Kunstmärchen

[403] 93. Der herzlose Gatte. Nach Gin Gu Ki Guan (gekürzt).

»einheiraten.« Für gewöhnlich zieht die Frau ins Haus der Eltern des Mannes. Nur wenn kein männlicher Erbe da ist, kommt die Abmachung vor, daß der Schwiegersohn die Familie der Eltern seiner Frau fortsetzt und in deren Hause lebt. Die Sitte ist in Japan noch heute sehr verbreitet, doch gilt es in China nicht als ehrenvoll, auf diese Weise in eine fremde Familie einzutreten. Bezeichnend ist, daß Mosü zur Strafe dafür, daß er das Einheiraten das erstemal verschmäht hat, noch zum zweitenmal einheiraten muß bei dem Herrn Hü.

Goldblumen auf dem Hut: Die Kleidung, die geschildert wird, ist noch heute die Hochzeitskleidung in China.

»Goldtöchterchen spuckte ihm ins Gesicht«: Trotz ihrer Treue für ihn muß sie nach chinesischer Anschauung ihrem Zorn über seine Untreue Luft machen; erst dadurch kommt der Fall in Ordnung und ist ihr »Gesicht gewahrt«.

94. Die schöne Giauna. Vgl. Liau Dschai.

»nicht in der neumodischen achtteiligen Form«: Ba Gu Wen Dschang, Aufsätze in achtteiliger Disposition, nach strengen Regeln gegliedert, waren bis zur großen Unterrichtsreform als Prüfungsthemata in China[403] üblich. Heute kehrt man allgemein zum Stil der alten Meister, der freien Form, zurück.

»Gefahr des Donners.« Vgl. Einleitung zu Nr. 58.

95. Ying Ning. Vgl. Liau Dschai.

Das Märchen ist in der Stilisierung des verstorbenen Herrn Dr. Harald Gutherz, mit dem diese Sammlung gemeinsam geplant war, wiedergegeben.

96. Die Froschprinzessin. Vgl. Liau Dschai.

»Froschmännchen«: Wa Dsï, der Schimpfname, der den Südchinesen von den Nordchinesen gelegentlich angehängt wird.

97. Abendrot. Vgl. Liau Dschai.

98. Edelweiß. Vgl. Liau Dschai.

Die Geschichte hat in Liau Dschai noch einen komplizierten Schluß, durch den das Zwischendasein der Liebenden, die von Ort zu Ort verschwinden, noch ausführlicher versinnlicht wird.

99. Das Heimweh. Vgl. Liau Dschai.

Die Geschichte ist trotz der äußerlichen Abweichungen von den buddhistischen Regeln durch und durch buddhistisch. Der Religion der Formen tritt hier die Religion des Herzens gegenüber.

»Nachkommen«: Die Nachkommen haben die Pflicht, die Opfer der Ahnen zu besorgen. Da er selbst durch Krankheit verhindert war, seiner Mutter zu opfern, mußte in Ermangelung der Nachkommenschaft das Opfer unterbleiben.

Ochsenfleisch: Der Genuß dieser Speise gilt als unheilig und ist einem rechten Buddhisten ein Greuel. Das Rind ist ein Tier, das in China als Genosse des Menschen zu heilig ist, um gegessen zu werden.

100. Der Affe Sun Wu Kung. Vgl. Si Yu Gi.

Der Affe ist das Symbol des Herzens. Die Erzählung ist ähnlich wie »Pilgrim's Progress« eine Allegorie. Dennoch sind mythologische und Märchenmotive in Menge aufgenommen. Der Affe selbst erinnert an Hanumant, den Begleiter Ramas.

Herr des Himmels = Yü Huang.

Der steinerne Affe ist das steinerne Herz des natürlichen Menschen. Die Buddhas, die seligen Geister (Siän) und die Götter (Sehen): Die Ideale des Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus.

Asien: Die Kontinente sind die der indischen Mythologie. Im Süden Dschau Bu Dschou = Djambudvîpa, im Osten, wo der Affe geboren wird, Schong Schen Dschou = Purvavidêha, im Norden Gü Lu Dschou = Utarakura, im Westen, wohin der Affe zuletzt kommt, Niu Ho Dschou = Godana. Asien ist in dieser Zusammenstellung Djambudvîpa.

Der Erkennende = Sambodhi.

Sun Wu Kung: Affen heißen auf chinesisch Hu Sun. Das Wort Hu hat schlechte Vorbedeutung, darum wählt der Meister Sun als Geschlechtsname. Das Zeichen wird dabei von seinem tierbezeichnenden Radikal befreit. Wu Kung = der zur Leere (Nirwana) Erwachende. Die verschiedenen Wege: Magie, Weg der Geisterbeschwörung. Wissenschaften: Die drei Religionen sind Konfuzianismus, Buddhismus,[404] Taoismus; dazu kommen als sechs »Schulen« die Yin-Yang-Schule, Mo-Di-Schule, Medizin, Militär, Gesetz, Verschiedenes, so daß im ganzen neun Richtungen herauskommen. Stille ist der Taoismus des Nichthandelns. Tat ist der Taoismus der Körperpflege, wie er durch We Be Yang inauguriert wurde.

»Schlug er ihn dreimal mit dem Stocke«: Auch hier die Zeichensprache, die nur von Eingeweihten verstanden wird.

Der Teufelskönig des Chaos = Sinnlichkeit, daher ist das Wasser sein Element und die Nieren seine Wohnung (die Nieren sind Sitz des Samens).

»in roten Kleidern«: Die Farben haben alle allegorische Bedeutung. Der Tod = Yama.

Der Abendstern ist der Metallstern. Sun Wu Kung repräsentiert ebenfalls das Metall, daher ist der Abendstern sein Fürsprecher. Über Li Dsing und Notscha vgl. Nr. 18.

Über die Königinmutter des Westens vgl. Nr. 15 u.a.

Über Yang Oerlang vgl. Nr. 17.

Guan Yin ist Avalôkitês'vara, in China allgemein als weibliche Gottheit verehrt.

Das Motiv der magischen Flucht kommt in den Märchen der ganzen Welt häufig vor.

Vase: Guan Yin wird häufig mit einer Vase, Bau Ping, dargestellt. Der Ring des Laotse ist das Tao.

Die acht Naturkräfte = Ba Gua.

Buddha: Während Sun Wu Kung allen äußeren Mächten gegenüber gewappnet ist, erliegt er dem Buddha, der nicht kämpft, sondern ihn durch seine Allgegenwart besiegt. Die Lehre ist voll derben Humors verkündigt.

Der Mönch vom Yangtsekiang ist Hüan Dschuang, vgl. Nr. 92.

Der Ring, der enger gemacht werden kann, wenn der Affe nicht folgt, findet sich in Hauffs »der junge Engländer« als Krawatte wieder.[405]

Quelle:
Wilhelm, Richard: Chinesische Volksmärchen.Jena: Eugen Diederich, 1914, S. 403-406.
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