Holda-Berchta.

[79] Von den Göttinnen Holda (Hulda, Holla) und Berchta (Perchta) haben in Bünden noch einige Spuren sich erhalten. Wir haben beide mütterliche Göttinnen schon in den Zügen Wuotans und dem Nachtvolke gesehen und begegnen ihnen wieder in den Sagen und Märchen von der »weißen Frau«.

Was in Schwaben, in der Schweiz und andern Gegenden Frau Berchta, ist in andern deutschen Gauen Frau Holda. Der einzige Unterschied ist der, daß Frau Holda allein als Quellen-Frau vorkommt; sie wohnt im See, im Teiche, im Kinderbrunnen, auch im Venusberge, und verlockt durch ihre liebliche Stimme die Sterblichen. – Berchta erscheint niemals als Quellenfrau, ihr Aufenthalt sind mehr einsame Gehölze, schauerliche Höhlen, gebrochene Burgen.

Holda ist die Gütige, Berchta bedeutet die Glänzende, Lichtvolle.

Unter Beiden verstehen wir unsere weißen Frauen, die zu Zeiten erscheinen.

Beide halten, außer ihrer Teilnahme am wüthenden Heere und Nachtvolke ihren abgesonderten, jährlichen Umzug, der dem Lande Fruchtbarkeit bringt; wo sie erscheinen, vermehren sich die Heerden, den Frauen geben sie Gesundheit und Fruchtbarkeit. Umgeben von ihren Frauen, durchziehen sie, auch im romanischen Süden, Küche und Keller, Segen und Wohlfahrt spendend. – Mit Vorliebe besuchen sie und ihr Gefolge die Spinnstuben, und freuen sich, wenn sie Flachs auf den Rocken angelegt finden bei fleißigen Spinnerinnen, beschenken sie mit neuen Spindeln, dagegen den faulen Dirnen zünden sie den Rocken an. Zur Fastnachtszeit, wenn Holda und Berchta wiederkehren, muß Alles gesponnen, die Kunkeln leer sein. Treffen sie dann Alles in Ordnung, so sprechen sie ihren Segen aus: »So manches Haar, so manches gute Jahr.« Gefällt das Gespinnst ihnen nicht, ist nicht abgesponnen, liegen Rocken und Spindeln wie im Kriege umher, zürnen sie: »So manches Haar, so manches böse Jahr.« – Sie wollen halt die Sachen der Dirnen hübsch in Ordnung wissen, denn sie selbst sind große Spinnerinnen und Weberinnen.


[79] In Sagen und Märchen Bündens begegnen wir öfters der weißen Frau, bald Holda, bald Berchta, nur in anderer Gestalt und andern Verhältnissen, wie im Norden.


Wir unterscheiden Holda und Berchta als Führerinnen im wüthenden Heere, im Nachvolke und dann als weiße Frauen für sich allein.


Die weiße Frau von Haldenstein heißt auch die »Quellenjungfer« – die Seele des Brunnens, die dem Wasser Kraft verleiht, Kranke zu heilen. In frühern Zeiten walleten Viele zur Quelle hin, und Manchem soll sie die verlorne Gesundheit wieder gegeben haben. Die Quelle fließt heute noch so klar wie vor Jahrhunderten, die Quellenjungfrau aber hat man lange nicht mehr gesehen, und das Wasser scheint seine Heilkraft verloren zu haben. In der Sage von der weißen Jungfrau zu Haldenstein finden wir die »Treue« plastisch veranschaulicht.


Holda, die Göttin der Brunnen und Quellen, badet sich bei leuchtender Mittagssonne.


Die weiße Donna di Valnüglia legt uns Berchta zu Sinne. Es gibt eine weiße, eine schwarze und eine eiserne Berchta, eine Frau Percht mit dem Plattfuß, eine mit der langen Nas, eine andre mit der eisernen Nas, und hoch oben am Buffalora, am einsamen Ofenpasse also eine »ohne Nase«.


Andere lassen die Schloßfrau von Wildenberg selbst es gewesen sein. – Als man der zu Grabe läutete, zersprang während dem Läuten die mittlere Glocke, und die zwei andern allein konnten nicht geläutet werden. Der damalige Meßmer, Namens Filli, rief vom Thurme herab, die Schloßfrau sei des Läutens nicht werth.

Diese wurde nun ohne weiteres Geläute begraben, und geistete lange Zeit im Schlosse herum, bis zwei Münsterthaler Kapuziner sie in die Alpe Buffalora bannten.

Dort erschien sie einmal einigen Knechten, soll einem derselben, Conzett von Schiers, gewinkt und dabei mit der Hand auf den mächtigen Schlüsselbund, den sie an der Seite trug, gewiesen haben. Der Mann fürchtete sich jedoch vor der Gestalt; aber ein Anderer wagte es, sie zu fragen, ob er ihr folgen solle, worauf sie die Frage verneinte.

Die Nachkommen der Schloßfrau gaben als Sühne vieles Silbergeschirr zum Gusse der neuen Glocke.


[80] Die weiße Frau auf Obersaxen läßt auch in deutschen Märchen ihren Wagen herrichten. Hier ist es Berchta die Glänzende, gleichzeitig auch Holda die Gütige.


In der Sage von den beiden Hütern des Schatzes in der St. Viktors-Kapelle finden wir ohne Zweifel im Greise den »getreuen Eckard«, der Jedermann vor Gefahr warnt, und ihm dem Eintritt in den mythischen Venusberg wehrt, als gewissenhafter Wächter; das Mädchen im schimmernden Kleide ist sicherlich Berchta.


Der getreue Eckard wird als heidnischer Priester gehalten. Er erscheint in der Mythe als Hofmeister und Begleiter der Frau Holda, der mittelalterlichen Venus.


Das Charakteristische in Nornensagen, daß, was vorausgehende Begabungen Günstiges verheißen, durch eine nachfolgende zum Theil wieder vereitelt wird, schimmert schon in Kinderreimen durch, wie den, von der ersten Poppe gesponnene Seiden- (Glücks-) Faden die zweite bricht, indem sie »Krîda schnätzlet« (Rochholz alem. Kinderlieder und Kinderspiele p. 148 erklärt das einer der Schicksalsgöttinnen zugeschriebene »Krîdaschnätzla«: »Schnatz« ist Haarschnur und geflochtenes Haar, »Krîda« ist Falschheit und Streit. Die »Krîdaschnatzerin« bringt Hader und Verdruß zwischen die Freude, zettelt Verdacht an, oder bricht den Faden des Glücks, der Zufriedenheit, der Freude). Noch schärfer tritt aber dieß aus der Prätigauer-Sage hervor; statt der von der weißen, guten Schwester projektirten guten und gesunden Küchlein hätte die ganze Fidriser-Gesellschaft durch dieTücke der Schwarzen lauter Giftige bekommen, wäre nicht die Halb-Weiße und Halb-Schwarze vermittelnd dazwischen getreten. – Auch in dieser Sage ist eine Verwandtschaft dieser drei Bäckerinnen mit Berchta nicht zu leugnen; nach den Vorstellungen des Alterthums befliß sie sich ja als häusliche, mütterliche Gottheit des Spinnens, überhaupt der Geschäfte einer guten Hausfrau, so gewiß auch des Backens, und wir erinnern hier an das Lieblingsgericht der Berchta, an Klöse und Fettkuchen.


In den Sagen von der Wunschhöhle erscheinen die Nornen objekt.


Eine Variante von den drei Spinnerinnen gibt Simrock im Märchen von den »drei Schwestern und dem seltsamen Brautpaare«. In diesem[81] spinnen die Schwestern, und sollen schweigen; da verliert die Eine den Faden und ruft: »De Draht bricht!« worauf die Zweite »töt an!« (knüpf an) und die Dritte: »Moder sat, wi solle nich peken (sprechen), peken alle De (Drei)!« Da machte der Freier sich davon.

Quelle:
Jecklin, Dietrich: Volksthümliches aus Graubünden. 3 Teile, Zürich 1874, Chur 1876, Chur 1878 (Nachdruck Zürich: Olms, 1986), S. 79-82.
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