Sagen und Kurbad.
1.

[21] Es war einmal ein Wirt,1 der alles hatte, was das Leben angenehm macht, nur keine Kinder. Er selbst grämte sich deswegen nicht sonderlich, um so trauriger aber war sein Weib. Und als nun gar der Mann eines Tages krank wurde und starb, war des Klagens und Weinens kein Ende, denn nun hatte die Wirtin nichts Liebes mehr auf der Welt. Da hörte sie eines Tages von einem armen mit neun Kindern gesegneten Tagelöhner in der Stadt, welcher eines derselben fortgeben wollte. Sie ließ sogleich anschirren und fuhr zur Stadt, kam aber leider zu spät, denn das Kind hatte schon einen Abnehmer gefunden. In stummem Brüten kehrte die[21] arme Frau nach Hause zurück. Kurz vor ihrem Hof mußte das Wägelchen über einen Bach fahren; da lag ein großer Fisch am Ufer auf dem Sande und zappelte gar kläglich. Der Kutscher, ein junger Bursche, sprang schnell vom Bock und versuchte des Fisches habhaft zu werden, der aber sprach mit Menschenstimme: »Die Wirtin selbst soll mich fangen!« – und sprang ins Wasser zurück. Gesagt, gethan. Die Wirtin stieg aus dem Wagen und der Fisch schnellte wieder ans Ufer hinaus.

»Höre mich an, Wirtin!« – sagte das Wundertier. – »Ergreife mich, schlachte mich und bereite aus mir ein Gericht. Doch merke wohl, nur du allein darfst davon essen! Dann wird dir die Laima einen Sohn schenken.«

Wer war froher als die Wirtin! Sie that, wie der Fisch geraten hatte, und sagte der Magd streng an, von dem Gerichte nicht zu kosten, auch alle Abfälle sorgfältig zu vernichten. Aber wie die Mägde schon sind, wenn niemand ihnen auf die Finger sieht – weder dem einen noch dem andern Befehle ward gehorcht. »Warum soll ich nicht auch diesmal, wie sonst immer, die Speise erst schmecken, es könnte ja zu wenig Salz dabei sein – dachte die Magd und schmeckte lustig darauf los.«

Die Eingeweide und Abfälle aber warf sie sorglos auf den Müllhaufen hinaus. Als die Pferde abends von der Arbeit heimgetrieben wurden, kam eine Stute daran vorüber und verschlang, ohne daß es jemand bemerkte, mit Gier die Fischabfälle. Und nun geschahen drei Wunder zugleich: Wirtin, Magd und Stute gebaren in ein und derselben Nacht je einen Sohn. Der Sohn der Stute aber wurde Kurbad genannt. Sie wuchsen zusammen auf und wurden gesunde, kräftige Knaben. Kurbad aber galt für den stärksten und kühnsten von ihnen. Seine Lieblingsspeise waren Nußkerne, sein Lieblingstrank Stutenmilch und sein Lieblingslager der breite, nicht hohe Ofen. Fünf Jahre alt kehrte er, im Walde herumstreifend, den kleinen Bäumen nicht mehr den Weg,[22] im sechsten Jahre war ihm kein Baum zu hoch und mit sieben fürchtete er weder Wölfe noch Bären. So wuchs er allmählich zu einem Recken auf, dem keine, auch die schwerste, häusliche Arbeit zu schwer war. Geschwitzt hatte er dabei noch niemals und seine größte Sehnsucht war, ein Werk zu verrichten, bei welchem er schwitzen müßte.


2.

Eines Tages forderte Kurbad seine beiden Halbbrüder auf, mit ihm zusammen das neue Haus zu reinigen. Damit hatte es aber folgende Bewandtnis. Kurz vor seinem Tode hatte der Wirt ein neues Wohnhaus errichtet, daß jedoch unbenutzt bleiben mußte, weil böse Geister in demselben ihren Sitz aufgeschlagen hatten. Alle Versuche, sie auszutreiben, hatten nichts genützt und niemand wagte sich mehr hinein. Daher weigerten sich auch die Brüder, dem Recken beizustehen. Der aber sprach: »Nun ja, die, welche gekocht und gebraten verspeist worden sind, können nicht so klug sein, wie der in rohem Zustande Verschlungene.« Da faßten sich die Halbbrüder ein Herz und folgten Kurbad in das verhexte Haus. Hier hörte dieser die Holzwürmer und Käfer in der Wand also reden: »Hei, wie dieser Held, gleich Spreu im Winde zerstieben wird, sobald unser dreiköpfiger Herr die Brücke überschritten hat.« Die Halbbrüder aber verstanden kein Wort davon. Vor Mitternacht sprach Kurbad zu dem Sohne der Magd: »Du bist der Schwächste von uns, gürte den Säbel um, geh zur Brücke, über welche der dreiköpfige Riese kommen muß, und töte ihn.« Der Bruder aber antwortete: »Was geht das mich an? Möge über die Brücke kommen, wer will!« – »Du hast also Furcht; dann werde ich wohl selbst gehen müssen« – sagte Kurbad. »Über die Brücke darf man den Riesen nicht lassen, sonst wird er unüberwindlich stark. Seht, hier stelle ich ein Gefäß mit Wasser hin, verwandelt sich dasselbe in Milch, so sei's euch ein Zeichen, daß ich siege – wird es aber zu Blut, so ergeht es[23] mir schlecht; dann ruft schnell meine Mutter zu Hilfe! Seid wachsam und schlaft nicht ein!« Nach diesen Worten begab sich Kurbad auf die Brücke. Noch war alles still, nur die Frösche im Wasser, die Wildgänse in der Luft und die Schwalben unter der Brücke unterhielten sich in ihrer Sprache, welche Kurbad sehr wohl verstand. »Kurbad, Kurbad!« klang's aus dem Wasser. – »Jag ihn, jag ihn!« aus der Luft – und »Des mächtigen Riesen drei Köpfe sind alle dahin!« – unter der Brücke hervor. Gleich darauf zeigten sich die Vorboten des Riesen, ein Hund, der kläffend über die Felder rannte und ein Habicht, der kreischend die Luft durchflog. Da nahm Kurbad sein Schwert und sperrte damit die Brücke. Die Erde erbebte unter den Tritten des Riesen, der brüllend herankam: »Kurbad, Bestiensohn, laß mich hinüber!« – »Nein!« – erwiderte Kurbad ruhig. Da kam der Riese näher und schrie: »Nun denn, laß sehen, wer von uns mehr Geld unter der Brücke, die mein Geldbeutel ist, herauszublasen vermag!« Kurbad blies und bedeckte ein Ar Landes mit Silbergeld, der Riese aber nur ein halbes Ar mit Kupfermünzen. Darauf verlangte Kurbad, der letztere solle das Geld für ihn zusammenlesen. Der aber weigerte sich. Da ergriff Kurbad sein Schwert und ging auf den Riesen los. Die Erde bebte, die Brücke krachte, die Schwerter klirrten – und bald lag der Riese, seiner drei Köpfe beraubt, tot am Boden.

Kurbad kehrte, mit Gold beladen, fröhlich nach Hause zurück und erlustigte sich mit seinen Brüdern bis zum nächsten Abend. Dann begaben sich alle drei in das behexte Haus – und wieder redeten die Käfer und Würmer in der Wand: »Wart nur, wart! Den Dreikopf hast du überwunden; wie wird's dir aber mit dem Sechskopf ergehen?«

Vor Mitternacht sprach Kurbad zum Sohne der Wirtin: »Gehe du heute, an der Brücke Wache halten!« – Der aber weigerte sich. Da verspottete Kurbad ihn, stellte, wie in der vorigen Nacht, ein Gefäß mit Wasser hin, ermahnte die Brüder[24] zur Wachsamkeit, nahm sein Schwert und begab sich auf die Brücke. Die Frösche im Wasser quakten: »Kurbad, Kurbad!« – Die Wildgänse in der Luft schrien: »Jag ihn, jag ihn!« – und die Schwalben unter der Brücke zwitscherten: »Des mächtigen Riesen sechs Köpfe sind alle dahin!« Gegen Mitternacht kamen die Boten des Unholdes, ein Hund, der kläffend über die Felder rannte und ein Habicht, der kreischend die Luft durchflog. Die Erde erbebte und das Gebrüll des Riesen schlug an des Recken Ohr: »Kurbad, Bestiensohn, las mich hinüber!« – »Nein« – antwortete Kurbad ruhig. »Dann laß sehen, wer von uns mehr Geld unter der Brücke herausblasen kann!« – Kurbad blies und bedeckte ein Hektar Landes mit Goldgeld, der Riese aber nur ein halbes mit Kupfermünzen; auch weigerte er sich, das Geld für Kurbad zusammenzulesen. Da mußte denn das Schwert entscheiden – und bald lag der Riese, seiner sechs Köpfe beraubt, tot am Boden. Kurbad kehrte mit Geld beladen fröhlich nach Hause zurück und erlustigte sich mit seinen Brüdern bis zum nächsten Abend. Dann begaben sich alle drei in das behexte Haus, wo die Käfer und Würmer in der Wand, in großer Unruhe, also redeten: »Daß du krepiertest! Mit beiden Herren bist du fertig geworden – aber den Neunköpfigen wirst du nicht überwinden!« Nun that Kurbad wie vorher und ging um Mitternacht auf die Brücke. Hier quakten die Frösche wieder ihr »Kurbad! Kurbad!«, die Wildgänse schrieen: »Jag ihn, jag ihn!« und die Schwalben zwitscherten: »Die neun Köpfe des Riesen sind alle dahin!« – Als Boten rannten diesmal neun kläffende Hunde über die Felder und kreischten neun Habichte in der Luft. Dann kam der Riese selbst – und es begann ein schwerer, verzweifelter Kampf. Ein Haupt um das andere fiel, aber an der Stelle eines jeden gefallenen, wuchsen sofort drei neue Köpfe auf. Endlich sagte Kurbad: »Alle Kämpfer ruhen dazwischen aus, laß uns auch ausruhen!« Der Riese war's zufrieden, Kurbad aber dachte nur, wie er die Mutter zu Hilfe rufen könnte.[25] Die Halbbrüder waren natürlich eingeschlafen, ohne sich um das Gefäß mit Wasser zu kümmern. Da zog der Recke eine seiner Pasteln2 aus und warf dieselbe mit solcher Kraft, daß sie gerade ins Fenster der schlafenden Brüder flog; diese erwachten, sahen mit Schrecken, daß das Wasser im Gefäß sich in Blut verwandelt hatte und schickten die Mutter ihrem Sohne zu Hilfe. Nun ging der Kampf erst recht an. Sobald aber Kurbad einen Kopf abgeschlagen hatte, bearbeitete die Stute mit ihren wohlbeschlagenen Hufen die wunden Stellen so, daß es Funken sprühte; dadurch wurde die Wunde ausgebrannt und es konnten keine Köpfe mehr nachwachsen. So ward Kurbad auch mit dem dritten Riesen fertig. Als er sich dann in dem verhexten Hause zum Schlafen niederlegte, hörte er die Käfer und Würmer in der Wand wieder reden: »Der Teufelssohn! Alle unsere Herren hat er gemordet. Aber, warte nur, die Weiber werden sich an dir rächen! Wenn die drei Brüder auf Wanderschaft gehen, wird sich das Weib des Dreiköpfigen in Gestalt eines schönen weichen Bettes am Wege aufstellen; wer das Bett erblickt, der muß sich, ob er will oder nicht, hineinlegen und gehört dann uns. Das Weib des Sechsköpfigen aber wird in Gestalt eitles Bächleins ihren Weg kreuzen und brennenden Durst bei ihnen erzeugen; wer aber von solchem Wasser trinkt – der gehört uns. Des Neunköpfigen Weib endlich wird zur Schlange werden – und wehe dem, der's mit ihr zu thun bekommt!«


3.

Nach einiger Zeit erfaßte den Kurbad eine mächtige Wanderlust, ein heißer Drang nach Abenteuern. Er gab das zusammengeblasene Geld seiner Mutter in Verwahrung und machte sich, in Begleitung seiner Halbbrüder, auf den Weg. Nachdem sie ziemlich weit gegangen, bemerkten sie ein schönes[26] Bett am Wege – und den Sohn der Magd erfaßte eine schier unüberwindliche Schlafsucht; es zog ihn nur so zu dem schönen Bette hin. Kurbad aber hielt ihn mit der linken Hand fest, so daß er sich nicht bewegen konnte, schwang mit der rechten sein Schwert und hieb das Bett mitten entzwei. Da verwandelte sich das Bett in eine Blutlache – und die Schlafsucht schwand. Nachdem sie wieder ein gut Stück Weges zurückgelegt, kamen sie an einen Bach, und der Sohn der Wirtin ward von brennendem Durst ergriffen. Aber Kurbad hielt ihn mit der linken Hand zurück, schwang mit der rechten sein Schwert und schlug mitten in den Bach hinein. Da verwandelte sich derselbe in eine Blutlache und der Durst des Halbbruders schwand.

Nach einer Wanderschaft von drei Tagen kamen die Brüder in eine große fremde Stadt, deren König drei schöne Töchter hatte. Als sich dieselben einmal in der Badestube3 wuschen, wurden sie von einem bösen Geist entführt, worüber am Hofe und im ganzen Lande große Trauer herrschte. Der König aber hatte demjenigen, der ihm die Töchter wiederbrächte, die jüngste derselben zum Weibe und sein ganzes Reich als Mitgift versprochen. Das war eine lockende Aussicht für Kurbad und seine Brüder; aber während die letzteren ins blaue hinein auf die Suche gehen wollten, meinte der Recke: »Man muß die Königstöchter da zu suchen anfangen, wo sie verloren gegangen sind.«

Am Abend nahm der Held eine Keule, ein Schwert, Grütze und einen Kessel und begab sich mit seinen Halbbrüdern in die Badestube, wo er sofort Feuer machte und seine Grütze zu kochen begann. Die Brüder, welche daran kein besonderes Vergnügen fanden, schliefen bald ein. Um Mitternacht knarrte die Thür der Badestube und öffnete sich ein wenig; der böse Geist (Teufel) aber guckte durch den Spalt und sog gierig den Geruch der Grütze ein. Da sprang Kurbad auf,[27] klemmte den Unhold zwischen Thür und Thürrahmen und ließ seine Keule lustig auf den Rücken desselben niedersausen. Vor Schmerz winselnd und keine Rettung sehend, begann der Böse sich aufs Bitten zu legen und versprach seinem Peiniger eine Flöte zu schenken, deren Ertönen zehn zu allen Diensten bereite Heinzelmännchen herbeirufen würde. Kurbad nahm die Flöte, ohne jedoch mit seiner Keulenarbeit aufzuhören, bis der arme, windelweich geschlagene Teufel ihm sagte: »Geh dort aufs Feld hinaus, an seinem Ende befindet sich ein Sumpf, in dessen Mitte auf einem Hügel ein mächtiger Stein liegt. Wenn du diesen Stein beiseite gewälzt, wirst du einen Schacht finden, durch welchen du in die Unterwelt hinabsteigen kannst; da sind die Königstöchter.«

Diese Rede erfreute den Kurbad – er ließ den Teufel los, weckte die Brüder und begab sich mit ihnen auf die Suche nach dem Sumpf und dem Steine. Bald kamen sie an Ort und Stelle. Kurbad wälzte den Stein mit Leichtigkeit von der Öffnung und starrte in die schauerliche Tiefe hinab. Ja, wie da hinunterkommen? Da fiel ihm die Flöte ein. Er blies und zehn Heinzelmännchen waren sofort zur Stelle. »Schafft mir ein Seil« – sagte der Held – »so lang, daß man sich daran in diese Tiefe hinablassen kann.« Im Nu war der Befehl erfüllt. Der Sohn der Magd wurde zuerst hinabgelassen; aber kaum war er ins Dunkel hinabgetaucht, als er schon aufs kläglichste bat, ihn wieder hinaufzuziehen, so sehr fürchte er sich.

Dasselbe geschah mit dem Sohne der Wirtin. Nun mußte Kurbad selbst daran. Vorher aber ließ er von den Heinzelmännchen ein schönes Haus für seine Brüder bauen, auch Speise und Trank herbeischaffen, damit sie seine Rückkehr in aller Bequemlichkeit erwarten könnten.

In der Unterwelt angelangt, ging Kurbad langsam vorwärts, bis er aufsteigenden Rauch und ein Haus gewahrte. Das war des Teufels Garküche, in welcher drei Köche die Mahlzeit für ihren Herrn bereiteten. Als diese des Fremden[28] ansichtig wurden, schrieen sie: »Wo kommst du her, Unglücklicher? Unser Meister wird dich in Stücke zerreißen.«

»Das wollen wir abwarten« – sagte Kurbad und setzte sich ruhig am Herde nieder. Da baten ihn die Köche und redeten ihm dringend zu, er möge sich doch lieber verstecken, sonst würde des Unholdes Zorn auch sie treffen. Kurbad gab nach und versteckte sich hinter dem Ofen. Mit Schnauben und Stöhnen kam der Böse herein, schnupperte in der Luft herum und sagte: »Was ist hier für ein fremder Geruch?« »Eben flog eine Krähe vorüber« – erwiderten die Köche. Der Unhold beruhigte sich, trat an den Kessel und wollte schmecken, ob die Speise auch Salz genug hätte. Als er sich gerade über den Rand des Kessels beugte, stürzte Kurbad aus seinem Versteck heraus und stieß den Nichtsahnenden in die siedende Brühe hinein. Während er da kochte, ließ sich der Recke von den Köchen erzählen, wo die Königstöchter zu finden wären. Die älteste – hieß es – wohne in einem silbernen Schlosse und gehöre dem Teufel, welchen Kurbad eben getötet, die mittelste in einem goldnen, als Gefangene eines dreiköpfigen Dämons, die jüngste aber in einem diamantenen Schlosse, welches einem sechsköpfigen Unholde gehöre. Kurbad nahm Keule und Schwert und begab sich auf die Suche. Als er in die Nähe des silbernen Schlosses gelangt war, kam ihm ein schönes Mägdlein entgegen und fragte verwundert: »O Jüngling, wie kommst du hierher? Wenn mein Tyrann zurückkehrt, bist du des Todes.«

»Na, na« – meinte Kurbad – »so schlimm wird's wohl nicht sein, zumal dein Tyrann bereits tot ist.«

Darauf erzählte er der Königstochter, wie alles geschehen, ging mit der vor Freude Weinenden ins Schloß, aß, trank und fragte sie über ihre beiden jüngeren Schwestern aus. Sie sagte ihm, was sie wußte, und brachte eine Flasche, welche vom Teufel auf dem Fensterbrett vergessen worden war. Diese Flasche enthielt ein seltenes Zauberwasser. Trank man von einer bestimmten Seite, so gewann man Riesenkraft,[29] trank man aber von der entgegengesetzten, so entschwand auf die Dauer eines Jahres alle Kraft. Kurbad trank und fühlte sich so stark, daß er die ganze Erde hätte forttragen können.

Am andern Morgen begab sich der Held zum goldenen Schlosse und erschlug auch den dreiköpfigen Teufel. So waren bereits zwei Schwestern erlöst und die Reihe an die jüngste gekommen. Als Kurbad das diamantene Schloß betrat, lag der sechsköpfige Unhold im Bette und schnarchte, daß die Wände bebten. Auf einem Fensterbrette aber stand eben solch ein Fläschchen mit Kraft- und Unkraftwasser, wie er im silbernen Schlosse eines gefunden hatte. Schnell drehte Kurbad das Fläschchen um, so daß der Sechskopf, wenn er nicht aufmerksam war, notwendig von der falschen Seite trinken mußte. Dann suchte er die jüngste Königstochter auf, ein wunderschönes Mägdlein, welches ihn beschwor, sich lieber durch die Flucht zu retten, als sich dem furchtbaren Sechskopf in die Krallen zu liefern.

Kurbad lachte und meinte: »Es würde damit wohl noch gute Weile haben.«

Beide begaben sich nun in das Schlafzimmer des Unholdes. Kurbad zog sein Schwert und hieb dem Schlafenden mit einem Schlage drei Köpfe ab; dieser erwachte wutschnaubend, griff nach der Zauberflasche und trank richtig von der falschen Seite. Alle Kraft wich von ihm und sein Gegner hatte gewonnenes Spiel. Nach solch glücklichem Ausgange warf sich die Königstochter weinend und jauchzend in die Arme ihres Erretters. Aber Kurbad wollte nicht säumen, sondern so schnell als möglich wieder auf die Oberwelt gelangen: »Könnte ich doch das Schloß mitnehmen« – sagte er, den diamantenen Prachtbau bewundernd. »Das ist leicht zu machen« – erwiderte die Königstochter. – »Hier ist mein Kranz;4 gehe mit ihm dreimal ums Schloß herum.« Kurbad that also und der ganze große Prachtbau schrumpfte im[30] Handumdrehen zu einem diamantenen Ei zusammen, welches man bequem in die Tasche stecken konnte. Nun gingen die beiden zum goldenen und dann zum silbernen Schlosse zurück, wo die Schwestern bangend und hoffend auf des Helden Rückkehr gewartet hatten. Auch diese beiden Schlösser nahm Kurbad in Gestalt eines goldenen und eines silbernen Eies mit sich.

Schnell erreichten alle den Ausgangsschacht und wurden auf ein gegebenes Zeichen von den oben Wache haltenden Brüdern emporgezogen. Kurbad war der letzte. Als er den Strick ergriff und die Brüder eben zu ziehen anfingen, schoß eine mächtige Schlange aus dem Dunkel auf das Seil zu und biß es mitten durch. Das war die Hexe, das Weib jenes von Kurbad erschlagenen Neunkopfes. Die Schlange verschwand so schnell, wie sie gekommen – er aber blieb in der Unterwelt.


4.

Was nun beginnen? Daß er die Zauberflöte besaß, hatte er vollständig vergessen. Es blieb ihm nichts übrig, er mußte wieder zurückgehen. Nach einiger Zeit sah er ein Haus und vor demselben einen blinden Greis, der auf dem spärlich mit Gras bewachsenen Hofe Vieh weidete, obgleich ganz in der Nähe ein schöner, fetter Weideplatz lag.

»Warum quälst du dich und dein Vieh hier unnütz ab?« – fragte Kurbad – »dort weiter ist ja eine prächtige Wiese.«

»Gewiß« – erwiderte der Greis – »aber die Wiese gehört einem von den Hundeschnauzen5 – der erlaubt es nicht.«

»Wo wohnt denn der Hundskopf? Ist er zu Hause?«

»Augenblicklich nicht, aber das ist einerlei; der ›große Vogel‹ wacht in seiner Abwesenheit.«[31]

»Ist der so streng?«

»Das gerade nicht, aber sein Herr um so mehr. Einst erlaubte mir der Vogel für kurze Zeit auf jenem Platze zu weiden, im Nu aber war der Hundskopf zur Stelle, stach nur die Augen aus und läßt seitdem, Jahr für Jahr, die Jungen des ›großen Vogels‹ durch einen mächtigen Hagel erschlagen. Der Unhold besitzt freilich einen Zaubertrank, durch welchen ich das Augenlicht wiederbekommen könnte – aber wie soll man seiner habhaft werden?«

»Sei ruhig« – sprach Kurbad – »ich werde Euch von dem Schrecklichen befreien, du aber mußt mir dann den Weg zur Oberwelt zeigen. Treibe jetzt dein Vieh gerade auf jene Weide.«

»Wenn du uns befreit haben wirst, wird der ›große Vogel‹ dich aus Dankbarkeit selbst auf die Oberwelt zurücktragen« – meinte der Greis und trieb das Vieh auf die Weide. Sogleich war der Hundskopf zur Stelle. Kurbad faßte ihn an der Schnauze, drückte ihn mit dem Knie zu Boden und ließ seine Keule lustig auf den Rücken des Ungeheuers niedersausen, bis es, windelweich geschlagen, ihm sagte, wo der Zaubertrank zu finden sei. Dann spießte Kurbad den Hundskopf mit dem Schwerte an die Erde fest, so daß er seinen Geist aufgab. Der Held aber holte den Trank, gab dem blinden Greise das Augenlicht wieder und ließ sich von ihm zum Neste des »großen Vogels« führen. Es war gerade der Tag, an welchem der mächtige Hagel zu kommen pflegte; im Neste aber lagen mehrere noch nackte Vogeljunge. Kurbad deckte sie mit seinem eignen Leibe – so daß der brausend und sausend heranziehende Hagel ihnen kein Leid anthun konnte. Da ließ sich der »große Vogel« zur Erde herab und sprach zu Kurbad: »Durch deine Heldenthat wird meine Brut endlich einmal aufwachsen können; welchen Lohn verlangst du dafür?«

»Keinen« – erwiderte Kurbad – »zeige mir nur den Weg zur Oberwelt!«[32]

»Ich will dich selbst hinauftragen – aber der Weg ist weit und führt über ein ödes Meer. Gebe darum und schlachte drei Unterweltstiere, zerstückle dieselben und nimm das Fleisch mit auf die Reise. Sobald du merkst, daß ich ermüde, wirf mir ein Stück Fleisch in den Schnabel.«

Kurland that, wie ihm der Vogel geraten, erschlug drei mächtige Stiere und nahm ihr Fleisch mit. Dann trug ihn der Vogel fort. Neun Tage und neun Nächte dauerte der Flug über das öde Meer; da bemerkte der Held zu seinem Schrecken, daß kein Fleisch mehr vorhanden war; der Vogel aber erlahmte zusehends. Was thun? Kurbad schnitt sich mit dem Schwerte ein Stück Wade von dem linken Bein herunter und warf es dem Vogel in den Schnabel. So erreichten sie endlich das Land. Nun wanderte der Held, wenn auch blutend und hinkend, frohgemut seinem langersehnten Ziele zu. Gegen Abend erreichte er glücklich die Königsstadt, wo er seine Braut, deren Schwestern und die Halbbrüder wiederfand. Die Freude war groß, am Hofe wie im ganzen Lande. Am andern Tage gedachte Kurbad der drei Zaubereier, nahm den Kranz seiner Braut, trug denselben auf einer bestimmten Stelle dreimal im Kreise herum, warf das Diamantenei zur Erde – und siehe da! ein herrliches Diamantschloß erhob sich vor den erstaunten Augen des Königs und seines Volkes. Dasselbe geschah mit den Kränzen der andern Schwestern und mit dem Gold- und Silberei. Sofort standen zwei prächtige Schlösser, eins aus Gold und eins aus Silber, da. Nun ward Hochzeit gefeiert und alle ergaben sich der Lust und Freude.


5.

Wohl hätte Kurbad jetzt am liebsten ruhig und in Frieden gelebt, aber die Schlangenhexe wollte es anders. Sie ließ dem Lande und Volke keine Ruhe, behexte das Vieh, that den Feldern Schaden und raubte sogar Kinder. Da beschloß der junge König sein Reich von den Plagen zu befreien.[33] Er nahm drei Centner Salz und drei Centner Salpeter auf den Rücken und ging, die Schlange zu suchen.

Nachdem er drei Tage gewandert war, kam die Schlange zischend und schnaubend durch die Luft geflogen. Schnell warf Kurbad ihr die drei Centner Salz in den Rachen; von furchtbarem Durst erfaßt, wandte sich das Untier, um denselben im Meere zu löschen. Der Held eilte ihm nach, hatte aber das Meer noch nicht zu sehen bekommen, als die Schlange schon wieder zurückkehrte. Nun warf er ihr die drei Centner Salpeter in den Rachen; wieder wandte sich das Ungeheuer dem Meere zu, von Kurbad in wilder Eile verfolgt. Bald aber kam er ans der Richtung und fand erst nach vielem Suchen das Meer.

Am Strande erblickte er eine Schmiede, wo der Himmelsschmied gerade am Werke war. Dem klagte der Held sein Leid. Der Himmelsschmied versprach ihm ein ehernes Pferd zu machen, auf dem er die Schlangenhexe leicht einholen könnte, nur dürfe er sich während des Rittes kein einziges Mal umsehen. Während sie noch sprachen, kam das Ungetüm zurück und flog gerade über die Schmiede weg; der Himmelsschmied ergriff ein mächtiges Stück glühenden Eisens und warf es ihm in den Rachen – aber nur die Zungenspitze ward davon versengt. Nun schmiedete der Himmelsschied das eherne Pferd zurecht. Kurbad bestieg dasselbe und – fort ging's in schmetterndem, wetterndem Fluge durch die Luft. Bald hatte er die Schlange erreicht und holte eben mit seinem Schwerte zum tödlichen Schlage aus – als ein furchtbarer Donnerschlag und Blitz hinter seinem Rücken ihn alles vergessen ließ; er sah sich um und im selben Augenblick verschwand das Pferd unter ihm. Der Held fiel zur Erde herab, ohne sich jedoch zu beschädigen, die Hexe aber entfloh. Nun galt es wieder, durch eigne Unvorsichtigkeit dazu gezwungen, den Heimweg zu suchen. Zuerst kam Kurbad in einen großen Wald. Da sah er einen Greis am Wege sitzen und eine Peitsche flechten.[34]

»Graukopf, für wen machst du die Peitsche?« fragte er.

»Für die Hexen, welche in diesem Walde hausen. Sie haben ihn, in Gestalt furchtbarer Ungeheuer, ganz in Besitz genommen. Nur mit solch einer Peitsche kann man sie einigermaßen im Zaum halten. Freilich, wenn sich jemand fände, der ihrer mit gewaltiger Hand Herr würde, so wäre der Wald für alle Zeiten von dem unholden Gesindel befreit.«

»Das will ich versuchen« – meinte Kurbad. Er wartete bis zum Abend – und als die Hexen sich für die Nacht in eine mächtige Höhle zurückgezogen hatten, wälzte er einen großen Felsblock vor den Eingang derselben. Dann ergriff er seine Keule und schob den Block ein klein wenig zur Seite. Sogleich steckte ein Untier seinen Kopf zur Spalte heraus. Kurbad schlug zu und tötete es. Im Laufe der Nacht vertilgte er so die ganze Teufelsbrut. Am andern Morgen setzte der Held seinen Weg fort. Jenseits des Waldes traf er einen Mann, der, an einem mächtigen Feuer sich wärmend, unaufhörlich jammerte: »Mich friert! Mich friert!«

»Warum erwärmst du dich denn nicht?« fragte Kurbad.

»Wohl möchte ich's; sobald mir aber anfängt warm zu werden, kommt mein Peiniger, der Werwolf, und droht, mich zu verschlingen.«

»Laß ihn nur kommen!« meinte Kurbad. Bald war der Wolf zur Stelle. Der Recke aber ergriff ihn bei den Ohren und warf ihn ins Feuer. »Da brate jetzt, andern Unholden zum Frühstück!« Das Feuer erlosch – und den armen Gequälten fror nicht mehr.

Nach einiger Zeit kam Kurbad an einen Bach. Am Ufer desselben stand ein Mensch und schrie unaufhörlich: »Mich dürstet! Mich dürstet!«

»Warum trinkst du denn nicht?« fragte der Held.

»Ich möchte wohl, aber sobald ich mich zum Wasser niederbeuge, kommt mein Peiniger, der Adler, und droht mich zu verschlingen.«

»Laß ihn nur kommen!« meinte Kurbad.[35]

Bald rauschte der Adler durch die Luft heran; der Recke aber ergriff ihn beim Halse und warf ihn in den Bach. Sogleich verschwand das Wasser und der arme Gequälte verspürte keinen Durst mehr.

Endlich erreichte Kurbad wieder sein Heim. Dort hatte die Schlangenhexe Böses angerichtet. Des Helden junges Weib war plötzlich von einer unbekannten Krankheit ergriffen worden und dem Tode nahe, so daß sie ihren Gatten nicht mehr erkennen konnte. Kurbad gedachte des Zaubertrankes, welchen er dem Hundskopfe abgenommen. Er flößte der Kranken einige Tropfen davon ein – und sie wurde sogleich gesund und munter. Jetzt ließ die Hexe den jungen König und sein Land viele Jahre lang in Frieden, denn sie wußte kein rechtes Mittel mehr, ihm beizukommen. Endlich aber gelang es ihr neun benachbarte Könige gegen ihn aufzuhetzen: Die brachen mit großer Kriegesmacht in Kurbads Reich ein. Dieser sammelte seine Getreuen und zog dem Feinde entgegen. Deren Führer aber war ein schier unüberwindlicher Riese.

Während des furchtbaren Kampfes, der jetzt losbrach, gelang es Kurbad, den Riesen mit seiner Keule zu Boden zu schlagen; während er aber nach seinem Schwerte griff, um des Riesen Haupt zu spalten, schlug ihm dieser eine tiefe Wunde in die linke Schulter. Sogleich war auch die Schlangenhexe zur Stelle und spie ihren giftigen Geifer in die Wunde.

Wohl erhob der todgeweihte Held seine linke Hand und erwürgte die Schlange, wohl zerschmetterte er mit seiner rechten das Haupt des Riesen, wohl schlug sein Heer alle Feinde in die Flucht – er selbst aber war verloren. Lautlos brach er über seiner Keule zusammen und verschied. Sein Name aber und der Ruhm seiner Thaten lebt in zahllosen Liedern und Märchen fort.


Schlußbemerkung.

[36] Nach andern Sagen soll Kurbad während seines Aufenthaltes in der Unterwelt selbst aus Versehen von dem Unkraftwasser getrunken haben, so daß er in die Gewalt des Teufels fiel und demselben ein Jahr lang dienen mußte. Er fing aber alles ungeschickt, wenngleich mit großer Schlauheit an, so daß er dem Teufel viel Ungemach und Schaden bereitete. Unter den Arbeiten, welche der letztere ihm auftrug, befand sich auch die Reinigung eines seit Jahren nicht ausgemisteten Pferdestalles –: Herkules bei Augias.

1

Das heißt Bauerhofbesitzer.

2

Eine Art Sandalen, wie sie die lettischen Bauern noch heute tragen.

3

Die Badestuben, gewöhnlich besondere Häuschen, galten den alten Letten teils für heilig, teils für behext.

4

Die lettischen Mädchen schmückten und schmücken noch heute ihr Haupt gern mit Kränzen.

5

Oder »Hundsköpfen«.

Quelle:
Andrejanoff, Victor von: Lettische Märchen. Nacherzählt von -, Leipzig: Reclam, [1896], S. 37.
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