IV. Des Zechers Freunde.1

[307] Es sagt erst der von aussen kommt:


Friede mit euch, meine Brüder,

Friede mit euch, meine Freunde,

wenn ihr befehlet, trete ich ein,

wo nicht, bleibe ich an der Thür stehen.


Darauf antworten die anderen:


Es geschah nicht nach unserem Wunsche, dass du gingst,

und es geschah nicht nach unserem Wunsche, dass du kamst,

so bleib denn an der Thür stehen,

bis der Hahn kräht.


Darauf erwidert der Ankömmling:


Wenn ich vor der Thür stehen bleiben soll,

sterbe ich vor Kälte,

darum erlaube[t] mir einzutreten,

um euch zu sehen, kam ich jetzt.


Da antworten die anderen:


So komm denn in Frieden, gesegnet sei deine Ankunft,

der HErr sei mit dir und helfe dir,

seine Segnungen seien mit dir

alle Tage deines Lebens.


Es antworten [noch andere?]:


Es kehre mit dir die Kraft ein,

die mit Joseph nach Ägypten zog;

es kehre mit dir der Stern ein,

der mit den Magiern nach der Grotte zog.


[308] Nun stimmen sie zusammen an:


Christus, in dessen Namen wir hier versammelt sind,

und auf dessen Güte wir vertrauen,

beschütze unsere Versammlung mit seinem Kreuz

alle Tage unseres Lebens.


1.2


Der Weinpokal schüttelt mich:3

»Fülle mich auf's neue bis an den Rand!«

wer für mich nicht taugt, dem fluche ich,

wer mir aber passt, der schenke mir ein.


2.


Darauf antwortete der Wein prahlend

und sprach: »Thue nur nicht so gross!

ich bin es, der Kummer verscheucht,

wer unter den Geschöpfen hasst mich?«


3.


Durch mich wird sie gepriesen

und erwirbt Schönheit und Sieg.4

Auf jeder ordentlichen Hochzeit

ernennt man mich zum Haupt und Herrn.


4.


Meine Farbe ist schöner als die der Hyazinthen.

Ich bin derjenige, der Zufriedenheit gewährt!

Wen giebt es, Herrn oder Knecht,

der mich nicht für Silber kaufte!
[309]

5.


Als David, der König und Prophet,

das Herz des lebendigen Gottes,5

sah, dass ich meinesgleichen nicht habe,

verherrlichte er mich6 in seinen Psalmen.7


6.


»Glaube, was ich dir sage,

ich rate dir als Freund;

übersteigst du aber deine Schranken,

dann werde ich dich mit Kot beschmutzen!«8


7.


Der da, der das Herz mit Jubel erfüllt

und unter die Zwieträchtigen Liebe bringt,

der erhebt sich jetzt, der Liebenswerte,

trennt (?) die Zechgenossen und fordert sie (?) zum Trinken auf.9


8.


Die Rosen und Lilien der Steppe,

die Myrthe und der Jasmin des Bergabhanges

entleihen mir ihr Aussehen (?)

und beugen ihr Haupt und neigen sich vor mir.


9.


Ich bin glänzender als das Taubenauge,

schöner als feines Gold

und süsser als Sahne;

»wohl denen, die mich trinken!«
[310]

10.


Da schrie der Krug den Becher an und sprach: »Wer bist du?

Du erlaubst dir zu viel Prahlerei,

in mir siehst du den alten [Wein] bewahrt (?),

du bist mein Diener!«


11.


Da geriet der Becher in Erregung und rief,

er wurde voll Zorn und Ingrimm,

wurde unwirsch und schrie laut:

»Diesen Vorzug habe nur ich.


12.


Ich befinde mich in der Hand des Schenken,

seine Statur versenkt in Schlaf (?), die ihn ansehen;

ich fliesse heraus wie ein Lichtstrom,

Sonne und Mond drehen sich um mich.


13.


Sei nicht Fass, Bauch (?),

schweig still und rede nicht; genug!

Bei Jesu wollen wir unsere Zuflucht nehmen,

er nannte mich Sieger.«


14.


Es hörte ihre Worte der Schlauch,

da schimpfte er auf sie, doch zerknirschten Herzens:

»O Fass und blinkender Becher,

warum schliesset ihr mich von euch aus?«


15.


Da erhob sich der Schankwirt ....,

schimpfte heiteren Herzens

und rief mit wohlklingender Stimme:

»Kommet her, fallet hin und kniet vor mir nieder!


16.


Fass, verstopfe mit Lehm dein Maul!

verstecke in deinem Innern deinen Wein,[311]

nimm dich in acht und gieb die Hoffnung nicht auf,

du bist [von Menschenhand?] geschaffen und kannst vor mir nicht standhalten.«


17.


Als der Becher das hörte, sprach er

zum Schankwirt und erwiderte ihm,

nachdem er sich von ihm weggewandt hatte:

»Führe mich in allen Gerichtssälen herum,


18.


ziehe hinaus auf alle Strassen,

sieh dir die Jünglinge und Mädchen an,

die voller Freude essen und trinken,

gieb ihnen auch mich.


19.


Der Priester, der frühmorgens vor Kälte zittert

und das Morgengebet nicht verrichten kann,

dem schenke am Morgen drei[mal] ein,

das wird von ihm alles Unbehagen vertreiben.


20.


Der Priester, der mich trinkt, der lobt Gott

und bringt seinem Herrn Dankopfer dar,

er singt Psalmen mit dem Munde

und erfreut alle seine Zuhörer.


21.


Wir haben nicht gehört und auch nicht gesehen,

weder im Lucas noch im Johannes,

dass man alten Wein anders trinken darf,

als aus tiefem Becher«.


Ende des Hochzeitsgesanges.

1

Im Texte: »Wieder ein anderes Stück für Zechgelage und Hochzeiten zu .... der Freundesliebe«. Dieses Stück ist ganz besonders schlecht erhalten, und ich habe es nur dem dramatischen Vorspiel zuliebe in die Sammlung aufgenommen.

2

Nun beginnt wohl der angekommene Sänger vorzutragen.

3

Soll das bedeuten: deutete mir durch einen Stoss an?

4

In A »und Pracht«. – Wer die »sie« ist, weiss ich nicht.

5

Vgl. oben p. 157 n. 2.

6

JER. hat die Stelle missverstanden.

7

Ps. 104, 15.

8

Aus diesem Gedichte – vgl. auch Str. 10 – stammen also die Verse SOC. 140, 2 ff.

9

Der letzte Vers ist recht dunkel, und es ist auch nicht klar, auf wen die ganze Strophe sich bezieht. Da in Str. 10 der Krug dem Becher antwortet, sollte man meinen, dass dieser gemeint ist, aber Str. 9 kann sich ja nur auf den Wein beziehen.

Quelle:
Lidzbarski, Mark (Hg.): Geschichten und Lieder aus den neuaramäischen Handschriften. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1896, S. 307-312.
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