21. Sodewa Bai.
21. Sodewa Bai

[302] Vor langen, langen Jahren lebten einmal ein Rajah und eine Ranee, die hatten nur eine einzige Tochter, doch diese war die schönste Prinzessin der ganzen Welt. Ihr Gesicht war so schön und zart, wie der klare Mondenschimmer und deßhalb nannte man sie Sodewa Bai.1 Nach ihrer Geburt ließen ihre Eltern die Weisen des Königreiches herbeirufen, damit diese ihr Schicksal vorhersagten. Sie prophezeihten ihr, daß sie reicher und glücklicher werden würde, wie die meisten ihres Geschlechtes, und so erfüllte es sich, denn von ihrer frühesten Jugend an war sie gut und liebenswürdig und so oft sie ihre Lippen öffnete, fielen Perlen auf den Boden und wenn sie so dahin wandelte, las man Juwelen zu beiden Seiten ihres Pfades auf, so daß ihr Vater bald reicher wurde, als alle anderen Rajahs. Seine Tochter brauchte ja nur einmal durch das Zimmer zu gehen, so erhielt er Diamanten, die den Werth einer Mitgift ausgemacht haben würden. Außerdem war Sodewa Bai mit einer goldenen Halskette um den Hals geboren, und als ihre Eltern die Astronomen um die[303] Bedeutung derselben befragten, erwiderten diese: »Dies ist kein gewöhnliches Mädchen; die goldene Halskette um ihren Hals enthält die Seele Eurer Tochter. Behütet sie deßhalb mit der äußersten Sorgfalt, denn wird sie ihr abgenommen und von einer anderen Person getragen, so muß sie sterben.« Aus diesem Grunde ließ die Ranee die Halskette sehr sicher um den Hals des Kindes befestigen, und sobald sie alt genug war es zu verstehen, so machte man sie mit dem Werth derselben bekannt und sagte ihr, sie dürfe dieselbe niemals und unter keiner Bedingung ablegen.

Zur Zeit, da meine Geschichte ihren Anfang nimmt, war die Prinzessin vierzehn Jahre alt, allein noch unvermählt. Ihr Vater und ihre Mutter hatten ihr versprochen, daß sie hierin ganz ihrem freien Willen folgen dürfe und obgleich sich bereits manche mächtige Rajahs und Fürsten um ihre Hand beworben hatten, so hatte sie bis jetzt noch immer »nein« gesagt.

Nun erhielt Sodewa Bai zu ihrem Geburtstage von ihrem Vater ein paar prächtige aus Gold und Juwelen gemachte Pantoffeln. Jeder der Pantoffeln war hunderttausend Goldmohurs werth. Sie hatten auf Erden nicht ihres Gleichen. Sodewa Bai bewunderte diese Pantoffeln sehr und trug sie beim Spazierengehen, um ihre zarten Füße vor den harten Steinen zu schützen. Als sie aber eines Tages mit ihren Hofdamen an dem Abhange des Berges, auf dem der Palast erbaut war, spielte und sich Feldblumen pflückte, da glitt ihr Fuß aus, und einer von den goldenen Pantoffeln fiel den jähen, steilen Hügelabhang hinab und rollte über Felsen und Steine tiefer und immer tiefer bis er schließlich in den darunter wachsenden Dschungel sank. Sodewas Begleiterinnen suchten ihn sofort, und der Rajah ließ in der Stadt bekannt machen, daß derjenige, welcher den Pantoffel der Prinzessin zurückbringe, einen großen Lohn erhalten[304] solle. Aber so sehr man auch nach ihm forschte, er war doch weder in der Ferne noch in der Nähe, weder in der Höhe noch in der Tiefe zu finden.

Da traf es sich, daß ein junger Prinz, der älteste Sohn eines die Ebene beherrschenden Rajahs, in eben diesem Dschungel jagte und dort zufällig Sodewa Bai's lang verlorenen, goldenen Pantoffel fand. Es war derselbe aber vom Berge herunter bis in die Mitte des Waldes gerollt. Er nahm ihn mit sich nach Hause, zeigte ihn seiner Mutter und sprach: »Welch ein schöner Fuß muß diesen winzig kleinen Pantoffel getragen haben!« »Ja mein Sohn«, sagte sie, »er hat sicher einer lieblichen Prinzessin angehört. Gleicht sie an Schönheit diesem Pantoffel, so wäre sie eine passende Frau für Dich.« Dann sandte sie Boten aus in alle Städte des Königreiches und ließ nachfragen, wem dieser gefundene Pantoffel zugehöre. Endlich, nachdem mancher Monat verflossen war, brachten Reisende in die Hauptstadt des Rajah die Nachricht, daß in einem weitentfernten, zwischen hohen Bergen gelegenen Lande eine schöne Prinzessin wohne, die habe ihren Pantoffel verloren, und der glückliche Finder desselben erhielte einen großen Lohn vom Rajah. Nach der von ihnen entworfenen Beschreibung war es derselbe Pantoffel, den der Prinz gefunden hatte.

Sprach seine Mutter zu ihm: »Mein Sohn, es unterliegt keinem Zweifel, der von Dir gefundene Pantoffel gehört der Tochter des mächtigen Berg-Rajah an. Nimm ihn, reise zu ihm, und bietet er Dir dann den verheißenen Lohn, so erwidere ihm, Du wollest weder Gold noch Silber haben, sondern einzig und allein die Hand seiner Tochter. Auf diese Weise erhältst Du sie vielleicht zur Frau.«

Der Prinz befolgte den Rath seiner Mutter und erreichte nach einer langen, beschwerlichen Reise den Hof von Sodewa's[305] Vater. Er zeigte diesem den Pantoffel und sprach: »Ich habe den Pantoffel Deiner Tochter gefunden und beanspruche meinen Finderlohn.« »Was verlangst Du?« fragte der Rajah. »Soll ich Dir Pferde geben, oder willst Du lieber Silber und Gold?« »Ich begehre nichts von alledem«, sagte der Prinz. »Ich bin der Sohn eines in der Ebene lebenden Rajahs. Ich fand den Pantoffel beim Jagen im Walde und bin manchen Tag hindurch gereist, um ihn Euch zu bringen. Die einzige Bezahlung, die ich ersehne, ist die Hand Eurer schönen Tochter und wenn es Euch recht ist, so möchte ich Euer Schwiegersohn werden.« Der Rajah entgegnete: »Das ist das einzigste, das ich Euch nicht gewiß versprechen kann. Kann ich doch meine Tochter nicht gegen ihren Willen zu einer Vermählung zwingen! Hierüber hat sie einzig und allein selbst zu entscheiden. Ist sie bereit die Eure zu werden, so ist es auch mir lieb, – doch wie gesagt, sie hat eine freie Wahl.« Der Zufall fügte es, daß Sodewa Bai den Prinzen von ihrem Fenster aus zur Schloßpforte hatte reiten sehen, und als sie den Zweck seiner Reise vernahm, sagte sie: »Ich habe den Prinzen gesehen und bin bereit ihn zu heirathen.«

So wurden sie in großer Pracht und Herrlichkeit vermählt.

Die übrigen Rajahs aber, die ehemaligen Freier der Prinzessin Sodewa Bai, hörten von dieser ihrer Wahl und waren über dieselbe nicht allein erstaunt, sondern auch verstimmt und sprachen: »Warum verliebt sich Sodewa Bai nur gerade in diesen jungen Prinzen? Er ist durchaus nicht auffallend schön und zudem noch sehr arm. Welch eine unvernünftige Heirath ist das!« Aber trotzdem kamen sie doch zur Hochzeit, wurden im Palaste unterhalten und genossen die Hochzeitsfeierlichkeiten, die manchen Tag lang währten.[306]

Nachdem Sodewa Bai und ihr Gemahl daselbst eine Zeit lang verlebt hatten, sagte der letztere eines Tages zu seinem Schwiegervater: »Ich sehne mich nach meinem Volke und möchte daher in mein eigenes Reich zurückkehren, gestatte mir meine Frau mitzunehmen.« Der Rajah sagte: »Sehr gut, ich bin damit einverstanden. Behüte Deine Frau und pflege ihrer wie Deines Augapfels, aber vor allen Dingen erlaube niemandem die goldene Halskette von ihrem Halse zu nehmen, denn dann muß sie sterben.« Der Prinz versprach es und reiste mit Sodewa Bai in das Königreich seines Vaters. Beim Abschiede erhielten sie von dem Rajah der Berge viele Elefanten, Pferde, Kameele und Diener, zudem gab er ihnen zahllose Juwelen, viel Geld, viel kostbaren Schmuck, Kleider und Teppiche. Der alte Rajah und die Ranee der Ebene begrüßten voll Freude ihren Sohn und dessen schöne, junge Frau, und nun würden sie ihr Leben in ununterbrochener Eintracht und Zufriedenheit verlebt haben, wenn sich nicht ein böser Zufall ereignet hätte. Rowjee, so hieß der Prinz, hatte nämlich noch eine Frau, die hatte er, als er noch ein Kind war, lange ehe er Sodewa Bai's goldenen Pantoffel fand, geheirathet. Sie war aus diesem Grunde die vornehmste und erste Ranee, doch er liebte Sodewa Bai mehr, denn die erste Ranee hatte eine unfreundliche, unzufriedene und zur Eifersucht geneigte Gemüthsart. Auch seine Eltern gaben Sodewa Bai vor ihrer anderen Schwiegertochter den Vorzug. Die erste Ranee konnte den Gedanken an eine solche Nebenbuhlerin nicht ertragen, und mehr als alles andere ärgerte es sie, daß man einer anderen als ihr größere Liebe zuwende. Deßhalb beschloß sie in ihrem bösen Herzen Sodewa Bai zu verderben, denn sie haßte sie, obgleich sie sich immer freundlich stellte. Der alte Rajah und die Ranee, die die eifersüchtige und neidische Gemüthsart der ersten Ranee kannten, sahen es[307] nicht gern, wenn Sodewa Bai mit ihr allein war. Da sie aber nur eine unbeschreibliche Furcht ihretwegen empfanden und keinen bestimmten Grund für dieselbe anzugeben vermochten, so konnten sie nichts thun, als alle beide sorgfältig beobachten. Die unschuldige und harmlose Sodewa Bai pflegte ihnen auf ihre Warnungen, doch nicht zu freundschaftlich mit Rowjee Rajah's erster Frau zu verkehren, zu erwidern: »Ich fürchte mich nicht. Ich denke, sie liebt mich ebenso sehr, wie ich sie liebe. Warum sollen wir nicht miteinander umgehen? Sind wir nicht Schwestern?« Da unternahm eines Tages Rowjee Rajah eine Reise nach einem weitentfernten Theile seines Reiches. Es war ihm nicht möglich, Sodewa mit sich zu nehmen; er vertraute sie deßhalb der Aufsicht seiner Eltern an. Auch versprach er baldmöglichst zurückzukehren, inzwischen sollten sie seine Lieblingsfrau bewachen und an jedem Morgen nachsehen, ob sie wohlauf sei, und das gelobten sie ihm auch.

Ihr Gemahl war noch nicht lange fort, da kam die erste Ranee in Sodewa's Zimmer und sprach zu ihr: »Da Rowjee weg ist, fühlen wir uns beide vereinsamt, nun mußt Du oft zu mir kommen, dann besuche ich Dich wieder und wir unterhalten uns dann zusammen und verbringen die Zeit, so gut es gehen will.« Sodewa Bai war hiermit einverstanden, und um die erste Ranee gut zu unterhalten, holte sie all ihren Schmuck und ihre Kostbarkeiten herbei und zeigte ihr diese. Beim Betrachten der Kleinodien sprach die erste Ranee: »Ich bemerke, daß Du immer eine goldene Perlenkette um Deinen Hals trägst. Warum thust Du das? Kannst Du einen Grund dafür angegeben, daß Du dieselbe immer umhast?« »O ja«, erwiderte Sodewa Bai unüberlegter Weise, »ich bin mit dieser Perlenkette geboren, und weise Männer sagten meinem Vater und meiner Mutter, in derselben liege meine Seele. Sobald[308] irgend ein anderer Mensch sie trüge, müßte ich sterben. Deßhalb lege ich sie nie ab, auch nicht ein einziges Mal.« Die erste Ranee war über diese Nachricht, hocherfreut. Die Perlen selbst zu stehlen wagte sie aber nicht, aus Sorge man möge sie ertappen; auch scheute sie sich, mit eigener Hand ein Verbrechen auszuführen. Deßhalb begab sie sich wieder in ihr Haus, rief ihre vertrauteste Dienerin, eine alte Negerfrau, die ihr aufrichtig ergeben war und sprach zu ihr: »Gehe diesen Abend zu Sodewa Bai's Zimmer und nimm ihr, sobald sie fest schläft, die goldene Perlenschnur von ihrem Halse fort, und dann komme wieder zu mir. Jene Perlen enthalten ihre Seele, wenn Du sie umbindest, so entflieht ihr Leben.« Die Negerin zeigte sich bereitwillig, denn sie wußte schon seit langem, wie sehr ihre Herrin Sodewa Bai haßte, und daher wünschte auch sie ihren Tod sehnlichst. – Deßhalb schlich sie sich ganz heimlich in das Zimmer der schlafenden Ranee, raubte ihr die goldene Halskette, band dieselbe um ihren eigenen Hals und machte sich dann wieder aus dem Staube, ohne daß sie von Jemandem bemerkt worden war. Sobald sich die Negerin die Halskette umhing, entfloh Sodewa Bai's Geist.

Am folgenden Morgen begaben sich der alte Rajah und die Ranee wie gewöhnlich zu dem Zimmer ihrer Schwiegertochter und klopften an die Thüre. Doch erfolgte keine Antwort. Sie pochten wieder und wieder; aber nichts regte sich. Dann gingen sie hinein und fanden sie dort auf dem Bette liegen. – Sie war wie Marmor so kalt und völlig todt, und doch war sie am vergangenen Tage noch ganz wohl gewesen. Sie fragten die Diener, die draußen vor der Thür Wache gehalten hatten, ob sie in der Nacht krank geworden sei, oder ob sich jemand in ihr Zimmer geschlichen habe. Doch die erklärten, keinen Laut vernommen zu haben und betheuerten fest, es sei niemand da[309] gewesen. Vergebens ließen der Rajah und die Ranee die erfahrensten Aerzte des Königreiches kommen; um zu sehen, ob denn kein Lebensfunke zurückgeblieben sei, aber alle sagten, die junge Ranee sei todt und nicht mehr in dem Bereiche ihrer Hülfe.

Da waren der Rajah und die Ranee sehr traurig und grämten sich sehr, und da sie wünschten, daß Rowjee Rajah bei seiner Rückkehr seine Frau noch einmal sehen möchte, so begruben sie dieselbe nicht in der Erde, sondern brachten sie in ein schönes Grabgewölbe in der Nähe eines kleinen Teiches, legten den Leichnam in ein Himmelbett und gingen täglich zu ihr und betrachteten sie. Da geschah ein Wunder, wie man es noch nie im ganzen Lande erlebt hatte. Sodewa's Körper verweste nicht, ja selbst die Farben ihrer Wangen erhielten sich frisch, und einen Monat später, als ihr Gemahl heimkehrte, sah sie noch so schön und anmuthig aus, wie in der Nacht vor ihrem Tode. Haut und Lippen waren rosig angehaucht. Sie schien nur zu schlafen. Als der arme Rowjee Rajah von ihrem Hinscheiden hörte, brach er vor Schmerz zusammen, und man meinte, er werde ihr bald folgen. Er fluchte dem bösen Geschick, das ihm versagt hatte ihre letzten Abschiedsworte zu vernehmen. O, hätte er ihr doch noch einmal die Hand drücken können, wenn er sie nicht zu retten vermocht hätte! Und er saß von Morgen an bis zum Abend in ihrem Grabgewölbe, erfüllte die Luft mit seinen leidenschaftlichen Klagen und blickte durch das Gitterwerk auf die ruhige, stille Gestalt, die dort unter dem Thronhimmel ruhte. Ehe er Abends fortging sagte er: »Ich will noch einen letzten Blick auf dieses schöne Angesicht werfen. Wer weiß es, ob der unerbittliche Tod nicht morgen schon sein Siegel darauf gedrückt hat. O, Deine Anmuth ist zu strahlend für diese Erde! O mein verlorenes, ewig verlorenes Weib!«[310]

Der Rajah und die Ranee befürchteten, auch er werde sterben oder irre werden. Sie versuchten deßhalb, ihn zu überreden, daß er nicht mehr das Grab besuche, aber vergebens. Es war das einzigste, an dem er noch hienieden Freude hatte.

Die Negerin jedoch, die Sodewa's Halskette gestohlen, trug dieselbe den ganzen Tag hindurch, aber spät in der Nacht, wenn sie zu Bette ging, that sie dieselbe ab und legte sie bis zum nächsten Morgen neben sich. Sobald sie den Schmuck abnahm, kehrte auch Sodewa's Geist in ihren Körper zurück, und sie lebte nun bis zur Morgendämmerung. Band die Negerin die Halskette wieder um, so starb sie abermals. Da sich das Grabmal nicht in der Nähe irgend einer Behausung befand, und der alte Rajah, die Ranee und Rowjee Rajah sich nur am Tage daselbst aufhielten, entdeckte dies niemand. Als Sodewa Bai zum ersten Male auf diese Weise ins Leben zurückkam, erschrak sie heftig, sich allein und im Dunkeln zu finden. Sie glaubte, sie sei in einem Gefängnisse, doch allmählig beruhigte sie sich und beschloß den Morgen zu erwarten, dann den Weg in den Palast aufzusuchen, um die Halskette, die sie, wie sie bemerkte, verloren hatte, zu finden. Es wäre gefährlich gewesen, zur Nachtzeit durch den Dschungel zu gehen, der das Grabmal umgab. Sie hörte hier die wilden Thiere in demselben ganz schrecklich brüllen. – Doch es ward nie Morgen für sie. Sobald die Negerin erwachte, legte sie auch die Halskette um ihren Hals, und dann starb Sodewa Bai. Bei ihrem nächtlichen Erwachen pflegte die Ranee zum nahen Teiche zu gehen, um etwas frisches Wasser zu trinken und dann zurückzukehren. Nahrung hatte sie nicht. Perlen fielen auch nicht mehr aus ihrem Munde, wenn sie sprach. War doch Niemand da, zu dem sie hätte reden können. Aber wandelte sie ihres Weges dahin, so fielen ihr zur Seite Juwelen auf den Pfad, und die bemerkte[311] eines Tages der Rajah, als er das Grab besuchte. Da dachte er in seinem Sinne, das sei höchst seltsam. Gleichwohl glaubte er nicht, daß seine Frau wieder erwachen und leben könne. Doch beschloß er alles zu beobachten, um zu sehen, was das zu bedeuten habe. Allein all sein Forschen war vergebens, er konnte sich dies Ereigniß doch nicht erklären, denn Sodewa Bai lag den ganzen Tag über todt und unbeweglich und lebte nur zur Nachtzeit. Zwei Monate nach ihrer Beerdigung bekam sie in der Nacht nach eben dem Tage, den Rowjee Rajah dort spähend und beobachtend verbracht hatte, einen kleinen Sohn; aber unmittelbar nach seiner Geburt, brach der Tag an und die Mutter starb wieder. Das arme, kleine, einsame Kind fing an zu schreien, doch es war Niemand in der Nähe, der es hätte hören können. Zufälligerweise besuchte der Rajah den ganzen Tag über das Grab nicht, denn er dachte: »Ich habe gestern vergebens das Grabmal beobachtet, ich will lieber anstatt heute am Tage, einmal zur Nachtzeit hingehen. Vielleicht entdecke ich dann, auf welche Weise die Juwelen dahin kamen.« Nach dem Anbruche der Nacht kam er zu dem Gebäude. Da hörte er drinnen im Grabmal einen schwachen Schrei, wußte aber nicht, woher derselbe rühre. Es konnte ja möglicherweise eine Peri oder ein böser Geist sein. Als er noch staunend dastand, öffnete sich die Thüre, und Sodewa ging quer über den Vorhof zum Teiche. Das Kind aber hielt sie in ihren Armen. Als sie so dahin wandelte, fielen ihr zu beiden Seiten Juwelen auf den Pfad. Rowje Rajah wähnte zu träumen. Die Ranee trank jedoch aus dem Teiche und ging dann wieder zum Grabmal. Da sprang er auf und folgte ihr eiligst. Sodewa Bai hörte die Fußtritte hinter sich, erschrak heftig, lief in das Gebäude und verschloß die Thür. Der Rajah klopfte an und sprach: »Laß mich herein, laß mich herein.« Sie antwortete:[312] »Wer bist Du? Bist Du ein Rakshas, oder ein Geist?« Dachte sie doch: »Vielleicht ist es irgend ein böses Wesen, das mich oder mein Kind tödten will.« »Nein, nein«, rief der Rajah, »ich bin kein Rakshas, sondern Dein Mann. Laß mich hinein, Sodewa, wenn Du wirklich lebst.« Kaum hatte er seinen Namen ausgesprochen, da erkannte Sodewa auch den Ton seiner Stimme, schob den Riegel zurück und ließ ihn herein. Als er sie hier im Grabe mit ihrem Kinde auf dem Schooß sitzen sah, sank er vor ihr auf die Kniee und sprach: »Meine kleine, liebe Frau, sage mir ist das alles nur ein Traum?« »Nein«, entgegnete sie, »ich lebe wirklich noch, und dies unser Kind ist in vergangener Nacht geboren, aber des Tages über bin ich todt, denn irgend Jemand hat mir meine goldene Halskette gestohlen.«

Da sah Rowjee Rajah zum ersten Male, daß die Perlen um ihren Hals fehlten. Er bat sie daher, sich nicht zu fürchten, er werde die Kette sicher finden und dann zu ihr zurückkehren. Eilig ging er in das Schloß und ließ in früher Morgenstunde alles Schloßgesinde vor sich kommen.

Er entdeckte um den Hals der Negerin, die bei der ersten Ranee diente, Sodewa Bai's vermißte Halskette, nahm sie ihr ab und ließ die Frau durch seine Wachen ins Gefängniß führen. Die in Furcht gesetzte Negerin gestand, daß alles, was sie verübt habe, auf Anstiften der ersten Ranee geschehen sei, und daß sie auch auf deren Befehl die Halskette gestohlen habe. Als der Rajah das vernahm, befahl er die erste Ranee ebenfalls einzukerkern, und dann ging er mit seinen Eltern zum Grabmal, legte die verlorenen Perlen um Sodewa's Hals und führte sie mit sammt ihrem Kinde in den Palast zurück.

Die Nachricht von der Wiederbelebung der jungen Ranee rief große Freude im ganzen Lande hervor, und manchen Tag[313] lang wurden zu Ehren dieses frohen Ereignisses große Feierlichkeiten veranstaltet. Den Rest ihres Lebens aber verbrachten der alte Rajah, die Ranee, Rowjee Rajah, Sodewa Bai und ihre ganze Familie in Gesundheit und Glück.


21. Sodewa Bai
1

Oder die Dame des guten Glückes.

Quelle:
Frere, M[ary]: Märchen aus der indischen Vergangenheit. Hinduistische Erzählungen aus dem Süden von Indien, Jena: Hermann Costenoble, 1874, S. 302-314.
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