2. Eine spaßhafte Geschichte.
2. Eine spaßhafte Geschichte

[48] Es war einmal ein Rajah und eine Ranee, die waren sehr betrübt, weil sie keine Kinder hatten, und der kleine Hund im Schlosse hatte auch keine Jungen. Endlich bekamen der Rajah und die Ranee Kinder, und zufälliger Weise bekam zur selben Zeit der kleine Schooßhund im Schlosse auch Junge. Aber leider waren die beiden Raneekinder zwei kleine Hunde und die beiden kleinen Jungen der Hündin waren zwei kleine, niedliche Mädchen. Dies ärgerte Ihre Majestät sehr, und deßhalb pflegte sie, wenn die Hündin ihr Fressen erhielt, die beiden, kleinen Hunde (ihre Kinder) in das Hundehaus zu legen und die beiden, kleinen Hundemädchen in das Schloß zu tragen. Da ward die arme Hündin sehr traurig und sprach: »Man wird meine beiden, kleinen Kinder nie in Ruhe lassen. Ich muß sie in den Dschungel schleppen, sonst quält man sie noch zu Tode.« So nahm sie eines Nachts die beiden kleinen Mädchen, lief mit ihnen in den Dschungel, machte ihnen dort am Rande eines kleinen Baches in einer hübschen Felsenhöhle eine Wohnung zurecht, und lief jeden Tag in die Stadt um für ihre kleinen Töchter guten Currie und Reis zu holen und[49] wenn sie irgend ein paar hübsche Sachen oder Juwelen fand, die sie in ihrer Schnauze fortschleppen konnte, so nahm sie diese ebenfalls für ihre Kinder mit.

Nun ereignete es sich, daß einige Zeit darauf, als die Hündin eines Tages weggelaufen war, um Essen für ihre Töchter zu holen, zwei junge Prinzen, (ein Rajah und sein Bruder) in den Wald kamen, um in demselben zu jagen. Die jagten den ganzen Tag und fanden nichts. Es war sehr heiß gewesen, und sie waren durstig, deßhalb gingen sie zu einem Baume, welcher auf einer kleinen Anhöhe stand und schickten ihre Begleiter nach allen Richtungen hin aus, um Wasser zu suchen. Aber niemand fand welches. Zuletzt kam einer der Jagdhunde ganz beschmutzt zum Stamm des Baumes, und der Rajah sagte: »Seht, der Hund ist beschmutzt, er muß Wasser gefunden haben, folgt ihm und seht zu, wohin er läuft.« Die Begleiter folgten dem Hunde und sahen ihn zum Bache gehen, welcher vor dem Eingange der Höhle, in der die zwei Kinder waren, vorüberfloß, und die Kinder sahen sie ebenfalls, aber die erschracken sehr und liefen in die Höhle. Die Begleiter kehrten zu ihren Prinzen zurück und sagten: »Wir haben klares, sprudelndes Wasser vor einer Höhle vorbeifließen sehen, und noch mehr als das! In der Höhle sind zwei der schönsten, jungen Damen, die je ein sterbliches Auge erschaute. Sie tragen kostbare, mit Juwelen bedeckte Kleider, aber als sie uns sahen, erschracken sie und liefen fort.« Als die Prinzen das vernahmen, befahlen sie ihren Dienern, sie zu jenem Orte zu führen, und kaum erblickten sie die beiden jungen Mädchen, so verliebten sie sich sterblich in dieselben und fragten sie, ob sie mit ihnen in ihr Reich gehen und ihre Frauen werden wollten. Die Jungfrauen erschracken, ließen sich aber schließlich vom Rajah und seinen Bruder bereden, mit[50] ihnen zu ziehen, und der Rajah heirathete die älteste Schwester und sein Bruder die jüngere. Als die Hündin heimkehrte, war sie betrübt, ihre Kinder nicht mehr zu finden, und zwölf Jahre lang lief das arme Thier viele, viele Meilen weit, aber vergebens. Endlich kam sie eines Tages an den Ort, wo die beiden Prinzessinnen lebten. Nun begab es sich zufälliger Weise, daß die älteste, die Frau des Rajah, aus dem Fenster guckte, und als sie die Hündin die Straße herablaufen sah, sprach sie: »Das muß meine liebe, langverlorene Mutter sein.« Hierauf eilte sie, so schnell sie konnte auf die Straße, nahm die ermüdete Hündin auf den Arm, brachte sie in ihr eigenes Zimmer, machte ihr ein behagliches Bett auf dem Fußboden zurecht, wusch ihr die Pfoten und behandelte sie sehr freundlich. Da sprach die Hündin zu ihr: »Meine Tochter, Du bist gut und liebenswürdig, und es macht mir große Freude Dich wiederzusehen, aber ich kann nicht bei Dir bleiben, ich will erst zu Deiner jüngeren Schwester gehen und dann wieder zurückkommen.« Die Königin antwortete ihr: »Meine theure Mutter, thue das nicht, bleibe heute hier, morgen will ich hinschicken und es meine Schwester wissen lassen, und dann wird sie auch kommen, um Dich zu sehen.« Aber die gute, thörichte Hündin wollte nicht dort bleiben, sondern lief zum Hause ihrer zweiten Tochter. Nun guckte diese gerade aus dem Fenster, sah die Hündin an die Thüre kommen und sprach zu sich: »Das muß meine Mutter sein. Was wird mein Gemahl denken, wenn er erfährt, daß diese unglückliche, häßliche, elend aussehende Hündin meine Mutter ist?« Sie befahl hierauf ihren Dienern sie mit Steinen fortzutreiben. Und sie thaten es. Ein großer Stein traf den Kopf der Hündin, und schwer verwundet lief sie zu ihrer ältesten Tochter zurück. Die Ranee sah sie kommen, eilte auf die Straße, trug sie auf ihren Armen[51] ins Schloß und that alles, was sie vermochte, um sie zu heilen, und dabei sprach sie: »Ach Mutter, liebe Mutter, warum verließest Du jemals mein Haus?« Aber alle der Ranee Bemühungen waren vergebens. Die arme Hündin starb! Da dachte sie, ihr Gemahl möchte böse werden, wenn er einen todten Hund, ein unreines Thier, im Schlosse fände. Deßhalb legte sie den Leichnam in eine kleine Stube, die der Rajah selten betrat, und in der Absicht, ihn später feierlich zu beerdigen, deckte sie einstweilen einen umgestülpten Korb darüber.

Es geschah indessen, daß der Rajah, welcher seine Frau besuchen wollte, zufälliger Weise durch eben diese Stube ging, und weil er über den umgestülpten Korb stolperte, rief er nach einem Lichte, um die Ursache seines Falles zu erkennen. Aber siehe, da lag die lebensgroße, ganz aus Diamanten, Smaragden und kostbaren Steinen zusammengesetzte, in Gold gefaßte Statue eines Hundes. Da rief er seine Frau und sprach: »Woher hast Du den schönen Hund?« Als die Ranee diesen goldenen Hund sah, erschrak sie sehr, und anstatt ihrem Gemahl die Wahrheit zu bekennen, log sie leider und sagte: »O, es ist nur ein Geschenk, welches mir meine Eltern geschickt haben.« Nun hört, in welche Verlegenheiten sie sich durch die Unwahrheit stürzte.

»Nur?« fragte der Rajah, »das ist ja werthvoll genug, um mein ganzes Königreich dafür zu kaufen! Deine Eltern müssen ungemein reiche Leute sein, wenn sie im Stande sind, Dir solch' ein Geschenk, wie dieses, zu schicken. Woher kommt es, daß Du mir nie von ihnen erzähltest? Wo wohnen sie?« Nun mußte die Ranee eine zweite Unwahrheit erdenken, um die erste zu verdecken. Sie sprach daher: »Im Dschungel.« Er erwiderte: »Ich will hin, um sie kennen zu lernen. Du mußt mich hinführen und mir zeigen, wo sie wohnen.« Da dachte die Ranee, »was wird der Rajah sagen, wenn er[52] erfährt, was ich ihm für Geschichten weis machte. Er wird befehlen, daß man mich enthaupte.« Darauf sprach sie: »Gieb mir erst eine Sänfte, ich will in den Dschungel und Dich anmelden.« Aber in Wahrheit hatte sie die Absicht, sich selbst zu tödten, um all diesen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen. –

Fort ging sie, und als sie in ihrer Sänfte eine Strecke Weges zurückgelegt hatte, sah sie ein großes weißes Ameisennest, über welchem ein Cobra mit weitgeöffnetem Rachen hing. Da dachte die Ranee: »Ich will zu diesem Cobra gehen und meinen Finger in seinen Rachen stecken, damit ich durch seinen Biß sterbe.« Darauf befahl sie den Sänftenträgern, zu warten, und sagte ihnen, sie werde nach einem Weilchen wiederkommen. Sie stieg aus, ging zu dem Ameisenneste und steckte den Finger in den Cobrarachen. Nun war eine kurze Zeit vorher ein Dorn in die Kehle des Cobra gerathen; der that ihm weh, und als die Ranee ihren Finger in seinen Rachen steckte, fiel der Dorn heraus, worauf der Cobra, welcher eine sehr große Erleichterung spürte, sich zu ihr wandte und sagte: »Meine liebe Tochter, Du hast mir eine große Gefälligkeit erwiesen, womit kann ich Dir dieselbe vergelten?« Die Ranee erzählte ihm ihre ganze Geschichte und bat ihn, sie zu beißen, damit sie sterben möge. Aber der Cobra erwiderte: »Es war allerdings sehr unrecht von Dir, dem Rajah eine solche Geschichte vorzuerzählen, aber dessen ungeachtet, Du warst freundlich gegen mich, und deßhalb will ich Dir in dieser Noth beistehen. Schicke nur Deinen Gemahl hierher. Ich will Dich mit einem Vater und einer Mutter versorgen, deren Du Dich nicht zu schämen brauchst.« Die Ranee kehrte hierauf voller Freude in ihren Palast zurück und lud ihren Gemahl ein, ihre Eltern zu besuchen.

Welch' ein prachtvoller Anblick wartete ihrer, als sie die Stelle erreichten, wo der Cobra war! Dort an dem Platze,[53] an dem ehemals der dichte Dschungel gestanden hatte, erhob sich ein herrlicher Palast vier und zwanzig Meilen lang und vier und zwanzig Meilen breit, umgeben von Gärten, Bäumen und Springbrunnen und das Licht, das von ihm ausging, strahlte wohl hundert Meilen weit. Hunderte von Dienern, in reichen Livreen, standen wartend in den langen, luftigen Sälen, und in dem allerletzten Saale saßen auf goldenen Thronen ein prächtiger, alter Rajah und eine Ranee, die sich dem jungen Rajah als sein Schwiegervater und seine Schwiegermutter vorstellten. Der Rajah und die Ranee blieben sechs Monate im Palaste und wurden die ganze Zeit hindurch mit Festlichkeiten und Musik unterhalten. Dann reisten sie, mit Geschenken beladen, wieder ab. Ehe sie aufbrachen, ging die Ranee zu ihrem Freunde dem Cobra und sprach: »Du hast alle diese Herrlichkeiten heraufbeschworen, um mich aus Unannehmlichkeiten zu erretten, aber mein Gemahl, der König, hat an diesem Besuche eine solche Freude gehabt, daß er sicher wieder zu kommen wünschen wird. Wenn er dann zurückkommt und nichts findet, wird er sicher sehr böse auf mich werden.« Der freundliche Cobra entgegnete: »Fürchte nichts. Hast Du vier und zwanzig Meilen auf Deiner Reise zurückgelegt, so sieh Dich um und achte auf das, was Du dann erblicken wirst.« Danach brachen sie auf, und als sie sich am Ende der vier und zwanzig Meilen umschauten, sahen sie den ganzen, prachtvollen Palast in lichten, bis zum Himmel auflodernden Flammen stehen. Der Rajah kehrte sofort um, in der Hoffnung, noch irgend Jemand retten oder aus dieser Trübsal an seinen Hof geleiten zu können, – allein er fand alles niedergebrannt. Nicht ein Stein oder ein lebendes Wesen war übrig geblieben.

Da beklagte er das traurige Schicksal seiner Schwiegereltern.[54]

Als er mit der ganzen Gesellschaft heimkehrte, fragte ihn des Rajahs Bruder: »Woher erhieltest Du diese prachtvollen Geschenke?« Er erwiderte: »Es sind die Gaben meiner Schwiegereltern. Auf diese Nachricht hin, ging des Rajahs Bruder sehr mißvergnügt zu seiner Frau und fragte sie, warum sie nie von ihrem Vater und ihrer Mutter gesprochen, noch ihn zu denselben geführt habe; wodurch auch ihm so reiche Geschenke zu Theil geworden wären, als seinem Bruder.«

Da ging seine Frau zu ihrer Schwester und fragte sie, wie sie es angestellt habe, in den Besitz dieser schönen, neuen Sachen zu gelangen. Aber die Ranee sagte: »Fort mit Dir Du böse Frau. Ich will nicht mit Dir sprechen. Du hast unsre Mutter, die arme Hündin, getödtet.«

Aber nachher erzählte sie ihr doch alles.

Da sagte die Schwester, »ich will auch zum Cobra gehen, damit ich auch Geschenke bekomme.«

Die Königin antwortete: »Das magst Du thun, wenn Du Lust dazu hast.«

Hierauf ließ die Schwester ihre Sänfte kommen und theilte ihrem Manne mit, sie ginge zu ihren Eltern, um dieselben auf einen Besuch von ihm vorzubereiten. Als sie das Ameisennest erreichte, sah sie den Cobra, ging zu ihm und steckte ihm ihren Finger in den Rachen. Der Cobra aber biß sie, daß sie starb.


2. Eine spaßhafte Geschichte
Quelle:
Frere, M[ary]: Märchen aus der indischen Vergangenheit. Hinduistische Erzählungen aus dem Süden von Indien, Jena: Hermann Costenoble, 1874, S. 48-55.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Klopstock, Friedrich Gottlieb

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Von einem Felsgipfel im Teutoburger Wald im Jahre 9 n.Chr. beobachten Barden die entscheidende Schlacht, in der Arminius der Cheruskerfürst das römische Heer vernichtet. Klopstock schrieb dieses - für ihn bezeichnende - vaterländische Weihespiel in den Jahren 1766 und 1767 in Kopenhagen, wo ihm der dänische König eine Pension gewährt hatte.

76 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon