1. Einleitung
(Land, Volk, Lebensweise, Dichtung.)

Zu den ältesten Bewohnern Vorderasiens müssen auch die Kurden gerechnet werden, deren von hohen Gebirgsketten durchzogenes Land sieh von Kaisarie im Westen bis nach Süden von Urumiasee erstreckt und Teile der Wilajets Erzerum, Bitlis, Dersim, Wan, Hakkiari und Bagdad, in Persien Teile von Ardilān und Aderbeiğān umfasst. Gegen die Truppen der ›ausgedehnten Kurṭi‹ zog zweimal der assyrische König Tiglat Pileser I. gegen 1100 v. Chr. während seiner Feldzüge nach Kommagēne und schlug sie nach blutigem Kampf in ihren Gebirgen.1 Die Griechen unter Xenophon wurden öfters von den Karduchen überfallen und beunruhigt, die sonst auch Γορδναῖοι genannt werden. Ihrer Sprache nach gehören die Kurden dem iranischen Zweige des indogermanischen Stammes an, obgleich viele einzelne Worte für die Existenz eines nichtindogermanischen Elementes in der Sprache zeugen. Sie sind Sunniten; zahlreich ist jedoch auch die Sekte der Jezidí, in deren Religion der Teufelskult den Mittelpunkt bildet; sie glauben an Engel, die seit Ewigkeit existieren, und an Christus, der einer von ihnen ist und erst später in der Person eines Propheten in die Welt kam.

Die Kurden sind hochgewachsen und haben scharfe Gesichtszüge, dunkle Augen und Haar; sie scheren sich meist den Kopf und tragen gewöhnlich, ausser im Alter, keinen Bart. Weite Beinkleider (Šalvar oder Thumbān), ein eng anschliessender, von einem Gürtel zusammengehaltener kurzer Rock, darüber ein Kaftan und ein bis zu den Füssen herabfallender Mantel machen die ganze Bekleidung des Kurden aus. Er ist stets bewaffnet mit Dolch, krummem Säbel und Pistole; die Reiter tragen ausserdem eine lange Rohrlanze und einen kleinen Schild. Als Kopfbedeckung dient ihnen ein Turban oder eine platte Filzmütze. Die Frauen tragen ebenfalls Beinkleider, die von einem breiten Gürtel zusammengehalten werden, und eine kurze, nur bis zum Gürtel reichende, mit Seide gestickte Jacke, die vorne zugeknüpft wird. Eine niedrige Filzmütze deckt kaum den Kopf; die langen Locken fallen auf den Rücken herab.

Das kurdische Dorf (El) besteht in einigen Dutzend zerstreuter schwarzer Filzzelte, die im Winter auf Steinplatten aufgestellt werden;[322] jedes Zelt ist durch Vorhänge in mehrere Abteilungen getrennt. Mit Beginn des Frühlings gehen die Kurden mit Hab und Gut ins Gebirge hinauf, da sie größtenteils Viehzucht treiben; im Herbst kehren sie in ihre Winterwohnsitze, die bei den Wanderhorden oft gewechselt werden, zurück. Der oft eine gute Meile lange Zug der buntgekleideten auf Pferden, Kamelen oder zweirädrigen Karren sitzenden Frauen und der bewaffneten Männer, die das Vieh vor sich hertreiben, bietet ein sehr malerisches Bild.

Die Kurden, deren wegen ihrer Zerstreuung schwer abzuschätzende Zahl kaum eine Million übersteigen soll, zerfallen in zahlreiche, oft einander feindliche Stämme2, an deren Spitze ein Scheich (geistliches Oberhaupt) steht; dieser soll aus dem Geschlecht Mohammeds stammen, wie mir ein greiser Scheich (Pir Kako) mitteilte. Er ist der höchste Richter in Friedenszeiten und Führer im Kriege. Oft herrscht ein einflussreicher Scheich über mehrere Stämme und gewinnt die Oberhand im ganzen Lande; verkündet er den heiligen Krieg gegen die Ungläubigen (wie es im letzten russisch-türkischen Kriege der Scheich Ğalaleddin tat), so sammeln sich unverzüglich alle ihm unterworfenen Stämme unter seinem Banner. Meist stehen die Kurden unter der Gewalt der Zahlzeichen Aġas oder Beks, welche gefährliche Feinde jeder Öffentlichen Ordnung sind und in der Türkei volle Unabhängigkeit gemessen; ein jeder Aġa oder Bek betrachtet sein Land samt den darauf gelegenen Dörfern als sein Stammgut. Zwischen diesen Fürstchen kommt es begreiflicherweise oft zu blutigen Kämpfen um den Besitz der besseren Ländereien.

Zusammenstösse zwischen den verschiedenen Stämmen entstehen auch infolge der Blutrache, welche bei diesem halbwilden Volke, wie überall im Orient, als heiligste Pflicht der Verwandten des Getöteten gilt; das vergossene Blut muss mit Blut gesühnt werden. Einen anderen Anlass zu den Zwistigkeiten, die mit Waffengewalt erledigt werden, gibt die Entführung eines Mädchens durch einen Jüngling aus einem feindlichen Stamme; wenn der Vater des Mädchens nicht in die Heirat willigt, so ruft er seine sämtlichen Verwandten zur Bache auf. Die Kurden verheiraten übrigens ihre Kinder oft schon im Alter von 12 bis 13 Jahren, wobei der Bräutigam den Baschlech (Kaufpreis) an die Eltern der Braut zahlen muss. Die frühe Heirat geschieht meist aus wirtschaftlichen Gründen, da die Frau in der Familie als unentbehrliche Arbeiterin gilt. Die Stellung der Frau im Hause wie auch in der Gemeinde ist freier als bei den übrigen Mohammedanern; sie bedeckt, wie die Tscherkessin,[323] das Gesicht nicht mit dem Schleier und unterhält sich ohne Scheu mit fremden Männern.

Raublust ist ein gemeinsamer Charakterzug des Volkes; ein räuberischer Überfall auf die Niederlassung der Ungläubigen gilt als ein Beweis der höchsten Tugenden eines Mannes. Auch das Blutvergiessen verleiht einen Ehrennamen bei den Stammesgenossen; bei manchen Stämmen, wie auch bei den Tscherkessen, muss der Kurde den Säbel unbedingt mit Blut beflecken, sobald er ihn gezogen hat; falls die Frauen zwischen die Streitenden treten und den Hader beilegen, so begnügt er sich damit, ein Huhn zu schlachten.

Verräterischer Überfall des Feindes von hinten her oder im Schlafe wird von den Kurden als unmännlich verurteilt. In einer Sage (Hamutē Šankē) spricht die Frau des getöteten Helden zum Sieger: ›Solltest du ihn (meinen Mann) durch Tapferkeit getötet haben, so verzeihe ich dir sein Blut.‹ Als sie aber erfährt, dass er Hinterlist gebraucht hat, lässt sie den Feigling auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Das freie Leben inmitten der gewaltigen Gebirge, die das Land von der Kulturwelt trennten, trug dazu bei, dass sich die Poesie der Kurden in zahllosen Liedern und Sagen entfaltete. Zu den Tönen der Hirtenflöte (ġavāl) erschallt der melancholische Gesang, in welchem der Kurde bald die Kriegszüge und Siegestaten seiner Väter besingt, bald die Abenteuer des Helden, der seine Geliebte aus der Mitte der Feindesscharen entführt, bald die Schönheit des Mädchens preist oder den traurigen Tod zweier Liebenden beklagt. Das ganze Hirtenleben des Kurden spiegelt sich hier wieder: die Wanderung von Ort zu Ort mit Schafen und Rindern, das. Aufschlagen der Zelte auf dem Weideplatze, die Unterhaltung der wasserholenden Mädchen beim Brunnen, die Gelage unter freiem Himmel neben tosenden Wasserfällen mit Musik und Tanz.

Die vorliegenden Sagen können mit Recht zu den Perlen der kurdischen Poesie gerechnet werden.3 Die beiden Liebesromane (Siamando und Leili-Meğlum), welche bei dem Volke in verschiedenen Fassungen verbreitet sind, werden am meisten gesungen. Einer andern Gattung gehören die Sagen an, in denen das erotische Element zurücktritt und hauptsächlich hartnäckige Kämpfe mehrerer Stämme, Abenteuer eines einzelnen Helden, seine Ermordung und die Rache seiner Blutsverwandten geschildert werden; auch diese werden ganz oder teilweise gesungen. Die dritte Gruppe bilden die sehr verbreiteten Bearbeitungen iranischer Heldensagen und Märchen.

1

Rawlinson, The cuneiform inscriptions of Western Asia, Vol. 1, Col. 2, 16–20. Col. 3, 40–56.

2

Nach der Sprache unterscheidet man fünf Zweige der Kurden: 1. Kurmanğ, 2. Lur, 3. Kelhur, 4. Gurān, 5. Zaza.

3

Von früheren Sammlungen nenne ich A. Jaba, Recueil de notices et récits kourdes (St. Pétersbourg 1860), sowie E. Prym und A. Socin, Kurdische Sammlungen 1–2 (St. Petersburg 1887–1890).

Quelle:
Chalatianz, Bagrat: Kurdische Sagen. In: Zeitschrift für Volkskunde 15-17 (1905-1907), S. 322-324.
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