Amaterasu und Sosanoo.

[105] Eine der Lieblingssagen der Japaner berichtet von einer lustigen theatralischen Aufführung in den Gefilden des Himmels, und keine geringere als Amaterasu selber war es, die – freilich sehr gegen ihre Absicht – die Veranlassung dazu gab. Die Sache, so erzählt man, trug sich folgendermaßen zu.

Als Sosanoo, der griesgrämige Gott, der später die Unterwelt beherrschen sollte, in Folge der Erlaubniß seines Vaters Isanagi vorher noch seine Schwester Amaterasu im Himmel besuchte, war diese bei seinem Anblicke sehr erschrocken. Sie kannte nur zu gut seine wilde Gemüthsart und war von Sorge erfüllt, daß er gekommen sei, ihr die Herrschaft zu entreißen. Daher rüstete sie sich zum Kampf und trat ihm muthig entgegen.

Sosanoo aber hatte augenblicklich durchaus keine bösen Absichten und kam zu seiner Schwester, der er aufrichtig zugethan war, mit der friedlichsten Gesinnung. Er versicherte ihr dies auch aufs feierlichste, doch Amaterasu mißtraute ihm und verlangte Beweise seiner Friedfertigkeit. »Nun wohl,« sprach er, »so will ich augenblicklich aus den Edelsteinen deines Halsbandes Götter schaffen; sind es Weiber, so halte mich für schuldig, sind es aber Männer, so glaube mir und laß mich bei dir weilen!« Amaterasu war es zufrieden, doch wollte sie nicht minder ihre göttliche Macht beweisen, und deßhalb sprach sie: »Gieb mir dein Schwert!« Und als es Sosanoo ihr reichte, biß sie die Spitze davon ab, spie sie aus und hauchte in die Luft. Da entstanden drei liebliche Göttinnen, welche Amaterasu als Gottheiten der Flur auf die Insel Kiuschiu versetzte. Sosanoo sah das und lobte seine Schwester, doch alsobald nahm er die Schnur der Edelsteine zur Hand und biß von den einzelnen Steinen etwas ab, und wie er die Stückchen mit seinem Athem vermischt aushauchte, da entstanden zu Amaterasu's großer Freude fünf herrliche Götter. Alle erklärte Amaterasu für ihre Söhne,[106] da sie doch aus ihren Edelsteinen entstanden waren. Dem ältesten gab sie den Namen Oschihomi, dem zweiten den Namen Amenohohi; beide wurden nachmals hoch angesehen unter den Göttern, doch auch die anderen drei hielt Amaterasu als Kinder hoch in Ehren. Als nun Amaterasu den schlagenden Beweis dafür hatte, daß ihr Bruder Sosanoo Frieden mit ihr halten wollte, war sie beruhigt und bestellte mit ihm in Freude und Eintracht die Reisfelder des Himmels. Allein lange währte dies Glück nun doch nicht, denn Sosanoo konnte sein zänkisches Gemüth nicht verleugnen. Er wurde neidisch auf Amaterasu, weil ihre Felder, mochten sie liegen, wo sie wollten, auf der Höhe, in der Ebene, an den Flüssen oder nahe beim Palaste, immer überschwengliche Ernte brachten, während seine Felder bei anhaltendem Regen überschwemmt wurden und bei eintretender Dürre vertrockneten. Nun begann er allerhand tückische Streiche auszuüben, welche er ersann, um seine Schwester zu kränken. Er zerstörte muthwillig die Röhrenleitungen der Wasseranlagen, er verstopfte die Gräben und verrückte die Grenzen der Reisfelder der Amaterasu. Und nicht genug des Uebermuthes; er trieb im Herbste seine Pferde in die Felder, welche die köstliche Frucht abweideten. Alles dies aber verzieh ihm die gütige Göttin, seine Schwester, und hielt den Frieden aufrecht. Als er aber seine Tücke so weit trieb und ihren Palast besudelte, wodurch er sie zu Spott und Hohn brachte, als er endlich, damit noch nicht zufrieden, das herrliche gestreifte Füllen des Himmels, den Liebling aller Himmelsgötter, einfing, ihm unbarmherzig die Haut abzog und den Leichnam gerade in dem Augenblick in Amaterasu's Palast warf, als dieselbe die heilige Ceremonie des Fastens durchmachte, da verlor die Göttliche ihre langbewahrte Geduld. Still und emsig saß sie am Webestuhl, als der verunstaltete Kadaver durch ein Loch im Dache, das Sosanoo zu diesem Zwecke gemacht hatte, vor ihren Augen niederfiel. Sie erschrak darob so gewaltig, daß sie sich mit dem Webschiffchen, das sie in der Hand hatte, empfindlich verletzte. Tief gekränkt[107] stand sie auf und begab sich ohne weiteres in die tiefe Felsenhöhle des Himmels, deren Thor sie fest hinter sich verschloß. Nun war freilich guter Rath theuer, denn überall herrschte mit einem Male tiefe, schwarze Finsterniß; es gab keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht, böse Geister schwirrten unablässig umher, Himmel und Erde waren gleichmäßig in Dunkel gehüllt.

In Folge dieses schweren Schicksals aber versammelten sich an den Ufern des Himmelsstromes, den wir Erdenbewohner Milchstraße nennen, alle Himmelsgötter, um zu berathen, wie dem Elend ein Ende gemacht werden könne. Alle waren einig darüber, daß Amaterasu allein zu helfen im Stande sei, und darum mußte alles daran gesetzt werden, sie aus der Höhle herauszulocken. Um dies aber zu bewerkstelligen, beriethen sie einen Plan, zu dessen Ausführung die vielseitigsten Kräfte gehörten; indeß versprachen alle ihre Hülfe, und so ging man getrost ans Werk. Zuerst nahm Amenokoyane, ein Sohn des großen Himmelsgeistes, heilige Sakati-Bäume1, die auf den Bergen des Himmels wuchsen, mit den Wurzeln heraus und pflanzte sie rings um die Höhle. An den stattlichsten dieser Bäume wurden hoch oben die Edelsteine des Himmels aufgehängt, köstliche Juwelen, die mit funkelndem Scheine herrlich leuchteten; in der Mitte desselben wollte man einen großen Metallspiegel in Form einer kreisrunden Scheibe befestigen, der in seiner glänzenden Schönheit der Sonne gleichen sollte. Um diesen Spiegel herzustellen, ward der Gott Ischikoridome, der Vorfahr aller Spiegelmacher, herbeigerufen; ihm wurde das Werk übertragen, und sofort stellte er mächtige Blasbälge aus Hirschfellen her und ging mit Eifer an die Arbeit. Doch war diese nicht so leicht, als man geglaubt hatte; denn obgleich das beste Metall, das die Bergwerke des Himmels zu liefern vermochten, zu dem Werke verwandt wurde, so mißlangen doch die beiden ersten Versuche[108] und erst der dritte Spiegel war fehlerfrei und von der Größe, wie man ihn haben wollte. Als dies geschehen, ließ der große Himmelsgeist von zwei Göttern Weihgeschenke verfertigen, ähnlich wie die Menschen sie an den heiligen Gohei oder mit Papier versehenen heiligen Stab hängen, der beim Gebete die Götter herbeiruft. Man nahm einen Papiermaulbeerbaum und pflanzte Hanf, und aus deren Fasern machte man ein feines weißes und ein gröberes blaues Gewand als Weihgeschenk für die Göttin, und beide wurden an die unteren Zweige des großen Sakakibaumes gehängt. Zwei andere Götter fällten Holz auf den Himmelsbergen, gruben Löcher und stellten Pfosten auf, um ein heiliges Haus zu bauen nebst einem kleinen, zierlichen und mit allerlei Schmuck versehenen Garten, auf dessen Thor man eine Anzahl Hähne setzte. Nun war alles vorbereitet; ehe man aber zu der Aufführung selber schritt, fing man einen Hirsch, riß ihm ein Schulterblatt aus und ließ ihn dann wieder laufen. Der Knochen ward dann auf einem Feuer aus Kirschbaumrinde erhitzt, und der gleichmäßige Sprung, den die Hitze hervorbrachte, ward als glückliche Vorbedeutung erkannt. Nun stand dem Beginne nichts mehr im Wege; Amenohoyane, von einem anderen Gotte begleitet, trat mit dem großen Sakakibaume, an dem oben die Edelsteine, zu einem kunstvollen Armbande vereint, an dem in der Mitte der Spiegel und unten das Weihgeschenk hingen, vor die Höhle, während er eine feierliche Anrede an die Göttin Amaterasu hielt. Zugleich trat der Gott Tajikarao, der so stark ist, daß ihm im Himmel und auf Erden Niemand gleich kommt, dicht an den Eingang der Höhle heran, in welcher die Sonnengottheit sich verborgen hielt. Als aber diese nach jener Rede sich noch nicht zu zeigen Miene machte, begann die eigentliche Feier. Die schöne Göttin Uzume leitete die Tänze und Gesänge. Sie selbst blies eine Bambusflöte, während andere musizirende Götter sie begleiteten und mit lautem Schalle Holzstäbe gegen einander schlugen. Ein Gott, Amenokamato, stellte sechs Bogen mit den Sehnen nach oben neben einander und sein Sohn zog auf denselben Rohr[109] und Gras hin und her, so daß ein Saiteninstrument entstand Uzume selbst, die schöne Tänzerin, war phantastisch geschmückt; ihr Kopfputz bestand aus langem Baummoos und ihre weiten Aermel waren kreuzweis mit Bändern festgebunden, wie es noch heute die Japanerinnen thun, wenn sie irgend welche Arbeiten verrichten. Sie hielt Blätter von wildem Bambus in der Hand und schwenkte einen Speer, der mit dem schönen Sonnengrase umwunden und mit Schellen behängt war. Man hatte ihr einen großen umgekehrten Bottich hingestellt, auf dem sie ihren Tanz ausführte, während rings umher riesige Feuer entzündet wurden, um der Finsterniß nach Möglichkeit abzuhelfen, bei deren Auflohen alle Hähne laut zu krähen begannen, als wollte der Tag anbrechen. Immer wilder ward der Tanz; Uzume machte hohe Sprünge und stampfte den Bottich mit ihren Füßen gleich einer Trommel. Dabei sang sie den heiligen Spruch der Japaner, der aus nichts anderem besteht, als aus der Zahlenreihe


eins, zwei, drei, vier,

fünf, sechs und sieben,

acht, neun und zehn,

hundert, tausend, zehntausend.


Als sie aber an die Zahlen hundert und tausend kam, brachte sie eines der in Japan so beliebten Wortspiele an und entblößte erst ihre Schenkel und dann ihre Brust; die Wörter für diese Körpertheile sind nämlich dieselben, wie die für hundert und tausend. Als die Götter dies gewahrten, brachen sie in ein so laut schallendes Gelächter aus, daß der ganze Himmel davon erschüttert wurde.

Amaterasu in ihrer stillen Höhle hörte voll Verwunderung dies Gelächter; sie hatte allerdings die Hähne krähen hören, hatte den Reden und der Musik gelauscht, aber keine Lust gehabt, nachzuforschen, was das bedeute. Jetzt aber, da sie den Himmel vom Gelächter der Götter erzittern fühlte, da öffnete sie das Felsenthor der Höhle ein wenig und sprach zu sich: »Was ist[110] das? Ich glaubte, Himmel und Erde wären dunkel, und nun ist eine Helle ringsumher, Uzume tanzt und alle Götter lachen – was bedeutet das?« Uzume aber, die der Göttin Worte hörte, entgegnete rasch: »Freilich tanze ich; ich tanze und alle anderen Götter lachen, weil hier eine Göttin ist, die deinen Ruhm verdunkelt.« Und während Uzume dies sagte, traten Amenokoyane und sein Begleiter vor und schoben der Amaterasu den großen runden Spiegel hin, in dessen glatter Fläche sich nun ihr eigener Glanz so wiederspiegelte, daß die Göttin höchst verwundert das Felsenthor noch etwas weiter öffnete. Da trat sofort der starke Gott Tajikarao herzu und zwängte sich zwischen das Felsenthor und die Wand der Höhle, und im Nu war das ganze gewaltige Thor entfernt. Dann ergriff er die Hand der Sonnengöttin und zog sie vollends hervor, und nun strahlte alles wieder in glänzendem, natürlichem Sonnenscheine. Zwei andere Götter aber, welche fürchteten, Amaterasu könne sich eines anderen besinnen und in die Felsenhöhle zurückkehren, zogen flugs ein bannendes Strohseil vor die Höhle und riefen: »O mögest du nie wieder hineingehen!«

Sosanoo aber, der so viel Unheil im Himmel angerichtet hatte, mußte sich einer großen Buße und Reinigung unterziehen, wobei man ihm die Haare und die Nägel an Händen und Füßen abschnitt. Dann wurde er verbannt, und obwohl es stark regnete, so daß er sich einen Schirmhut und einen Regenmantel aus Huflattichblättern machen mußte, wollte ihn doch keiner von allen Göttern bei sich aufnehmen und ihm Obdach geben. Amaterasu jedoch, die stets gütige, verzieh ihm alle seine Unthaten und entließ ihn versöhnt, aber auf immerdar aus den Himmelsgefielden.

1

Die für den altjapanischen Ritus (Schinto) wichtige Cleyera japonica.

Quelle:
Brauns, David: Japanische Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885, S. 105-111.
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