I. Erzählung.

[5] Früh vor Zeiten waren einmal in einem grossen Reiche eines reichen Mannes Sohn, eines Arztes Sohn, eines Malers Sohn, eines Rechenmeisters Sohn, eines Holzkünstlers Sohn und eines Schmiedes Sohn, und alle sechs machten sich, mit Reisekost versehen, von ihren Eltern auf in ein fremdes Land. Als sie zu einer Stelle gelangt waren, wo die Mündungen mehrerer Flüsse sich vereinigten, pflanzten sie daselbst jeglicher für sich einen Lebensbaum, und indem ein jeder, seinen Unterhalt zu suchen, von hier aus an einem anderen Flussarme hinaufzog, bestimmten sie diesen Punkt als das Ziel, wo sie sich[5] dereinst wieder zusammenfinden wollten. »Sollte«, so sprachen sie, »einer von uns nicht zurückkehren, sein Lebensbaum verwelkt oder etwas dergleichen geschehen sein, so wollen wir ihn in der Richtung nach der er gegangen, aufsuchen.« Nach diesen Worten trennten sie sich.

Nachdem nun des reichen Mannes Sohn an einem Flusse aufwärts gewandert war, traf er am Ursprünge desselben, da wo ein Wald und ein Rasenplatz zusammenstiessen, eine kleine Hütte und trat auf deren Thüre zu. Hier lebte ein hochbetagter Alter mit seiner greisen Frau. Die beiden fragten: »Jüngling, woher bist du gekommen? wohin willst du gehen?« Der Jüngling versetzte: »Ich bin aus der Ferne gekommen; meinen Unterhalt zu suchen bin ich hieher gelangt.« Die beiden Alten sprachen: »Nun, unter diesen Umständen ist es sehr gut, dass du gekommen; wir haben eine gar reizende, wunderschöne Tochter von edler Gestalt und lieblichem Wesen, nimm sie und werde unser Sohn.« Bei diesen Worten war die Tochter herausgetreten, und kaum war der Jüngling ihrer ansichtig geworden, da dachte er bei sich: »Indem ich Vater und Mutter verliess, hat sich mein Herkommen gut getroffen; diese ist ja wahrlich weit wundervoller und reizender als die Töchter der Himmelsgötter, sie will ich nehmen und mich hier niederlassen.« Das Mädchen aber sprach: »Dass du gekommen, o Jüngling, ist sehr gut.« Und nachdem sie einander noch mancherlei hin und her gefragt und sich erzählt hatten, zogen sie in die Behausung ein und lebten in Liebe und Freude.

In jener Gegend herrschte ein gewaltiger Chân. Dessen Dienerschaft hatte sich einst zur Frühlingszeit an das Wasser begeben, um am Spiel sich zu ergetzen. Da fanden sie von der Gemahlin des am Ursprung des Flusses wohnenden reichen Jünglings einen mit verschiedenartigen Edelsteinen besetzten Ring im Wasser daherschwimmen, nahmen ihn auf und überbrachten ihn, da er gar wundervoll war, dem Chân. Der Chân, ihn anstaunend, sprach zu seinen Dienern: »Am Ursprünge dieses Flusses wohnt sicher eine Frau, welche diesen Ring getragen; bringt sie zu mir her.« Mit diesem Auftrage sandte er die Diener ab. Diese begaben sich dahin, und als sie die Frau gesehen hatten, sprachen sie voll Bewunderung bei sich: »Diese Frau ist wahrlich sehr schön, so dass man an ihr sich nicht satt sehen kann.« Zu der Frau aber sagten sie: »Dich lässt der Chân zu sich rufen.« Und so nahmen sie dieselbe sammt dem reichen Jüngling mit sich fort und[6] überbrachten sie dem Chân. Der Chân sprach bei ihrem Anblick: »Diese ist wahrlich eine Göttertochter; meine übrigen Gemahlinnen sind ihr gegenüber Hunden und Schweinen vergleichbar.« So sprach er und gab dieser Frau bei weitem den Vorzug. Doch diese dachte in ihrem Herzen einzig und allein an den reichen Jüngling; nur dass sie eben in der Gewalt des Chânes war. Indem der Chân dieses merkte, sprach er zu seinen Dienern: »Räumt mir diesen reichen Jüngling aus dem Wege.« Die Diener handelten seinem Befehle gemäss, lockten den Jüngling zu einem Spiele, suchten eine Gegend am Rande des Flusses auf, gruben ihn daselbst ein, deckten darüber einen gewaltigen Fels und tödteten ihn auf solche Weise.

Nachdem nun zur bestimmten Zeit seine Gefährten von allen Richtungen her an der Stelle, wo die als gemeinschaftliches Ziel bezeichneten Lebensbäume standen, sich zusammengefunden hatten, war der reiche Jüngling nicht erschienen. Zugleich sahen sie seinen Lebensbaum verwelkt. Da konnten sie sich in ihren Herzen nicht beruhigen und suchten ihn längs des Flusses, an dem er hinaufgezogen war, fanden ihn aber nicht. Indem nun des Rechenmeisters Sohn rechnend zusah, brachte er heraus, dass des reichen Mannes Sohn in der und der Entfernung von einem grossen Felsen bedeckt todt da lag. Obgleich sie diesen suchend gefunden, so reichte doch ihre Kraft für den Fels nicht aus. Da sie kein Mittel wussten, so nahm des Schmiedes Sohn den Hammer, zertrümmerte den Fels, und als sie nachgegraben, kam der Todte zum Vorschein. Ihm mischte des Arztes Sohn einen Heiltrank gegen den Tod, und nachdem er ihm denselben in den Mund gegossen, ward er ohne jeglichen Schaden wieder gesund.

Unter Erkundigungen und Reden von allen Seiten fragten sie ihn: »In Folge welches Umstandes warst du gestorben?« Und als er nun seine bisherige Geschichte ausführlich erzählt hatte, sprachen seine Gefährten: »Wenn es solch eine reizende Frau ist, so muss sie in der That wundervoll sein. Doch jetzt, durch welches Mittel werden wir dem Chân sie entreissen?« So sprachen sie unter einander. Da verfertigte des Holzkünstlers Sohn aus Holz einen Garuḍa: wenn man, in sein Inneres steigend, oben anschlägt, so steigt er in die Höhe; wenn man unten anschlägt, so geht er abwärts; wenn man seitwärts anschlägt, so wendet er sich seitwärts; solch einen Wundervogel verfertigte er. Des Malers Sohn aber bestrich denselben mit allerlei Farben und gab ihm dadurch ein sehr schönes Aussehen. Der reiche[7] Jüngling stieg nun hinein und in die Luft sich erhebend flog er dahin. Über der fürstlichen Residenz verweilte er schwebend, sie rings umkreisend. Als der Chân sammt dem Gefolge ihn erblickt, sprachen sie staunend unter einander: »Solch einen Vogel haben wir früher nicht gesehen, noch je von ihm gehört.« Und der Fürstin es meldend, sprach der Chân zu ihr: »Steig auf des Palastes oberes Stockwerk hinauf und reiche dem Vogel allerlei Speisen.«

Die Gemahlin gieng mit den Speisen auf den Palast hinauf, und während sie oben verweilte, kam der Vogel dahin herabgestiegen. An des hölzernen Garuḍa Thüre trafen beide zusammen. Herzlich sich freuend sprach die Frau: »Mit dir zusammenzutreffen wäre mir nicht einmal in den Sinn gekommen, und doch hat jetzt sich diese Begegnung gefügt. Auf welche Weise hast du diesen Vogel in trügerischem Gewande zu Stande gebracht?« Nachdem der Jüngling den Hergang umständlich erzählt, sprach er also: »Jetzt lebst du freilich als des Chânes Gemahlin; doch wollten wir beide als Mann und Frau in Liebe uns einen, so steig hieher in diesen hölzernen Garuḍa ein; da wir durch die Lüfte davonfliegen, so wird uns kein besonderes Unheil drohen.« Da versetzte die Frau: »Auch ich freue mich vereint mit dir; unter den Gatten, mit denen ich bisher verbunden, gehst du mir am höchsten!« Nach diesen Worten stieg sie in den hölzernen Garuḍa ein und sie flogen durch die Lüfte dahin. Als der Chân sammt dem Gefolge dieses gewahrte, sprach er: »Ach, zum Lohne dafür, dass ich, diesem reizenden Vogel Speise zu reichen, meine Gemahlin entsendet, hat er jetzt meine Gemahlin in die Lüfte entfuhrt.« So sprach er und nieder zur Erde sich werfend und hin und her sich wälzend gab er dem Grame sich hin.

Jetzt schlug der reiche Jüngling an die Springfeder des hölzernen Garuḍa in der Richtung nach abwärts und liess in der Nähe seiner Gefährten sich nieder. Zuerst trat er allein heraus. Die Gefährten sprachen: »Ist deine Angelegenheit besorgt?« »Meine Angelegenheit«, erwiederte er, »ist ganz trefflich besorgt«, und zugleich liess er seine Gemahlin heraustreten. Bei ihrem Anblick erglühten diese seine Gefährten, da sie gar reizend schön war, von heftigem Verlangen im Herzen nach ihr. Da sprach der reiche Jüngling: »Ihr meine Gefährten, habt mir Beistand geleistet, mich, den Todten, ins Leben gerufen und, diese meine Gemahlin wieder zu gewinnen, gerade das Mittel ersonnen; jetzt will ich den Dank abtragen, beraubet mich ihrer nicht.«[8]

Doch dagegen erhob sich des rechnenden Meisters Sohn und sprach: »Da man nicht wusste, ob du noch am Leben seiest oder nicht, so hat man erst, seit man meine Berechnung erfuhr, fussend auf dieselbe die Gemahlin wieder erhalten, die Gemahlin gib also mir.«

Allein dagegen trat des Schmiedes Sohn auf und machte geltend: »Wenn du durch deine Berechnung dies auch herausbrachtest, wer hätte ihn unter dem gewaltigen Felsen hervorgezogen? Dadurch, dass ich den Fels zertrümmernd dich hervorzog, hast du die Gemahlin wieder erlangt; die Gemahlin ist mein!«

Dem trat des Arztes Sohn entgegen mit der Behauptung: »Wenn du auch den Fels zertrümmernd den Todten hervorzogst, wie hätte diese Leiche die Gemahlin holen können? Dadurch, dass ich den Todten durch einen Heiltrank ins Leben gerufen, aus dem Grunde hast du sie wieder erhalten. Die Gemahlin nehm' ich.«

Des Holzkünstlers Sohn sprach: »Zwar hast du ihn ins Leben zurück gerufen; aber ohne den hölzernen Garuḍa, auf welche Art hättet ihr da die Gemahlin erlangt? Den Chân zu bekriegen sind wir nicht im Stande. Weil man in das Innere des Palastes keinen Menschen hineinlässt, so war die Gemahlin zu holen eine Unmöglichkeit. Durch meinen hölzernen Garuḍa ward sie gewonnen. Die Gemahlin ist mir beschieden.«

Dem hielt des Malers Sohn entgegen: »Deinem aus vertrocknetem Holze gefertigten Garuḍa wäre, Speise zu reichen, die Chânin nimmer gekommen. Nur in Folge davon, dass er durch das Auftragen meiner verschiedenartigen Farben ein reizendes Aussehen gewann, hat man die Gemahlin wieder erlangt. Die Frau zu erhalten gebührt mir.«

So stritten sie sich hin und her und konnten nicht eins werden.

»Nun«, sprachen sie, »wenn dem so ist, so wollen wir alle sie nehmen«, und unter dem Rufe: »hau zu, hau zu« mit dem Messer Stücke von ihr sich abschneidend, tödteten sie auf diese Weise die Frau.

Bei diesen Worten der Erzählung rief der Chân aus: »Ach, die arme, die bedauerungswürdige Frau!«, Da versetzte Siddhi-k ýr: »Sein Glück verscherzend hat der Chân Worte entschlüpfen lassen«, und mit dem Ausruf: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« wand er sich los und eilte im Fluge davon.

Aus Siddhi-k ýr's Erzählungen das erste Capitel: wie es dem Sohne des reichen Mannes ergangen.

Quelle:
Jülg, B[ernhard]: Kalmükische Märchen. Leipzig: F.A. Brockhaus, 1866, S. 5-9.
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