[79] 27. Aschenputtel

Es lebten einmal drei Schwestern, davon waren zwei klug. Die gingen immer miteinander in die Kirche. Das Gesicht wuschen sie sich mit süßer Milch, damit sie frischer und hübscher wären. Die dritte Schwester war dumm, und sie ließen sie in ihrer Dummheit. Als nun die beiden klugen Mädchen einmal wieder in die Kirche wollten, warfen sie ihrer Schwester eine Metze Linsen in die Asche unter dem Herd und sprachen: »Da, lies die Linsen!« Dann gingen sie fort. Unterwegs sahen sie einen alten Mann im Graben liegen, der nicht wieder aufstehen konnte. Er rief sie an: »Kommt, ihr lieben Mädchen, helft mir hier fort!« – »Wir wollen unsere guten Kleider nicht schmutzig machen, wir gehen in die Kirche«, antworteten sie ihm aber und gingen weiter.

Aschenputtel las die Linsen aus der Asche, kleidete sich an und ging hinterher auch in die Kirche. Sie half dem alten Mann aus dem Graben. Dafür schenkte ihr der Greis einen Stab und sagte: »Geh und schlag mit dem Stab auf diesen grauen Stein, so bekommst du ein goldenes Roß und goldene Kleider. Die zieh an und reit in die Kirche!« Da nahm sie das Pferd von dem Stein und ritt in die Kirche. Und der Königssohn sah sie und sprach: »Wo kommt denn das schöne Mädchen her? Ei, wenn ich das zur Braut hätte!« Alles Volk lief ihr nach unter die Menge. Der Königssohn wollte sie zur Braut, aber sie eilte aus der Kirche, schlug an den Stein und legte Pferd und Kleider wieder ab. Dann ging sie nach Hause und kroch wieder hinter den Herd. Die Schwestern kamen aus der Kirche und sagten: »Heute haben wir ein Mädchen in goldenen Kleidern gesehen, das saß auf einem[79] goldenen Rosse.« Da sprach die dumme Schwester: »Ich habe es auch gesehn.« – »Wo hast du es denn gesehn?« fragten die andern. »Ich bin auf das Badestubendach gestiegen, von dort habe ich es gesehn.« Da stiegen die Schwestern auch auf das Dach, um zu wissen, ob man von dort überhaupt etwas sehen konnte, aber sie sahen nicht einmal über das nächste Gehöft hinaus.

Nun kam der zweite Sonntag, und die Mädchen gingen wieder in die Kirche und ließen die dumme Schwester zu Hause beim Ofen. Sie mußte wieder Linsen aus der Asche lesen, und als sie damit fertig war, ging sie zu dem Stein, schlug mit dem Stab daran und kleidete sich in die kostbaren Kleider, die sie bekommen hatte. Danach ging sie in die Kirche. Der Königssohn aber hatte vor der Kirche eine stattliche Wache aufgestellt. Wenn das Mädchen käme, so sollte ihm die Wache einen goldenen Reifen um die Stirn legen. Und das Mädchen kam, und die Wache legte ihm einen goldenen Reifen um die Stirn als Erkennungszeichen. Als nun Aschenputtel wieder aus der Kirche heraustrat, schwang sie sich auf ihr Roß, und das Volk jagte hinter dem Mädchen her, um es zu sehen. Und es streute Geld in die Menge. Wieder ging Aschenputtel zum Stein und kam nach Hause. Um den Kopf band sie sich eine Binde, die an beiden Ohren befestigt war, damit die Schwestern den Reifen nicht sähen.

Als die Mädchen nach Hause kamen, fragten sie ihre Schwester: »Was hast du denn da um den Kopf?« – Sie hockte in der Asche und sprach: »Ich stieg auf das Speicherdach, um etwas zu sehen, dabei habe ich mir die Stirn verletzt.«

Nach einiger Zeit kam der Königssohn und suchte in allen Häusern nach dem Mädchen, das einen Goldreifen um die Stirn hatte. Da kam er auch zu dem Hause, wo die drei Schwestern wohnten. ›Vielleicht finde ich dort die schöne Jungfrau.‹ Er ging hinein, da sagten die Schwestern: »Hier ist sie nicht. Wir waren ja selbst in der Kirche und haben sie gesehn.« – »Wer ist denn das Mädchen da beim Ofen?« fragte der Königssohn. »Das ist unser Aschenputtel.« Er winkte Aschenputtel herbei und sprach: »Was hast du denn da um den Kopf, nimm es einmal[80] weg und zeig her!« – Das Mädchen kam, nahm die Binde ab und siehe – da war der Goldreif. Dann lief es flink zum Stein, holte die Kleider und das Roß und kam damit zum Königssohn, und der Königssohn nahm das Aschenbuttel mit sich auf sein Schloß, und es wurde seine Frau.

Quelle:
Löwis of Menar, August von: Finnische und estnische Volksmärchen. Jena: Eugen Diederichs, 1922, S. 79-81.
Lizenz:
Kategorien: