Jimmu Tenno, der erste Kaiser van Japan.

[173] Der einzige Sohn des Hohodemi, der Prinz vom unfertigen Taucherfederdache, von dessen wunderbarer Geburt die Göttersage berichtet, war bereits, gleich seinen Vorfahren, zum Himmel aufgestiegen, und noch immer war der Wunsch der Amaterasu, daß ihre Nachkommen ganz Japan beherrschen sollten, nicht in Erfüllung gegangen. Da verlieh sie zweien der Söhne jenes Prinzen Kraft und Muth zu der Ausführung des glorreichen Werkes, ganz Japan zu erobern, nämlich dem ältesten und dem jüngsten; die anderen beiden zogen es vor, der eine auf die glückseligen Inseln des ewigen Lebens, der andere ins Meer, zu seinen Verwandten mütterlicher Seits, sich zurückzuziehen. Der älteste jener beiden Prinzen, welche bald nach ihres Vaters Tode dessen Residenz in Hiuga und die Insel Kiuschiu verließen, um auf der größeren Insel Nippon sich als Herrscher niederzulassen, hieß Isetsu, der jüngere aber ward nachmals Jimmu Tenno genannt und genießt unter diesem Namen bis zum heutigen Tage göttliche Ehren in Japan.

Es währte indessen Jahre lang, ehe die beiden Brüder, welche stets in Eintracht und treuer Gemeinschaft handelten, alle Landstrecken bis zu dem Binnenmeere, welches sich zwischen den[173] einzelnen Inseln Japans ausbreitet, unterworfen hatten und zu Schiffe nach der Hauptinsel, in die Gegend um Osaka, überfahren konnten. Auf dieser Schifffahrt erwuchsen ihnen ebenfalls mancherlei Gefahren durch die Strömungen und Wirbel in den Meerengen; allein sie fanden dort unerwartete Hülfe durch einen wildaussehenden, bärtigen Meeresgott, der mitten in der See auf dem Rücken einer großen Schildkröte stand und nach Fischen angelte. Sie grüßten den Meeresgott und baten ihn um Auskunft, und als er in den beiden Prinzen die Nachkommen der Amaterasu erkannte, war er gern bereit, ihnen beizustehen. Hoch erfreut darüber, lenkten die Prinzen ihr Schiff dicht an ihn heran, und an einer zu ihm herabgelassenen Stange erklomm der Meeresgott das Schiff und diente als sicherer Führer auf den wilden Meerespfaden.

So gelang es Isetsu und Jimmu, auf der Hauptinsel Nippon zu landen. Damit war indessen ihre Herrschaft keineswegs begründet; überall erhoben sich Gegner, und bald zog von Osten her ein gewaltiges feindliches Heer heran, an dessen Spitze der mächtige Fürst Nagasune von Tomi stand. Die beiden Brüder beschlossen, ihm schleunigst entgegen zu ziehen; sie schifften ihre Streitkräfte ein und fuhren bis Kusaka. Hier landeten sie und lieferten dem Nagasune eine große, blutige Schlacht. Aber sie vermochten den Sieg nicht zu erstreiten und mußten froh sein eben nur das Schlachtfeld behaupten zu können. Zudem war der ältere der beiden Prinzen, Isetsu, durch einen Pfeilschuß des Nagasune schwer an der Hand verletzt; von Schmerzen gequält, beklagte er sein Schicksal, das er noch dazu selbst verschuldet zu haben glaubte. Als nämlich die Schlacht geliefert wurde, stand er im Westen, der Feind im Osten; in Folge davon hatte er seine Waffen gegen seine Ahnfrau, die Sonnengöttin, schwingen müssen und damit die Ehrfurcht gegen sie verletzt. Er war indessen keineswegs entmuthigt, sondern entwarf den Plan eines Angriffes von einer anderen Seite her, als ihn in Folge seiner Verwundung der Tod ereilte. Er starb in den Armen seines[174] Bruders, den er zur Ausdauer und zur Fortsetzung des Kampfes ermahnte.

Nun war Jimmu der einzige Nachkomme der Amaterasu, auf welchem ihre Hoffnung noch beruhete, und so hielt die Sonnengöttin mit dem großen Himmelsgeiste Rath, wie ihm Beistand geleistet werden könnte. Beide Gottheiten kamen überein, den Donnergott Takamikadzutschi, der vor Zeiten bereits für Ninigi das Land unterworfen hatte, zur Erde hinabzusenden; der Donnergott aber meinte, sein Schwert, daß er dem Jimmu senden wolle, würde genügen, um diesen aus allen Fährlichkeiten zu erlösen und zum Herrscher Japans zu machen. Er wählte zu seinem Sendboten einen frommen Mann, einen der angesehensten Einwohner der Gegend, in welche Jimmu mit seinen Streitern gezogen war, Namens Takakura. Diesem erschien er im Traume und befahl demselben, das heilige kreuzförmige Schwert, welches er zu diesem Behufe durch das Dach in Takakuras Vorrathshaus schleudern würde, an sich zu nehmen und dem Jimmu zu überbringen. So geschah es denn auch; als Takakura am Morgen erwachte, fand er an der angezeigten Stelle des Donnergottes Schwert und machte sich mit demselben schleunig auf den Weg zu Jimmu's Lager.

Es war höchste Zeit, daß er dort Hülfe brachte. Wilde, unbändige Berggeister hatten sich gegen den Enkel der Sonnengöttin verschworen; ihr Herrscher war demselben in Gestalt eines gewaltigen Bären erschienen, und durch dessen Hauch war das ganze Heer in eine Betäubung gesunken. Selbst Jimmu konnte sich derselben nicht ganz erwehren; seine Kräfte schwanden, er sank zu Boden. Da trat Takakura, als eben der Tag angebrochen, mit dem heiligen Schwerte an ihn heran. Jimmu ergriff es, und sofort vermochte er aufzustehen. Er schwang die Waffe mächtig gegen die bösen Geister, die ihn schon als ihre Beute ansahen und umschwirrten. Zerstückt fielen sie zu Boden; das Heer aber erhob sich nun augenblicklich wie neubelebt aus seiner Betäubung, und verwundert fragten sich die Krieger, wie lange sie geschlafen hätten.[175]

Um aber Jimmu vor ferneren Unfällen zu bewahren, sandte der große Himmelsgeist ihm einen wunderbaren, acht Fuß hohen Raben als Wegweiser und ordnete an, daß Jimmu nur dorthin sich wenden solle, wohin ihm der Rabe voranflöge. Und dieser göttliche Rabe bewährte sich bei allen ferneren Kriegszügen; das Heer folgte ihm mit Vertrauen, und so zog der Sieg mit Jimmu's Fahnen.

Zunächst ging es nach allen Seiten hin durch die Provinz Yamato. Alle Gutgesinnten unterwarfen sich; auch die Landesgottheiten ehrten den Willen der Himmelsgötter und zogen aus Wäldern und Geklüft, aus Sumpf und Teich herbei, um ihre Ergebenheit zu bekunden. Es waren abenteuerliche Gestalten, geschwänzt und wüsten Aussehens; allein ihre Gemüthsart war treu; sie huldigten ohne Arg und Tücke dem Enkel der Sonnengöttin und wurden sammt ihren Nachkommen gehorsame Unterthanen des Kaiserhauses.

Zwar gab es hie und da auch Rebellen und böse Geister, die zu bekriegen waren. In Uda herrschte ein Brüderpaar; der ältere war tückisch und grausam, der jüngere brav und gut. Trotz aller wohlgemeinten Abmahnungen dieses jüngeren Bruders empfing er den Raben, welcher Jimmu's Heere voranflog, mit Pfeilschüssen und rüstete sich zu hartnäckiger Gegenwehr. Als er aber Jimmu's Streitmacht sah, verließ ihn der Muth; er schickte eine Gesandtschaft, welche für ihn um Verzeihung bat und Gehorsam angelobte. Allein er heuchelte diese Unterwürfigkeit nur, um durch Hinterlist zu erreichen, was ihm durch Waffengewalt zu erstreiten unmöglich war. Er bauete einen neuen Palast und ließ Jimmu einladen, dort sein Gast zu sein; er habe, so ließ er sagen, dies Haus eigens erbaut, um den Herrscher des Landes würdig empfangen zu können. Dicht hinter der Schwelle dieses Hauses hatte er aber eine Fallgrube angelegt, deren Boden mit Lanzenspitzen und Schwertern besetzt war; wenn nun Jimmu allen voran das Haus beträte, so würde derselbe – so meinte der Verräther – in dieser Grube unfehlbar[176] den Tod finden. Der jüngere Bruder aber wollte keinen Antheil an dieser Schandthat haben; deshalb sandte er seinerseits eine Botschaft an Jimmu, durch welche dieser gewarnt wurde. Jimmu kam daher nicht selber, sondern schickte zwei seiner tapfersten Krieger aus, um der Sache auf den Grund zu kommen. Diese fanden bald, daß es mit dem neuen Palaste nicht richtig war; sie jagten deshalb mit Drohungen und Pfeilschüssen den älteren der beiden Brüder in das Haus hinein, so daß er in seine eigene Falle stürzte. Arg verletzt, schrie er um Hülfe, die beiden Krieger Jimmu's aber zogen ihn heraus und hieben ihn in Stücke. Der jüngere Bruder ward zum Lohn für seine Treue mit hohen Ehren bedacht und empfing eine große Herrschaft zu erblichem Lehn.

Ein anderes sehr gefährliches Abenteuer hatte Jimmu mit seinem Heer in einer Einöde zu bestehen, welche von sehr grausamen, gewaltig großen und starken Dämonen bewohnt war, die sich Erdspinnen nannten und in Höhlen und Erdlöchern wohnten. Sie trugen Schwänze und hatten ein abscheuliches Aussehen, das ihre Gemüthsart deutlich bekundete. Jimmu beschloß, List gegen sie anzuwenden. Er ließ ein reiches Mahl herrichten und bewirthete die Unholde mit soviel Sake1, als sie irgend verschlingen konnten. Zugleich hatte er Sorge getragen, daß jedem von ihnen ein verkleideter Krieger zur Bedienung beigegeben war. Während nun die wilden Geschöpfe nach Herzenslust zechten, gab er selbst ihnen einen Gesang zum besten. Allein durch die Worte, die er sang, gab er seinen Kriegern ein Zeichen, und so erlagen die gewaltigen Dämonen, achtzig an der Zahl, in einem Augenblicke sämmtlich den Schwerthieben der Krieger Jimmu's.

Erst nachdem alle diese Abenteuer glücklich bestanden und die Landschaft Yamato gänzlich unter die Botmäßigkeit Jimmu's gebracht war, gelang es diesem, seines Bruders Tod zu rächen. Man schlug, durch den früheren Mißerfolg gewarnt, einen anderen[177] Weg ein und griff, um nicht abermals beim Kampfe der Sonne gegenüber zu stehen, die Streitmacht des Nagasune mittels einer Umgehung an. Diesmal ward denn auch die feindliche Macht in glorreicher Schlacht vernichtet; alle Häupter derselben fielen, zuletzt Nagasune selber.

Hiernach erlosch jedweder Widerstand nicht nur in Yamato, sondern auch in allen benachbarten Landschaften, und Jimmu schlug seinen Thron inmitten jener Provinz auf. Noch fünfundsiebenzig Jahre, so sagt man, herrschte er über das japanische Reich, dessen Kaiserthron er im Jahre 660 vor Christi Geburt gegründet hatte. Von diesem Jahre hebt daher die Geschichte und die Zeitrechnung der Japaner an.

1

Reiswein.

Quelle:
Brauns, David: Japanische Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885, S. 173-178.
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