Verlobung, Braut- und Ehestand

[800] Fridolin Weber, Mozarts Freund von Mannheim her und der Vater seiner Aloysia, war 1779 in München gestorben. Im Jahre darauf hatte sich Aloysia mit dem Schauspieler Joseph Lange verheiratet, und da sie zugleich am Wiener Nationalsingspiel angestellt worden war, hatte sich ihre Mutter Cäcilie Weber entschlossen, mit ihren drei unverheirateten Töchtern Josepha, Constanze und Sophie ebenfalls nach Wien überzusiedeln. Ihre dürftige Lage zwang sie, sich auf das Vermieten von Zimmern zu verlegen, und Mozart war sehr erfreut, auf diese Weise bei alten Bekannten unterzukommen, die ihm die kleinen Sorgen des täglichen Lebens abnahmen. Schon am 2. Mai 1781, also noch vor dem Abschluß des Handels mit dem Erzbischof, wohnte er bei Frau Weber »auf dem Peter im Auge Gottes im 2. Stock«1. Sofort schöpfte der Vater Verdacht, der Sohn könnte von der Familie Weber abermals ins Garn gelockt werden, zumal da dieser sich wieder voll Mitleid mit deren bedrängten Umständen äußerte2. Und bereits kamen ihm auch schon Gerüchte zu Ohren, der Sohn würde eine der Töchter heiraten. Jetzt bestand er dringend auf dem Wohnungswechsel und erhielt folgende Antwort (25. Juli 1781)3:


Ich sage noch einmal, daß ich schon längst im Sinn gehabt, ein anderes Logis zu nehmen, und das nur wegen dem Geschwätze der Leute; und mir ist leid, daß ich es wegen einer albernen Plauderey, woran kein wahres Wort ist, zu thun gezwungen bin. Ich möchte doch nur wissen, was gewisse Leute für Freude haben können, ohne allen Grund so im Tage hinein zu reden. Weil ich bei ihnen wohne, so heyrathe ich die Tochter! Von Verliebtseyn war gar die Rede nicht; über das sind sie hinausgesprungen, sondern ich logire mich ins Haus undheyrathe. Wenn ich mein Lebtag nicht aufs Heyrathen gedacht habe, so ist es gewiß itzt! Denn (ich wünsche mir zwar nichts weniger als eine reiche Frau) wenn ich itzt wirklich durch eine Heyrath mein Glück machen könnte, so könnte ich unmöglich aufwarten, weil ich ganz andere Dinge im Kopf habe. Gott hat mir mein Talent nicht gegeben, damit ich es an eine Frau henke und damit mein junges Leben in Unthätigkeit dahin lebe. Ich fange erst an zu leben und soll mir es selbst verbittern? Ich habe gewiß nichts über den Ehestand, aber für mich wäre er dermalen ein Übel. – Nun, da ist kein ander Mittel, ich muß, wenn es schon nicht wahr ist, [801] wenigstens den Schein vermeiden, obwohl der Schein an nichts anders beruht als – daß ich da wohne. Denn wer nicht ins Haus kömmt, der kann nicht einmal sagen, daß ich mit ihr soviel Umgang habe wie mit allen andern Geschöpfen Gottes; denn die Kinder gehen selten aus, nirgends als in die Comödie und da gehe ich niemalen mit, weil ich meistens nicht zu Hause bin zur Comödienstunde. Ein paarmal waren wir im Prater, und da war die Mutter auch mit; und ich, da ich im Hause bin, konnte es nicht abschlagen mitzuge hen, und damals hörte ich noch keine solche Narrensreden. Da muß ich aber auch sagen, daß ich nichts alsmeinen Theil zahlen durfte4, – und da die Mutter solche Reden selbst gehört und auch von mir aus weiß, so muß ich sagen, daß sie selbst nicht mehr will, daß wir zusammen wohin gehen sollen, und mir selbst gerathen, wo anderst hinzuziehen, um fernere Verdrüßlichkeiten zu vermeiden; denn sie sagt, sie möchte nicht unschuldigerweise an meinem Unglück Schuld seyn. – Das ist also die einzige Ursache, warum ich schon längst (seitdem man so schwätzt) im Sinn gehabt wegzuziehen, und insoweit Wahrheit gilt, habe ich keine; was aber die Mäuler anbelangt, habe ich Ursache; – und wenn diese Reden nicht gingen, so würde ich schwerlich wegziehen, denn ich werde freilich leicht ein schöneres Zimmer bekommen, aber die commodité und so freundschaftliche und gefällige Leute – schwerlich. Ich will auch nicht sagen, daß ich im Hause mit der mir schon verheyratheten Mademoiselle trotzig seye und nichts rede, aber verliebt auch nicht; ich narrire und mache Spaß mit ihr, wenn es mir die Zeit zuläßt (und das ist nur Abends, wenn ich zu Haus soupire, denn Morgens schreibe ich in meinem Zimmer und Nachmittags bin ich selten zu Hause) und also – sonst weiter nichts. Wenn ich die alle heyrathen müßte, mit denen ich gespaßt habe, so müßte ich leicht 200 Frauen haben ... Nun leben Sie recht wohl, liebster, bester Vater, glauben Sie und trauen Sie Ihrem Sohne, der gewiß gegen alle rechtschaffenen Leute die besten Gesinnungen hat, und warum sollte er sie für seinen lieben Vater und Schwester nicht haben? Glauben Sie ihm und trauen Sie ihm mehr als gewissen Leuten, die nichts besseres zu thun haben, als ehrliche Leute zu verläumden.


Trotzdem fiel ihm der Entschluß, von Frau Weber wegzuziehen, recht schwer. Zwar erbot sich die Familie Mesmer, ihn in ihrer Wohnung auf der Landstraße aufzunehmen5, indessen fand er die dortigen Verhältnisse durchaus nicht mehr nach seinem Geschmack. »Der Meßmer«, schreibt er am 13. Juli 17816, »hat den Righini (weiland opera-buffa-Sänger und dermalen Compositeur) bey sich im Quartier und ist sein großer Freund und Beschützer, doch die gnädige Frau noch mehr«. Da gefiel es ihm bei den [802] »Weberischen« doch bedeutend besser. Auch Herr Aurnhammer und seine »dicke Fräulein Tochter« Josephine, die als Klavierspielerin großes Ansehen genoß, suchten ihn in ihre Nähe zu ziehen. »Ich bin fast täglich nach Tisch bei Hrn. v. Aurnhammer«, schreibt er am 27. Juni 17817, »die Fräulein ist ein Scheusal! spielt aber zum Entzücken; nur geht ihr der wahre, feine, singende Geschmack im Cantabile ab, sie verzupft alles«. Die Wohnung aber, die die Aurnhammers Mozart in ihrer Nähe aufdrängen wollten, war nach seiner Schilderung8 »für Ratzen und Mäuse, aber nicht für Menschen. Die Stiege müßte man Mittags um 12 Uhr mit einer Laterne suchen. Das Zimmer konnte man eine kleine Kammer nennen ... Die Frau selbst nannte das Haus das Ratzennest; mit einem Wort, es war fürchterlich anzusehen«. Er glaubte dabei noch andere als bloß künstlerische Absichten wahrzunehmen, und als der Vater warm für das Haus eintrat, entwarf er ihm davon am 22. Aug. folgende, für ihn äußerst charakteristische Schilderung9:


Er ist der beste Mann von der Welt, nur gar zu gut, denn seine Frau, die dummste und närrischste Schwätzerin von der Welt, hat die Hosen, so daß, wenn sie spricht, er sich kein Wort zu sagen traut; er hat mich, da wir öfters zusammen spazieren gegangen, gebeten, ich möchte in seiner Frauen Gegenwart nichts sagen, daß wir einen Fiacre genommen oder Bier getrunken haben. Nun, zu so einem Mann kann ich ohnmöglich Vertrauen haben; ... er ist ganz brav und ein guter Freund von mir, ich könnte öfters bey ihm zu Mittag speisen, ich pflege mir abermeine Gefälligkeiten niemalen bezahlen zu lassen, – sie wären freilich mit einer Mittagsuppe nicht bezahlt. Doch glauben solche Leute [Wunder] was sie damit thun. Ich bin nicht wegen meinem Nutzen in ihrem Haus, sondernwegen dem ihrigen ... Von der Mutter will ich gar keine Beschreibung machen, genug, daß man über Tisch genug zu thun hat, um das Lachen zu halten – basta! Sie kennen die Frau Adlgasserin, und dieses Meuble ist noch ärger, denn sie ist dabey medisante, also dumm und boshaft. Von der Tochter also. Wenn ein Maler den Teufel recht natürlich malen wollte, so müßte er zu ihrem Gesicht Zuflucht nehmen. Sie ist dick wie eine Bauerndirne, schwitzt also, daß man speien möchte und geht so bloß – daß man ordentlich lesen kann: ich bitte euch, schauet hierher! Das ist wahr, zu sehen ist genug, daß man blind werden möchte, aber man ist auf den ganzen Tag gestraft genug, wenn sich unglückseligerweise die Augen drauf wenden ... pfui Teufel! – Nun ich habe Ihnen geschrieben, wie sie Clavier spielt; ich habe Ihnen geschrieben, warum sie mich gebeten ihr beyzustehen10. Mit vielem[803] Vergnügen thue ich Leuten Gefälligkeiten, aber nur nicht sekkiren! Sie ist nicht zufrieden, wenn ich zwey Stunden alle Tage mit ihr zubringe, ich soll den ganzen Tag dort sitzen und da will sie die artige machen! – aber wohl noch mehr: sie ist serieusement in mich verliebt. Ich hielt es für Spaß, aber nun weiß ich es gewiß; als ich es merkte – denn sie nahm sich Freyheiten heraus, z.B. mir zärtliche Vorwürfe zu machen, wenn ich etwas später kam als gewöhnlich oder mich nicht lange aufhalten konnte, und dergleichen Sachen mehr, ich sahe mich also gezwungen, um sie nicht zum Narren zu haben, ihr mit Höflichkeit die Wahrheit zu sagen. Das half aber nichts, sie wurde noch immer verliebter; endlich begegnete ich ihr allzeit sehr höflich, ausgenommen sie kam mit ihren Possen, dann wurde ich grob; – da nahm sie mich aber bey der Hand und sagte: Lieber Mozart, seyen Sie doch nicht so böse – Sie mögen sagen was Sie wollen, ich hab Sie halt doch gern. – In der ganzen Stadt sagt man, daß wir uns heyrathen, und man verwundert sich nur über mich, daß ich so ein Gesicht nehmen mag. Sie sagte mir, daß wenn so etwas zu ihr gesagt würde, sie allzeit dazu gelacht habe; ich weiß aber von einer gewissen Person, daß sie es bejahet habe, mit dem Zusatz, daß wir alsdann zusammen reisen werden. Das hat mich aufgebracht. Ich sagte ihr also letzthin die Meynung wacker, und sie möchte meine Güte nicht mißbrauchen. Und noch komme ich nicht mehr alle Tage, sondern nur alle anderte Tage zu ihr, und so wird es nach und nach abnehmen. – Sie ist nichts als eine verliebte Närrin; denn bevor sie mich gekannt, hat sie im Theater, als sie mich gehört, ge sagt: Morgen kommt er zu mir, und da werde ich ihm seine Variationen mit dem nämlichen Gusto vorspielen. Aus dieser Ursache bin ich nicht hingegangen, weil das eine stolze Rede war, und weil sie gelogen hat, denn ich wußte kein Wort davon, daß ich den andern Tag hingehen sollte.


Das hinderte freilich nicht, daß Mozart mit Frl. Aurnhammer in einer Akademie in ihrem Hause am 24. Nov. 1781 sein Konzert und die Sonate für zwei Klaviere (K.-V. 365, 448) vortrug11. Noch im folgenden Jahre spielte er mit ihr in einem seiner Konzerte vierhändig12 und verschob im Herbst sogar seine Reise nach Salzburg, weil er ihr seine Mitwirkung bei ihrer Akademie im Theater zugesagt hatte13. Endlich hat er ihr die 1781 erschienenen Violinsonaten (K.-V. 376–380) gewidmet.

Anfang September 1781 bezog er wirklich eine neue Wohnung »auf dem Graben Nr. 1175 im 3. Stock«14. Der Umzug war von einer erneuten scharfen Auseinandersetzung mit dem Vater begleitet, dessen Mißtrauen allmählich aufs höchste gestiegen war. Wolfgangs Brief vom 5. Sept. klingt bereits äußerst gereizt15, bitter beklagt er sich über die »Faxen, die ihm Gott weiß wer in den Kopf gesetzt« habe und versichert, daß er allem Geschwätz zum Trotz »der nämliche ehrliche Kerl bleiben werde wie sonst«. Von einem glatten Ableugnen eines Liebesverhältnisses zu Konstanze ist indessen nicht mehr die Rede, man hat vielmehr den Eindruck, als hätte Mozart im »Auge Gottes« doch mehr zurückgelassen als gute Freundschaft und behagliche »commodité«. Daß Frau Cäcilie Weber den Verkehr ihres Mieters mit ihren Töchtern, wie Mozart schreibt, ohne Hintergedanken verfolgt hätte, ist bei ihrem Charakter ganz ausgeschlossen. Nun eröffneten [804] sich ihm durch den Auftrag der Entführung die besten Aussichten – wie hätte da eine Frau ihres Schlages nicht fest zugreifen sollen, zumal da es sich um einen so arglosen Künstler wie Mozart handelte? Drei Monate später, am 15. Dez.16, fühlte er sich bereits gedrungen, dem Vater ausführliche Mitteilung zu machen.


Mein Bestreben ist underdessen etwas wenig Gewisses hier zu haben, dann läßt es sich mit der Hilfe des Unsichern ganz gut hier leben, – und dann – zu heyrathen! – Sie erschröcken vor diesem Gedanken? Ich bitte Sie aber, liebster bester Vater, hören Sie mich an. Ich habe Ihnen mein Anliegen entdecken müssen, nun erlauben Sie auch, daß ich Ihnen meine Ursachen und zwar sehr begründete Ursachen entdecke. Die Natur spricht in mir so laut wie in jedem anderen, und vielleicht lauter als in manchem großen starken Lümmel. Ich kann ohnmöglich so leben wie die meisten dermaligen jungen Leute. – Erstens habe ich zu viel Religion, zweytens zu viel Liebe des Nächsten und zu ehrliche Gesinnungen, als daß ich ein unschuldiges Mädchen anführen könnte und drittens ... zu viel Liebe zu meiner Gesundheit, als daß ich mich mit H-n herumbalgen könnte; dahero kann ich auch schwören, daß ich noch mit keiner Frauensperson auf diese Art etwas zu thun gehabt habe. Denn wenn es geschehen wäre, so würde ich es Ihnen auch nicht verhehlen; denn fehlen ist doch immer dem Menschen natürlich genug, und einmal zu fehlen wäre auch nur bloße Schwachheit, – obwohlen ich mir nicht zu versprechen getrauete, daß ich es bey einmal fehlen bewenden lassen würde, wenn ich in diesem Punkt ein einzigesmal fehlte. – Darauf aber kann ich leben und sterben. Ich weiß wohl, daß diese Ursache (so stark sie immer ist) doch nicht erheblich genug dazu ist, – mein Temperament aber, welches mehr zum ruhigen und häuslichen Leben als zum Lärmen geneigt ist, – ich, der von Jugend auf niemalen gewohnt war, auf meine Sachen, was Wäsche, Kleidung und dergleichen anbelangt, Acht zu haben, – kann mir nichts nötigers denken als eine Frau. – Ich versichere Sie, was ich nicht Unnützes öfters ausgebe, weil ich auf nichts Acht habe. – Ich bin ganz überzeugt, daß ich mit einer Frau (mit dem nämlichen Einkommen, das ich allein habe) besser auskommen werde als so, – und wie viele unnütze Ausgaben fallen nicht weg? – Man bekommt wieder andere dafür, das ist wahr; allein – man weiß sie, kann sich darauf richten, und mit einem Worte, man führt ein ordentliches Leben. – Ein lediger Mensch lebt in meinen Augen nur halb – ich hab halt solche Augen, ich kann nicht dafür – ich habe es genug überlegt und bedacht – ich muß doch immer so denken. – Nun aber, wer ist der Gegenstand meiner Liebe? – Erschröcken Sie auch da nicht, ich bitte Sie. – Doch nicht eine Weberische? – Ja, eine Weberische! aber nicht Josepha – nicht Sophie – sondern Constanza, die mittelste. – Ich habe in keiner Familie solche Ungleichheit der Gemüther angetroffen wie in dieser. – Die älteste [Josepha, spätere Hofer] ist eine faule, grobe, falsche Person, die es dick hinter den Ohren hat. – Die [Aloysia] Langin ist eine falsche, schlecht denkende Person und eine Coquette. – Die jüngste [Sophie, spätere Haibl] – ist noch zu jung, um etwas seyn zu können, – ist nichts als ein gutes, aber zu leichtsinniges Geschöpf – Gott möge sie vor Verführung bewahren! Die mittelste aber, nämlich meine gute, liebe Konstanze, ist – die Marterin darunter, und eben deswegen vielleicht die gutherzigste, geschickteste und mit einem Worte die beste darunter; – die nimmt sich um Alles im Hause an – und kann doch nichts recht thun. O mein bester Vater, ich könnte ganze Bögen voll schreiben, wenn ich Ihnen alle die Auftritte [805] beschreiben sollte, die mit uns beyden in diesem Hause vorgegangen sind; wenn Sie es aber verlangen, werde ich es im nächsten Briefe thun. – Bevor ich Ihnen von meinem Gewäsche frey mache, muß ich Sie doch noch näher mit dem Charakter meiner liebsten Konstanze bekannt machen. – Sie ist nicht häßlich, aber auch nichts weniger als schön, – ihre ganze Schönheit besteht in zwey kleinen schwarzen Augen und in einem schönen Wachstum. Sie hat keinen Witz, aber gesunden Menschenverstand genug, um ihre Pflichten als eine Frau und Mutter erfüllen zu können. Sie ist nicht zum Aufwand geneigt, das ist grundfalsch – im Gegentheil ist sie gewohnt, schlecht gekleidet zu seyn – denn das wenige, was die Mutter ihren Kindern hat thun können, hat sie den zwey anderen gethan, ihr aber niemalen. – Das ist wahr, daß sie gern nett und reinlich, aber nicht propre gekleidet wäre; – und das meiste was ein Frauenzimmer braucht, kann sie sich selbst machen, und sie frisirt sich auch alle Tage selbst – versteht die Hauswirtschaft, hat das beste Herz von der Welt – ich liebe sie und sie liebt mich von Herzen? – sagen Sie mir, ob ich mir eine bessere Frau wünschen könnte? – Das muß ich Ihnen noch sagen, daß damals als ich quittirte, die Liebe noch nicht war, sondern erst durch ihre zärtliche Sorge und Bedienung (als ich im Hause wohnte) geboren wurde. – Ich wünsche also nichts mehr, als daß ich nur etwas weniges Sicheres bekomme (wozu ich auch Gottlob wirklich Hoffnung habe), so werde ich nicht nachlassen, Sie zu bitten, daß ich diese Arme erretten – und mich zugleich mit ihr – und ich darf auch sagen, uns alle glücklich machen darf. – Sie sind es ja doch auch, wenn ich es bin?


Die Vermutungen des Vaters erwiesen sich also als nur zu wahr, und nach den Ansichten, die er seinerzeit in Aloysias Falle über eine Heirat ohne sicheres Auskommen geäußert hatte17, kann man sich seine Stimmung lebhaft vorstellen. Er wußte aber sogar noch mehr als Wolfgang in dem Briefe zugestanden hatte, nämlich, daß dieser ein schriftliches Eheversprechen hatte geben müssen, und das bestärkte ihn in seiner Ansicht, daß Mutter und Tochter ein abgekartetes Spiel mit ihm getrieben hätten. Nochmals suchte er mit aller Kraft das Letzte abzuwenden, mußte jedoch dabei abermals die Erfahrung machen, daß der Sohn seiner Leitung gänzlich entglitten war. Die Hauptrolle bei dem schriftlichen Eheversprechen spielte nach Mozarts Brief vom 22. Dez. 178118 der Vormund der Weberschen Mädchen, Joh. Thorwarth, Hofdirektionsrevisor und Inspektor bei der Theatergarderobe, ein Mann, der beim Theater von Einfluß war und bei Graf Rosenberg und Baron Kienmayer viel galt, ein geschworener Feind der Italiener19. Mit ihm hatte es Mozart auf irgendwelche Weise verdorben; er hetzte die Mutter gegen ihn auf, weil er kein sicheres Einkommen habe und am Ende gar Konstanze sitzen lassen werde, bis sie schließlich Mozart bat, mit dem Vormund selbst zu reden20.


Er kam, ich redete mit ihm, das Resultat (weil ich mich nicht so deutlich explicirte, als er es gewollt) war, daß er der Mutter sagte, mir allen Umgang mit der Tochter zu verwehren, bis ich es schriftlich mit ihm ausgemacht habe ... Was [806] blieb mir also für ein Mittel übrig? Eine schriftliche Legitimation zu geben oder das Mädchen zu lassen. Wer aufrichtig und solid liebt, kann der seine Geliebte verlassen? Kann die Mutter, kann die Geliebte selbst nicht die abscheulichste Auslegung darüber machen? Das war mein Fall. Ich verfaßte die Schrift also,daß ich mich verpflichte, in Zeit von 3 Jahren die Madelle Constance Weber zu eheligen; wofern sich die Ohnmöglichkeit bey mir ereignen sollte, daß ich meine Gedanken ändern sollte, so solle sie alle Jahre 300 fl. von mir zu ziehen haben. Ich konnte ja nichts Leichters in der Welt schreiben ... Was that aber das himmlische Mädchen, als der Vormund weg war? Sie begehrte der Mutter die Schrift, sagte zu mir: Lieber Mozart! ich brauche keine schriftliche Versicherung von Ihnen, ich glaube Ihren Worten so, und zerriß die Schrift. Dieser Zug machte mir meine liebe Konstanze noch werther.


Das Schlimme daran war, daß Thorwarth den ganzen Handel bereits in Wien bekanntgemacht hatte. Trotzdem, meint Mozart, sei er noch kein Verführer der Jugend, so wenig wie die Mutter, denn es sei ganz falsch, daß man ihm in jenem Haus zuerst allerhand Gelegenheit geboten und ihn dann festgehalten habe; ein solches Haus würde er überhaupt nie betreten haben21. L. Mozart hatte von Peter Winter, Wolfgangs altem Bekannten von Mannheim her22, allerhand Verleumdungen über den Verkehr des Liebespaares zugetragen bekommen. Empört schrieb Wolfgang zurück, Winter verdiene überhaupt den Namen eines Mannes nicht, er sei in seiner Lebensart ein Vieh und in seiner übrigen Aufführung ein Kind, und seine »infamen Lügen« wolle er nicht durch »infame Wahrheiten« vergelten, zumal da Winter einmal zu ihm gesagt habe23:


Sie sind nicht gescheit, wenn Sie heyrathen. Sie verdienen Geld genug. Sie können es schon. Halten Sie sich eine Mätresse! Was hält Ihnen denn zurück? Das bischen D ... Religion?


Diese Antwort befriedigte den Vater natürlich keineswegs. Wir verdanken es seinen hartnäckigen Einwendungen, daß uns Wolfgang selbst unfreiwillig Einblicke in das ganze Wesen und Treiben der Weberischen verstattet, die er der Außenwelt sonst streng vorenthalten hätte. So schreibt er am 10. April 178224:


Der appendix ihre Mutter betreffend ist nur insoweit gegründet, daß sie gerne trinkt und zwar mehr – – als eine Frau trinken sollte. Doch – besoffen habe ich sie noch nicht gesehen, das müßte ich lügen. Die Kinder trinken nichts als Wasser, und obschon die Mutter sie fast zum Wein zwingen will, so kann sie es doch nicht dazu bringen. Da giebt es öfters den größten Streit deswegen – könnte man sich wohl so einen Streit von einer Mutter vorstellen?


[807] Auch der Verdacht Leopolds, daß die Mutter ihn nach der Verheiratung finanziell ausnützen würde, war nur allzusehr begründet, wie aus Wolfgangs Brief vom 30. Januar 1782 hervorgeht25:


Sie [Konstanze] und ich – beyde haben wir die Absichten der Mutter längst gemerkt; sie wird sich aber gewiß sehr betrügen – denn – sie wünschte uns (wenn wir verheyrathet seyn werden) bey sich auf dem Zimmer zu haben (denn sie hat Quartier zu vergeben) – daraus wird aber nichts, denn ich würde es niemalen thun und meine Konstanze noch weniger, – au contraire – sie hat im Sinne, sich bey ihrer Mutter sehr wenig sehen zu lassen und ich werde mein Möglichstes thun, daß es gar nicht geschieht – wir kennen sie.


Derselbe Brief enthält aber auch noch die inständige Bitte in betreff Konstanzes selbst:


Nur noch dieses – denn ohne dieses könnte ich nicht ruhig schlafen – muthen Sie nur meiner lieben Konstanze keine so schlechte Denkungsart zu, – glauben Sie gewiß, daß ich sie mit solchen Gesinnungen ohnmöglich lieben könnte ... Liebster, bester Vater – ich wünsche nichts als daß wir bald zusammen kommen, damit Sie sie sehen und – lieben – denn – Sie lieben die guten Herzen – das weiß ich!


Dabei blieb er auch (9. Jan. 1782)26:


Ohne meine liebste Konstanze kann ich nicht glücklich und vergnügt seyn, – und ohne Ihre Zufriedenheit darüber würde ich es nur zur Hälfte seyn; machen Sie mich also ganz glücklich, mein liebster, bester Vater!


Auch den Beistand der Schwester rief er im Vertrauen auf ihre alte gute Kameradschaft in allen Herzensnöten an und schrieb ihr am 13. Febr. 1782, bis neun Uhr pflege er zu arbeiten27:


dann gehe ich zu meiner lieben Konstanz, – allwo uns aber das Vergnügen uns zu sehen durch die bittern Reden ihrer Mutter mehrerntheils verbittert wird – welches ich meinem Vater im nächsten Brief erklären werde – und dahero gehört der Wunsch, daß ich sie sobald möglich befreyen und erretten möchte. – Um halb 11 Uhr oder 11 komme ich nach Haus; – das besteht von dem Schuß ihrer Mutter oder von meinen Kräften ihn auszuhalten.


Auch schickte Konstanze auf seine Veranlassung der Schwester allerhand kleine Geschenke, selbstgefertigte Hauben nach der neuesten Wiener Mode, ein Kreuzchen und ein Herz mit einem Pfeil, das Wolfgang dem Herzen mit dem Pfeil seiner Schwester ganz entsprechend fand28. Sie »nahm sich endlich die Courage (20. Apr. 1782)29, dem Triebe ihres guten Herzens zu folgen – nämlich Dir, meine liebe Schwester, zu schreiben«.

Trotz der günstigen Aufnahme dieser Aufmerksamkeiten durch Marianne verharrte der Vater in seiner ablehnenden Haltung, vor allem schien ihm eine Heirat ohne sichere Aussichten auf eine Versorgung ganz ausgeschlossen. [808] Gerade diese waren aber nach wie vor sehr zweifelhaft, wie Wolfgang selbst bekennt (23. Jan. 1782)30:


Liebster, bester Vater! Wenn ich von unserem lieben Gott schriftlich haben könnte, daß ich gesund bleibe und nicht krank seyn werde, o so wollt ich mein liebes treues Mädchen noch heute heyrathen. Ich habe nun 3 Skolarinnen, da komm ich das Monat auf 18 Dukaten ... doch brauch ich nur noch eine, mit viere habe ich genug, das macht 24 Dukaten, das sind 102 fl. und 24 Kr. – mit diesem kann man hier mit einer Frau (still und ruhig, wie wir zu leben wünschen) schon auskommen. Allein wenn ich krank werde, so haben wir keinen Kreuzer einzunehmen. Ich kann freylich das Jahr wenigstens eine Oper schreiben, ich kann alle Jahr eine Akademie geben, ich kann Sachen stechen lassen, Sachen auf Subskription herausgeben, es giebt auch andere bezahlte Akademien, besonders wenn man lange in einem Orte ist und schon Kredit hat. Solche Sachen wünschte ich mir aber nur als Akzidenzien und nicht als Notwendigkeiten zu betrachten. Doch wenn es nicht geht, so muß es brechen, und ich wage es eher auf diese Art, als daß ich lange warten sollte. Mit mir kann es nicht schlechter, sondern es muß immer besser gehen. Warum ich aber nicht mehr lange warten kann, ist nicht allein meinetwegen, sondern hauptsächlich ihretwegen. Ich muß sie sobald möglich erretten.


Auch dieser Brief vermochte den Vater nicht umzustimmen. Noch mehr als alle diese Umstände quälte Wolfgang indessen, wenigstens zeitweise, das Verhalten seiner Konstanze selbst. Ein Brief, den er ihr am 29. April 1782 zu schreiben gezwungen war, gibt darüber lehrreiche Aufschlüsse31:


Liebste, beste Freundin! Diesen Namen werden Sie mir ja doch noch wohl erlauben daß ich Ihnen geben darf? So sehr werden Sie mich ja doch nicht hassen, daß ich nicht mehr Ihr Freund seyn darf und Sie – nicht mehr meine Freundin sein werden? – Und – wenn Sie es auch nicht mehr seyn wollen, so können Sie es mir doch nicht verbieten, gut für Sie, meine Freundin, zu denken, wie ich es nun schon gewohnt bin. Überlegen Sie wohl, was Sie heute zu mir gesagt haben. Sie haben mir (ohngeachtet allen meinen Bitten) dreimal den Korb gegeben und mir gerade ins Gesicht gesagt, daß Sie mit mir nichts mehr zu thun haben wollten. Ich, dem es nicht so gleichgültig ist wie Ihnen, den geliebten Gegenstand zu verlieren, bin nicht so hitzig, unüberlegt und unvernünftig, den Korb anzunehmen. Zu diesem Schritte liebe ich Sie zu sehr. Ich bitte Sie also noch einmal, die Ursache dieses ganzen Verdrusses wohl zu überlegen und zu bedenken, welche war, daß ich mich darüber aufgehalten, daß Sie so unverschämt unüberlegt waren, Ihren Schwestern, NB. in meiner Gegenwart zu sagen, daß Sie sich von einem Chapeau haben die Waden messen lassen32. Das thut kein Frauenzimmer, welches auf Ehre hält. Die Maxime in der Kompagnie mitzumachen ist ganz gut. Dabey muß man aber viele Nebensachen betrachten: ob es lauter gute Freunde und Bekannte beysammen sind? ob ich ein Kind oder schon ein Mädchen zum Heyrathen bin? besonders aber ob ich eine versprochene Braut bin? hauptsächlich aber, ob lauter [809] Leute meines Gleichen oder Niedrigere als ich, besonders aber Vornehmere als ich dabey sind? – Wenn es sich wirklich die Baronin [v. Waldstädten] selbst hat thun lassen, so ist es ganz was anderes, weil sie schon eine übertragene Frau (die ohnmöglich mehr reizen kann) ist – und überhaupts eine Liebhaberin vom etcaetera ist. Ich hoffe nicht, liebste Freundin, daß Sie jemals so ein Leben führen wollten wie sie, wenn Sie auch nicht meine Frau seyn wollen. Wenn Sie schon dem Triebe mitzumachen – obwohl das Mitmachen einer Mannsperson nicht allzeit gut steht, desto weniger einem Frauenzimmer –, konnten Sie aber ohnmöglich widerstehen, so hätten Sie in Gottes Namen das Band genommen und sich selbst die Waden gemessen (so wie es noch alle Frauenzimmer von Ehre in meiner Gegenwart in dergleichen Fällen gethan haben), und sich nicht von einem Chapeau (ich – ich – würde es niemalen im Beysein anderer Ihnen gethan haben, ich würde Ihnen selbst das Band gereicht haben), desto weniger also von einem Fremden, der mich gar nichts angeht. – Doch das ist vorbey, und ein kleines Geständniß Ihrer dortmaligen, etwas unüberlegten Aufführung würde alles wieder gut gemacht haben und – wenn Sie es nicht übel nehmen, liebste Freundin – noch gut machen. Daraus sehen Sie, wie sehr ich Sie liebe. Ich brause nicht auf wie Sie – ich denke – ich überlege – und ich fühle. Fühlen Sie, haben Sie Gefühl, so weiß ich gewiß, daß ich heute noch ruhig werde sagen können: die Konstanze ist die tugendhafte, ehrliebende, vernünftige und getreue Geliebte des rechtschaffenen und für Sie wohldenkenden Mozart.


Dieses Zerwürfnis wurde zwar bald beigelegt, es bezeugt aber doch zur Genüge, daß auch Konstanze von der jähen und triebhaften Weberischen Art ihr gutes Teil mitbekommen hatte. Inzwischen wurde das Gerede der Leute immer unerträglicher. Zwar äußerte sich der Kaiser gelegentlich des Zusammentreffens mit Clementi äußerst gnädig über Mozarts Heirat und erweckte dadurch in ihm allerhand trügerische Hoffnungen. Um so mehr beschäftigten sich die Wiener mit ihm, als er durch die Entführung ein berühmter Mann geworden war. Am 27. Juli 1782 schreibt er dem Vater ganz verzweifelt, die meisten Leute hielten sie schon für verheiratet, die Mutter werde darüber aufgebracht und er mit Konstanze zu Tode gequält33. In ihrer Not suchten die Liebenden eifrig bei der Kirche Trost (17. Aug. 1782)34. Aber auch von weltlicher Seite kam ihnen Hilfe. Die Baronin von Waldstädten, geb. v. Schefer, die schon 1766 als ausgezeichnete Klavierspielerin gerühmt wird35 und für Mozart gleich nach seinem ersten Auftreten eingetreten war, nahm sich jetzt der beiden an. Auch Konstanze muß der Quälereien ihrer Mutter satt geworden sein, denn sie nahm das Angebot der Baronin an, in deren Wohnung in der Leopoldstadt 360 überzusiedeln. Die Dame stand freilich nicht im besten Rufe: sie lebte von ihrem Manne getrennt und führte gleich so manchen adligen Damen der damaligen Zeit einen ziemlich lockeren Lebenswandel. Mozart wußte das so gut wie die ganze Stadt und betrachtete diesen Verkehr seiner Braut mit recht gemischtem Empfinden, indessen überwog bei ihm doch das Gefühl der [810] Dankbarkeit gegen die Beschützerin seiner Liebe36. Dagegen war Frau Weber jetzt aufs höchste aufgebracht und suchte schließlich ihre Tochter mit Gewalt in ihr Haus zurückzubringen. Ein grelles Schlaglicht wirft auf diese ganzen traurigen Verhältnisse ein undatierter Brief, den Mozart damals in seiner Seelenangst an die Baronin richtete37:


Hochgeschätzbareste Frau Baronin! Meine Musicalien habe ich durch die Magd der Mde. Weber erhalten und habe müssen eine schriftliche Bescheinigung darüber geben. – Die Magd hat mir etwas anvertraut, welches, wenn ich schon nicht glaube, daß es geschehen könnte, weil es eine Prostitution für die ganze Familie wäre, doch möglich wäre, wenn man die dumme Madame Weber kennt, und mich folglich doch in Sorge setzt. Die Sophie ist weinend gekommen, – und da sie die Magd um die Ursach fragte, so sagt sie: Sage sie doch heimlich dem Mozart, daß er machen soll, daß die Konstanze nach Hause geht, denn – meine Mutter will sie absolument mit der Polizei abholen lassen. – Darf denn hier die Polizeiwache gleich in ein jedes Haus? – Vielleicht ist es auch nur ein Locknetz um sie nach Hause zu bringen. – Wenn das aber geschehen könnte, so wüßte ich kein besser Mittel als die Konstanze morgen frühe – wenns seyn kann, heute noch zu heyrathen. Denn dieser Schande möchte ich meine Geliebte nicht aussetzen – und meiner Frau kann das nicht geschehen. – Noch was; – der Thorwarth ist heute hinbestellt. – Ich bitte Ew. Gnaden um dero wohlmeinenden Rath – und uns armen Geschöpfen an die Hand zu gehen. – Ich bin immer zu Haus ... In größter Eile. Die Konstanze weiß noch von nichts. War Hr. v. Thorwarth bey Ew. Gnaden? ist es nöthig, daß wir 2 heute nach Tisch zu ihm gehen?


Unter solchen Umständen mußte Mozart alles daransetzen, seine Konstanze heimzuführen; aufs dringendste erbat er die Einwilligung seines Vaters (27. Juli 1782)38:


Liebster, bester Vater! ich muß Sie bitten, um alles in der Welt bitten, geben Sie mir Ihre Einwilligung, daß ich meine liebe Konstanze heyrathen kann. – Glauben Sie nicht, daß es um des Heyrathens wegen allein ist, wegen diesem wollte ich noch gerne warten. – Allein ich sehe, daß es meiner Ehre, der Ehre meines Mädchens und meiner Gesundheit und Gemüthszustand wegen unumgehlich nothwendig ist. Mein Herz ist unruhig, mein Kopf verwirrt – wie kann man da was Gescheidtes denken und arbeiten?


Und wenige Tage später wiederholt er seine Bitte (31. Juli 1782)39:


[811] Sie werden unterdessen meinen letzten Brief erhalten haben, und ich zweifle auch gar nicht, daß ich mit künftigem Briefe Ihre Einwilligung zu meiner Heyrath erhalten werde; – Sie können gar nichts dawider einzuwenden haben, – und haben es auch wirklich nicht, das zeigen mir Ihre Briefe; denn sie ist ein ehrliches, braves Mädchen von guten Eltern, – ich bin im Stande ihr Brot zu verschaffen, – wir lieben uns und wollen uns; ... da ist also nichts aufzuschieben. – Lieber sich seine Sachen recht in Ordnung gebracht – und einen ehrlichen Kerl gemacht! – das wird Gott dann allezeit belohnen; – ich will mir nichts vorzuwerfen haben. –


Allein die ersehnte Einwilligung blieb auch jetzt aus. Leopold war so tief verstimmt, daß ihm sogar der Erfolg der Entführung keine rechte Freude machte. Er scheint die Oper zunächst kaum angesehen zu haben, tadelte aber dafür den Sohn, daß er sich durch anmaßendes Benehmen in Wien verhaßt mache. Über dieses gallige Wesen war dieser ganz empört (31. Juli 1782)40:


Die ganze Welt behauptet, daß ich durch mein Großsprechen, Kritisiren die Professori von der Musik und auch andere Leute zu Feinden habe! – was für eine Welt? – Vermuthlich die Salzburger Welt; denn wer hier ist, – der wird genug das Gegentheil davon sehen und hören; – und das soll meine Antwort darauf seyn.


Abermals wartete Wolfgang zwei Posttage auf das Eintreffen des väterlichen Segens, an dem ihm alles gelegen war. Inzwischen war aber auch die Baronin v. Waldstädten nicht untätig gewesen, sie hatte alle Schwierigkeiten zu beseitigen gewußt und sogar den Vater umzustimmen gesucht41. So fand die Hochzeit am 4. August in der Stephanskirche statt (Beil. I 9. 10.); das anschließende Hochzeitsmahl richtete die Baronin selbst aus42. Tags darauf traf endlich die ersehnte Einwilligung des Vaters mitsamt einem Briefe der Schwester ein. Allerdings konnte es sich Leopold Mozart nicht versagen, beizufügen, daß so gut wie er, der Vater, auf seine Unterstützung durch den Sohn von jetzt ab nicht mehr rechnen könne, auch dieser nichts mehr von ihm zu erwarten habe. Wolfgang ließ sich's nicht anfechten, in voller Seligkeit erwiderte er am 7. August43:


Meine liebe Konstanze, nunmehro (Gott sey Dank) meine wirkliche Frau, wußte meine Umstände und Alles, was ich von Ihnen zu erwarten habe, schon lange von mir. Ihre Freundschaft aber und Liebe zu mir war so groß, daß sie gerne, mit größten Freuden ihr ganzes künftiges Leben meinem Schicksale aufopferte. Ich küsse Ihnen die Hände und danke Ihnen mit aller Zärtlichkeit, die immer ein Sohn für seinen Vater fühlte, für die mir gütigst zugetheilte Einwilligung und väterlichen Segen ... Mein liebes Weib wird nächsten Posttag ihren liebsten, besten Schwiegerpapa um seinen väterlichen Segen, und ihre geliebte Schwägerin um die fernere Fortdauer ihrer werthesten Freundschaft bitten. – Bei [812] der Copulation war kein Mensch als die Mutter und die jüngste Schwester. – Hr. von Thorwart als Vormund und Beystand von Beyden, Hr. von Zetto (Landrath), Beystand der Braut, und der Gilowsky [»der Windmacher«, Bruder der Catherl] als mein Beystand. Als wir zusammen verbunden wurden, fing sowohl meine Frau als ich an zu weinen; davon wurden Alle, sogar der Priester, gerührt, und alle weinten, – da sie Zeugen unserer gerührten Herzen waren. – Unser ganzes Hochzeitsfestin bestund aus einem Souper, welches uns die Frau Baronin von Waldstädten gab, – welches in der That mehr fürstlich als baronisch war. Nun freuet sich meine liebe Konstanze noch hundertmal mehr, nach Salzburg zu reisen! – und ich wette – ich wette, Sie werden sich meines Glückes erfreuen, wenn Sie sie werden kennen gelernt haben, wenn anders in Ihren Augen, so wie in den meinigen, ein gutdenkendes, rechtschaffenes, tugendhaftes und gefälliges Weib ein Glück für ihren Mann ist.


So endete diese »Entführung aus dem Auge Gottes«, wie Mozart im Scherze die Heimführung seiner Konstanze nannte. Es war kein günstiger Stern, der diesem Bunde leuchtete. Verglich Mozart das Haus seiner Lebensgefährtin mit seinem Elternhaus in Salzburg, so mochte ihm bei dem Gegensatz wohl bange werden. L. Mozarts Urteil über die Weberischen war nur allzu begründet: sie waren eine sittlich entschieden minderwertige, der inneren Zucht und Herzensbildung gänzlich entbehrende Familie, die allen niederen Trieben ungehindert die Zügel schießen ließ. Die Mutter war hierin ihr würdiges Haupt, und in dem Vormund Thorwarth fand sie einen Ehrenmann von verwandter Gesinnung. Für das seltsame Gemisch von Bauernschlauheit und Herzensroheit, womit beide den jungen Künstler einzufangen suchten, ist das schriftliche Eheversprechen, das sie ihm vorlegten, sehr bezeichnend. Daß Mozart von Konstanze verführt und so gewissermaßen zur Heirat mit ihr gezwungen worden wäre, wie neuerdings vermutet wurde44, dafür fehlt doch jeder Anhalt. Bei einem Manne von Mozarts Herzenstakt war solch grobes Geschütz gewiß nicht nötig; sein stark entwickeltes Ehrgefühl genügte, ihn bei seinem einmal gegebenen Worte festzuhalten. Freilich hat man den deutlichen Eindruck, als wäre er seinerzeit Aloysia gegenüber von Anfang an innerlich weit stärker beteiligt gewesen als jetzt im Falle Konstanzes. Damals war die Liebe mit Sturmesflügeln über sein junges Herz dahingebraust und hatte den ganzen Menschen mit fortgerissen. Die Liebe zu Konstanze dagegen hatte durchaus nichts Elementares, sie begann mit harmloser Neckerei, bei der sich Mozart seiner Art gemäß wohl etwas mehr gehen ließ als andere, und als sich dann allmählich auch seine Sinne entzündeten, wurde es der schlauen Mutter im Verein mit Thorwarth nicht schwer, das Netz zuzuziehen. Das Gerede der Leute, an dem jene beiden nicht unbeteiligt waren, sowie der Widerstand des Vaters taten das ihre, um Wolfgang mehr und mehr an Konstanzes Seite zu treiben und sie ihm als eine von aller Welt verkannte Märtyrerin erscheinen zu lassen, die er unter allen Umständen »erretten« müsse. Gewiß war seine Liebe durchaus ehrlich und tief und wurde um so [813] wärmer, je mehr er für sie kämpfen mußte. Aber seine Bekenntnisse erheben sich nicht mehr zu dem hinreißenden Schwung der Leidenschaft wie im Falle Aloysias, sie haben besonders dem Vater gegenüber manchmal fast etwas Krampfhaftes. Aber über alles Lob erhaben ist die Ehrlichkeit und sittliche Vornehmheit, mit der er die Angelegenheit, nachdem er sich einmal gebunden hatte, auch zum Ende führte. Sie hat ihn zum eigentlichen Sieger in dem ganzen, unerquicklichen Handel gemacht, mochten Frau Weber und Thorwarth auch noch so sehr über den gelungenen Streich frohlocken.

Und Konstanze? Es ist äußerst schwer, von ihrem Wesen zur Zeit ihrer Verlobung und Ehe mit Mozart ein klares Bild zu gewinnen. Die meisten zeitgenössischen Berichte über sie stammen aus ihrer Witwenschaft und zweiten Ehe, als sich ihr Charakter unter dem Einflusse Mozarts und namentlich Nissens erheblich gewandelt hatte45. Indessen kann uns eben die Tatsache dieser Wandlung den besten Aufschluß über ihr Wesen geben, das dank der leidigen Sitte mancher Biographen, die Frauen großer Männer schlankweg als Engel oder Teufel hinzustellen, bis auf den heutigen Tag noch nicht voll aufgeklärt ist46. Sittenzeugnisse auszustellen, gehört aber nicht zum Amt des Historikers; er hat sich einfach an die Tatsachen zu halten, und deren Gewebe liegt auch in Konstanzes Fall viel zu verwickelt, als daß man ihr ganzes Wesen mit einer mehr oder weniger schlechten Note abtun könnte.

Gewiß hatte sie an der allgemeinen sittlichen Entartung ihrer Familie ihren angemessenen Anteil. Diese bestand vor allem in einem gänzlichen Mangel an innerer Zucht, an Sittlichkeit in höherem Sinne. Stattdessen herrschte bei den Weberschen ein triebhaftes, elementares Wesen, das nur ein Ziel, den nächsten äußeren Vorteil kannte. Bald brauste man in fesselloser Leidenschaftlichkeit auf, bald schwelgte man in Rührseligkeit, stets nur dem augenblicklichen Impulse folgend. Dahin gehört Konstanzes unbesonnenes Verhalten bei jenem Zerwürfnis mit ihrem Bräutigam und wohl auch ihr plötzlicher Wegzug von der Mutter; ebenso handelte sie, als sie jenen berüchtigten Kontrakt zerriß, sicher nicht aus innerem Herzenstakt, sondern aus einer augenblicklichen sentimentalen Wallung heraus. Ja, selbst nach Mozarts Tod steht der gefühlvolle Erguß, den sie in sein Stammbuch schrieb, unmittelbar neben ihrer auffallenden Gleichgültigkeit gegen seine Grabstätte.

Derartige schwankenden Charaktere aber einfach als schlecht zu bezeichnen, geht doch nicht an, denn es fehlt ihnen zum Bösen die Energie so gut wie zum Guten; wohl aber pflegen sie sich in enger Anpassung an ihre jeweilige Umgebung weiter zu entwickeln. Dafür ist gerade Konstanze [814] ein besonders schlagendes Beispiel. Es ist außer Frage, daß sie als Mozarts Braut, unter dem Einflusse der Mutter, eine richtige »Weberische« in Leopolds Sinne war. Gewiß hat sie ihn geliebt, wenn auch auf ihre triebhaftsinnliche Art und ohne jede Ahnung von den sittlichen Grundlagen ihrer künftigen Ehe. In den neun Jahren ihrer Ehe mit Mozart begann sich jedoch ihr Charakter unter dem Einflusse seiner Persönlichkeit merklich zu wandeln. Nicht als ob sie sich nunmehr über sittliche Fragen Gedanken zu machen und bewußt an sich selbst zu arbeiten begonnen hätte. Sie paßte sich vielmehr seiner Art, natürlich nur so weit, als sie sie selbst zu begreifen vermochte, ganz naiv und unbewußt allmählich an. Mancher ursprünglich Webersche Zug fand dabei eine unheilvolle Verstärkung. Mozarts feuriges Künstlertemperament, seine lebensfreudige und etwas lässige Art waren keineswegs geeignet, ihr jähes und dabei doch indolentes Wesen zu dämpfen, und vor allem war Mozart der letzte, der durch sein Beispiel die in ihr schlummernden häuslichen Tugenden zu erwecken vermocht hätte. Das Lob der Wirtschaftlichkeit, das er ihr als Bräutigam spendet, mag vielleicht für ihre Mädchenzeit, da sie unter der Zucht der Mutter stand, stimmen; für ihre erste Ehe dagegen trifft, wie zahlreiche Belege lehren, weit eher das Gegenteil zu. Mozart selbst war alles eher als ein guter Haushälter, und da sie von Natur viel zu haltlos war, um hier in die Bresche zu springen, so paßte sie sich ihm auch in dieser Hinsicht an und ließ die Dinge gehen, wie sie wollten. Daß sie gerade einem solchen Manne gegenüber besondere Pflichten hatte, der Gedanke lag ihr vollständig fern. War somit der Einfluß Mozarts für die Entwicklung ihres Charakters in mancher Hinsicht nichts weniger als günstig, ja für beide geradezu verhängnisvoll, so weckte er in ihr doch auch andere, gute Seiten. In dem Tagebuch, das uns aus ihrer letzten Lebenszeit erhalten ist47, berührt besonders wohltuend ein Zug echter Menschenfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft, den besonders ihre engere Familie erfuhr; es klingen hier echte Gemütstöne an, die den Weberischen von Hause aus fremd sind. Darin wird man einen Abglanz des Mozartschen Wesens und seiner Sittlichkeit erblicken dürfen. Nach dieser Richtung hin ist es Wolfgang wirklich gelungen, einen Strahl seiner Herzensgüte und seines Humanitätsideals auch in ihr Herz zu senken und dadurch das Triebhafte ihres Wesens immer wieder zu dämpfen. Auch ist sie ihren Söhnen eine treue und liebende Mutter gewesen, wenngleich auch hier bezeichnend ist, daß sie entschieden parteiisch war und den jüngeren Sohn Wolfgang vor dem älteren Karl bevorzugte. Eine weitere eigentümliche Wandlung ihres Charakters erfolgte in ihrer zweiten Ehe mit Nissen. Dieser ehrenwerte, pedantische Durchschnittsmensch brachte ihr, was ihr bisher zeitlebens gefehlt hatte: den inneren Halt, den solchen schwankenden Naturen allein eine stramme äußere Zucht und Ordnung zu gewähren vermag. War im Mozartschen Haushalt alles drunter und drüber gegangen, so erscheint [815] Konstanze nunmehr im Nissenschen als eine geradezu musterhafte Hausfrau von peinlicher Gewissenhaftigkeit, die alle Fäden ihres Hauswesens fest in der Hand hält. Wäre Konstanze Mozart auch nur halb so geschäftskundig und wirtschaftlich gewesen, wie Konstanze Nissen sich in ihrem Tagebuch offenbart, so wären Mozart viel Sorgen und Elend erspart geblieben. Im allgemeinen gewinnen wir daraus das Bild einer nicht eben bedeutenden alten Frau, die in den Dingen des Alltags aufgeht, von naiver Frömmigkeit und den Ihren herzlich zugetan, aber durchaus nicht den Eindruck einer Frau, die ihre besten Jahre an der Seite eines genialen Künstlers verlebt hat. Große Erlebnisse pflegen gerade im Gedächtnis alter Leute in besonders leuchtenden Farben wieder aufzutauchen; von schärferen Eindrücken aus ihrem Zusammenleben mit Mozart, die auf tiefere innere Erlebnisse hindeuteten, bringt das Tagebuch aber kaum eine Spur. Es bleibt bei allgemeinen Ausdrücken der Liebe und Verehrung, und auch die künstlerischen Erinnerungen sind auffallend schwach vertreten.

Das mag um so mehr befremden, als sie an dem großen musikalischen Talent der Weberschen Familie einen erheblichen Anteil hatte. Sie »spielte Klavier und sang ganz artig«48, und Mozart hat ihr während dieser Zeit verschiedene Kompositionen gewidmet, die merkwürdigerweise größenteils nicht vollendet wurden, so eine Sonate für zwei Klaviere mit der Überschrift »Per la Signora Constanza Weber – ah«, eine Violinsonate in C-Dur (K.-V. 403, S. XVIII. 38, aus 1782, überschrieben »Sonate Première. Par moi W.A. Mozart pour ma très chère épouse«; die letzten Takte des Finales fehlen); auch einen Marsch für Klavier erwähnt sie als Witwe49. Ihre Hauptstärke aber war der Gesang. Zwar standen ihre Mittel denen ihrer Schwestern Aloysia und Josepha nach, sie sang aber doch recht gut, besonders vom Blatt, und Mozart hat deshalb manches Werk zuerst mit ihr probiert. Auch schrieb er für sie Solfeggien (»per la mia cara Costanza« und »per la mia cara consorte« K.-V. 393, S. XXIV. 49), größere Stücke, und »Esercizj«, technische Übungen von nur wenigen Takten50. Die nach ihrem Briefe an Härtel vom 25. Februar 1789 für sie komponierte Arie »In te spero, o sposo amato«51 stellt an Höhe und Beweglichkeit der Stimme Ansprüche, die an Aloysia gemahnen52. So sang Konstanze nicht allein im kleineren Kreise, sondern auch die Sopransoli der c-Moll-Messe (K.-V. 427, S. XXIV 29) in Salzburg, ja sie trat noch 1796 zu Berlin in einem von ihr veranstalteten Konzert als Solistin auf.

[816] Sie hatte überhaupt Sinn für ernste Musik, veranstaltete öfter in ihrem Hause an Familienfesten Aufführungen von Kirchenwerken M. oder J. Haydns53 und war besonders für Bachsche und Händelsche Fugen eingenommen. Hier gebührt ihr tatsächlich, wie bald zu zeigen sein wird, ein gewisser Anteil an der großen Stilwandlung, die im Jahre 1782 Mozarts ganze Kunst erfaßte. Das hat die beiden Gatten ohne Zweifel einander rascher nähergebracht. Die volle künstlerische Größe ihres Mannes hat Konstanze freilich nicht geahnt, und es wäre töricht, ihr daraus einen Vorwurf zu machen. Daß er ein bedeutendes Talent war, ist ihr sicher zum Bewußtsein gekommen, ja, Nissen deutet einmal an, sie hätte »vielleicht mehr für sein Talent als für seine Person gefühlt«54. Trotzdem hatte auch dieser ihr musikalischer Einfluß auf ihn seine Grenzen. Meist wird dies damit erklärt, daß Mozarts Schöpferkraft einer derartigen Anregung überhaupt nicht bedurfte55. Wir hören, daß sie seine Zerstreutheit, wenn er musikalischen Gedanken nachhing, freundlich ertrug, daß sie ihm bei seiner Arbeit auf seinen Wunsch Märchen und Kindergeschichten vorlas, an denen er um so herzlicher Gefallen fand, je possenhafter sie waren, ohne sich beim Schaffen stören zu lassen56. Gewiß hat Mozart eine solche Anregung durch seine Frau, wie sie vielen Künstlern des 19. Jahrhunderts durch ihre hochgebildeten Gattinnen zuteil wurde, nicht vermißt, andererseits kann die Tatsache, daß er Konstanze an der Fülle seiner inneren Gesichte nicht teilnehmen ließ, doch auch darin ihre Erklärung finden, daß hinter ihrem Talent eben nicht die Persönlichkeit stand, die seine Welt- und Kunstanschauung zu begreifen imstande gewesen wäre. Gerade das war und blieb ihr aber verschlossen; sie hatte bei aller Begabung nicht das Talent, seine Muse zu werden, und erst lange nach seinem Tode, als sein Ruhm die Welt zu erfüllen begann und sie begeisterte Verehrer seiner Kunst aus aller Herren Länder empfing, ging ihr eine dunkle Ahnung von der wirklichen Größe des Mannes auf, der da neun Jahre lang sein anspruchsloses und kümmerliches Dasein an ihrer Seite geführt hatte.

Mozart dagegen war ihr mit der ganzen Ursprünglichkeit und Ritterlichkeit seines Wesens zugetan. Mit feinem Takte fand er bald heraus, womit er sich ihre Liebe dauernd erhalten und sichern konnte, paßte sich in nie versagender Güte ihrem Wesen an und brachte es allmählich so weit, die schlimmen Seiten ihres Charakters nach Kräften hintanzuhalten und dafür alle guten Regungen, deren ihre Seele überhaupt fähig war, ans Licht zu locken. Er kannte vor allem ihr lebenslustiges Wesen, das in ihm verwandte Seiten berührte, und sorgte dafür, sie stets bei guter Laune zu erhalten. Den äußeren Eindruck, den die Mozartsche Ehe auf die Umgebung machte, schildert der treue Niemetschek mit den Worten57:


»In seiner Ehe mit Konstanze Weber lebte Mozart vergnügt. Er fand an ihr ein gutes, liebevolles Weib, die sich an seine Gemütsart vortrefflich anzuschmiegen [817] wußte und dadurch sein ganzes Zutrauen und eine Gewalt über ihn gewann, welche sie nur dazu anwendete, ihn oft von Übereilungen abzuhalten. Er liebte sie wahrhaft, vertraute ihr alles, selbst seine kleinen Sünden – und sie vergalt es ihm mit Zärtlichkeit und treuer Sorgfalt. Wien war Zeuge dieser Behandlung und die Witwe denkt nie ohne Rührung an die Tage ihrer Ehe.«


Das heitere Mozartsche Ehepaar war den Wienern bald wohlbekannt. Auf einem Spaziergang im Augarten scherzten sie eines Tages mit Konstanzes Lieblingshund, und sie forderte ihn auf, sie zum Spaß zu schlagen, der Hund werde dann wütend auf ihn losfahren. Als er dies tat, kam gerade der Kaiser aus seinem Sommerhause und sagte: »Ei ei, erst drei Wochen verheiratet und schon Schläge!«, worauf ihm Mozart lachend den Zusammenhang erklärte. Als dann später (1785) viel über die unglückliche Ehe Langes gesprochen wurde58, sagte der Kaiser zu Konstanze gelegentlich einer Begegnung: »Was für ein Unterschied, einen braven Mann zu haben!«59 Auch der Tenorist Kelly berichtet von »Mozarts leidenschaftlicher Liebe zu seiner Frau«60. Die Briefe, die er in späteren Jahren von der Reise an sie schrieb, sind ein beredtes Zeugnis für die gemütvolle, rührende Neigung, die er ihr entgegenbrachte, und sie selbst hat später darauf großen Wert gelegt, daß sie »zu seiner Ehre« gebührend bekannt würden61. Im schönsten Licht erscheint seine aufopfernde Fürsorge während ihrer Kränklichkeit, die eine Folge häufiger, zum Teil schwerer Wochenbetten war und sie besonders im Jahre 1789 monatelang in Lebensgefahr brachte. Nichts versäumte er da, was ihr Erleichterung schaffen konnte, so schwer sein Haushalt auch durch den wiederholten Kuraufenthalt in Baden belastet wurde62. Mozart ritt häufig um fünf Uhr spazieren, ließ aber stets am Bette seiner Frau einen Zettel zurück mit Vorschriften wie der folgenden:


Guten Morgen, liebes Weibchen, ich wünsche daß Du gut geschlafen habest, daß Dich nichts gestört habe, daß Du nicht zu jäh aufstehest, daß Du Dich nicht erkältest, nicht bückst, nicht streckst, Dich mit Deinen Dienstboten nicht zürnst, im nächsten Zimmer nicht über die Schwelle fällst. Spar häuslichen Verdruß bis ich zurückkomme. Daß nur Dir nichts geschieht! Ich komme um – Uhr63.


Einen andern rührenden Zug berichtet Frau Haibl64:


Wie war Mozart besorgt, wenn seinem lieben Weibchen etwas fehlte! So war es einmal, als sie schwer krank lag und ich volle acht Monate bei ihr wartete. Ich saß an ihrem Bette, Mozart auch. Er componirte an ihrer Seite, ich beobachtete ihren nach so langer Zeit eingetretenen Schlummer; stille hielten wir alles wie in [818] einem Grabe, um sie nicht zu stören. Plötzlich trat ein roher Dienstbote ein. Mozart erschrak aus Furcht, seine Frau möchte gestört werden, wollte winken still zu seyn und rückte den Sessel rückwärts hinter sich weg, indem er gerade das Fe dermesser offen in der Hand hielt. Dieses spießte sich zwischen den Sessel und seinen Schenkel, so daß es ihm bis an das Heft in das dicke Fleisch ging. Er, der sonst wehleidig war, machte keine Bewegung und verbiß seinen Schmerz, winkte mir ihm hinauszufolgen. Wir gingen in ein Zimmer, in welchem unsere gute Mutter verborgen sich aufhielt, weil wir den guten Mozart nicht wollten merken lassen, wie schlecht seine Frau sei, damit die Mutter dort gleich zur Hülfe da sei. Sie verband ihn und stellte ihn durch Johannisöl wieder her. Obgleich er vor Schmerzen etwas krumm ging, machte er es doch so, daß seine Frau nichts erfuhr.


Diese treue Fürsorge für seine Frau schloß freilich nicht aus, daß es Mozart mit der ehelichen Treue mitunter nicht eben genau nahm. Er selbst gesteht es zu, daß er für weibliche Reize sehr empfänglich war und mit jedem Mädchen, das ihm gefiel, zu spaßen und sich herumzunecken liebte. Bei diesen harmlosen Tändeleien ist es aber nicht immer geblieben; sein heißes Blut, sein leidenschaftliches Künstlertemperament ließen ihn auch außerhalb der Ehe erotische Erlebnisse zwar nicht geflissentlich aufsuchen, aber auch nicht grundsätzlich vermeiden. Daß er für käufliche Liebe nicht zu haben war, dürfen wir ihm aufs Wort glauben65, dagegen scheint er, was den Stand seiner zeitweiligen Geliebten anlangt, nicht eben wählerisch gewesen zu sein. Aber er war offen genug, solche »Stubenmädeleien«, wie Konstanze derartige Zerlinenabenteuer nannte, ihr freimütig zu bekennen, und sie verzieh sie ihm auch, denn er war, wie sie selbst später erzählte, »so lieb, daß es nicht möglich war ihm böse zu sein, man mußte ihm wieder gut werden!« Immer war das freilich, wie ihre Schwester berichtet, nicht der Fall, es kam mitunter sogar zu heftigen Auftritten zwischen den beiden Gatten, vor allem wenn es sich nicht bloß um Stubenmädeleien, sondern um ernsthaftere Neigungen, namentlich zu Künstlerinnen handelte, hinter denen Konstanze mit Recht gefährlichere Nebenbuhlerinnen witterte66. Wer die einzelnen gewesen sind, läßt sich nicht mehr feststellen. Der literarische Klatsch hat natürlich bei seiner Vorliebe für derlei Dinge im Laufe der Zeit ein ganzes Leporelloregister aufgestellt, in dem fast keine von Mozarts Schülerinnen und Darstellerinnen fehlt. Ja, man hat Mozart sogar schon als das leibhaftige Vorbild seines Don Giovanni bezeichnet, gilt doch vielen Leuten, namentlich von heute, ein besonders bewegtes »Liebesleben« als das Hauptmerkmal echten Künstlertums. Eine Don-Giovanni-Natur ist indessen Mozart zeitlebens nie gewesen, und es ist auch sehr zweifelhaft, ob den großen Frauengestalten seiner Meisterwerke bestimmte Persönlichkeiten als Vorbilder zugrundeliegen oder ob sie nicht vielmehr, gleich den männlichen, lediglich Geschöpfe seiner Phantasie sind. Auffallend bleibt [819] jedenfalls, daß sich kein einziges dieser vermeintlichen »Urbilder« auch nur annähernd bestimmen läßt. Bei der gesamten Betrachtung dieser galanten Abenteuer, die man übrigens zudem auch noch mit dem Maßstab der damals in Wien geltenden Sittlichkeitsbegriffe messen muß67, ist zweierlei auf alle Fälle gänzlich unangebracht: Mozart zu einem liederlichen, »interessanten Bohémien« herunterzuschrauben und ihn andererseits um der gemeinen Moral willen von allen derartigen »Sünden« weißwaschen zu wollen, wie dies auch noch Jahn tut68. Wir haben kein Recht, ihn, den Ausnahmemenschen, nach dem bürgerlichen Sittlichkeitskodex zu beurteilen, sondern tun gut daran, ihn zu nehmen, wie er ist.

Zu einer nachhaltigeren Störung des ehelichen Verhältnisses ist es indessen trotz allem nicht gekommen. Auch Konstanze gab ihrem Gatten übrigens mehrfach Anlaß zu ernsten Vorhaltungen über ihr allzu freies Benehmen. »Mich freut es ja, wenn Du lustig bist, gewiß«, heißt es in einem Briefe aus dem August 178969, »nur wünschte ich, daß Du Dich bisweilen nicht so gemein machen möchtest ... Ein Frauenzimmer muß sich immer in Respekt erhalten, sonst kömmt sie in das Gerede der Leute«.

Im allgemeinen war Mozart trotz allen gelegentlichen Wallungen seines Blutes eine dem Stetigen zugewandte Natur. Das beweisen seine Worte an einen seiner liebsten Freunde, Gottfried v. Jacquin (Prag, 4. Nov. 1787)70:


Nun, liebster Freund, wie befinden Sie sich? Ich hoffe, daß Sie sich alle so wohl und gesund befinden mögen wie wir; am vergnügt seyn kann es Ihnen, liebster Freund, wohl nicht fehlen, da Sie alles besitzen, was Sie sich in Ihren Jahren und in Ihrer Lage nur wünschen können! besonders da Sie nun von Ihrer vorigen, etwas unruhigen Lebensart ganz zurückzukommen scheinen. Nicht wahr, Sie werden täglich mehr von der Wahrheit meiner kleinen Strafpredigten überzeugt? Ist das Vergnügen einer flatterhaften, launigten Liebe nicht himmelweit von der Seligkeit unterschieden, welche eine wahrhafte, vernünftige Liebe verschafft? Sie danken mir wohl gar öfters so in Ihrem Herzen für meine Belehrungen! Sie werden mich noch ganz stolz machen! – Doch, ohne allen Spaß – Sie sind mir doch im Grunde ein bischen Dank schuldig, wenn Sie anderst der Frl. N. würdig geworden sind, denn ich spielte doch bey Ihrer Besserung oder Bekehrung gewiß nicht die unbedeutendste Rolle.


Am meisten Stoff fand das Gerede über seinen unsittlichen Lebenswandel im Sommer 1791, als er mit Schikaneder, dessen Liederlichkeit stadtbekannt war, zusammenlebte (Konstanze war wieder zur Kur in Baden). Die damit verbundene Freiheit und Schikaneders Vorbild haben ihn damals in das wüste Treiben mit hineingerissen, und da es der letzte Sommer seines Lebens war, blieben gerade diese Vorgänge besonders im Gedächtnis der Leute haften71.

[820] Ein besonders trübes Bild gewährt die äußere Lage Mozarts in den letzten zehn Jahren seines Lebens. Sie sind eine einzige Kette von Sorgen, Entbehrungen und Krankheiten aller Art, die im Verein mit seinem ungeheuren, zuzeiten geradezu fieberhaften Arbeitsdrang seine an und für sich schon zarte und schwächliche Gesundheit langsam, aber sicher zerstörten. Ein großer Teil der Schuld lag freilich an ihm selbst. Er hatte nicht die Gabe, die Dinge des praktischen Lebens mit richtigem Blicke zu erkennen und noch viel weniger die Energie, sie zu seinem Vorteil zu meistern. Der Vater hatte vollauf recht, wenn er schon aus praktischen Gründen seine Heirat unüberlegt fand, denn seine Aussichten auf ein sicheres Fortkommen waren damals so gering wie nur je zuvor. Nachdem der Schritt aber einmal getan war, hätte es sich für beide Ehegatten darum gehandelt, das Steuer ihres schwankenden Lebensschiffleins fest in die Hand zu nehmen, das wenige, was sie hatten, straff zusammenzuhalten und durch eine zielbewußte Lebensführung ihre Kräfte für den Kampf ums Dasein zu schonen und zu stählen. Daß Mozart selbst in allen wirtschaftlichen Fragen ein reines Kind war, wissen wir längst. Er ist es auch als Ehemann geblieben. Wohl war er in seiner Gutmütigkeit unermüdlich bestrebt, für das Nächstliegende zu sorgen und namentlich seiner Frau ihre drückende Lage zu erleichtern. Aber es blieb meist bei einzelnen, aus augenblicklicher Eingebung heraus geborenen, ziellosen Versuchen; die kräftige Hand des Hausherrn hat der Mozartsche Haushalt nie zu spüren bekommen. Die größere Schuld fällt dabei allerdings Konstanze zu, deren Pflicht es gewesen wäre, hier in die Bresche zu springen. Sie besaß, wie ihre Ehe mit Nissen beweist, entschieden wirtschaftliches Talent, aber es mußte vom Gatten geweckt und geleitet werden, und dazu war eben Mozart nicht der richtige Mann. So verharrte sie in ihrer echt Weberschen Art, über den Ansprüchen an das Leben die damit verbundenen Pflichten zu leicht zu nehmen. Die Folge davon war eine unordentliche und unregelmäßige Lebensführung, die Mozarts Gesundheit nur noch weiter untergrub.

Trotz dem Erfolge der Entführung konnte sich sein Ansehen in Wien keineswegs mit dem der eingesessenen, maßgebenden Musiker messen. Von seinen italienischen Jugendopern wußte man so gut wie nichts, der Idomeneo hatte es über einen Münchner Lokalerfolg nicht hinausgebracht, und selbst über die Entführung hatten sich manche Leute, wie z.B. Joseph II. selbst, nicht ohne Vorbehalt geäußert. Auch seine Salzburger Kirchenwerke waren dem Publikum so gut wie unbekannt. Da hatten also in den Augen der Wiener die Salieri, Bonno, Starzer und wie sie alle hießen, [821] doch andere Leistungen aufzuweisen, von Gluck ganz zu schweigen. Zudem befanden sich alle jene Leute in festen Stellen, während für den neu angekommenen Mitbewerber erst eine weitere hätte geschaffen werden müssen. Dazu aber waren die Aussichten bei dem sparsamen kaiserlichen Hofhalt sehr gering. Der Mißerfolg bei der Prinzessin Elisabeth hatte Mozart außerdem auf manche Gegnerschaften anderer Art aufmerksam gemacht, und als ihm dann vollends die Entführung trotz allem Beifall nicht die erhoffte Stelle einbrachte, da faßte er, leidenschaftlich aufbrausend wie immer, wenn ihm ein Plan unerwartet fehlschlug, den Entschluß, Wien den Rücken zu kehren. Der ganze Stolz des deutschen Künstlers kommt in dem Brief an den Vater (17. Aug. 1782) zum Ausdruck72:


Die Herren Wiener (worunter aber hauptsächlich der Kayser verstanden ist) sollen nur nicht glauben, daß ich wegen Wien allein auf der Welt seye. – Keinem Monarchen in der Welt diene ich lieber als dem Kayser – aber erbetteln will ich keinen Dienst. Ich glaube so viel im Stande zu seyn, daß ich jedem Hofe Ehre machen werde. Will mich Teutschland, mein geliebtes Vaterland, worauf ich (wie Sie wissen) stolz bin, nicht aufnehmen, so muß in Gottes Namen Frankreich oder England wieder um einen geschickten Teutschen mehr reich werden, – und das zur Schande der teutschen Nation. Sie wissen wohl, daß fast in allen Künsten immer die Teutschen diejenigen waren, welche excellirten. – Wo fanden sie aber ihr Glück? wo ihren Ruhm? – in Teutschland wohl gewiß nicht! – Selbst Gluck – hat ihn Teutschland zu diesem großen Manne gemacht? – leider nicht! Gräfin Thun, Graf Zichy, Baron van Swieten, selbst der Fürst Kaunitz ist deswegen mit dem Kayser sehr unzufrieden, daß er nicht mehr die Leute von Talent schätzt und sie aus seinem Gebiete läßt. – Letzterer sagte jüngsthin zum Erzherzog Maximilian, als die Rede von mir war, daß solche Leute nur alle 100 Jahre auf die Welt kämen, und solche Leute müsse man nicht aus Teutschland treiben – besonders wenn man so glücklich ist, sie wirklich in der Residenzstadt zu besitzen. – Sie können nicht glauben, wie gütig und höflich der Fürst Kaunitz mit mir war, als ich bey ihm war; – zuletzt sagte er noch: Ich bin Ihnen verbunden, mein lieber Mozart, daß Sie sich die Mühe gegeben haben mich zu besuchen usw. Sie können auch nicht glauben, was sich die Gräfin Thun, Baron van Swieten und andere Große für Mühe geben mich hier zu behalten; – allein – ich kann auch nicht so lange warten – und will auch wirklich nicht so auf Barmherzigkeit warten, – finde, daß ich eben auch (wenn es schon der Kayser ist) seine Gnade nicht so vonnöthen habe.


Allen Ernstes dachte er daran, in den nächsten Fasten nach Paris zu gehen und hatte auch bereits an Le Gros geschrieben. Aufträge für die »Concerts spirituels« und »des amateurs« sollten ihm, so hoffte er, zugleich auch Schüler verschaffen; das Hauptaugenmerk richtete er freilich auf die Oper73. Bereits hatte er auch wieder Französisch zu treiben begonnen und im Hinblick auf einen Abstecher nach England sogar drei englische Stunden genommen74. Mit solchen Plänen trug er sich schon vierzehn Tage nach seiner Hochzeit! [822] Kein Wunder, daß der Vater nachdrücklichen Einspruch dagegen erhob; er schrieb sogar noch an die Baronin v. Waldstädten (23. Aug. 1782)75:


Ich würde ganz beruhiget seyn [über die Heirat], wenn ich nur nicht bey meinem Sohn einen Hauptfehler entdeckte, und dieser ist, daß er gar zu geduldig oder schläferig, zu bequem, vielleicht manchmal zu stolz, und wie Sie dieses alles zusammen taufen wollen, womit der Mensch ohnthätig wird: oder er ist zu ungeduldig, zu hitzig und kann nichts abwarten. Es sind zween einander entgegenstehende Sätze, die in ihm herrschen – zu viel oder zu wenig und keine Mittelstraße. Wenn er keinen Mangel hat, dann ist er allsogleich zufrieden und wird bequem und ohntäthig. Muß er sich in die Activität setzen, dann fühlt er sich und will allsogleich sein Glück machen. Nichts soll ihm im Wege stehen, und leyder werden eben nur den geschicktesten Leuten, den besonderen genies die meisten Hindernisse in den Weg gelegt. Wer steht ihm in Wien im Wege, seine angetretene Laufbahn fortzugehen, wenn er ein wenig Geduld hat? – Kapellmeister Bonno ist ein uralter Mann – Salieri rückt nach dessen Tod vor und macht einem anderen Platz, und ist nicht Gluck auch ein alter Mann!? – Gnädige Frau! sprechen Sie ihm Geduld ein und erlauben Sie, daß ich mir die Gnade ausbitten darf, Euer Hochgebohrne Meinung hierüber zu vernehmen.


Diesmal drang L. Mozart durch: Wolfgang entschloß sich, noch einige Zeit in Wien zu warten, da ihm ja Frankreich und England jederzeit offenstünden76. Zunächst war er ja auch mit seinen Fortschritten in Wien zufrieden. Auf der mit der Entführung betretenen Bahn weiterzugehen war ihm freilich durch den eintretenden Verfall des Nationalsingspiels unmöglich gemacht, ebensowenig dachte man seiner, als wieder eine italienische Oper eingerichtet wurde. Dafür beauftragte ihn der Kaiser 1786 mit der Komposition des »Schauspieldirektors« und des »Figaro«. Aber die sehnlichst erwartete Anstellung blieb nach wie vor aus, und jetzt richteten sich seine Blicke ernstlich auf England. Angeregt wurde dieser Gedanke durch eine Anzahl von Engländern, die damals in seinem Hause verkehrten. Es waren Thomas Attwood (1767–1838), der 1785 aus Italien nach Wien gekommen und Mozarts Schüler geworden war, ferner die beiden Mitglieder der italienischen Oper, der Tenorist Michael Kelly, ein Ire, und die Primadonna Nancy Storace, deren Bruder Stephan sich als Komponist ebenfalls eine Zeitlang in Wien aufhielt. Anfang November 1786 teilte Mozart seinem Vater seine Absicht mit, in der zweiten Hälfte des Faschings mit Konstanze eine Reise durch Deutschland nach England zu machen, falls der Vater sich entschließen könnte, während dieser Zeit seine beiden Kinder mit den Mägden zu sich zu nehmen. »Ich habe aber tüchtig geschrieben«, meldet dieser seiner Tochter Marianne (17. Nov. 1786)77, »und versprochen die Kontinuation meines Briefes mit nächster Post ihm zu schicken. – Das wäre freilich nicht übel, – sie könnten ruhig reisen – könnten sterben – könnten in Engelland bleiben – – da könnte ich ihnen mit den Kindern nachlaufen usw. [823] oder der Bezahlung für die Kinder, die er mir für Menscher und Kinder anträgt usw. – Basta! Meine Entschuldigung ist kräftig und lehrreich, wenn er es benutzen will«. Deutlich spricht aus dieser Absage der alte Groll gegen den Sohn und dessen Frau; unterdessen verbrachte die seit dem August 1784 verheiratete Tochter das Wochenbett in seinem Hause, und auch ihr Söhnchen Leopold behielt er darauf noch bei sich, ohne Wolfgang ein Wort davon zu sagen. Dieser gab seinen Plan zunächst auf. Als aber seine englischen Freunde Anfang 1787 von Wien nach England zurückkehrten, kam er darauf zurück, doch wollte er erst abreisen, wenn Attwood ihm vorher eine Subskription für Konzerte oder einen Opernauftrag in London verschafft hätte. Er hoffte abermals, daß ihm der Vater die Sorge für die Kinder abnehmen würde, bis es entschieden wäre, ob er dauernd in England bleiben oder nach Deutschland zurückkehren würde. Auf der Durchreise machten die Engländer in Salzburg bei L. Mozart einen Besuch, der beide Teile sehr befriedigte78, aber seine Bedenken gegen Wolfgangs Reise nicht beschwichtigte. Sie bestanden, wie er seiner Tochter am 2. März 1787 schreibt79, darin, »daß er auf der Reise im Sommer nichts gewinnen, auch zu unrechter Zeit in Engelland anlangen würde, – daß er wenigst 2000 fl. im Sack haben müßte um diese Reise zu unternehmen, und daß er endlich, ohne etwas Gewisses als Engagement in London schon zu haben, es wagen würde, bey aller Geschicklichkeit anfangs wenigst sicher Not zu leiden; so wird er den Mut verloren haben, da natürlicher Weise der Bruder der Sängerin für diesesmahl eine Opera schreiben wird«.

Auch jetzt gab Mozart sein Vorhaben wieder auf, doch war das Gerücht davon ins Publikum gedrungen80, und dies veranlaßte den Kaiser, ihn nun doch fest anzustellen und dadurch an Wien zu fesseln. Leider hat dies L. Mozart nicht mehr erlebt: er starb schon am 28. Mai 1787. Da keine Kapellmeisterstelle frei war, so ernannte Joseph II. Mozart zu seinem Kammermusikus mit einem Gehalt von 800 fl.81 Daß es nicht höher war, schrieb man dem EinflusseStracks zu. Indessen liegt kein Grund vor, die Summe als [824] zu niedrig zu bemängeln: es war ein Anfangsgehalt, und niemand von den zur kaiserlichen Kammer gehörenden Musikern erhielt mehr. Gänzlich unangebracht ist vollends der Vergleich mit Gluck82, der am 18. Okt. 1754 von Maria Theresia mit 2000 fl. Gehalt als k.k. Kammerkompositeur angestellt worden war. Denn Gluck war bereits damals ein Künstler von Weltruf gewesen und hatte sich auch dem Wiener Hofe durch eine größere Anzahl von Werken empfohlen. Am 15. Nov. 1787 war er als ein wahrer Fürst im Reiche der Tonkunst gestorben – konnte man es dem Kaiser wirklich verargen, wenn er zwischen ihm und Mozart, der ihm als ein wenn auch noch so hoffnungsvoller Neuling galt, auch im Gehalt einen Unterschied machte? Mozart selbst war mit dem Gehalt zunächst auch durchaus zufrieden; was später sein Ehrgefühl verletzte, war nur, daß man ihm nicht genügend Gelegenheit gab, es sich auch wirklich zu verdienen. Er erhielt vom Hofe viel zu wenig Aufträge und fühlte sich dadurch in seinem künstlerischen Schaffen stark gelähmt. Als er sein Vermögen der Vorschrift gemäß auf einem versiegelten Zettel angeben mußte, fügte er die bittern Worte hinzu: »Zuviel für das, was ich leiste, zu wenig für das, was ich leisten könnte.«83 Man hatte ihm freilich versprochen, sein Gehalt bei Gelegenheit zu erhöhen, indessen kam Kaiser Joseph auf dieses Versprechen nicht mehr zurück. Seine letzten, von Sorgen aller Art erfüllten Lebensjahre waren nicht dazu angetan, seine warme Anteilnahme an Kunst und Künstlern auf der alten Höhe zu erhalten, und so trat auch die Sorge für den jungen Meister bald in den Hintergrund, zumal da dieser gar nicht die Gabe hatte, sich wieder in Erinnerung zu bringen.

Einmal hätte Mozart allerdings, einer verbreiteten Überlieferung gemäß, die beste Gelegenheit gehabt, aus allen künstlerischen und finanziellen Nöten herauszukommen: als ihm bei seinem Aufenthalt in Berlin im Mai 1789 König Friedrich Wilhelm II. die Stelle eines Kapellmeisters mit 3000 Talern Gehalt anbot. Mozart soll gerührt geantwortet haben: »Soll ich meinen guten Kaiser ganz verlassen?« Darauf habe, so wird berichtet, der König ihm zugesprochen, sich den Vorschlag noch näher zu überlegen und verheißen, er werde sein Anerbieten aufrechterhalten, selbst wenn Mozart auch erst nach Jahr und Tag komme. Nach Wien zurückgekehrt, habe er zunächst den Antrag überhaupt nicht erwähnt und erst auf Zureden seiner Freunde die Sache dem Kaiser vorgetragen und um seinen Abschied gebeten. Betroffen habe Joseph gefragt: »Wie? Sie wollen mich verlassen, Mozart?« Da habe dieser gerührt erwidert: »Ew. Majestät, ich empfehle mich zu Gnaden, ich bleibe.« Einem Freunde aber, der ihn fragte, ob er die Gelegenheit nicht benützt habe, sein Wiener Einkommen zu verbessern, habe er unwillig geantwortet: »Der Teufel denke in solcher Stunde daran!«84

[825] Gegen die Echtheit dieser rührseligen Geschichte bestehen freilich gegründete Bedenken85. Vor allem erwähnt Mozart selbst in seinen Briefen jenes für seine Zukunft doch so entscheidende Angebot mit keinem Wort, auch der für derlei persönliche Züge sehr empfängliche Niemetschek weiß nichts davon. Ebensowenig bieten aber auch die Berliner Archive irgendwelchen Anhalt dafür86. Ferner hatte ja Mozart die ganze Reise in der geheimen Hoffnung, eine Stelle zu bekommen, überhaupt unternommen – wie sollte er nun, da er am Ziel seiner Wünsche war, plötzlich aus reiner Empfindsamkeit heraus auf alles verzichtet haben? Ein solch unglaublicher Schmachtlappen ist er nie gewesen. Ohne Bedenken hätte er vielmehr zugegriffen, wenn ihm ein solches Angebot gemacht worden wäre. Auch lehren alle seine Briefe (vgl. oben S. 821), daß seine Anhänglichkeit an Kaiser Joseph durchaus nicht so weit ging, daß er ihretwegen eine vorteilhafte Stelle ausgeschlagen hätte. König Friedrich Wilhelm II. aber war seinerseits nicht der Mann, der über die Köpfe aller seiner Berliner Musiker hinweg für einen Ausländer schlankweg eine so reich besoldete Stelle geschaffen hätte. Im höchsten Falle kann es sich also um ganz unverbindliche Besprechungen gehandelt haben, die sich dann im Munde phantasievoller und empfindsamer Leute, Rochlitz voran, zu jener Legende verdichteten. Mozart selbst geschah damit ein schlechter Dienst; es ist Zeit, daß sein Charakterbild von diesem backfischhaften, übersentimentalen Zug befreit wird. Damit fällt denn auch der Seitenhieb auf den »Dank vom Hause Österreich« weg, der an den Auftrag der Oper »Così fan tutte« geknüpft zu werden pflegt. Es war der letzte, den Mozart von Joseph II. erhielt: am 20. Febr. 1790 starb der Kaiser. Nach dem Regierungsantritt Leopolds II. versuchte Mozart, als zweiter Kapellmeister neben Salieri angestellt zu werden, der 1788 Bonnos Stelle erhalten hatte87, allein wiederum ohne Erfolg (Beil. I. 10). Nach diesen Erfahrungen mit dem Hofe sah er sich anderwärts um und richtete an den Wiener Magistrat das Ansuchen, ihn dem Kapellmeister Hofmann an der Stephanskirche beizuordnen. Das Gesuch wurde gewährt und Mozart sogar die einträgliche Stelle für den Fall von Hofmanns Tode zugesichert (s. Beilage), allein der alte Mann überlebte Mozart, und damit wurde auch diese Aussicht zu Wasser88.

So blieb Mozart, wie alle großstädtischen Musiker, deren feste Anstellung für ihren Lebensunterhalt nicht ausreichte, auf Unterricht und Konzerte als Haupteinnahmequellen angewiesen. Daß er zum Unterrichten weder besondere Lust noch besonderes Talent hatte, wissen wir. Auch in Wien hat er diese Tätigkeit stets als ein notwendiges Übel betrachtet und ist [826] darum auch nie ein »gesuchter« Lehrer geworden. Erst als die Not bei ihm aufs höchste stieg, machte er verzweifelte Anstrengungen, mehr Schüler zu bekommen89. Besonders stieß ihn das Geschäftsmäßige des Unterrichts ab; er war nur da richtig bei der Sache, wo sich auch ein persönliches Band mit dem Schüler anspann, wie bei Frau von Trattner90 oder bei der Schwester seines Freundes Gottfried von Jacquin, Franziska (der späteren Frau von Lagusius), über die er dem Freunde am 15. Jan. 1787 von Prag schreibt91:


Ihrer Frl. Schwester (der Sigra. Dini mini niri) küsse ich 100000 mal die Hände, mit der Bitte auf ihrem neuen Pianoforte recht fleißig zu seyn – doch diese Ermahnung ist unnütz, denn ich muß bekennen, daß ich noch nie eine Schülerin gehabt, welche so fleißig und so viel Eifer gezeigt hätte, wie eben sie – und in der That, ich freue mich recht sehr wieder darauf, ihr nach meiner geringen Fähigkeit weiter Unterricht zu geben.


Für diese treffliche Klavierspielerin soll Mozart das Trio für Klavier, Klarinette und Bratsche (K.-V. 498, S. XVII. 7) geschrieben haben (5. Aug. 1786)92. Auch die große vierhändige C-Dur-Sonate (K.-V. 521, S. XIX. 5) schickte er ihr nach ihrer Vollendung (29. Mai 1787) mit der Bitte, sich gleich darüberzumachen, »denn sie seye etwas schwer«93. Auch die Tochter des Salzburger Agenten Ployer, Babette, gehörte zu seinen bedeutenderen Klavierschülerinnen. Für sie komponierte er die Konzerte in Es-Dur (K.-V. 449, S. XVI. 14, 9. Febr. 1784)94 und G-Dur (K.-V. 453, S. XVI. 17, 12. April 1784) und berichtet darüber dem Vater am 9. Juni 178495:


Morgen wird bey Hrn. Agenten Ployer zu Döbling auf dem Lande Academie seyn, wo die Fräulein Babette ihr neues Concert ex G, ich das Quintett [mit Blasinstrumenten in Es-Dur, K.-V. 452], und wir beyde dann die große Sonate auf zwey Claviere spielen werden. Ich werde den Paisiello mit dem Wagen abholen, um ihm meine Composition und meine Schülerin hören zu lassen.


Von Mozarts adligen Schülerinnen und von Josepha Aurnhammer, die er mit gutem Humor unterrichtete, war schon die Rede; daß es überhaupt meist Damen waren, erklärt sich aus dem Umstand, daß das weibliche Geschlecht im damaligen vornehmen Wien dank seinem musikalischen Eifer und Geschmack überhaupt den Ton angab96. Aber auch an männlichen Schülern fehlte es Mozart nicht. Der berühmte Arzt Dr. Joseph Frank, der nebenbei ein großer Musikfreund war97, nahm 1790 zwölf Stunden bei ihm und berichtet darüber höchst anschaulich98:


[827] Ich fand Mozart, einen kleinen Mann mit dickem Kopf und fleischigen Händen, welcher mich ziemlich kalt aufnahm. Nun, sagte er, spielen Sie mir etwas vor. Ich spielte ihm eine Phantasie von seiner Composition. Nicht übel, sagte er zu meinem großen Erstaunen, jetzt werde ich sie Ihnen hören lassen. Welch Wunder! Unter seinen Fingern wurde das Clavier ein ganz anderes Instrument. Er hatte es durch ein zweites Clavier verstärkt, welches ihm als Pedal diente99 Mozart machte alsdann einige Be merkungen über die Art, wie ich seine Phantasie ausführen sollte. Ich hatte das Glück, ihn zu verstehen. – Spielen Sie noch andere Stücke von meiner Composition? – Ja, mein Herr, erwiderte ich; Ihre Variationen über das Thema: Unser dummer Pöbel meint, und eine Sonate mit Begleitung einer Violine und des Violoncello. – Gut, ich werde Ihnen dies Stück vorspielen; Sie werden mehr Nutzen haben, wenn Sie mich hören, als wenn Sie selbst spielen.


Diese charakteristische anfängliche Zugeknöpftheit Mozarts hat bekanntlich auch der junge Beethoven erfahren; Franks Bericht ist aber auch deshalb wichtig, weil er den großen Wert bezeugt, den Mozart beim Unterricht auf das lebendige Vorbild des Lehrers legte. Das bestimmte ihn, einzelne Schüler, dem alten Verhältnis zwischen Meister und Lehrlingen entsprechend, sogar ganz in sein Haus aufzunehmen, so besonders den bedeutendsten unter allen, den jungenJoh. Nepomuk Hummel (geb. 14. Nov. 1778). Er war 1785 mit seinem Vater, der 1786 Kapellmeister bei Schikaneder wurde, nach Wien gekommen und hatte schon als siebenjähriger Knabe durch sein Klavierspiel das größte Aufsehen erregt. Mozarts SchülerFreystädter brachte ihn 1787 zu Mozart. Er spielte ihm zunächst einige seiner leichteren Sonaten vor, an denen Mozart nur das zu rasche Tempo tadelte, darauf folgte der auswendige Vortrag eines seiner neuesten Konzerte100. Daraufhin nahm ihn Mozart in sein Haus auf. Wie weit er hier geregelte, sozusagen offizielle Unterrichtsstunden erhielt, wissen wir nicht, jedenfalls aber blieb er, was viel mehr besagen will, zwei Jahre lang im engsten menschlichen und künstlerischen Verkehr mit seinem großen Lehrer, dem er bald alle Neuheiten auf dem Gebiet der Klaviermusik, die ins Haus kamen, vorspielen mußte101. Überhaupt ließ sich Mozart bei der Erziehung seiner Schüler gerne gehen. Freystädter erhielt seine Unterweisung sehr häufig an einem Nebentisch während des Kegelspiels102, Attwood wurde gelegentlich statt des Unterrichts zu einer Partie Billard aufgefordert103, Hummel aber durfte den Lehrer sogar in Gesellschaften, selbst an den Hof begleiten und dabei allein und mit ihm zusammen vierhändig spielen, wobei [828] Mozart erklärte, der Knabe würde ihm als Klavierspieler bald den Rang ablaufen. Kein Wunder, daß Hummel zeitlebens mit innigster Verehrung an seinem Lehrer hing. Erst im November 1788 verließ er ihn, um mit seinem Vater eine Kunstreise anzutreten.

Außer im Klavierspiel unterrichtete Mozart auf Wunsch auch in der Theorie. Dem Unterricht einer Base des Abtes Stadler verdanken wir ein jetzt auf der Wiener Hofbibliothek befindliches Heft aus dem Jahre 1784, das uns einen Einblick in den Lehrgang tun läßt. Darnach bekam die Schülerin vom Lehrer einen Baß oder eine Melodie, die sie mehrstimmig auszusetzen hatte, darauf hat Mozart den Satz schriftlich verbessert und die begangenen Fehler italienisch oder deutsch mit kurzen Bemerkungen charakterisiert, wobei auch seine Lust an scherzhaften Wendungen zum Ausdruck kommt104. Selbstverständlich sind sie rein satztechnischer Natur. Aus derartigen Heften, von denen auch Zelter eines in Wien sah (vielleicht das erwähnte)105, ist dann später eine »kurzgefaßte Generalbaßschule« unter Mozarts Namen gedruckt und mehrfach aufgelegt worden106. Bei Vorgerückteren verfuhr er natürlich anders. Ein Heft Kompositionen von Attwood, das ihm dieser zur Durchsicht vorgelegt hatte, hat er vollständig durchkorrigiert und ganze Stellen mit dem Vermerk »das hätte ich nicht so gemacht« neu geschrieben107. Dem TenoristenKelly aber, dem sein Liedertalent den Gedanken eingab, ernstere kontrapunktische Studien zu treiben, erwiderte Mozart:


»Hätten Sie in Neapel zur rechten Zeit Contrapunkt studirt, so hätten Sie wohlgethan; jetzt, wo Sie nur an Ihre Ausbildung als Sänger zu denken haben, würden Sie nichts Rechtes erreichen. Bedenken Sie, daß halbes Wissen ein gefährlich Ding ist. Sie haben ein hübsches Talent, Melodien zu erfinden; mit ein wenig Theorie würden Sie dasselbe verderben, während Sie überall Musiker finden, die Ihnen etwas nachhelfen können. Melodie ist das Wesen der Musik. Wer Melodien erfindet, den vergleiche ich mit einem edlen Racepferd, einen bloßen Contrapunktisten mit einem gemietheten Postgaul. Darum lassen Sie es gut sein und denken Sie an das italiänische Sprichwort: chi sa più, meno sa108


[829] Mehr Befriedigung und weit mehr Erfolge bereitete Mozart sein Auftreten als Virtuose in Konzerten, und hier hat ihn sein erstes Urteil über Wien als das »Clavierland« auch wirklich nicht getäuscht.

Die gegebene Zeit für die Konzerte war die Fastenzeit, wo die Theater geschlossen waren, und zwar fanden die »Akademien«, zu denen meist durch Subskription eingeladen wurde, teils im Theater, teils in vornehmen Privathäusern statt109. Auch Mozart pflegte in den Fasten ein Konzert zu geben, das erste Anfang 1782110; gleich darauf verband er sich zu gemeinsamem Vorgehen mit dem Regenburger Phil. Jak. Martin, der mit Freund Bullinger im Jesuitenseminar zu München studiert hatte, »ein recht guter junger Mensch, der sich durch seine Musique, durch seine schöne Schrift und überhaupt durch seine Geschicklichkeit, guten Kopf und starken Geist fortzubringen bemühet« (29. Mai 1782)111. Dieser hatte einen Dilettantenmusikverein, ein sog. »wöchentliches Konzert«, wie sie noch damals sehr beliebt waren, begründet, das alle Freitage in der Mehlgrube zusammentrat112. Er schreibt darüber dem Vater (8. Mai 1782)113:


Sie wissen wohl, daß es hier eine Menge Dilettanten giebt, und zwar sehr gute, sowohl Frauenzimmer als Mannspersonen; nur ist es immer noch nicht recht in Ordnung gegangen. Dieser Martin hat nun durch ein Decret vom Kayser die Erlaubnis erhalten, und zwar mit Versicherung seines höchsten Wohlgefallens, 12 Concerte im Augarten zu geben und 4 große Nachtmusiquen auf den schönsten Plätzen in der Stadt114. Das Abonnement für den ganzen Sommer ist 2 Ducaten. Nun können Sie sich leicht denken, daß wir genug Subscribenten bekommen werden, um so mehr, da ich mich darum annehme und damit associeret bin. Ich setze den Fall, daß wir nur 100 Abonnenten haben, so hat (wenn auch die Unkösten 200 fl. wären, welches aber ohnmöglich seyn kann) doch jeder 300 fl. Profit. Baron van Swieten und die Gräfin Thun nehmen sich sehr darum an. Das Orchester ist von lauter Dilettanten, die Fagottisten und die Trompeten und Pauken ausgenommen.


[830] Den an Stelle der alten Favorite in der Leopoldvorstadt angelegten kaiserlichen Augarten ließ Joseph II. instandsetzen und öffnete ihn 1775 dem Publikum zu freier Benutzung mit der bekannten Inschrift über dem Tor: Allen Menschen gewidmeter öffentlicher Belustigungsort von ihrem Schätzer115. Das Hauptgebäude wurde einem Wirt überlassen; für sich baute der Kaiser ein kleines, einfaches, mit einer hölzernen Planke umgebenes Haus, worin er mitunter einige Tage zubrachte, wie er sich überhaupt gerne dort zwanglos unter die spazierende Menge mischte. Sonntags, besonders nachmittags, fand sich damals die schöne Welt Wiens dort zahlreich ein116, das Unternehmen versprach also guten Erfolg. Es waren Promenadenkonzerte, wie wir sie ja auch aus Händels Londoner Tätigkeit kennen. Mozart setzte alsbald seine ganze Kraft dafür ein (25. Mai 1782)117:


Morgen ist unsere erste Musique im Augarten. Um halb 9 Uhr kömmt der Martin mit einer Kutsche, da haben wir noch 6 Visiten zu machen, denn um 11 Uhr muß ich damit fertig seyn, weil ich zur Rumbeck muß; dann speise ich bey der Gräfin Thun – NB. in ihrem Garten. Abends ist dann die Probe von der Musique. Es wird eine Sinfonie von van Swieten und von mir gemacht, eine Dilettantin Mlle. Berger wird singen; ein Knabe, mit Namen Türk118, wird ein Violinconcert und die Frl. v. Aurnhammer und ich werden das Duett-Concert in Es spielen.


Dies erste Konzert war denn auch gut besucht, der Erzherzog Maximilian, die Gräfin Thun, Wallenstein, Baron van Swieten und viele andere Liebhaber waren zugegen; nachher erfahren wir nichts mehr von dieser Unternehmung, die wohl nicht so glänzend ausfiel wie anfangs gehofft wurde119.

In der Fastenzeit 1783 wirkte Mozart zunächst am 11. März in einem Konzert seiner Schwägerin Aloysia Lange mit. Er führte seine Pariser Sinfonie vom Concert spirituel auf, dann sang sie seine Arie »Non sò d'onde viene« mit neuen Variationen in der Singstimme – welche Erinnerungen mögen dabei in ihm wach geworden sein! »Gluck hatte die Loge neben der Langischen«, berichtet er dem Vater (12. März 1783)120, »worin auch meine Frau war; er konnte die Sinfonie und die Aria nicht genug loben und lud uns auf künftigen Sonntag alle vier zum Speisen ein«. Außerdem spielte er selbst ein Konzert seiner eigenen Komposition. »Das Theater war sehr voll und ich wurde auf eine so schöne Art von dem hiesigen Publikum wieder empfangen, daß ich ein wahres Vergnügen darüber haben muß. – Ich war schon weg; man hörte aber nicht auf zu klatschen, und ich mußte das Rondeau repetieren – es war ein ordentlicher Platzregen.« Daher waren denn auch in seiner eigenen Akademie am 22. März alle Logen besetzt und das Theater »hätte ohnmöglich völler seyn können«. Er teilt seinem Vater das Programm dieses Konzertes mit:


  • [831] 1. Die Haffner-Sinfonie, welche im Sommer vorher komponiert war (S. 735).

  • 2. Arie aus Idomeneo »Se il padre perdei« (vgl. S. 700 ff.), gesungen von Mad. Lange.

  • 3. Das dritte Subskriptionskonzert, damals eben herausgegeben, in C-Dur (K.-V. 415, S. XVI. 13).

  • 4. Die »Scena für die Baumgarten«, gesungen von Adamberger (S. 640).

  • 5. Die kleine Konzertant-Sinfonie der letzten Finalmusik (S. 667 f.).

  • 6. Das »hier beliebte Concert ex D« (K.-V. 175, 382).

  • 7. Scena »Parto, m'affretto« aus dem »Lucio Silla« (16), gesungen von Mlle. Teyber.

  • 8. Freie Phantasie von Mozart, die er, »weil der Kayser da war«, mit einer kleinen Fuge anfing (S. 645), darauf variirte er eine Arie aus der Oper Der eingebildete Philosoph von Paisiello (Salve tu domine), und als er durch den rauschenden Beifall genötigt wurde, noch einmal zu spielen, wählte er die Arie Unser dummer Pöbel meint aus Glucks »Pilgrimmen von Mekka« zum Thema seiner Variationen.

  • 9. Ein neues Rondo, komponiert für Mad. Lange und von ihr vorgetragen (K.-V. 416, S. VI. 24).

  • 10. Der letzte Satz der ersten Sinfonie.


Das Programm ist typisch für das Konzert eines damaligen Künstlers. Der Virtuose muß dem Komponisten die Wege ebnen, und das Glanzstück des Ganzen ist die freie Phantasie, die niemals fehlen durfte. Auch das Zerreißen einer Sinfonie (Nr. 1 und 10) war damals und noch auf lange Zeit hinaus nichts Außergewöhnliches. »Das liebste aber war mir«, berichtet Mozart dem Vater (29. März 1783)121, »daß Sr. Maj. der Kayser auch zugegen war, und wie vergnügt er war und was für lauten Beyfall er mir gegeben. Es ist schon bey ihm gewöhnlich, daß er das Geld, bevor er ins Theater kömmt, zur Cassa schickt, sonst hätte ich mir mit allem Recht mehr [als 25 Dukaten] versprechen dürfen, denn seine Zufriedenheit war ohne Grenzen«. Er konnte allerdings auch so mit der Einnahme zufrieden sein: sie betrug nach einem gleichzeitigen Bericht etwa 1600 Fl.