Kamber,« rief sogleich der Heldenkönig,

Und Kamber kam und sagt': »Befiehl, o Herr!


36. Womit kann ich dir dienen?« Denn für Ali

Sich aufzuopfern war er stets bereit.


37. Es sagte Ali: »Heil dir, guter Kamber,

Nimm einen Kürbis und zieh' schlicht dich an.


38. Von hier geh' hin zu Saád ü Vakkas Hause.«

Und unterthänig Kamber sagt: »Sehr wohl.«


39. »Um eine Spende bitt' ich, rufst du klagend,

Und kommt Saád ü Vakkas, grüsse ihn.


40. Dann sagst du ihm, was immer auch er spende«:

»Ich mag es nicht«, und nimmst durchaus nichts an.


41. »Sagst«: »du sollst einen vierzehnjähr'gen Knaben,

Bewandert im Koran, dem Halbmond gleich«


42. »So strahlend schön besitzen, wie ich höre.

Sein Blut will ich als Arzenei, sein Blut!« –


43. Sogleich setzt Kamber auf 'ne alte Kappe,

Nahm nach Kalender Art ein rauh' Gewand.


44. Er machte auf den Weg sich ohne Säumen,

Dem Löwen Gottes so gehorchend treu.
[106]

45. »Er ging bis zu dem Haus Saád ü Vakkas.

Ich bitt' um eine Gabe« rief er aus.


46. Kaum hörte Saád diese fleh'nde Stimme,

Als eiligst er erschien, zu dienen ihm.


47. Er bracht' dem Bettler seine ganze Habe.

Und jener dankt ihm herzlich, aber doch


48. Verschmäht er alles und sah auf zum Himmel.

Dem Saád schmerzte diese Weig'rung tief.


49. Er sagte: »Willst du mein Vermögen haben,

Mein Hab und Gut, ich bring's zum Opfer dir.


50. Was ist dein Wunsch, o sage es mir, Teurer,

Inständigst bitte ich dich jetzt darum.«


51. Und Kamber sagt: »Ich wünscht', dein wär' ein Knabe

Von vierzehn Jahren, im Koran bekannt,


52. Dess' Angesicht an Pracht dem Monde gliche,

Ich brauche eines solchen Knaben Blut.«


53. Und wirklich wuchs heran dem Saád ü Vakkas

Ein solcher Sohn, Abdallah hiess man ihn.


54. Mit Lesen des Korans war er beschäftigt

Als ihn »Abdallah, Sohn« der Vater rief.


55. Der Knabe sagte schnell: »Befiehl mein Vater.«

(Und seine Schönheit weckt' der Huri Neid).


56. »Mein Sohn, es ist ein Gast zu uns gekommen,

Der als Arznei dein junges Blut begehrt.


57. Was meinst du, herzenslieber Sohn? Behüte,

Dass unser Gast nicht unzufrieden sei.


58. Du bist mein grösster Schatz auf dieser Erde!«

So redet er dem Knaben zärtlich zu.
[107]

59. »Ich freu' mich über deinen Gast, mein Vater,

Frommt ihm mein Blut, so nehme er es hin.


60. Ja, wenn ein Gast um meinetwill'n gekommen,

So opfre ich mein Leben gerne auf!«


61. Saád ü Vakkas sprach: »Nun komm, mein Gastfreund,

Ist Blut dir nötig, halt den Kürbis her.«


62. Sogleich hielt Kamber da bereit den Kürbis –

Der Vater trennt des Sohnes Haupt vom Rumpf.


63. Das Blut nahm Kamber, ging zurück zu Ali,

That alles dieser Edenrose kund.


64. Und Ali hört es und begann zu klagen,

Rief kummervoll: »Welch sonderbares Ding!« –


65. Da rief der Herr der Welten, der Allmächt'ge;

Den Engel Gabriel, dem er befahl:


66. »Geh' zu Mohammed hin und überbringe

Den Segen ihm; Also gebeut der Herr:


67. Er geh' sogleich zu Saád ü Vakkas Hause,

Gefährten sollen ihm die Frommen sein.


68. Dort nehme er ein Mahl mit seinem Sohne,

Genau vollbringend, was ich ihm befahl!«


69. Bald langte Gabriel dort an und sagte:

»Gott sendet seinen Gruss dir, Mustafa,


70. Der Auserkorene in beiden Welten

Bist du, und der Allmächt'ge ist mit dir.


71. Steh' auf und geh' zu Saád ü Vakkas Hause,

Mit den Gefährten kehr' als Gast dort ein.


72. Geniesse dort ein Mahl in seines Sohnes

Gesellschaft. So befiehlt es dir Allah!«
[108]

73. Mohammed Mustafa war froh und schickte

Mit seinen Freunden sich zur Reise an.


74. Sie gingen in das Haus und wurden Gäste

Saád ü Vakkas, dieser war entzückt.


75. Er eilte dem Propheten schnell entgegen,

Ergriff die Hand und sagte: »Merhaba.«71


76. Rieb' an des Gottgesandten Fuss die Stirne,

Bot Gut und Leben ihm freiwillig dar.


77. Schnell war der Tisch gedeckt, das Mahl bereitet;

Die Arm' gekreuzt, empfing den Segen er.


78. Und sieh' was nun geschah durch Gottes Wunder,

Wie strahlt' die göttliche Barmherzigkeit!


79. Und Saád legt' die Arm' übereinander,

Sah den Propheten an und sprach wie folgt.


80. Gleich einem Sklaven stand er unterthänig

Vor dem Propheten, sah' ihn preisend an.


81. Das Auge feucht, die Brust verzehrt von Flammen,

Fing fleh'nden Blickes er zu klagen an:


82. »Hin ist mein Sohn« so sagte er mit Schluchzen

Und bittre Zähren weinte er dabei.


83. »Wo ist dein vierzehnjähr'ger Sohn Abdallah?

Bring' schnell ihn her, dass er mich sehen kann.


84. Er soll mit uns hier dieses Mahl geniessen.«

So sagte freundlich der Prophet zu ihm.


85. Und Saád ü Vakkas sagt: »O Gottgesandter,

Sein Leben gab er dem Allmächt'gen preis.


86. Von uns ging er ins Himmlische hinüber,

Es hat ihn Gott aus dieser Welt erlöst!«
[109]

87. Er weinte bitterlich, als er dies sagte,

Mohammed aber sprach: »Bring' ihn doch her!«


88. Saád ü Vakkas ging und bracht' die Leiche,

Legt nieder sie und fing zu beten an.


89. Als der Prophet sie sah, entblöst das Haupt er,

Dem edlen Aug' entquoll ein Thränenstrom.


90. Die Erde netzt' er mit den Segenstropfen.

Erhob die Arme flehend zu Allah.


91. Die edelen Gefährten klagten mit ihm,

Vergossen auch der heissen Thränen viel.


92. Tief seufzt Mohammed Mustafa und sagte:

»Steh' auf, Abdallah, höre mich, steh' auf!«


93. »Erwachend rief Abdallah: ›Herr was willst du‹?

Erhob sich', küsste des Propheten Fuss.


94. ›Mein Sohn‹ rief dieser und umarmt ihn leise,

Sag' uns doch, welcher Ort war dir beschert?


95. Sahst du nicht Rosen blüh'n auf einer Seite,

Floss auf der andern nicht des Nektars Strom?


96. War nicht dein Haupt geschmückt mit Edenblüten?«

So fragte der Prophet ihn huldreich aus.


97. »Erzähl' uns von dem Nektar, von den Fluren,

Dass deine Worte höre alle Welt!«


98. Abdallah fing hierauf an zu erzählen

Und sah Mohammed tief bewundernd an:


99. »Ja, hingeführt ward ich zum Paradiese,

In grosser Menge sah' ich Blumen blühn.


100. Man schenkte mir die herrlichsten der Früchte,

Ich sah die Wasser des Keöserteichs.72
[110]

101. Ich wollte eben mich an Allem laben,

Als du bei meinem Namen, Herr, mich riefst.


102. Hier bin ich nun, Weltkönig, dir zu dienen,

Was ist's, was du befiehlst?« So rief er aus.


103. Sie weinten alle heisse Freudenthränen,

Als er den Sohn dem Vater wiedergab.


104. Durch inbrünstig Gebet des Gottgesandten

Durchströmte reicher Segen Berg und Thal. –


105. »Rechtgläub'ger, du, gieb Acht, sei stets freigebig,

Und lasse Niemand unzufrieden sein.


106. Sei gegen Freunde milde und barmherzig,

Der bösen Menschen Los ist Schimpf und Spott.


107. Thu' Gutes immerdar aus vollem Herzen

Selbst dem, der Übeles an dir gethan.


108. Und niemals unterlasse Gott zu preisen,

Wer seiner denkt, der erntet reichen Lohn.


109. Der Freigebige, ist er gleich voll Sünden,

Ist stets auf rechtem Wege hier und dort.


110. Gott ist ihm zugethan mit seiner Liebe,

Und er erwirbt dereinst das Paradies.


111. Aus heil'ger Schrift wird's kund, dass der Freigeb'gen

Dereinst das freudenreiche Eden harrt.


112. Dort leben sie mit Huris und mit Peris

In wonnevollem, innigem Verein.


113. Die Freigeb'gen sind sicher vor der Hölle,

Wie Hölle sicher ist der Geiz'gen Lohn.


114. Vergänglich alles ist, Nichts bleibt auf Erden;

Wem war die falsche Welt wohl jemals treu?«
[111]

115. »Auch du nahst, Andelib, dich deinem Ende,

Nachdem in Allahs Dienst du längst ergraut.


116. Bald fällst, du Armer, in des Todes Krallen,

Denn Nichts entgeht der Macht, die Alles tilgt!«

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1898, S. 103-112.
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