Ninigi.

[133] Als die Zeit gekommen war, wo Amaterasu ihren Enkel auf die Erde herabsandte, um dort zu regieren, schenkte sie ihm jenen Spiegel, den die Himmelsgötter gebraucht hatten, um sie selbst aus der Felsenhöhle, in der sie sich verborgen hielt, herauszulocken. Als sie Ninigi das wunderbare Kleinod übergab, sprach sie: »Bewahre den Spiegel treu, und wenn du ihn ansiehst, so denke, du sähest mich selbst.« Außerdem aber gab sie ihm noch köstliche Edelsteine von den Himmelsbergtreppen mit, Krystallkugeln vom reinsten Glanze, und endlich reichte sie ihm das herrliche Wolkenschwert, das ihr einstmals ihr Bruder Sosanoo geschenkt, der es dem furchtbaren Drachen, welchen er erschlagen, aus dem Schwanze gezogen hatte. Alsdann gab sie ihm noch mehrere Götter zur Begleitung mit, unter denen sich auch die schöne und kluge Uzume befand, welche so schön tanzte, daß sie damit den ganzen Himmel begeistert hatte, und vor allem ihre Rede in holde Schmeichelworte zu kleiden verstand.

So war denn alles bereit; Ninigi nahm Abschied von Amaterasu und begab sich mit seinem Gefolge auf den Weg. Als nun die Götterschaar die Wolken durchbrach, um auf die schwebende Himmelsbrücke und von da weiter abwärts zu gelangen, da ward der. vorderste der Götter, der an der Spitze der Schaar einherzog, einen riesigen Gott gewahr mit großen, furchtbar rothglühenden Augen. Als er dieses Ungeheuer sah, war er so bestürzt, daß er allen Muth verlor und wieder umkehrte. Die Anderen wunderten sich sehr darüber und fragten ihn nach der Ursache. Er erzählte, was er gesehen hatte, und beschrieb den fürchterlichen Riesengott so gut er vermochte. Alle waren gleich ihm erschrocken; doch die schlaue Uzume wußte Rath. Sofort schürzte sie in gefälliger Weise ihre Kleider in die Höhe, schmückte sich und trat lachend und scherzend dem Unhold entgegen, der sich ihnen in den Weg stellte. Doch als der Riesengott[134] die Anstalten der Uzume gewahrte, sprach er beschwichtigend: »Uzume, warum giebst du dir meinetwillen so viel Mühe? Das konntest du sparen, es ist ganz unnütz, denn ich bin ein friedlicher Erdgeist, der Gott der Feldwege. Ich komme dem Herrschersohne Ninigi entgegen, um ihm zu huldigen und ihm meine Dienste anzubieten. Geh zurück und sage unserem demnächstigen Herrscher, daß der Prinz Saruta auf seine Befehle wartet; dieser Prinz, o Uzume, bin ich selbst.« Uzume, die sich sehr über diese Worte freuete, schlug dem Riesengotte vor, den neuen Herrscher auf der Erde zu erwarten; dort wolle sie Ninigi mit ihm bekannt machen. Saruta war es zufrieden und willigte sogleich in ihren Vorschlag. Dann gab er seinerseits den Rath, Ninigi möge sich vorerst in der Nähe des Berggipfels Takatschiho in der Landschaft Himuka oder – wie sie jetzt heißt – Hiuga auf der Insel Kiuschiu niederlassen, wo er ihn treffen werde; bis dahin aber wolle er selbst sich am Isuzu-Flusse in der Nähe von Ise aufhalten. Als diese Verabredung zwischen dem Riesengotte und Uzume getroffen war, ging diese zu Ninigi und seiner Götterschaar zurück. Ninigi aber, als er gewahrte, daß der Riesengott verschwunden war, theilte nun unverzüglich das Gewölk; er betrat festen Fußes mit seinen Begleitern die Himmelsbrücke und ging von da, mit seinem Schwerte vor sich hertastend, hinunter auf die Gebirge von Kiuschiu. Alsogleich begab sich Uzume zu Saruta und führte ihn zu Ninigi. Dieser fand, als er hörte, er sei der Gott der Wege, sein Anerbieten, als Wegweiser zu dienen, vortrefflich und machte sich auf, das Land mit Hülfe Saruta's in kürzester Frist zu durchstreifen. Und als dies geschehen und Ninigi immer mehr einsah, welchen Nutzen er von Saruta gehabt hatte, da sprach er zu Uzume: »Saruta soll jetzt, nachdem er mir sehr gefällig gewesen, in seine Heimat zurückkehren. Du aber, die du mit ihm am besten bekannt geworden bist und zuerst mit ihm gesprochen hast, zieh mit ihm und werde in seinen heimischen Bergen Priesterin.« Uzume that, wie ihr Ninigi befahl, und zum Andenken an die[135] ruhmreiche That, daß sie nämlich bei dem Auszuge aus dem Himmel unerschrocken und allein dem Riesengotte entgegen ging, wurde sie und später ihre Nachfolgerinnen hoch geachtet. Durch diese Begebenheit ist es auch gekommen, daß sie den Namen Sarume no kimi, das heißt Herzogin von Saru, erhielt, und daß ihr Rang höher wurde als der der Männer des dortigen Herrschergeschlechtes. Diese mußten ihr nachstehen, und dies ist auch bei den Priesterinnen, welche ihre Nachfolgerinnen wurden, so geblieben.

Ninigi schlug seinen Wohnsitz an der Stelle auf, die er zuerst betreten, als er vom Himmel herabkam; alles rings umher in der Nähe und Ferne unterwarf sich ihm, und auch der Greis der Salzerde, der Strandgott, einer der zahlreichen Söhne Isanagi's, schloß Freundschaft mit ihm und trat ihm sein Reich ab.

Als der neue Herrscher eines Tages am Meeresufer spazieren ging, begegnete er einer sehr schönen Jungfrau. Er machte ihr einen Heirathsantrag, doch das Mädchen verwies ihn an ihren Vater, den großen Berggeist, der allein über ihre und ihrer älteren Schwester Hand verfügen könne. Ninigi, dem es sehr am Herzen lag, das schöne Mädchen zu heiraten, begab sich sogleich zu dem Berggeist und wiederholte ihm seinen Antrag. Dieser willigte nicht nur ein, sondern schickte ihm beide Töchter in reichem Schmuck und mit vielen Geschenken. Ninigi aber verschmähte die ältere, welche Iwanagahime hieß, denn sie war häßlich; er begehrte nur seine geliebte schöne Konohanahime, die er bei sich behielt, und sandte Iwanagahime wieder fort. Darüber ergrimmte diese sehr und sprach Verwünschungen aus, deren Erfüllung nicht ausbleiben sollte. Der schönen Konohanahime Name bedeutet Baumblüthe und demnach eine kurze Dauer, gleich diesen Blüthen, der Name der häßlichen Iwanagahime bedeutet ein langes Leben wie das der Felsen. »Hättest du mich gewählt, Ninigi,« so rief die Verschmähte in ihrem Zorne, »so wäre dein und deiner Nachkommen Dasein auf Erden ein[136] sehr langes gewesen; da du nun meine Schwester vorziehst, so werden alle die deinigen rasch vergehen wie die Blüthe der Bäume.« Ihre Weissagung ging nur zu wohl in Erfüllung, und daher kommt es denn auch, daß der Menschen Leben so kurz ist gegen das der früheren göttlichen Geschlechter.

Ninigi lebte einige Zeit sehr glücklich mit der schönen Konohanahime, aber es währte nicht lange, da wurde die Glückseligkeit ihrer Ehe durch Ninigi selber gestört, der eifersüchtig wurde und seine Frau aufs ungerechteste beargwöhnte. Darüber grämte sich die gequälte Konohanahime gar sehr, und als Ninigi, ihr Gemahl, es ärger und ärger trieb, da wurde sie erzürnt und zog sich in ein Haus zurück, dessen Thür sie von innen verriegelte. Sie beschloß dieses Haus in Brand zu setzen, und sprach vorher zu Ninigi: »Die Götter werden mich bald durch die Geburt eines Kindes segnen. Ist dasselbe nun das deinige, so werde ich mit ihm gesund aus den Flammen hervorgehen; bin ich dir aber jemals untreu gewesen und ist das Kind nicht dein Kind, so werde ich mit ihm in den Flammen umkommen.« Als Konohanahime dies gesprochen, versperrte sie den Eingang des Hauses vollends und zündete dasselbe an, sodaß die Flammen hoch empor schlugen. Und während Ninigi draußen dem Schauspiele zusah und mit Spannung auf den Ausgang wartete, bekam Konohanahime statt eines Kindes drei schöne, liebliche Söhne, welche froh und lustig aus den Flammen heraussprangen und nach ihrem Vater fragten. Ninigi war erstaunt und hoch erfreut über seine drei Söhne und dankte der Konohanahime, welche ebenfalls unversehrt aus den Flammen kam. Nun war ihr Gemahl versöhnt, und niemals wieder belästigte er sie durch Eifersucht, sondern setzte volles Vertrauen in sie. Konohanahime aber konnte die Zeit nicht vergessen, während welcher Ninigi an ihrer Treue gezweifelt hatte, und obwohl ihr Gatte sie mit rührender Klage umwarb und besänftigende Lieder dichtete und sang, so grollte sie doch fort und fort und wollte nichts mehr von ihm wissen. Sie begnügte sich damit,[137] ihre Kinder mit himmlischem Reisweine zu tränken und mit Reis zu nähren, der auf den Himmelsfeldern gewachsen war. Das war ihr ganzes Glück, und sie bedurfte keines anderen mehr.

Als Ninigi nach langen Jahren starb, sein Leichnam auf den lieblichen Höhen von Hiuga bestattet ward und er selbst gen Himmel gestiegen war, überlebten ihn zwei seiner Söhne, die Prinzen Hosusori und Hohodemi, und erbten das Reich.

Quelle:
Brauns, David: Japanische Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885, S. 133-138.
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