Der Pferdesohn.

[113] Es war einmal ein Sultan, der hatte drei Söhne und eine Tochter. Eines Tages aber wurde er sterbenskrank und er liess deshalb seine Söhne um sein Lager kommen und sprach also zu ihnen: »Bald werde ich sterben und der Älteste von Euch soll nach mir Padischah sein. Meine Tochter jedoch, die sollt Ihr demjenigen zum Gemahle geben, der nach meinem Tode kommen und sie zur Frau begehren wird.« Nachdem er dies gesagt hatte, starb der Sultan und der Älteste der Söhne bestieg den Thron. Es währte auch nicht lange, da kam ein Derwisch und verlangte die Königstochter für seinen Harem. Der junge Sultan lachte aber und gab ihm seine Schwester nicht. – Am andern Tage kam der Derwisch wiederum in das Seraj und verlangte die Königstochter zur Gemahlin. Da wurden der Padischah und seine Brüder zornig, und sie wiesen dem Derwisch die Türe. Am dritten Tage aber kam ein Dew und wollte das Mädchen heimführen, aber auch ihm gab man die Prinzessin nicht, sondern die Brüder warfen ihn auf die Strasse. Nur der Jüngste unter ihnen sprach: »Es ist doch nicht recht von uns, dass wir dem Befehle unseres Vaters nicht gehorchen.« Die andern aber lachten und sagten zu ihm: »Was verstehst du von solchen Sachen; du bist ja auch viel zu jung dazu!«

Es geschah aber, dass sich das Mädchen kurze Zeit hernach[114] in dem Garten befand, welcher den Sultanspalast umgab. Da rauschte es plötzlich in den Lüften und ehe sich's die Prinzessin versah, stand der Dew vor ihr, packte sie und trug sie durch die Lüfte davon. Als die Königssöhne den Verlust ihrer Schwester bemerkten, wurden sie gar traurig und begannen dem Ältesten bittere Vorwürfe zu machen, dass er das Mädchen nicht dem Derwisch zur Frau gegeben, so wie es ihr verstorbener Vater befohlen hatte. Hierüber aber kränkte sich der Sultan selbst am meisten, so dass er sich entschloss, auszuziehen, um die geraubte Prinzessin aufzusuchen. Er setzte deshalb seinen zweiten Bruder zum Padischah ein und übergab ihm einen Ring indem er ihm sagte: »Stecke diesen Ring an deinen Finger, und wenn er dich drückt, so wisse, dass ich mich in Gefahr befinde, dann komm schnell, um mir beizustehen.« Nach diesen Worten zog er in die Ferne. Nach einiger Zeit nun verspürte der neue Sultan einen starken Schmerz an seinem Ringfinger, und wusste, dass sein Bruder in Gefahr sei. Deshalb übergab er die Krone und den Wunderring seinem jüngeren Bruder, bewaffnete sich und zog dem Ältesten nach. Aber auch der Dritte spürte bald das Drücken des Ringes und ging in die Ferne, so dass nur noch die alte Mutter, die Walide, zu Hause zurück blieb. Als aber nach vielen Monaten kein einziger ihrer Söhne zurückkam, da fühlte sie sich entsetzlich vereinsamt und sprach zu sich; »Was soll ich alte Frau hier allein machen?, alle meine Kinder sind verschwunden. Ich werde gleichfalls in die Welt hinausziehen, und sie entweder finden oder sterben.« Hiermit ging sie in den Stall.

Dort stand seit langen Zeiten ein altes schlechtes Pferd, das nahm sie und ritt traurig davon. Und sie ritt Tag und Nacht, über Fels und Stein, durch Sturm und Nebel, bis sie sich in einem tiefen Felsental verirrt hatte, aus dem kein Weg wieder ins Freie führte. Sie hatte nichts mehr zu essen und[115] zu trinken und litt daher furchtbaren Hunger und Durst, so dass sie, um nicht zu verdursten, das Wasser ihres Pferdes trinken musste. Kaum aber hatte sie davon genossen, so spürte sie, dass eine Veränderung in ihr vorging und sie sah auch, wie sich ein Saumpfad vor ihren Augen öffnete. Sie zog demselben entlang und – siehe da! in wenigen Stunden befand sie sich wieder in der Hauptstadt ihres Landes, wo sie bald nach ihrer Rückkunft einen Sohn gebar und den nannte sie Atôlu oder Pferdesohn.

Der Knabe schoss in die Höhe und überragte in einigen Jahren alle seine Gefährten und Spielgenossen an Grösse und Kraft. Als sie aber eines Tages mit dem Dschirid (Lanzenwerfen) beschäftigt waren, da ärgerten sich die andern Kinder, dass er sie alle in diesem Spiele übertraf und sie spotteten über ihn und schimpften ihn: »Vaterloser«. Darüber wurde Atôlu ärgerlich und er lief zu seiner Mutter, und beklagte sich, dass ihn seine Kameraden einen »Vaterlosen« geschimpft hätten. Die Sultanin versuchte ihn zu trösten, aber Atôlu drang so lange in sie und bedrohte sie sogar mit dem Tode, bis sie ihm das Schicksal seiner Brüder und das Geheimnis seiner Geburt mitgeteilt hatte. »Wenn sich das so verhält,« entgegnete darauf der Vaterlose, »so will auch ich ausziehen, um meine Brüder und meine Schwester aufzusuchen und zu befreien,« und nachdem er von seiner Mutter Abschied genommen hatte, setzte er sich auf ein Pferd und ritt davon.

Nach langen Kreuz- und Querzügen, auf welchen er viele Länder, Flüsse und Berge übersetzt hatte, gelangte er an einem Abende zu einem einsamen Kiosk, in welchem er drei verwundete Männer antraf und ein junges, schönes Mädchen, welches den drei Männern die Wunden verband und sie pflegte. Da sah er, dass er am richtigen Orte sei, trat er in den Kiosk ein und sagte: »Ich bin Atôlu, euer jüngster Bruder!« Sie aber glaubten ihm nicht und erwiderten:[116] »Wir haben keinen andern Bruder mehr.« – »Aber unsere Mutter hat noch einen Sohn,« gab Atôlu zur Antwort, und wies ihnen den Ring, den ihm die Königin zum Erkennungszeichen für seine Geschwister mit auf den Weg gegeben hatte. Daran erkannten sie, dass er wirklich ihrer Mutter Sohn sei, und nun erzählten ihm die Brüder, wie der Dew jeden von ihnen zum Zweikampfe um ihre Schwester herausgefordert und verwundet habe. Kaum aber waren sie mit ihrer Erzählung zu Ende, da erzitterte der Kiosk in allen seinen Fugen, es rauschte in den Lüften und der Dew erschien. Er begrüsste den neuen Ankömmling auf das freundschaftlichste, Atôlu liess sich aber dadurch in seinem Vorhaben nicht irre machen, sondern er zwang den Dew, mit ihm um die Freiheit seiner Schwester und seiner Brüder zu kämpfen. Schon der erste Lanzenwurf des Pferdesohns streckte den Teufel schwer verletzt zu Boden. »Wenn du ein Mann bist, so wirf mir noch einen zweiten Speer in die Seite!« rief er ihm zu. Aber Atôlu antwortete: »Meine Mutter hat mich auch einmal geboren« und er willfahrte dem Wunsche des Dews nicht, wusste er doch sehr gut, dass ein zweiter Lanzenstoss den Teufel wieder auf die Beine bringen würde. So aber musste der Dew elendlich sterben.

Die drei Sultanssöhne und ihre Schwester waren nun befreit, und sie beschlossen, ihren jüngsten Bruder Atôlu, welcher unter ihnen der grösste Pehliwan (Held) war, zum Sultan zu ernennen. Atôlu lehnte dieses jedoch ab, und sagte zu ihnen: »Zieht ruhig und in Frieden zu unserer Mutter. Ich aber will gehen und die beiden Brüder des Dews aufsuchen und sie töten,« und nachdem er herzlichen Abschied von seinen Geschwistern genommen hatte, ritt er wieder davon.


Und Atôlu zog über Berg und Höh',

Er trank Tschibuk und rauchte Kaffee,[117]

Er pflückte die Veilchen von den Bäumen,

Und zertrat die Eichen im Gehen und Träumen.

Als er aber hinter sich einmal geblickt,

Da sah er, dass er nicht weiter gerückt,

Als ein blinder Maulwurf gegangen war,

In einer Stunde und einem Jahr.


Er griff deshalb stärker aus und traf denn auch bald auf Einen, der die grössten Bäume des Waldes ausriss und sie zu einem hohen Walle zusammenschichtete. Er erkannte daran, dass dies ein Bruder des Dews sei, ging auf ihn zu und fragte ihn: »Was tust du denn da?« Jener antwortete: »Ich errichte mir einen Wall. Ein gewisser Atôlu hat schon meinen Bruder getötet, und ist nun ausgezogen um mich gleichfalls zu töten.« – »Kennst du denn den, vor dem du dich so fürchtest?« prüfte der Pferdesohn weiter, und als dies der Dew verneinte, packte ihn Atôlu bei der Nase, und mit den Worten: »Wen Atôlu so anfasst, dem macht er es so!« reisst er seinem Gegner die Nase aus dem Gesichte. Nun wusste auch der Dew, wen er vor sich habe, und begann zu jammern und um sein Leben zu bitten. »Ich werde dir bis an's Ende der Welt ein Bruder sein,« flehte er zu Atôlu, so dass ihm dieser, von Mitleid erfasst, das Leben schenkte und ihn als Gefährten annahm.

Hierauf zogen sie zusammen weiter:


Und Atôlu schritt durch Wälder und Au'n,

Er küsste sein Pferd und spornte die Frau'n,

Und lauschte entzückt des Schakals Geheule,

Erschlug die Drosseln mit seiner Keule.

Auf einem Berg aber blieb er stehn,

Um rückwärts auf seinen Weg zu sehn,

Da sah er, dass er nicht weiter gegangen,

Als ein Vogel, der im Käfig gefangen.


Und er sagte zu dem »Naselosen«: »Gehen wir etwas[118] schneller!« Da gingen sie schneller und begegneten Einem, der schleppte die grössten Felsblöcke herbei und legte sie wie Backsteine auf einander. Und der Pferdesohn fragte jenen: »Was beginnst du da?« Und der Steinschlepper sagte: »Ich baue mir eine Burg. Ein gewisser Atôlu hat schon meinen Bruder erschlagen, und ist nun auf dem Wege, um auch mich umzubringen.« Nun verstand der Pferdesohn, dass er den vor sich hatte, welchen er suchte und er begann von neuem: »Aber kennst du denn Atôlu?« – »Nein!« sagte der Steinschlepper. Da schlug ihn Atôlu mit der Hand, so wie von ungefähr, auf die Schulter, dass dem Riesen die Knochen im Leibe knackten, und er sein lebenlang von dem Schlage einseitig blieb. »Wen Atôlu angreift, dem macht er es so,« und da sich der Steinschlepper für überwunden erklären musste, bat er um sein Leben, und auch er wurde der Reisegefährte des Pferdesohns.

Die drei zogen nun weiter, um neue Abenteuer zu suchen. Da kamen sie eines Abends zu einem Berge, auf dem eine Schafherde weidete. Aber weit und breit war kein Hirt zu erblicken. Selbst als es zu dunkeln anfing, verliess die Herde ruhig und still, wie wenn sie von einem Unsichtbaren getrieben würde, die Weide und die drei Helden beschlossen, ihr nachzugehen. So gelangten sie mit den Schafen in eine grosse mächtige Höhle, in welcher sie allerhand Haus- und Küchengerät vorfanden, aber keine menschliche Seele. Da sie aber Hunger hatten, so schlachteten sie sich ein Lamm und verzehrten es zum Nachtmahle. Am anderen Morgen blieb der Naselose zu Hause, um wieder ein Schaf zum Essen zu bereiten, während Atôlu und der Einseitige sich mit der Heerde auf der Weide befanden. Das Schaf war schon ziemlich gar gebraten, da trat plötzlich eine Dschady zudem Naselosen. Die Augen der alten Hexe waren grün und eines schaute nach dem anderen, während ihre lange Nase wackelnd,[119] wie ein Pferdeschweif, über ihrem zahnlosen Munde herunter hing. »Gib mir ein Stückchen Fleisch von deinem Fleische,« sagte sie zu dem Dew, und als derselbe ging, um ein Messer zu holen und ein Stück Braten abzuschneiden, nahm sie das ganze Schaf und verschwand damit, so dass sich Atôlu und seine Gefährten diesen Abend hungrig niederlegen mussten. Den nächsten Tag hiess Atôlu den Einseitigen zu Hause bleiben, aber ihm ging es genau so, wie dem Naselosen. Wieder erschien die Hexe und stahl den ganzen Braten, weshalb sich der Pferdesohn entschloss, am dritten Tage selbst die Rolle des Kochs zu übernehmen. Als aber die Alte erschien und auch von ihm ein Stück Fleisch begehrte, da bat er sie, das Schaf zu halten, damit er ihr mit dem Messer ein Stück herunterschneiden könnte. Statt dessen aber hieb er ihr mit dem Messer den Kopf vom Rumpfe. Wie erstaunte aber der Pferdesohn, als der zu Boden gefallene Kopf mit einem Male zu rollen anfing und eine breite Blutspur zurücklassend, aus der Höhle hinaus in den Wald kollerte, wo er in einen Brunnen fiel.

Atôlu merkte sich die Stelle und als seine Gefährten von der Weide zurückkehrten, ging er mit langen Stricken ausgerüstet mit den beiden Dews nach der Cisterne, um den Kopf wieder herauszuholen. Er band den Naselosen an ein Seil und liess ihn in den Brunnen hinunter. Kaum war aber derselbe einige Ellen tief, als er schon jämmerlich zu schreien begann, dass er am ganzen Körper brenne, und man ihn schnell herausziehen möge. Dem Einseitigen erging es nicht viel besser. Da liess sich Atôlu selbst in den Brunnen hinab. Am Grunde angelangt, fand er sich zu seiner Verwunderung in einem prächtigen Garten Unbekannte Bäume dufteten so berauschend, wie Moschus und Ingwer, und in den Zweigen der Bäume sangen goldglänzende Vögel so schön, wie die Huris im Paradiese. Inmitten des Gartens aber[120] bemerkte er ein reizendes Mädchen, welches an einer Stickerei arbeitete. Als die Schöne ihn erblickte, frug sie ihn, was er hier suche. Atôlu erzählte ihr nun den seltsamen Vorfall mit der Hexe, und dass er gekommen sei, um deren Kopf wieder zu finden. Darauf griff das Mädchen unter den Tisch und zog den blutigen Kopf der Hexe hervor. »Sie war unsere Mutter, die meine und die meiner beiden Schwestern.« – »Um so besser,« antwortete der Pferdesohn, »wenn du auch Schwestern hast, ich habe noch Brüder«; und darnach gingen sie die beiden Schwestern zu finden, von denen ihn namentlich die jüngste durch ihre überirdische Schönheit entzückte. Er gab darauf den Dews ein Zeichen, und sie zogen nach einander die drei Schwestern aus dem Brunnen in die Höhe. Als aber die dritte auf der Erde angekommen war, verabredeten sich der Naselose und der Einseitige und sie beschlossen, Atôlu im Brunnen zu lassen und ihm die drei Jungfrauen zu rauben. »Vergebens,« rief der Pferdesohn ihnen zu, »sie möchten ihm ein Seil zuwerfen, damit er wieder an die Erdoberfläche kommen könne, sie waren schon über alle Berge.«

So, von seinen Gefährten verraten, kehrte er wieder in den Garten zurück. Da erblickte er auf einem Baume ein Vogelnest mit sieben jungen Vögeln, die ängstlich flatterten und piepten, weil sich ihnen eine Schlange genähert hatte und sie züngelnd bedrohte. Rasch entschlossen ergriff er seinen Handschar und tötete das Ungetüm. Darauf legte er sich ermüdet unter dem Baum nieder und schlief ein. Nach kurzer Zeit kehrte der Vogel von einem Ausfluge zu seinem Neste zurück, und als er den Schläfer erblickte, schoss er zornig auf ihn los, denn er glaubte, dass dies der böse Feind sei, der ihm in jedem Jahre seinen Jungen auffresse. Die Vögel im Neste aber riefen ihm zu, dass dies ihr Freund wäre, welcher sie soeben vom Tode errettet habe. Als der[121] Vogel solches vernahm, breitete er seine Flügel über den Schläfer aus, um sein Angesicht vor den glühenden Sonnenstrahlen zu beschützen, damit er ruhig und sicher weiter schlummern könne.

Gegen Abend erwachte Atôlu erquickt aus seinem Schlafe und nachdem ihn der Vogel noch mit den besten Früchten und Getränken erquickt hatte, trug er den Pferdesohn auf seinem Rücken auf die Erde zurück. Hier angekommen schritt der junge Held seines Weges weiter.


Und Atôlu ging durch Felder und Grün,

Sah Tulpen singen und Amseln blühn,

Er trank begierig der Felsen Gestein,

Und stiess mit dem Fuss an manch' Wässerlein.

So kam er an eine Wiese betaut,

Von der er sich seinen Weg beschaut,

Da sah er, dass er nicht schneller gekommen,

Als ein Tunfisch, der im Trocknen geschwommen.


Der Pferdesohn beschleunigte deshalb seine Schritte, und begegnete nach kurzem einer alten Frau, von welcher er sich ein Nachtlager erbat. »Ich habe nur eine kleine Kammer, und wenn ich mich niederlege sind meine Füsse und auch mein Kopf im Grünen.« Atôlu gab ihr aber eine Handvoll Gold und so nahm sie ihn dann mit in ihr Haus. Kaum hatte er sich dort niedergelassen, als er von einer Seite herzzerreissendes Weinen und von der andern Seite lustige Musik und fröhliches Lachen vernahm. Er frug, was das zu bedeuten habe, und die Alte erzählte ihm, dass es im ganzen Lande nur einen einzigen Brunnen, und dieser auch nur einmal Wasser gäbe. Es käme nämlich in jedem Jahre ein grässlich ungestalteter Drache ins Land und lege sich vor den Brunnen und so lange er dort ruhe, gäbe der Brunnen Wasser. Als Entlohnung hiefür beanspruche aber der Drache[122] jedesmal die schönste Jungfrau im Lande zur Beute, und in diesem Jahre sei die Reihe an die Tochter des Padischahs ge kommen, und deshalb höre er so viel Weinen und Jammern. »Was bedeutet dann aber die Lustigkeit auf der anderen Seite?« fragte Atôlu weiter. »Dort gibt es eine Hochzeit,« sagte die Alte. »Es sind nämlich vor einigen Tagen ein Naseloser und ein Einseitiger mit drei lieblichen Mädchen in der Stadt angekommen, und die wollen heute ihre Hochzeit feiern.«

Als der Pferdesohn dieses hörte, zog er den Zauberring von seinem Finger und befahl seiner Wirtin, ihn anzustecken und dann zu den jüngsten von den drei Mädchen zu gehen, und wenn diese ihr – wie es die Sitte erheische – die Hand küssen wolle, so solle sie zu ihr sagen: »Küss' mir nicht die Hand, damit mich nicht mein Ring drücke.« Die Alte tat, wie er ihr geheissen und als ihr das junge Mädchen die Hand küssen wollte, bemerkte es den kostbaren Ring daran, und frug die Frau, »woher sie denselben habe«. Diese erwiderte: »Er gehört einem jungen Helden, der sich in meinem Hause befindet.« Nun erkannte die Jungfrau den Ring Atôlus und begab sich in's Haus der Alten.

Atôlu war aber inzwischen ausgegangen und zu einem prachtvoll geschmückten Zelte gelangt, demselben, in welchem man die Königstochter für den Drachen aussetzen wollte. Dieselbe wurde auch bald, in Tränen aufgelöst, auf einem reich geschirrten Pferde dorthin gebracht, und nachdem sie den jungen Helden erblickt hatte, bat sie ihn, zu fliehen, damit ihn der Drache nicht ebenfalls in Stücke reisse. Atôlu sagte ihr jedoch, dass sie sich nicht fürchten solle, und in demselben Augenblicke kam auch schon das siebenköpfige Scheusal angekrochen. Schnell riss der Pferdesohn sein Schwert aus der Scheide, tötete den Drachen und führte die Prinzessin wieder in den Palast ihres Vaters zurück. Er selbst aber[123] eilte nach dem ärmlichen Hause der alten Frau, wo er schon, zu seiner grossen Freude, die jüngste der drei Peri-mädchen vorfand, welche er aus dem Brunnen befreit hatte. Sie berichtete ihm über alles, was sich inzwischen zugetragen und der Pferdesohn suchte nun seine verräterischen Gefährten, die beiden Dews auf, und tötete sie gleichfalls.

Es ereignete sich aber, dass der Sultan den jungen Helden, der ihm seine Tochter wiedergegeben, sehen wollte, jedoch niemand meldete sich als den Drachentöter. Man suchte lange umher; er schien aber von der Erde verschwunden zu sein. Da erblickte ihn die Prinzessin von den Fenstern ihres Harems aus, und sie rief den Padischah herbei, der nun Atôlu zu ihm zu führen befahl. Und er sprach also zu ihm: »Du hast zwar meine Tochter aus den Klauen des Drachen errettet, aber was sollen wir nun tun, da der einzige Brunnen im ganzen Lande für immer versiegt ist. Alles wird nun vertrocknen und verdorren.« Da antwortete der Pferdesohn: »Befehl nur deinen Leuten, dass man den toten Drachen in der Nähe des Brunnens begrabe, und sein Wasser wird wieder fliessen.« So geschah es auch und der Brunnen gab nun Wasser in solcher Fülle, dass sich Fruchtbarkeit und Wohlstand im ganzen Lande verbreitete. Atôlu aber erhielt die schöne Prinzessin zum Geschenke und er zog mit ihr und den drei Peri-mädchen in seine Heimat zurück. Die älteste gab er dem ältesten Bruder, die mittlere, dem zweiten Bruder, die jüngste aber dem dritten Bruder zur Frau; er aber bekam die Tochter des Padischah und sie alle feierten ihre Hochzeit vierzig Tage und vierzig Nächte hindurch.

Quelle:
Kúnos, Ignaz: Türkische Volksmärchen aus Stambul. Leiden: E.J.Brill, (1905), S. 113-124.
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