Die Zaubernadel.

[203] Es war einmal ein Padischah. Dieser Padischah hatte eine Tochter, deren Schönheit in der ganzen Welt ohne Gleichen war.

Die Frau des Padischah besass nun einen Araber, den sie in einem verschlossenen Zimmer hielt, und in welches sie jeden Tag hineinging, um an ihn folgende Frage zu stellen: »Ist der Mond schön? Bin ich schön? Bist du schön?« Worauf der Araber antwortete: »Alles ist schön.« Nachdem sie sich solcherart genugsam unterhalten hatten, sperrte sie das Zimmer wieder ab, und ging ihres Weges.

Als die Tochter des Padischah, die den Namen Granatchen (Nar-tanesi) erhielt, eines Tages einen Rundgang um das Seraj machte, erblickte sie dort der Araber, und verliebte sich augenblicklich in sie. Als nun die Frau den Araber am folgenden Tage wieder fragte: »Wer ist schön?« da antwortete er: »Der Mond ist schön, du bist schön, auch ich bin schön; die schönste jedoch ist Granatchen.«

Die Frau ärgerte sich, weil der Araber ihre Tochter gesehen, und sich nun wahrscheinlich von ihr abwenden werde. Sie rief daher ihre Tochter und forderte sie zu einem Spaziergang auf. Während ihres Spazierganges kamen sie zu einer Wiese, wo das ermüdete Mädchen unter einem Baume einschlief.[204] Die Mutter liess sie nun dort und kehrte allein in's Seraj zurück.

Als das Mädchen erwachte, und die Mutter nicht sah, begann sie vor Furcht zu weinen, lief unstet hin und her, indem sie die Mutter an allen Ecken und Enden suchte. Ihr Weinen erfüllte Wald und Feld und wollte kein Ende nehmen.

Es gingen unterdessen drei Brüder auf die Jagd. Während sie das Feld durchstreiften, kamen sie auch an den Ort, wo das Mädchen sich herumtrieb. Als das Mädchen die Jäger erblickte, erschrak sie noch mehr, bat um Schonung und ersuchte die Jäger, sie als Schwester annehmen zu wollen. Von Mitleid erfasst, nahmen die Jäger das weinende Mädchen als Schwester an, und führten sie mit sich nach Hause. Die drei Brüder gingen während des Tages immer auf die Jagd, brachten das erjagte Wild nach Hause, das Mädchen bereitete daraus die Mahlzeiten und so verbrachten sie ihre Tage.

Die Kunde von der ausserordentlichen Schönheit des Mädchens verbreitete sich weit und breit, und es ging von Mund zu Mund, dass die drei Brüder ein schönes Mädchen gefunden, sie dann als Schwester annahmen und betrachten und mit ihr im gemeinsamen Haushalte leben.

Die Mutter des Mädchens, die Sultansfrau erfährt ebenfalls das Schicksal ihrer Tochter. Sie ärgerte sich, dass ihre Tochter noch lebte, nachdem sie glaubte, dass sie schon längst von wilden Thieren zerrissen und verzehrt worden wäre. Sie wendete sich an eine Hexe, und beratschlagte sich wegen ihres weiteren Verhaltens mit ihr. Die Hexe gibt der Sultana zwei Zaubernadeln und riet ihr, diese in den Kopf des Mädchens zu stossen, wovon sie sterben werde. Die Frau nimmt die Nadeln in Empfang, zog eine alte Feredsche (Oberkleid) an, und indem sie in einem Bündel verschiedene Esswaren einpackte, begab sie sich als arme Frau verkleidet zum Mädchen.[205]

So oft die jungen Leute des Morgens auf die Jagd gingen, verriegelten sie die Zimmertüre. Als nun die Hexe anklopfte, antwortete das Mädchen darauf garnichts. »Oh mein Kind« schrie die Frau hinein, »warum öffnest du nicht die Türe? Ich komme aus Anatolien, und bringe meinen Söhnen mancherlei Geschenke mit; übernimm sie wenigstens.« Das Mädchen antwortete durch die Türspalte: »Die Türe ist verriegelt.« – »Oh meine Tochter« sagte die Frau wieder, »ich habe gehört, dass du ihre Schwester bist, wolan ich brachte dir ebenfalls zwei Nadeln zum Geschenk. Halte deinen Kopf beim Schlüsselloch, damit ich dir die Nadeln anstecken kann.« Das Mädchen legte, nichts böses ahnend, den Kopf gegen das Schlüsselloch; die Frau stiess die Nadeln an ihren Kopf, worauf das Mädchen sterbend niederfiel. Die alte Frau ging darauf in's Seraj zurück.

Als die Brüder gegen Abend von der Jagd nach Hause kamen, die Türe öffneten und hineintraten, erblickten sie das neben der Türe entseelt liegende Mädchen. Da erhoben sie ein grosses Jammergeschrei und rangen vor Verzweiflung ihre Hände. Da sie aber der Sache nicht mehr abhelfen konnten, dachten sie darüber nach, auf welche Weise sie ihre Schwester bestatten könnten. Sie verfertigten nachher einen goldenen Sarg, legten das Mädchen hinein, und trugen es auf einen Berg, wo sie dann den Sarg zwischen zwei Bäumen aufhängten.

Es geschah nun, dass bald darauf der Sohn eines Padischah, auf die Jagd ging und während des Jagens den zwischen den Bäumen hängenden Sarg bemerkte. Er liess den Sarg herunternehmen, und kaum sah er das darin liegende Mädchen, als er sich auch schon von ganzer Seele in dasselbe verliebte. Darauf liess er den Sarg allsogleich nach Hause tragen, und in sein Zimmer stellen, und so oft er sich entfernte, sperrte er die Zimmertüre ab. Und wenn er dann des[206] Abends wieder nach Hause kam, betrachtete er immer von Abend bis Morgens seufzend das Mädchen.

Inzwischen beabsichtigte der Padischah an einem eben ausgebrochenen Kriege teilzunehmen. Seine Wezire redeten ihn ab, und rieten ihm, statt seiner, seinen Sohn den Schehzade zu schicken. Der Padischah liess in Folge dessen sogleich seinen Sohn rufen und befahl ihm das Schlachtfeld aufzusuchen. Der Jüngling begab sich auf sein Zimmer, öffnete den Sarg und betrachtete bis zum Morgenbruche das Antlitz des Mädchens. Darauf sperrte er die Türe ab, und nachdem er anordnete, dass in seiner Abwesenheit niemand das Zimmer betreten dürfe, zog er in den Krieg.

Der Schehzade hatte eine Braut. Als nun diese eines Tages in's Seraj kam, wollte sie in's Zimmer ihres Bräutigams gehen. Vergebens machte man sie auf das Verbot des Bräutigams aufmerksam, sie rüttelte dennoch mit aller Kraft so lange an der Tür, bis sie sich öffnete, worauf sie das Zimmer betrat. Als sie des Sarges und des darin liegenden toten Mädchens ansichtig wurde, schrie sie entrüstet auf: Der Schehzade habe eine Geliebte, die er seitdem sie gestorben, Tag und Nacht betrachte. Als sie das Mädchen besser betrachtete, bemerkte sie eine der im Kopfe des Mädchens steckenden Nadeln, die sie dann herauszog. Kaum war die Nadel entfernt, als sich das Mädchen in einen Vogel verwandelte und husch hinweg flog.

Als der Schehzade nach längerer Zeit vom Kriege zurückkehrte, beeilte er sich vorerst sein Zimmer aufzusuchen, fand aber, als er den Sarg öffnete, das Mädchen nicht mehr darin vor. »Wer wagte es, mein Zimmer zu betreten?« fragte er die Diener. Seine Sklaven sagten: »Deine Braut.« »Gott weiss, was sie mit ihr machte,« dachte er, und kränkte sich darüber.

Unterdessen beschäftigte sich der Vater, nachdem der[207] Krieg beendet war, mit Vorbereitungen zur Hochzeit. Die Hochzeit fand nun statt; da flog inzwischen der Vogel jeden Tag in der Früh herbei, liess sich auf einem Baume nieder, rief den Gärtner herbei, und fragte ihn: »Was macht mein Schehzade?« Der Gärtner antwortete jedesmal: »Er ruht.« Darauf rief der Vogel wieder: »Er möge nur ruhen und sich seiner Gesundheit erfreuen; der Baum, auf dem ich sitze, möge vertrocknen.« Solcherart vergingen einige Tage. Der Vogel kam jeden Tag und stellte dieselben Fragen, und jeden Tag verdorrte je ein Baum. Der Gärtner machte nun den Schehzade aufmerksam, dass wenn es noch weiter so geht, sämtliche Bäume vertrocknen werden. Der Schehzade stellte nun dem Vogel aus Neugierde eine Falle, und der Vogel ging auf den Leim. Er liess ihm dann ein goldenen Käfig anfertigen und ergötzte sich an ihm.

Indessen erkannte seine Frau den Vogel und wusste, dass es kein anderer sein kann, als das Mädchen aus dem Sarge. Sie befasste sich nun noch mehr mit dem Gedanken, wie sie diesen Vogel vernichten könnte. Eines Tages entfernte sich der Schehzade aus dem Hause. Sofort nahm seine Frau den Vogel aus dem Käfig, riss ihm den Kopf vom Rumpfe und warf ihn in den Garten. Dem Schehzade aber sagte sie, dass ihn eine Katze erwürgt hatte. Der Schehzade grämte sich jämmerlich, konnte sich aber nicht helfen.

Als sie dem Vogel den Kopf abriss, entstanden im Garten aus den vergossenen Blutstropfen Rosensträuche. Diese wurden jedoch von niemandem bemerkt. Einst kam eine alte Frau zum Gärtner und verlangte von ihm Blumen. Der Gärtner gab ihr welche und pflückte für sie überdies eine Rose von den Rosensträuchen. Heimgekehrt legte sie die Blumen in ein Glas, und siehe da! alle welkten hin, nur eine Blume blieb so frisch als blühte sie noch am Baume. »Was für sonderbare Blume mag dies sein?« sprach sie zu, sich, »eine Blume,[208] die nicht hinwelken kann.« Und während sie den Duft der Blume mit Wonne einatmete, ward aus ihr auf einmal ein im Zimmer lustig hin und her flatternder Vogel. Die Frau wurde stutzig und erschrak, indem sie glaubte, einen in oder dschin vor sich zu haben. Nachdem sie sich aber vom Schrecken erholte, fing sie den Vogel, streichelte ihn wiederholt liebevoll, und bemerkte dabei auf seinem Kopfe etwas Diamantenähnliches. Sie betastete es, da sah sie eine Nadel, und als sie diese herauszog, da verwandelte sich der Vogel in ein Mädchen. Das Mädchen erzählte dann der noch mehr erschrockenen Frau alles, was mit ihr geschehen.

Darauf machte sich die Alte auf den Weg und ging gradaus in's Seraj, schlich sich im Geheimen zum Schehzade und erzählte ihm alles. Unaussprechlich gross war die Freude des Jünglings. Er bat nun die Frau: sie möge das Mädchen nur noch weiter bei sich zurückhalten, er werde schon gegen Abend selbst zu ihr kommen. Die alte Frau eilte mit der frohen Botschaft zurück. Kaum war die Abenddämmerung angebrochen, als auch schon der Schehzade an Ort und Stelle anlangte. Beim Anblicke des Mädchens fiel der Prinz in Ohnmacht, und als man ihn wieder auf die Füsse brachte, forderte er das Mädchen auf, alles zu erzählen, was bisher mit ihr geschehen. Als er dann mit dem Mädchen dem Seraj zueilte, sprang ihnen ein Affe entgegen. Der Schehzade, dies bemerkend, verfolgte den Affen so lange, bis er ihn in die Flucht jagte, unterdessen das allein gebliebene Mädchen ermüdet einschlief.

Inzwischen hörte die Mutter des Mädchens, dass ihre Tochter aus dem Sarge verschwunden sei. Damit nun diese nicht wieder zum Vorschein komme, verliess die Sultana das Seraj, um das Mädchen aufzusuchen. Nach langem Wandern erreichte sie endlich den Ort, wo das Mädchen eingeschlafen. »Gut, dass du mir wieder in die Hände geraten«[209] dachte sie, und wollte wieder ihre Zauberkünste, die sie von der Hexe erlernt, anwenden.

Unterdessen eilte der Schehzade, dem es nicht gelingen konnte, den Affen zu fangen, in Laufschritten zum Mädchen zurück, damit ihr nicht wieder irgend ein Feind schade. An Ort und Stelle angelangt, fand er neben dem schlafenden Mädchen eine Frau, die er sogleich nach ihrem Vorhaben fragte. Die Frau sagte, sie wollte das Mädchen blos bewachen, und es hätte der Schlafenden vielleicht ein Unfall zustossen können, wenn sie nicht rechtzeitig hiehergekommen wäre.

Dem Schehzade fiel nun plötzlich etwas ein. Er weckte das Mädchen und fragte in ihrer Gegenwart die Frau, wer und was sie eigentlich sei. Die Frau gab sich nun als ein armes und verlassenes Weib aus, die ohne Hab und Gut, allein in der Welt dastehe. Darauf sagte der Jüngling: »Komm mit mir, damit ich dir deine Güte belohne.« Das Mädchen jedoch erkannte an der Stimme ihre Mutter, und teilte dies auch im Geheimen dem Jüngling mit.

Nun richteten sie insgesamt ihre Schritte gegen das Seraj. Die Frau freute sich über die Gelegenheit, das Mädchen endlich aus dem Wege räumen zu können. Der Schehzade dagegen liess, im Seraj angekommen, sowohl die Frau als auch seine Frau rufen, und nachdem er beide an den Haaren aufhängen liess, verlobte er sich mit dem Mädchen. Er verständigte darauf sogleich seinen Vater und den Vater des Mädchens und liess sie am Glücke ihrer Kinder teilnehmen.

Quelle:
Kúnos, Ignaz: Türkische Volksmärchen aus Stambul. Leiden: E.J.Brill, (1905), S. 203-210.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Lotti, die Uhrmacherin

Lotti, die Uhrmacherin

1880 erzielt Marie von Ebner-Eschenbach mit »Lotti, die Uhrmacherin« ihren literarischen Durchbruch. Die Erzählung entsteht während die Autorin sich in Wien selbst zur Uhrmacherin ausbilden lässt.

84 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon