[84] 15. Con und Tadi

Auf einem Berge hauste einmal ein Riese namens Con. Der war so groß, daß seine Füße am Berge hervorguckten. Er schlief immer jahrelang hintereinander. Wenn er aber erwachte, verschlang er Hirten und Herden, die sich am Berge befanden.

Einst hatte er vier Jahre geschlafen. Ein Bauer, namens Tad, glaubte schon, er sei tot und gedachte seine Herde oben auf dem Berge zu weiden. Wie er aber zu Berge ziehen wollte, gewahrte er plötzlich zwei große heruntergefallene Steine und merkte, daß der Riese erwacht war. Glücklicherweise konnte er sich noch mit seinen Schafen und Ziegen in eine kleine Grotte unten am Berge verstecken.

Auch ein fremder Mann, der die Gegend nicht kannte, suchte mit seiner Frau zu entkommen. Doch streckte Con vom Berge die Hand aus und ergriff zuerst den Mann und verschlang ihn. Dann streckte er die Hand abermals aus und erfaßte die Frau, um sie ebenso zu verschlingen. Als er sie aber in die Luft hob, entfiel ihr ein Bündel. Da lief Tad schnell hin und sah, daß es ein Wickelkind war. Rasch rannte er damit auf den Zehenspitzen nach Hause. Es war ein schönes Knäblein, das eine kleine goldene Denkmünze am Halse trug.

Tads Frau erschrak sehr, als ihr Mann ihr den Vorfall erzählte,[84] und bat ihn, sich möglichst weit vom Berge zu entfernen. Aber Tad entgegnete lachend: »Der Riese schnarcht bereits wieder und wird wahrscheinlich jetzt nicht so bald wieder erwachen.« –

Viele Jahre gab nun Con kein Lebenszeichen von sich. Inzwischen war aus dem Knäblein ein kräftiges, schönes Bürschlein geworden. Im Alter von zwölf Jahren machte sich Tadi, wie der Kleine genannt wurde, einmal auf den Weg, um die Wohnung des Riesen aufzusuchen. Er begegnete seinem Pflegevater, der ihn fragte: »Wohin gehst du?« – »Auf den Berg«, antwortete er. Da erzählte ihm Tad, daß dort der Riese hause, der seine Eltern aufgefressen habe. »Gerade deshalb will ich zu ihm, mich zu rächen«, antwortete der mutige Knabe. Aber der Pflegevater nahm ihn wieder mit nach Hause, von wo er jedoch nach einigen Tagen abermals fortlief.

Während er am Berge hinaufkletterte, stürzte ein junger Adler, der aus dem Neste gefallen war, ihm vor die Füße. Der Knabe hob ihn auf, untersuchte ihn sorgfältig und fand, daß er nur ganz leicht verletzt war. Plötzlich aber vernahm Tadi ein Rauschen von riesigen Flügeln. Und wie er emporblickte, sah er einen mächtigen Adler, der drohend über ihm schwebte. Furchtlos hielt er das Adlerkind, das er behutsam in den Armen trug, hoch empor, um zu zeigen, daß er ihm nichts zuleide tun wolle. Der Adler ergriff zärtlich sein Söhnlein, dankte Tadi und sprach: »Ich bin der König des Adlervolkes. Wenn du dir je etwas wünschest, sage mir's, und ich werde dich erhören.« – »Ich hätte gern,« erwiderte Tadi entschlossen, »ein Paar Flügel wie du, um fliegen zu können, wohin ich will.« – »Mit Vergnügen!« antwortete der Adler. »Aber darf ich wissen, warum du dir solch ein Flügelpaar wünschest?« – »Weil ich den Riesen Con sehen möchte, der in der Berggrotte schläft.« – »Gut,[85] ich schenke dir die Flügel; aber du darfst niemand etwas davon sagen, und niemand außer dir soll sie sehen! Und wenn ich dir noch einen guten Rat geben darf, wecke ja den Riesen nicht auf! Laß ihn in Ruhe! Er wird noch sieben Jahre lang schlafen.« – Dann befestigte er dem Knaben ein Paar Flügel auf dem Rücken, die gerade für ihn gemacht zu sein schienen.

Im Augenblick schwang er sich zum Gipfel empor und schaute den Riesen, der bewegungslos dalag und schnarchte. Er war aber so häßlich, daß Tadi vor Schreck aus der Höhe herabgestürzt wäre, hätte ihn der Adler nicht rasch noch gehalten. »Ängstige dich nicht!« sagte der König. »Wenn du auf meinen Rat hörst, gelingt es dir leicht, den Riesen zu überwinden.« »Was soll ich tun?« fragte Tadi. »Kehre in sieben Jahren wieder hierher zurück! Con wird erwachen und versuchen, dich zu verschlingen. Fürchte dich aber nicht und erschrick nicht, wenn er anfängt zu brüllen! Ich werde dir beistehen. Deine Flügel werden dich tragen, ihm zu entfliehen. Verlange aber dann von ihm, dir zu sagen, wie du zur Insel Occidentali gelangst, um die schöne Prinzessin, die junge Königin der Insel, zu heiraten! Dann wirst du sehen, was weiter geschieht.«

Nachdem nun Tadi diese Ratschläge des Adlers vernommen hatte, stieg er vom Berge herab und gelangte wieder nach Hause, erzählte jedoch nichts von dem erlebten Abenteuer.

Nach sieben Jahren kehrte er zum Berge zurück. Der Riese war schon erwacht und brüllte: »Hollah! Ochsen und Schafe zum Frühstück! Oho! Hübsche fette Menschlein am Bratspieß! Oho! Oho! Komm her, kleiner Tadi, du sollst mir schmecken!«

Als er ihn aber fast schon in der Hand hielt, entschwebte ihm der Jüngling, von seinen unsichtbaren Schwingen getragen, und rief lachend: »Nichts da, alter Vielfraß! Schaff' dir erst Flügel an, wenn du mich haben willst! Sage mir lieber, wie ich zur[86] Insel Occidentali gelange, um die schöne Prinzessin, die junge Königin der Insel, zu heiraten!«

»Das schlag' dir nur aus dem Sinn! Die ist so hochmütig, daß sie nicht einmal mich will.«

»Wenn du mir beistehst, sie zu gewinnen,« erwiderte Tadi, »will ich dir den Raub meiner Eltern verzeihen, die du verschlungen!«

»Tröste dich, Freundchen, das waren selbst nur elende Räuber, die dich deinen Eltern entführt hatten.«

»Und meine Eltern? Wer waren sie? Und wo lebten sie?«

»Auf der Insel Occidentali, die sie beherrschten. Jetzt aber schlage ich dir vor, wir machen einen Wettlauf bis ans Ende der Welt, und der Sieger erhält die Prinzessin.«

Tadi ging darauf ein und eilte voraus. Con folgte ihm mit seinen langen Beinen, vermochte aber doch nicht, ihn einzuholen. Als sie das Ufer des Meeres erreichten, sprang Con in die Flut, um sie wie ein Bächlein zu durchwaten. Bald aber verlor er den Grund unter den Füßen, und da er nicht schwimmen konnte und schon unterzusinken begann, schrie er um Hilfe: Tadi, der sich halb tot lachte, flog herbei und sprach: »Siehst du, mein Bester, wie weit du mit deinen Riesenbeinen kommst? Wenn du mir sagst, wie ich zur Prinzessin gelange, will ich dir helfen!«

»Herzlich gern!« gurgelte der Riese. – »König Adler, ein Schiff!« rief Tadi. Und alsobald erschien ein prächtiges Fahrzeug und brachte den triefenden Con wieder ans Land, wo er froh war, vom verunglückten Wettlauf in seine Grotte zurückkehren zu dürfen. Vor Tadi hatte er jetzt gewaltige Achtung. –

Der kühne Jüngling aber, der nun seinen Weg wußte, fuhr mit dem Schiffe weiter nach der Insel Occidentali. Kaum erblickte[87] er dort die schöne Prinzessin, so liebte er sie auch innigst und hielt um ihre Hand an.

Sie antwortete ausweichend: »Ich darf mich nur dem Sohne meines Oheims, der vor mir auf unserer Insel regierte, vermählen. Sein Sohn wurde, als er noch ein Wickelkind war, von Räubern entführt. Und aus Gram darüber starb der Oheim und überließ mir den Thron, drohte mir aber alles mögliche Unheil an, wenn ich einen anderen als seinen Sohn heiratete, ohne zu wissen, ob dieser noch lebe.«

Da fragte Tadi: »Woran erkennt man den Prinzen?« – »Er trägt«, entgegnete sie, »am Halse ein goldenes Kettlein mit einer halben goldenen Denkmünze, deren andere Hälfte ich am Halse trage.« – Tadi erbat sich die Münze und erzählte, daß er ein gleiches Stück besitze, das er am Halse hatte, als sein Pflegevater ihn einst als Wickelkind aufhob. Er legte jetzt beide Stücke nebeneinander, wobei man deutlich erkannte, daß beide ursprünglich zusammengehört hatten, und daß Tadi mithin der geraubte Königsohn war, dem die Prinzessin nun freudig ihre Hand reichte. Und sie lebten viele, viele Jahre zufrieden und glücklich. –

Quelle:
Zschalig, Heinrich: Die Märcheninsel. Märchen, Legenden und andere Volksdichtungen von Capri. Dresden: Verlag Deutsche Buchwerkstätten, 1925, S. 84-88.
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