XIV.

Erste Fahrt ins ›Reich‹.

[333] ›Beethoven‹. – Erste Schritte zur Verwirklichung der Bayreuther Idee. – Gesamtausgabe der Schriften. – Das ›Siegfried-Idyll‹. – ›Eine Kapitulation‹. – Gedicht an Bismarck gesandt. – Der ›Kaisermarsch‹. – Ankündigung der Festspiele. – Besuch in Bayreuth. – Über Leipzig und Dresden nach Berlin. – Konzert zum Besten des König Wilhelm-Vereins. – Zurück nach Luzern. – Heckel und der Mannheimer Wagner-Verein. – Tausigs Tod.


Widersetzte sich einst eine Gesamtheit dem hochsinnigen Beschluß eines einzelnen Mächtigen, so konnte ich mich jetzt mit dem, unter dem Schutz dieses Mächtigen zur Vollendung gediehenen Werke, an eine andere Gesamtheit wenden, welcher ich es nach ihrem eigenen Willen zur Ermöglichung seiner Aufführung übergeben durfte.

Richard Wagner.


Eine Frucht dieser Zeit neu belebter Hoffnung des Künstlers war die wundervolle Schrift über ›Beethoven‹. Nichts konnte sich für ihn den Siegen deutscher Tapferkeit erhebender zur Seite stellen, als das Andenken an den großen Meister, der nun vor hundert Jahren dem deutschen Volke geboren war. ›Dort, wohin jetzt unsere Waffen dringen, an dem Ursitze der »frechen Mode« hatte sein Genius schon die Eroberung begonnen: was dort unsere Denker, unsere Dichter nur mühsam übertragen, unklar, wie mit unverständlichem Laute berührten, das hatte die Beethovensche Symphonie schon im tiefsten Innern erregt: die neue Religion, die welterlösende Verkündigung der erhabensten Unschuld war dort schon verstanden, wie bei uns.‹ Durste er nun wohl hoffen, das deutsche Volk werde seine ›Tapferkeit‹ auch im Frieden bewähren? seinen wahren Wert hegen und den falschen Schein einer welschen Flitterkunst von sich werfen, indem es auf das Gefällige verzichtete, das ihm versagt, und das Innige und Große als das erkenne, worin es einzig sei? Wohl würde es dann, aber auch erst dann, mit den Siegen [334] dieser ›Tapferkeit im Frieden‹, die von dem ›großen Bahnbrecher in der Wildnis des entarteten Paradieses‹ begonnene Eroberung vollenden und ihm damit allein die würdige Feier bereiten. ›Aber feiern wir ihn würdig, – nicht minder würdig als die Siege deutscher Tapferkeit: denn dem Weltbeglücker gehört der Rang noch vor dem Welteroberer!‹

Über den Anlaß zur Entstehung der Schrift spricht er sich in der Vorrede dazu aus. ›Der Verfasser der vorliegenden Arbeit‹, heißt es hier, ›fühlte sich gedrungen, auch seinerseits zur Feier des hundertjährigen Geburtstages unseres großen Beethoven beizutragen, und wählte, da ihm hierzu keine andere, dieser Feier ihm würdig dünkende Veranlassung geboten war, eine schriftliche Ausführung seiner Gedanken über die Bedeutung der Beethovenschen Musik, wie sie ihm aufgegangen. Die Form der hieraus entstandenen Abhandlung kam ihm durch die Vorstellung an, als sei er zur Abhaltung einer Festrede bei einer idealen Feier des großen Musikers berufen; wobei ihm, da in Wirklichkeit diese Rede nicht zu halten war, für die Darlegung seiner Gedanken der Vorteil einer größeren Ausführlichkeit zugut kam, als diese bei einem Vortrage vor einem wirklichen Auditorium erlaubt gewesen wäre.‹ Es ward ihm hierdurch möglich, den Leser durch eine tiefer gehende Untersuchung des Wesens der Musik zu geleiten, und dem Nachdenken des ernstlich Gebildeten auf diesem Wege einen Beitrag zur Philosophie der Musik zu liefern; während andererseits die Annahme, sie werde wirklich an einem bestimmten Tage dieses so ungemein bedeutungsvollen Jahres vor einer deutschen Zuhörerschaft als Rede vorgetragen, eine warme Bezugnahme auf die erhebenden Ereignisse dieser Zeit nahelegte. ›Wie es dem Verfasser möglich war, unter den unmittelbaren Eindrücken dieser Ereignisse seine Arbeit zu entwerfen und auszuführen, möge sie sich demnach auch des Vorteils erfreuen: der größeren Erregung des deutschen Gemütes eine innigere Berührung mit der Tiefe des deutschen Geistes ermöglicht zu haben, als im gewöhnlichen nationalen Dahinleben dies gelingen dürfte‹ Wie weit die Entstehung und Ausbildung des überaus reichen Gedankenkreises zurückreicht, der in dieser tiefsten unter allen bisherigen Schriften des Künstler-Denkers beschlossen ist, darüber kann uns kein Biograph Auskunft geben; sie enthält eben den Inbegriff seiner reifsten und geläutertsten Kunstanschauung. Wir haben aber darauf hingewiesen, daß bereits der Schluß der Abhandlung über das ›Judentum‹ die Grundlage für die Beurteilung des Wesens der deutschen Musik (und der Musik überhaupt) bietet, auf welcher sich nun in der ›Beethoven‹-Schrift der philosophisch vertiefte Ausbau der neuen Ästhetik erhebt. Was dort bloß andeutungsweise formuliert wird, erhält hier seine herrlichste Ausführung. Ihre Niederschrift jedoch fällt in die zuletzt von uns geschilderte Periode, in die Monate August und September, buchstäblichst mitten in die Ereignisse des ausgebrochenen Krieges. Um die gleiche Zeit bewarb sich ein junger Leipziger [335] Musikalienhändler, E. W. Fritzsch, der ein neu begründetes Organ1 nach seinen Kräften in den Dienst der Sache zu stellen verhieß, angelegentlich um eine Schrift des Meisters für seinen Verlag. Dieser fand sich, nach seinen letzten unerfreulichen Buchhändler-Erfahrungen, dazu bereit; am 28. September ging das Manuskript aus Luzern nach Leipzig ab; Ende November trat das Buch an die literarische Öffentlichkeit. ›Hier, verehrter Freund, etwas ganz Neues aus der Wildnis‹, mit diesen Worten sandte er es am 4. Dezember an Wesendonck. ›Die Stimme eines Propheten in der Wüste‹, nennt es Rohde gleich nach dem ersten Lesen, ›erhebend und an das Vorhandensein eines besseren Lebens mahnend mitten in dieser Zeit. Es ist eine wahre Offenbarung über den inneren Sinn der Musik, wie sie tiefer und überzeugender gar nicht gegeben werden konnte, als von diesem Genius, in dem der innerste Geist der göttlichen Kunst so rein und aller modischen Hüllen bar sich offenbart, wie nie vorher. Ich empfinde das Gefühl dankbarster Befriedigung über diese unvergleichlichen Aufschlüsse: und doch, daran zweifle ich nicht, werden diese tiefsten Darlegungen unsern »Griechen« eine »Torheit« scheinen: und das erst gibt ihnen ihre rechte Würde.‹2

›Den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit‹, wie sehr bezeichnend findet sich hier das ernste große Wort des Apostels gerade auf diese Schrift angewendet, die in der modernen Welt so recht die Verkündigung eines unerfaßten und unbegriffenen Evangeliums war. ›Wahrscheinlich würde ich‹, schreibt er noch zehn Jahre später, ›wenn man mir jetzt noch eine Schule einrichtete, auf diese meine Lieblingswerke (die Beethovenschen Symphonien) mich einzig beschränkt haben, und zwar recht eigentlich im Sinne eines Erhalters, oder auch eines Predigers, der am Ende immer noch nichts Eindringlicheres seiner Gemeinde vorführen kann als die Evangelien.‹3 In solchem Sinne beging er denn auch in diesem hochgeweihten Winter seine private häusliche Beethovenfeier. Als eigentliche Hauptarbeit nahm ihn, unter Richters kopistischer Beihilfe, die Ausführung der Partitur des dritten Siegfried-Aktes in Anspruch, deren eigenhändiges, für den König bestimmtes, Exemplar dann immer partienweise an Klindworth abging, welcher seit Jahren im fernen Moskau an der Herstellung des Klavierauszuges der einzelnen Teile des ›Ringes‹ arbeitete. Trotz dieser abschließenden Beschäftigung mit seinem großen Werke war doch der Abend, alter Triebschener Gewohnheit gemäß, die sich nachmals in Wahnfried fortsetzte, der gemeinsamen Lektüre gewidmet. Die erlauchtesten Geister der Vergangenheit, von Homer zu Plato, Shakespeare und Goethe, bildeten so den regelmäßigen Umgang seines Geistes und seines Hauses. Auch kam es wohl vor, daß Hans Richter die Aufgabe zufiel, mit [336] seiner eigentümlichen heiteren Frische und in der ihm vertrauten Wiener Mundart die, von Wagner so sehr geschätzten Raimundschen Zauberdramen vorzulesen. Ein Abend der Woche aber blieb in diesem Herbst und Winter der wiederholten intimen Beschäftigung mit den Quartetten Beethovens bestimmt, indem es sich der Meister angelegen sein ließ, einer Vereinigung talentvoller Züricher Musiker die Geheimnisse des Vortrages dieser schwierigen Werke zu lehren. In diesen wunderbaren Tonstücken hatte einst Beethoven, ›im trauten Stübchen wenigen atemlos lauschenden Freunden alles das Unsägliche mitgeteilt, was er hier nur verstanden wissen durfte, nicht aber dort in der weiten Saalhalle, wo er in großen plastischen Zügen zum Volke, zur ganzen Menschheit sprechen zu müssen glaubte.‹4 Sie erklangen nun zum erstenmal wieder an der rechten Stelle. Richter beteiligte sich regelmäßig an diesem Zusammenspiel und rechnete diese Stunden, in denen er durch Wagner ›auf die schwindelnden Höhen des Beethovenschen Geistes geleitet wurde‹5, zu den entscheidendsten seines Künstlerlebens. ›Zu seinen liebsten Erinnerungen aus dieser göttlichen Luzerner Zeit gehören die Quartettübungen, welche damals von ihm und drei Züricher Musikern (Kahl, Rauchenecker und Ruhoff) unter großartig erleuchtender Inspiration Richard Wagners vorgenommen wurden. Es gab in jenen Tagen, von Wagner angeregt und fort und fort enthusiastisch befeuert, ein eingehendes, begeistertes Studium der Beethovenschen Streichquartette, namentlich aber der erhabenen letzten Schöpfungen dieses Meisters, durch welches Richter eine völlig neue Welt wunderbarer, nie geahnter musikalischer Herrlichkeit aufging und hat er dieses ihn fürs Leben beglückende Eindringen in die tiefste Tiefe des Beethovenschen Geistes eben nur dem genialsten Beethoven-Interpreten, Richard Wagner, zu danken‹6

Nur sehr wenigen auserwählten Freunden, von denen er sich eine wirkliche Mitbetätigung erwarten durfte, machte er schon jetzt eingehendere Mitteilungen über sein Bayreuther Vorhaben. Wie viel lieber wäre es ihm gewesen, wenn er die ganze Angelegenheit gar nicht erst an eine große feindselige Öffentlichkeit zu bringen gehabt, sondern diese Freunde alles, was zu den rein materiellen Vorbedingungen gehörte, ohne seine persönliche Hinzuziehung durch privates Wirken in ihren Kreisen erledigt und abgetan hätten. ›Was er den Treu'sten in das Ohr geraunt, es ist getan und alle Welt erstaunt.‹ Das war nun auf deutschem Boden nicht möglich. Unmöglich aber andererseits, daß er sich schon damals, in diesen ersten Anfängen, die entwürdigenden, beispiellos zeitraubenden und aufreibenden Bemühungen und [337] Kämpfe vergegenwärtigt hätte, die ihm Schritt für Schritt bevorstanden, um sein großes reformatorisches Werk durchzuführen. Nachträglich hieß es dann wohl: ›wer solche Bahnen zu brechen vermag, ist ein Genie, ein Prophet und in Deutschland ein Märtyrer dazu!‹7 – Von jenen wenigen auserwählten, Freunden, die schon jetzt ins Vertrauen gezogen waren, erfaßte der jüngste, der ungemein begabte und energische Karl Tausig, die Angelegenheit als eine ganz persönlich ihm zufallende Aufgabe. Er, der – damals in Berlin lebend – in den letzten Jahren mehr als je die Gesellschaft gemieden und sich fast scheu von ihr zurückzog, hatte stets die Menschen gesucht, sobald es galt für Wagner zu wirken, und dies mit einer Wärme getan, die etwas Hinreißendes auch für den Widerstrebenden hatte. Sein gesellschaftlicher Kreis war, seiner Eigenart entsprechend, eng begrenzt; vor allem fand er im Hause des Kgl. preußischen Hausministers Grafen v. Schleinitz jene sympathische Aufnahme und jene immer gleiche Teilnahme, deren seine tüchtige aber reizbare Natur bedurfte.8 Mit der Dame des Hauses, als einer vorzüglich gestellten, in werktätiger Begeisterung tief ernstlich der Wagnerschen Kunst zugetanen Gönnerin, entwarf er den Plan, die nötige Anzahl Patrone für die Unternehmung zu werben, um die für den Bau eines provisorischen Theaters, für eine vorzügliche Einrichtung der Bühne und Herstellung einer vollendet edlen Szenerie, sowie für die Entschädigung der zu den Aufführungen selbst herbeizuhenden, ausgewählten Künstlerpersonale, unerläßliche Summe von dreimalhunderttausend Talern, dem Meister zur Verfügung stellen zu können. Tausigs hierüber gemachte Vorschläge fanden bei Wagner ein williges Gehör, da sie im wesentlichen mit seinen eigenen Ansichten darüber, wie der von ihm anzusprechenden Teilnahme seiner Freunde eine feste Form zu geben sei, genau übereinstimmten. Eine wohlbegründete Aussicht auf die endliche Erreichung seines Lebenszieles tat sich nun für ihn auf, und wir sehen ihn gegen das Ende des Jahres 1870 in voller Tätigkeit, nach allen Seiten hin das Neue vorzubereiten und mit dem Alten abzuschließen, Beziehungen [338] anzuknüpfen und zu befestigen. So faßte er den Plan zur Verwirklichung eines längst gehegten Gedankens: der Redaktion seiner bisher in Büchern, Broschüren und Artikeln für Zeitschriften zerstreuten und zersplitterten literarischen Erzeugnisse zu einer Gesamtausgabe seiner ›Schriften und Dichtungen‹. Einer Arbeit, die ihn im Verlauf der nächsten drei Jahre neben all den anderen im unmittelbaren Interesse seiner großen Unternehmung stehenden Bemühungen unausgesetzt in Anspruch nahm. In der Anordnung dieser Schriften wollte er nach seinen eigenen Worten kein ästhetisches System, sondern, indem er dieselben chronologisch aufeinander folgen ließ und über sie und seine Dichtungen somit eine Art von Tage- (oder Jahr-)buch führte, die ›aufgezeich nete Lebenstätigkeit eines Künstlers‹ geben, der ›in seiner Kunst selbst – über das Schema hinweg – das Leben suchte‹. Diese, auf neun Bände veranschlagte Gesamtausgabe, deren Prospekt allerdings erst im folgenden Sommer publiziert wurde, setzte ihn in eine fernere Verbindung mit demselben jungen Leipziger Verlagsbuchhändler E. W. Fritzsch, bei welchem soeben auch seine ›Beethoven‹-Schrift erschienen war. Es gehörte Mut und Vertrauen zu einer solchen Unternehmung; keine der größeren deutschen Verlagsfirmen, deren jede mit ganz anderen – meist gänzlich nichtigen – Publikationsobjekten präokkupiert war, hätte sich damals an die Aufgabe gewagt und wäre zu den entsprechenden Auslagen dafür bereit gewesen! – – –

So kam das Weihnachtsfest heran und mit ihm – zum zweiten Male zur Triebschener Weihnachtsfeier – auch wieder der Besuch Nietzsches, der von seinem unternehmenden Ausfluge auf den Kriegsschauplatz nur allzubald heimgekehrt war. In seinen eifrigen Samariter-Bemühungen um die Pflege der Verwundeten war er, in dem fürchterlichen Dunstkreis der, des schlechten Wetters halber fest geschlossenen Krankenwagen, selbst an Brechruhr und Diphtheritis erkrankt; dazu hatte sich ›die Atmosphäre der Erlebnisse wie ein düsterer Nebel um ihn gebreitet‹; kurz, er begab sich – nach vorläufiger Genesung – nicht mehr auf das Kriegstheater zurück, sondern war sogleich, ohne weitere Bemühungen um Kräftigung seiner Gesundheit, gegen Ende Oktober wieder in sein Amt getreten. Mehrfach hatte er seitdem Triebschen wieder aufgesucht, und da der 24. Dezember diesmal auf einen Sonnabend fiel, konnte der Meister den jungen Freund, ganz um die gewöhnliche Stunde seines sonstigen Kommens, von seinem Nachmittagsspaziergang aus der Stadt mitbringen, wo dieser soeben auf dem Luzerner Bahnhof eingetroffen war, und um sieben Uhr die Lichter am Weihnachtsbaum anzünden. Sogar über die Bescherungen dieses Festabends sind wir – von Nietzsches Seite her – unterrichtet: das Paket, welches er, an Wagners Seite durch die Abenddämmerung nach Triebschen schreitend, unter dem Arme trug, enthielt ein Bild und ein Manuskript, für den Meister den Dürerschen Kupferstich ›Ritter mit Tod und Teufel‹, für [339] dessen Gattin aber einen handschriftlichen Aufsatz über ›die dionysische Weltanschauung‹, eine weitere Vorstudie zu seiner späteren Schrift über ›die Geburt der Tragödie‹.9 – Nun war aber das Weihnachtsfest für die Bewohner Triebschens immer eine Dopelfeier: war es doch der Weihnachtstag selbst, der 25 Dezember, der einst – vor dreiunddreißig Jahren – zu Bellaggio am lieblichen Comersee des Meisters Gemahlin das Leben geschenkt!10 Frau Wille berichtet in ihren Erinnerungen davon, wie Wagners Genius in zarten Huldigungen für sie erfinderisch gewesen sei. Die zarteste und ergreifendste dieser Huldigungen aber, ein Denkmal in Tönen des Triebschener Glückes, gehört dem 25. Dezember 1870 an. Wagner hatte für diesen Tag ohne ihr Wissen ein Stück für kleines Orchester komponiert: das ›Siegfried-Idyll‹, unter welchem Namen es später der ganzen Welt bekannt geworden ist, das ›Triebschener Idyll‹, wie es dagegen in der Familie hieß. Die Themen der Schlußszene des dritten Aktes seines Siegfried, das unaussprechliche Geheimnis einer erhabenen Liebe, mit ihrem heroischen Ringen und ihrem beseligenden Glücke, in Tönen offenbarend, verflochten sich darin mit duftigen, den Zauber der Naturumgebung vergegenwärtigenden Motiven zu einem musikalischen Gebilde von seltener Innigkeit und feinstem Zartsinn. ›Mit der ihm eigenen wunderbaren Prägnanz des Ausdruckes versetzt uns darin der Tondichter auf die, von den smaragdgrünen Fluten des Vierwaldstätter Sees umspülte Halbinsel Triebschen mit der epheuumrankten Villa zwischen dichten Baumwipfeln: die Sonnenstrahlen blitzen auf den Wellen des lächelnden Sees, und mit der süßen Ruhe in der herrlichen Natur harmoniert das heitere Lächeln des glücklichen, spielenden Kindes, dem sein großer Vater das erste Wiegenlied singt‹11 Das Tonstück sollte am Morgen des Geburtstages zur Überraschung von Frau und Kindern zum ersten Male erklingen. Dazu hatte der Meister ausgewählte Musiker von Zürich eingeladen; das kleine Orchester, durch einige taugliche Luzerner Kräfte unterstützt, wurde in aller Stille von Hans Richter in Luzern eingeübt; Richter übernahm bei der – vom Meister dirigierten – Aufführung selbst die Trompetenstimme. Die sinnige Huldigung gelang vollständig. Am frühen Morgen des Festtages schlichen die Musiker leise in den Innenraum des Hauses, auf den Stufen und Absätzen der zum obern Stock führenden Treppe wurden sie verteilt, und unter Wagners Leitung durchtönten die duftigen Weisen, denen Liebe und Vaterfreude den ganzen zauberischen Reiz innigster Gefühlswärme eingeprägt, die Räume des beglückten Hauses. Die Aufstellung der Musiker auf der Treppe aber veranlaßte die Kinder noch nach Jahren, dieses reizende Idyll – in ihrer naiv-prägnanten Ausdrucksweise – die ›Treppenmusik‹ zu nennen. Erwähnen wir dann noch einen Besuch des alten Freundes Jakob [340] Sulzer und des rührenden Eindruckes, den das Wiedersehen des stark gealterten Züricher Freundes, der seit lange (1858) als Stadtpräsident in Winterthur lebte, auf den Meister machte, so haben wir alles über die Feier dieses Festtages uns bekannt Gewordene angeführt; ihm zu Ehren, als dem einzigen seiner Freunde, der seine ›Meistersinger‹ noch nicht kannte, las er noch am Abend desselben Tages, der mit dem Idyll begonnen, dem kleinen Kreise der ihm Zunächststehenden in seiner unvergleichlich lebendigen Weise die ›Meistersinger‹-Dichtung vor.

Der Vollständigkeit wegen wäre hier noch ein, vom Sylvesterabend dieses ereignisreichen Jahres datierter kleiner Aufsatz in Briefform zu erwähnen. Der ihm von dem Herausgeber des ›Musikalischen Wochenblattes‹ (E. W. Fritzsch) bewiesene Eifer in bewußter Konzentrierung der, seinen Werken und Tendenzen ergebenen journalistischen Kräfte bewog Wagner dazu, auf die Bitte jenes Herausgebers auch zu dem genannten Organ in eine unmittelbare Beziehung zu treten. Dies geschah durch einen kleinen Beitrag, in welchem er zugleich einem gediegenen und wohlmeinenden Musiker (Dr. F. Stade) für die ihm durch Übersendung einer gründlichen Abhandlung über das ›Musikalisch-Schöne‹ des Herrn Hanslick in Wien seinen öffentlichen Dank entrichtete. Mit einem Schlage war durch diesen, und einige ihr noch folgende Beiträge die kleine Musikzeitung zu einer Bedeutung erhoben, die sie über alle ihre Kolleginnen stellte, – so wenig auch die reformatorischen Kulturgedanken des Meisters in einer, ausschließlich musikalischen Interessen dienenden, Zeitschrift auf die Dauer vertreten sein konnten. Sie galt von nun an für Freund und Feind als offizieller ›Moniteur‹, und wurde insbesondere für alle weithin zerstreuten Anhänger und Verehrer des Künstlers, selbst auch unter Nicht-Musikern, der vorläufige Ersatz für ein umfassenderes Organ, jenes ›Reformations-Journales‹, wie es damals Nietzsche im Sinne hatte.12 Bereits verweist auch dieser Sylvesterbrief auf die bald auszuführende Absicht einer eingehenden Besprechung der ›Bestimmung der Oper‹. Diese Abhandlung war ihrerseits dazu bestimmt, den Text zu einem Vortrag zu bilden, mit welchem er diejenigen Berliner musikalischen Kreise, die ihm durch seine Wahl zum auswärtigen Mitgliede der Kgl. Akademie der Künste (S. 281) ihr Vertrauen bewiesen, für sein großes Vorhaben anregen wollte. Schon zu Beginn dieses Jahres war von ihm an diese Akademie ein Schreiben gerichtet worden, worin er seine Bereitschaft aussprach, im Frühjahr daselbst einzutreffen: um sich durch einen solchen Vortrag als ihr Glied zu betätigen. Dieser Plan war seitdem von ihm keineswegs aufgegeben, sondern sollte nur ein Jahr später zur Ausführung gelangen, als er es sich ursprünglich vorgesetzt.

[341] Am 18. Januar 1871, während der letzten großen Arbeit an der ›Siegfried‹-Partitur, erfolgte die Kaiserkrönung in Versailles. Zwei Dichtungen, eine ernste und eine übermütig heitere, zeigen uns die Wiederspiegelung der großen, entscheidenden politischen Ereignisse in dem Geiste des Künstlers. Die letzterwähnte war bereits um die Mitte November als eine Erholung und Ausspannung von angestrengtem Schaffen entstanden, während die viermonatliche Belagerung von Paris (seit dem 19. September) soeben in ihre zweite Hälfte eingetreten war. Es war das Lustspiel in antiker Manier: ›Eine Kapitulation‹. Seiner Tendenz nach sah dasselbe über die vielfachen Schrecknisse dieses Vorganges, die niemand lebhafter mit empfinden konnte, ganz hinweg und vermochte es sogar, dieselben mit aristophanischem Humor in ein heiteres Licht zu setzen, aus dem einfachen Grunde, weil seine satirische Spitze sich ja keineswegs gegen die Pariser, sondern vielmehr gegen die deutschen Theaterzustände richtete. Erst die verleumderische Aufhetzung französischer Chauvinisten und Pamphletisten nach Art des berüchtigten Victor Tissot hat sie, seinen Landsleuten gegenüber, als eine ruchlose Verhöhnung des schwächeren, des unterliegenden Teiles denunziert und sie damit in eine gänzlich verfehlte, schiefe Beleuchtung gestellt. Es war darin auf eine genial angelegte Posse im aristophanischen Stil für eines der deutschen Volkstheater abgesehen, mit dem schlagfertigsten Dialog, den frappierendsten szenischen Verwandlungen und Übergängen, von deren Bühnenwirkung der theaterunkundige phantasielose Leser sich keinen vollen Begriff macht Hans Richter sollte die passende Musik dazu schreiben.13 Abgesehen von denjenigen durchgehenden Zügen, die in drastischer Weise die leichtfertige, großsprecherische Nationaleitelkeit der Franzosen geißeln, betrifft ihr Spott ausschließlich die Anmaßungen der französischen ›Zivilisation‹ und die Schwäche der deutschen ›Bildung‹ ihr gegenüber: zum [342] Schlusse drängen sich die deutschen Hoftheater-Intendanten und Direktoren in das belagerte Paris, um die neuesten Stücke und Ballette endlich wieder für ihre Theater herauszuholen, während sich Victor Hugo als Genius des Ruhmes in bengalischem Feuer verklärt. ›Das größere Berliner Vorstadttheater, dem wir das Stück anonym anbieten ließen, wies es zurück; durch welche Wendung mein junger Freund sich von einer großen Angst befreit fühlte denn nun gestand er mir, daß es ihm unmöglich gefallen sein würde, die hierfür nötige Musik à la Offenbach zusammenzusetzen; woraus wir denn erkannten, daß zu allem Genie und wahre Naturbestimmung gehöre, welches beides wir nun in diesem Falle Herrn Offenbach aus vollem Herzen zuerkannten.‹14 Von ernster Freudigkeit erfüllt ist dagegen das schöne Gedicht ›An das deutsche Heer vor Paris‹ aus dem Januar 1871, mit welchem der Meister den weltgeschichtlichen Vorgang der Kaiserkrönung feierte. Verstummt sei der vielberufene ›deutsche Dichterwald‹; in ernstem Schweigen schlage das deutsche Heer seine Schlachten; seine unerhörten Taten selbst aber seien das Lied, welches ihm zum Ruhme erklinge. Denn


›So heißt das Lied

vom Siege-Fried,

von deutschen Heeres Tat gedichtet:

Der Kaiser naht: in Frieden sei gerichtet!‹


Am vollsten und hinreißendsten aber klingen der Stolz und die Freude Richard Wagners an der wiedererstandenen deutschen Herrlichkeit aus den starken und schneidigen Tönen des Kaisermarsches hervor, als dessen innere Symbolik Nietzsche so treffend den wiedergewonnenen Glauben an das ›Volk der Reformation‹ bezeichnet, als werde es die Kraft, Milde und Tapferkeit bewähren, welche nötig ist, um ›das Meer der Revolution in das Bette des ruhig fließenden Stromes der Menschheit einzudämmen‹.15

Das Gedicht ›an das deutsche Heer vor Paris‹ war nicht zur Veröffentlichung bestimmt und wurde denn auch erst viel später, bei Herausgabe des neunten Bandes der ›Gesammelten Schriften und Dichtungen‹ dem Druck übergeben. Dagegen entsandte er es als einen Zoll der Huldigung an den großen deutschen Staatsmann im Lager von Versailles, dessen Wirken er nun bereits seit sechs Jahren mit wachsender Schätzung und Bewunderung verfolgte. Die Antwort Bismarcks (vom 21. Februar 1871 datiert) setzen wir in ihrem vollen Wortlaut hierher: ›Hochgeehrter Herr! Ich danke Ihnen, daß Sie dem deutschen Heere ein Gedicht gewidmet, und daß Sie mir dasselbe haben überreichen lassen. So sehr ich mich geehrt fühle, daß Sie dieses vaterländische Gedicht, wie mir gesagt wird, für mich allein bestimmen, so sehr wurde ich mich freuen, es veröffentlicht zu sehen. Auch Ihre Werke, denen ich von je her mein lebhaftes, wenn auch zuweilen mit Neigung zur Opposition gemischtes [343] Interesse zugewandt, haben nach hartem Kampfe den Widerstand der Pariser überwunden, und ich glaube und wünsche, daß denselben noch viele Siege, daheim und draußen, beschieden sein werden.‹16

Inzwischen war am 5. Februar der letzte Federzug an der Partitur des ›Siegfried‹ getan, und er gönnte sich eine kurze Rast. Am 17. begab er sich mit seiner Gattin zu Besuchszwecken nach Zürich, wo er im altbekannten Hotel Baur au lac, dem einstigen Wohnsitz Wesendoncks17, danach Liszts18, Wohnung nahm, um von hier aus zuerst die Freunde auf dem ›grünen Hügel‹ in der Enge nach so langer Zeit persönlich wieder aufzusuchen. Vierzehn Jahre lang hatten Wesendoncks hier ihren Sitz gehabt und der Hausherr inzwischen Veranlassung genommen, seine fürstlichen Mittel zur Anschaffung einer ganzen reichen Gemäldegalerie, vorzüglich niederländischer, altdeutscher und altitalienischer Meister zu verwenden Was sie – ein Jahr später – von Zürich fort nach Berlin trieb, war, nach G. Keller, ›die manifestierte Franzosenfreundlichkeit einiger hiesiger Volksschichten‹.19 Am Vormittag des 18. März ging es hinaus nach Mariafeld, Willes in ihrem Heim zu begrüßen. Es ist dies der Besuch ›in Winterkälte, trotz Eis und Schnee‹, dessen Frau Wille in ihren Erinnerungen gedenkt. ›In meinem Manne‹, erzählt sie davon, ›sprudelte, wie in Wagner, der Quell geistigen Lebens frisch und freudig wie vor achtzehn Jahren, als sie oft zusammengekommen und Herwegh beiden wert gewesen. Zwischen Wagners Frau und mir hatte sich das angenehmste Verhältnis gestaltet: ich hatte die Empfindung, daß sie mir gut sei und sich zu mir hingezogen fühle.‹20 Bereits am folgenden Tage, am Sonntag den 19. Februar, kehrte der Meister, nach zweitägiger Abwesenheit, wieder nach Luzern zurück.

Hier gab es in der nächstfolgenden Zeit viel anzuordnen und vorzubereiten. Vieles, Wichtiges stand bevor. Bereits im November des vorigen Jahres hatte er in einem Briefe an Pusinelli eine ›Friedensexpedition‹ nach Deutschland angekündigt. ›Ich muß einen letzten Einblick in gewisse, meinen künstlerischen Zielen nötige Möglichkeiten gewinnen, im Betreff welcher ich, nach meinen Erfahrungen, sehr zweifelvoll gestimmt bin. Von dem Gelingen meiner Bemühungen in diesem idealen Sinne muß ich nun auch meine letzte Übersiedelung nach Deutschland abhängig machen Ob ich schließlich meine Niederlassung an dem Orte suche, welcher zugleich meinen Kunstzwecken einen geeigneten, gänzlich neutralen Herd bieten könne, oder ob ich, gänzlich auf diese höheren Ziele verzichtend, mir nur einen bürgerlichen Heimatsort für meine Familie suche, das soll sich nun eben entscheiden. Und um dies alles in einem freundlichen Lichte zu betrachten, haben wir nun eben die ersten [344] schönen Wochen des nächsten Frühjahrs für unsern Ausflug bestimmt.‹21 Die Absicht seiner Reise ist in diesem Programm noch ohne Nennung des Ortes ausgesprochen: die Besichtigung des von ihm für den Bau seines Theaters ins Auge gefaßten kleinen Bayreuth war die eine Aufgabe, die andere ein Besuch in der nunmehrigen Hauptstadt des neuen deutschen Reiches: hier sollten gar manche hervorragende Anknüpfungen für das Bayreuther Unternehmen gewonnen, die Sympathien leitender Kreise dafür geprüft und erweckt werden. Wohl war es ein hoher, ein bedeutsamer Moment, in welchem er diesen wichtigen Schritt unternahm. Wenn je, so konnte er in dieser Stunde auf sympathische Regungen in seinem Volke rechnen. Wie sonderbar mußte es ihm, wie uns Heutigen, aber dennoch vorkommen, bei diesem seinem Volke bis in seine höchsten Bildungsschichten hinauf sich immer noch erst um Sympathien bewerben zu sollen, anstatt daß sie ihm von überallher in begeisterter Einmütigkeit entgegengeströmt wären! Eine briefliche Mitteilung Nietzsches an Rohde fügt dem uns bereits bekannten doppelten Reisezweck für Berlin, seinen akademischen Vortrag über ›die Bestimmung der Oper‹ zu halten (S. 341) und seine Bayreuther Pläne zu sichern, noch einen dritten hinzu: ›einer drohenden Berufung als Generalmusikdirektor auf jede Weise vorzubeugen‹. Allerdings wäre ein ärgeres Verkennen, ein tieferes Mißverständnis seiner Lebensaufgabe nicht möglich gewesen, als – durch Erneuerung dieses verwaisten Postens zu höherem Glanze der Reichshauptstadt – ihn zum Nachfolger Spontinis, Meyerbeers und Mendelssohns machen zu wollen, wozu man sonst von seiten des Kgl. Hofes damals nicht abgeneigt gewesen zu sein scheint! Nein, mit deutschen Hauptstädten und Residenzen konnte der nichts mehr zu tun haben, der zur Reformierung und Regenerierung des deutschen Kunstgeistes einzig nach dem ›neutralen‹ Boden eines vergessenen, abseits liegenden Städtchens sich umsah, und der durch seine Wahl desselben in bayerischem Lande zugleich seinem königlichen Wohltäter die Treue zu halten bedacht war.

Wie schwer es war, in der zu neuem Glanz erhobenen ›Stadt der Intelligenz‹ zu einem Verständnis seiner Absichten zu gelangen, das beweisen am besten die endlosen Unterhandlungen wegen der Aufführung des ›Kaisermarsches‹, der ja keineswegs als ein bloß auf sich gestelltes Musikstück von dem Tondichter gemeint war. Seine Entstehung hat eine ganze Geschichte in lauter verschiedenen Phasen aufzuweisen. Man urteile selbst. Bei der Rückkehr des siegreichen Heeres hatte er zunächst, unter der Hand, nachfragen lassen, ob, wenn eine große Totenfeier für die Gefallenen in Aussicht genommen wäre, ihm gestattet sein würde, ein dem erhabenen Vorgange zu widmendes Tonstück zur Ausführung hierbei zu verfassen. Natürlich wäre es dann ein [345] dem entsprechendes, ganz anderes, requiemartiges Werk geworden. Es hieß aber: ›bei der so erfreulichen Rückkehr wünsche man sich keine peinlichen Eindrücke noch besonders zu arrangieren.‹ Das war die erste Phase gewesen. ›Ich schlug‹, fährt der Meister in seinem Berichte fort, ›immer unter der Hand, ein anderes Musikstück vor, welches den Einzug der Truppen begleiten, und in welchem schließlich, etwa beim Defilieren vor dem siegreichen Monarchen, die im preußischen Heere so gutgepflegten Sängerkorps mit einem volkstümlichen Gesange einfallen sollten.‹ Hierbei würde es sich dann um ein Tonstück für eine außergewöhnlich reich zusammengestellte Militärmusik gehandelt haben. Auf diesem Punkte treffen wir die Sache noch am 15. März, wo sich Wagner in dieser Angelegenheit an den – auch zu Liszt in freundschaftlichen Beziehungen stehenden – Generalmusikdirektor der gesamten Gardemusik, den vortrefflichen Wieprecht, wendet. ›Wenn der Kaisermarsch‹, heißt es in diesem Schreiben, ›bei dem großen Einzuge gespielt würde, könnte ich den Schluß auch von einem großen Männerchor mit ausführen lassen. Da bei allen preußischen Regimentern auch Gesangschöre gepflegt werden, würde es sich schön machen, wenn Sie zu gehöriger Zeit diesen Gesang an alle Regimenter verteilen könnten, damit man ihn auswendig lernte. Sie sehen in der Partitur, daß dieser Schlußsatz streng im Charakter eines Volksliedes gehalten ist, durchaus einfach und leicht zu merken. Natürlich könnte dieser hier nur im Unisono (womöglich von der ganzen Armee) gesungen werden, wie die Engländer es mit dem »God save the King« machen. Können Sie mir hierfür eine gute Aussicht eröffnen, so werde ich Ihnen den Gesang mit einem Texte schnell zuschicken.‹ So stand die Sache, wie gesagt, noch um den 15. März, und es war die zweite Phase der Verhandlungen. Allein die Annahme auch dieses Projekts würde, wie Wagner fortfährt, ›bedenkliche Änderungen in den längst vorausgetroffenen Dispositionen veranlaßt haben, und sein Vorschlag ward ihm abgeraten‹. – ›Meinen »Kaisermarsch« richtete ich nun für den Konzertsaal ein: dahin möge er nun passen, so gut er kann!‹ – Ja, hätte er die völlige Abwicklung all dieser Phasen im einzelnen jedesmal erst abwarten wollen, er wäre überhaupt gar nicht zur Ausführung seiner Komposition gelangt, weil er keine Zeit mehr dafür übrig behalten haben würde; weshalb er es vorzog, sie sogleich für großes Orchester auszuführen, und die für das Einzugsprojekt erforderliche Bearbeitung für ›Militärmusik‹ anderen, in diesem Fache geschickten Händen zu überlassen.

›April 1871‹ ist die zu weitester Verbreitung bestimmte Flugschrift: ›Über die Aufführung des Bühnenfestspieles: Der Ring des Nibelungen‹ unterzeichnet, von dem Meister wegen ihres grünen Umschlages gelegentlich kurz die ›grüne Broschüre‹ genannt.22 Sie enthielt die[346] erste Ankündigung seines Vorhabens; sie war der erste Schritt, den sein Plan an die Öffentlichkeit tat. Der ›Bayreuther Gedanke‹ begann sich damit zu verwirklichen, obwohl in ihr der Ortsname Bayreuth begreiflicherweise noch nicht genannt wird; er kannte ja die Stadt noch gar nicht. In dieser ›Mitteilung und Aufforderung an die Freunde seiner Kunst‹ präzisiert der Meister noch einmal den Charakter der von ihm gewollten Institution. ›Sie soll zunächst nichts anderes bieten, als den örtlich fixierten periodischen Vereinigungspunkt der besten theatralischen Kräfte Deutschlands zu Übungen und Ausführungen in einem höheren Originalstile ihrer Kunst, welche ihnen im gewöhnlichen Laufe ihrer Beschäftigung nicht ermöglicht werden können.‹ Hierzu wende er sich an die tätige Unterstützung wirklicher Freunde seiner Kunst und Kunsttendenzen, indem er ihnen die Darreichung ihrer Mithilfe anempfehle. Diese fordere er demnach förmlich auf, durch einfache Anmeldung ihrer seinem Unternehmen förderlich gewogenen Gesinnung sich ihm namhaft machen zu wollen, damit ihnen das Mittel angezeigt werden könne, welches sie in einem Vereine Gleichgesinnter zu Förderern und Beiwohnern der vorzubereitenden Aufführungen machen solle Gleichzeitig wurde der, erst noch in Berlin zu haltende ›akademische Vortrag‹: Über die Bestimmung der Oper, als besondere Broschüre gedruckt, um alsbald nach der Berliner Reise in den Buchhandel zu gelangen. In dem Vorwort dazu spricht sich seine wahre Sehnsucht danach aus, doch endlich einmal von den Gebildeten seiner Zeit und seines Volkes verstanden zu werden, da er sich doch immer noch ›wie ein monologisierender einsamer Wanderer vorkommen müsse, der etwa nur von den Fröschen unserer Theaterrezensionssumpfe angequakt würde‹. Auch diese inhaltsvolle und ernste Schrift sollte nicht ›als ein Bemühen des Verfassers aufgefaßt werden, etwa auf dem Felde der Theorie an sich Beachtenswertes zu leisten, sondern als ein letzter Versuch, für seine Anstrengungen auf dem Gebiete der künstlerischen Praxis zur Teilnahme und Förderung anzuregen‹.

Mitte April verließ er Luzern, in Begleitung seiner Gattin. Die geschäftige Fama eilte ihm voraus; fast ungläubig nahmen die Freunde des Meisters allenthalben die freudige Kunde seines Kommens entgegen. Am 17 Nachmittags traf er ohne alles Aufsehen, fast unbemerkt in dem oberfränkischen Städtchen am roten Main ein, welches das nächste Ziel seiner Fahrt bildete. Hier sollte es sich nun durch eigenen Augenschein entscheiden, ob und wie weit sich die kleine bayerische Kreisstadt mit ihrer alten, aus den markgräflichen Zeiten stammenden, ungewöhnlich großen Opernbühne, als Stätte für die Bühnenfestspiele eigne Wer Bayreuth je außer der Festspielzeit besuchte, wird die alte Markgrafenresidenz auch späterhin still und lautlos gefunden haben: auf dem breiten, leeren Marktplatz, der Maximilianstraße, machten sich die Schritte der Passanten auf dem von der Mittagssonne[347] gebleichten Pflaster dem, vom Wagengerassel betäubten Ohre des Großstädters als ein ganz ungewohntes Geräusch vernehmbar, wie das Prasseln von Regentropfen. Wie still muß es erst damals gewesen sein, als der Meister zuerst es besuchte! Wie oft ist es nicht der schlafenden Königstochter des Märchens verglichen worden, die auf ihren Erwecker aus mehr als hundertjährigem Zauberschlaf harrt! Drei Tage verbrachte er daselbst, vom 17. bis zum 20. April; die – noch aus Jean Pauls Zeiten stammende – ›Sonne‹ bot ihm ihr gastliches Dach. Noch trat er in keine unmittelbare, offizielle Beziehung zu den bürgerlichen Behörden der Stadt; doch fand er im privaten Verkehr mit ihren Vertretern die entgegenkommendsten Sympathien für seine Absicht. Das berühmte markgräfliche Opernhaus für seine Zwecke zu benutzen, mußte er freilich beim Gewahrwerden seiner inneren Konstruktion sofort aufgeben. Dennoch entsprach die ganze Eigentümlichkeit des sinnigen Städtchens mit seinen traulichen, sanft an- und aufsteigenden Straßen, seinen rings umgebenden waldigen Höhenzügen, seinen Wünschen ebenso sehr, wie ihn das freundliche und vertrauensvolle Willkommen erfreute, welches ihm von wackeren und treuherzigen Männern mitgeteilt ward. Und hier seien denn auch die späteren hochverdienten Freunde, Bürgermeister Theodor Muncker und Bankier Friedrich Feustel, im Dienst Richard Wagners und seiner Sache fortan unzertrennlich, zum ersten Male mit Namen genannt, obgleich die persönlichen Beziehungen zu beiden, wie es scheint, bei diesem ersten (noch ganz unoffiziellen) Besuche noch zu keinerlei Intimität geführt haben und führen konnten. In bezug auf Muncker berichtet dessen eigener Sohn: ›daß mein Vater schon damals den Meister persönlich kennen lernte, kann ich nicht mit voller Bestimmtheit behaupten.‹ Aber, fährt er fort, es werde dies ›im höchsten Grade wahrscheinlich durch mehrere Äußerungen Wagners aus den unmittelbar folgenden Monaten, die ausdrücklich auf Bayreuth und gelegentlich auch schon auf die, von den städtischen Behörden zu erhoffende Förderung des außerordentlichen Unternehmens hindeuten‹. Und der erste Brief Wagners an Feustel (vom 1. November desselben Jahres) wendet sich doch auch an ihn ebenfalls wie an einen persönlich noch nicht Bekannten. Dagegen entnehmen wir eben demselben Briefe die Tatsache, daß sich der Meister bereits bei dieser kurzen Anwesenheit eine eingehende Bekanntschaft mit der Örtlichkeit verschafft und dieselbe genau und lebendig in seiner Erinnerung hatte. So war der Platz, auf welchem sich in der Folge das Haus Wahnfried erheben sollte, schon damals bestimmt von ihm in das Auge gefaßt. Als das von ihm ›in Wunsch genommene‹ Grundstück für seine eigene Niederlassung bezeichnet er nämlich ›ein längliches Wiesenterrain, welches, von der linken Seite des Schloßgartens gegen dessen Ende hin, nach der Straße führt, auf der man zur Eremitage fährt, – wovon‹, fügt er hinzu, ›der Herr Schloßverwalter, der mich hier im vorigen Frühjahr führte, nähere Auskunft geben könnte‹. Damit ist [348] aber die Situation seines späteren Hauses präzise und genau bezeichnet, und wir sehen im Geiste den Meister an der Seite dieses Schloßverwalters den Rennweg (die jetzige Richard Wagner-Straße) entlang wandeln und das von ihm erwähnte unbebaute ›Wiesenterrain‹ (die damalige Miedelspeunth) in seinen Gedanken seiner zukünftigen geschichtlichen Bestimmung entgegenführen. Nur die Wahl des Platzes für das Festspielhaus selbst war noch bedeutenden Schwankungen unterworfen. Zu allererst hatte er dafür das freie Feld bestimmt, welches, durch eine Landstraße von dem Hofgarten getrennt, an das Ende des letzteren stieß. Und gewiß bezog sich auch die Wahl der Örtlichkeit für sein dereinstiges Wohnhaus auf die Nähe dieses, für das Theater bestimmten Platzes: so daß er ursprünglich in dessen engerer Nachbarschaft sich anzusiedeln gedachte. Es war aber nicht möglich, an dieser Stelle – ohne auf Grundwasser zu stoßen – eine so ansehnliche Vertiefung in den Erdboden hinein zu gewinnen, als sie für das Orchester und die Versenkungen erforderlich war (30–40 Fuß), – was sich denn in der Folge entschied. Das Festspielhaus mußte demnach auf einen der umgebenden Hügel verwiesen werden, um von dort aus in ländlicher Umgebung die Stadt zu überragen; die einmal getroffene Wahl für die Wohnstätte aber blieb durch diese Veränderung unberührt.

Am Donnerstag den 20. trat er die Weiterreise an, nachdem er sich leider noch kurz vor der Abfahrt eine ziemlich starke Erkältung zugezogen. Sein Weg führte ihn zunächst nach Leipzig. Nachdem sich hier schon seit mehreren Wochen immer glaubwürdiger die Nachricht verbreitet, er werde sich auf der Durchreise nach Berlin einige Tage in seiner Geburtsstadt aufhalten, die er seit bald zehn Jahren nicht wiedergesehen, kam der Erwartete am 21. April früh von Bayreuth aus ziemlich unwohl auf dem Leipziger Bahnhof an, wo er seine Freunde und Verwandten zu freundlicher Bewillkommnung versammelt fand. Hatte doch selbst der Besitzer des Hôtel de Prusse am Roßplatze, Louis Kraft, für den erlauchten Gast als ›König im Reiche der Töne‹ das, durch den Aufenthalt vieler hoher und höchster Personen (z.B. dem Vater des Kaisers Wilhelm) berühmte sog. ›Königszimmer‹ für ihn geräumt und geschmackvoll dekoriert Treppen und Vorsäle waren, wie für den Empfang einer fürstlichen Persönlichkeit, reich mit Lorbeerbäumen, Blumen, Guirlanden und sinnreichen Beziehungen ausgeschmückt. Über der Tür, die zu den von ihm zu bewohnenden Gemächern führte, prangte in deutlicher Schrift das Thema aus den Meistersingern: ›Lenzes Gebot, die süße Not‹, und im Zimmer empfing ihn ein Begrüßungsgedicht. Um 12 Uhr begab er sich, einer Einladung des Kapellmeisters Gustav Schmidt23 folgend, in das neue Stadttheater, wo der [349] ›Kaisermarsch‹ probiert werden sollte und eine überraschende Bewillkommnung seiner harrte. Das große Haus war völlig dunkel. Im Parkett hatten sich zahlreiche Verehrer eingefunden, die Musiker sich im Orchester versammelt, ihnen gegenüber auf dem Mittelbalkon die, das Publikum repräsentierenden Sänger für den Schlußchor plaziert. Die Rampe war heruntergelassen, der gewöhnliche Beleuchtungsapparat während der Proben bei Seite geschafft und somit auch die Bühne in nächtiges Dunkel gehüllt. Im Augenblick, wo Wagner, von Kapellmeister Schmidt geführt, auf der Bühne erschien, Tageshelle im ganzen Hause. Die Häupter der Anwesenden entblößten sich, ein rauschender Tusch erwiderte die Vorstellung des Meisters durch seinen Begleiter. Mit wenigen Worten dankte Wagner der Kapelle und sprach seine Freude aus, seine neueste Komposition, die er noch nicht vom Orchester gehört, zum ersten Male von so vorzüglichen Musikern hören zu sollen. Während der nun beginnenden Probe blieb er anfangs ruhig auf seinem Stuhle, indem er bloß mit den Händen und dem Kopfe die Bewegung des Rhythmus markierte. Bald aber selbst durch das Feuer des vorgetragenen Tonstückes hingerissen, griff er trotz seines Unwohlseins tätig in die Orchesterleitung ein. Er bezeichnete die Aufstellung der Kapelle, deren Leistungen er sonst in hohem Grade anerkannte, als die grundfalsche der guten alten deutschen Orchester, wo Streichinstrumente und Bläser von einander gesondert in zwei getrennten Gruppen sitzen. Dann dirigierte er die Wiederholung des Marsches und elektrisierte alles durch seine eminent geniale Führung, während die Musiker, hierdurch unwillkürlich fortgerissen, sich selbst übertrafen. Die für Sonntag den 23. angesetzte öffentliche Aufführung wartete er nicht ab; schon vom 22. April sind die humoristischen Abschiedsverse mit heiter kräftiger Begleitung (›mit dankbarer Lebhaftigkeit zu singen‹) datiert, die er ›seinem freundlichen Wirt Herrn Louis Kraft‹ hinterließ:


›Der Worte viele sind gemacht, doch selten wird die Tat vollbracht:

was ein Hotel zum Eden schafft, das sind nicht Worte, sondern Kraft.

In meiner lieben Vaterstadt, was hab' ich da vom Magistrat?

Der mir hier Wohn' und Wonne schafft, das ist der edle Wirt, Herr Kraft.

Von ihm, der mich so schön empfing, fortan mein rühmend Lied erkling':

des Königtums, der Künstlerschaft sinnreicher Wirt, es lebe Kraft!‹24


Seine Weiterreise ging über Dresden, wo er nach so langer Zeit der Trennung den liebsten, teuersten seiner dortigen Freunde, den vielgetreuen [350] Dr. Anton Pusinelli, wiedersah und in dessen Hause zwei glückliche Tage verbrachte. ›Es waren wohl schöne Stunden für die Freunde, und Wagner war in fröhlichster, fast übermütiger Stimmung. Er spielte mit Wucht den Kaisermarsch, den untergelegten Text dazu singend, und setzte hinzu: »den singen die Töchter auf Triebschen«. Mit jugendlicher Behendigkeit kletterte er auf den schräggewachsenen Stamm eines Apfelbaumes, der seinen Händen, sowie seiner weißen Weste echtesten Dresdener Ruß aufdrückte.25 Es war wohl das Gefühl, in diesem Hause in erster Linie als Mensch und Freund geliebt zu sein und dann erst als großer Mann verehrt zu werden, was Wagner so wohl tat. Am Tage nach seiner Abreise, 26. April, wurde der Kaisermarsch zum ersten Male im Gewerbehause gespielt.‹26

Am 25., Abends zehn Uhr, traf er in der neuen ›Reichshauptstadt‹ ein. Da der Tag seiner Ankunft im Publikum nicht bekannt geworden war, empfingen ihn am Bahnhof nur wenige Freunde, und es gab einen von dem herzlichen Empfang in Leipzig und Dresden recht verschiedenen Eindruck. Indes wurde von dem Augenblick an, wo die Kunde von seiner Anwesenheit sich verbreitete, seine Wohnung in dem etwas lärmenden Tiergarten-Hotel (Hôtel du Parc) nicht mehr leer von Besuchern. Die wenigen Male, wo er sich in größerer Versammlung zeigte, wurden vom Publikum mit Eifer benutzt, den großen, in Berlin noch so vielfach angefochtenen Mann von Angesicht zu sehen. Besonders aber bot seine tatkräftige Gönnerin Frau v. Schleinitz, und mit ihr Karl Tausig alles auf, um die Tage seines Aufenthaltes freundlich zu gestalten. Seine erste Betätigung war, am Freitag den 28. April Abends, sein längst angekündigter, in der Plenarversammlung der Kgl. Akademie der Künste gehaltener Vortrag. Die Glieder der Akademie waren, in ihrer Gesamtheit etwa fünfzig Mann, darunter – – Joachim und Dorn, mit denen er sich dabei persönlich durch Händedruck zu begrüßen hatte! Für den Vortragenden gab es weder Tribüne, noch Katheder, der ›Singestuhl‹ befand sich am oberen Ende eines langen Konferenztisches. Es ist wohl nicht zu viel, wenn wir von seinen sämtlichen ›musikalischen‹ Zuhörern annehmen, die großen und klaren Gedanken der bald darauf im Druck erschienenen Abhandlung über die ›Bestimmung der Oper‹ seien über ihre Köpfe hinweggegangen; wenigstens wurde das Gegenteil durch nichts bekundet. Das war das ›akademische‹ Berlin! Tags darauf, am 29., vereinigte der große Saal desHôtel de Rome gegen einhundert und zwanzig Personen zu einem Festmahl zu Ehren Wagners. Ein dreimaliger donnernder Hochruf ertönte, als er, von Kapellmeister Eckert geleitet, im Saale erschien. Während des Mahles [351] ward dem Musiklehrer und -Kritiker Wilhelm Tappert die Ehre zuteil, dem Meister die ersten öffentlichen Begrüßungsworte in Berlin zuzurufen. Nach einem Rückblick auf die harten Kämpfe der Vergangenheit begrüßte er den heutigen festlichen Tag als den Anfang einer besseren Zeit und sprach die Hoffnung aus, die dauernde Versöhnung der gegnerischen Elemente werde sich mitten aus dem Zentrum des neuen Deutschlands vollziehen. Er schloß mit einem Reimspruch, der in sinniger Weise die Namen ›Weber‹ und ›Wagner‹ zu einer Huldigung verflocht, indem er die ungeheure Arbeitskraft und den Mut des Gefeierten erhebend, ihm zugleich als dem ›unablässig Webenden‹, und als dem ›kühnen Wagenden‹ sein Hoch ausbrachte. Der also Begrüßte erwiderte in schlichter und kräftiger Weise. Er knüpfte an die Worte des Vorredners an und erklärte, wie er von der Musik nur Wahrheit des Ausdruckes verlange. Von einer erhabenen Kunst sei dieselbe zu einer bloß wohlgefälligen herabgesunken; sei sie die wirklich erhabene, so habe sie mit dem bloßen Wohlklang nichts zu tun. Der deutsche Geist verhalte sich zur Musik, wie zur Religion: er verlange Wahrheit, nicht schöne Formen. Wie die Reformation die Religion der Deutschen tiefer und fester begründet habe, indem sie das Christentum von welschen Banden befreite, müsse auch der Musik das Nationale erhalten bleiben, das Tiefe nämlich und das Erhabene. Dieses Ziel sei es, wozu sein Bestreben ihn von jeher getragen. Aus seiner langjährigen Zurückgezogenheit jetzt nach Deutschland zurückkehrend, nehme er es als ein glückverheißendes Zeichen, daß eine so große Menge von Freunden das Streben seines Daseins anerkenne. – Bald nach Mitternacht schied der Meister, wie es schien, freudig bewegt durch den festlichen Empfang, aus der Gesellschaft.

Einen noch größeren Kreis von Verehrern führte die Feier zusammen, welche der ›Verein Berliner Musiker‹ ihm am Sonntag den 30. April Mittags im Saale der Singakademie veranstaltete. Das über hundert Mann starke Orchester bestand zum größten Teil aus der Symphoniekapelle, welche durch eine bedeutende Anzahl anderweitiger Musiker verstärkt war. Das Publikum bildeten eingeladene Zuhörer, kein Platz des Hauses war leer geblieben, dagegen wurde die Anzahl der, wegen Raummangel unberücksichtigt gebliebenen, Meldungen auf viertausend angegeben. Der gefüllte Saal machte nicht mehr den Eindruck einer Privatfeierlichkeit, wie sie der Meister erwartet. Als er mit seiner Gattin präzise zwölf Uhr erschien, stimmte das Orchester einen dreifachen Tusch an, alle Anwesenden erhoben sich von ihren Sitzen und fielen mit lauten grüßenden Zurufen ein. Dann sprach die Nichte des Gefeierten, Frau Johanna Jachmann-Wagner, den von Ernst Dohm gedichteten Prolog und überreichte ihm einen Lorbeerkranz. Das Orchester begann unter der Leitung Prof. Julius Sterns mit der Faust-Ouvertüre, und ließ zum Schlusse den Tannhäuser-Marsch unter Leitung des Musidirektors Thadewald folgen. [352] Wagner erhob sich und dankte bewegt mit kurzen Worten dem Orchester, welches ihm, dem bisher abgeschlossen Lebenden, die seltene Freude bereite, von wirklichen Künstlern gefeiert zu werden. Als er darauf selbst den Taktstab ergriff, um die Faust-Ouvertüre noch einmal zu dirigieren, hatten die Zuhörer Gelegenheit, die seltene Gewalt zu beobachten, mit welcher er die Musiker zu führen und zu beherrschen wußte. Es schien zwischen ihm und den Spielenden eine magnetische Verbindung zu entstehen, und das eben gehörte Tonstück wurde plötzlich wie durch eine höhere Eingebung das großartige Gemälde tiefer Schwermut, finstern Grolles, verzweifelten Lebensüberdrusses und heiliger Sehnsucht nach dem Ideal. Alle Dissonanzen erschienen plötzlich in einem milderen Lichte, das scheinbar Krasse, Zerrissene war zu einem charaktervoll prägnanten Bilde umgewandelt. Seine Orchesterleitung zeigte den Musiker allerersten Ranges, das Genie, wenn möglich mit noch überzeugenderer Evidenz, als das große Werk selbst, welches er dirigierte. Zum Schlusse dankte er den Anwesenden noch einmal in herzgewinnendster Weise für die ihm kundgegebenen Sympathien und hob hervor: ›er müsse ja der allerglücklichste Mensch sein, wenn er so viele seine Freunde nennen könnte.‹

Die folgenden Tage verflossen unter mannigfacher, sich drängender Tätigkeit für sein großes Vorhaben. Die Ausführung des Planes für das Festspielhaus zu Bayreuth sollte dem Kgl. Hofbauinspektor Wilhelm Neumann übertragen werden. Mit ihm fanden die ersten Beratungen und Besprechungen statt. Im Hause des Ministers v. Schleinitz brachte er vor einem ausgewählten weiteren Kreise seine Abhandlung über die ›Bestimmung der Oper‹ zum Vortrag. Durch Tausigs Eifer war manch wichtiges, für die Förderung der Bayreuther Sache vielversprechendes Unternehmen im Gange. So die von ihm in Aussicht genommene Begründung einer vorzüglichen, hundert Instrumente starken Orchestergesellschaft, die mit namhaften Mitteln ins Werk gesetzt, von Tausig dirigiert und von einem, ›Wagneriana‹ benannten, Verein materiell unterstützt werden sollte. Von der letzteren, unter der Ägide eines Berliner Kommerzienrats stehenden Vereinigung sollte der Meister in der Folge noch viel Verdruß und schwere Enttäuschung erleben.27 In den musikalischen und außermusikalischen Kreisen Berlins trug jedoch in jenen bewegten Tagen, wo der Name Wagners in aller Munde war, noch eine [353] besondere Frage nicht wenig zur Steigerung der allgemeinen Aufregung bei. Teils in wohlmeinender Hoffnung eines regenerierenden Einflusses auf die nicht eben glänzenden Musikzustände der Reichshauptstadt, teils – von anderer Seite – mit ängstlicher Scheu, ward die von uns bereits erwähnte, Frage erörtert, ob als Abschluß aller dem Meister schon erwiesenen und noch bevorstehenden Ehrenbezeigungen seine Ernennung zum Kgl. preußischen ›General-Musikdirektor‹ zu gewärtigen wäre oder nicht. Wenn man gar, mit völliger Verkehrung der Wirklichkeit in ihr Gegenteil, ihm selbst darauf abzielende ehrgeizige Wünsche zuschrieb, so zeigte das lediglich, wie wenig man den wahren Zweck seiner Anwesenheit begriff! Wohl aber entsprach es seinem Verlangen, bei dieser Gelegenheit einen maßgebenden Eindruck zu hinterlassen und selbst den Hof sich zu verpflichten, daß ihm der Anlaß dazu geboten wurde, vor einem allgemeineren Publikum ein großes Orchesterkonzert zum Besten des ›König-Wilhelm-Vereins‹ zu dirigieren. Die energische Anregung hierzu ging von seiner zielbewußten, berufenen Gönnerin Frau v. Schleinitz aus, und der Meister entschloß sich, seinen Berliner Aufenthalt deshalb um einige Tage zu verlängern.

Daß übrigens ein Schritt zu seinen Gunsten nicht erfolgen könne, ohne einige hochgestellte Kunstbeamte zu ›beleidigen‹, sollte sich auch diesmal wieder bewähren, – wie ein wunderliches Verhängnis, das von je über seinen Unternehmungen waltete Weil die für das Zustandekommen des Konzertes erforderliche schnelle Bewilligung des Kgl. Opernhauses an höchster Stelle ohne seine Befragung und sein besonderes Vorwissen geschehen war, soll der General-Intendant Herr von Hülsen grollend – es verlautete, nach vergeblich eingereichter Demission! – nach Leipzig abgereist sein, um während des festlichen Ereignisses wenigstens nicht in Berlin zu verweilen (?). Im voraus sei jedoch von ihm bei dieser Gelegenheit ›die Bekränzung des Dirigentenpultes untersagt und das Einschmuggeln blühender Wurfgeschosse verboten worden‹.28 Die Kürze der seinem Berliner Aufenthalt zugemessenen Frist beschränkte die Zahl der abzuhaltenden Proben auf drei. In der ersten wurden dieC-moll-Symphonie Beethovens und der für Orchester und Chor völlig neue ›Kaisermarsch‹, in der zweiten das erste Finale aus ›Lohengrin‹ und das ebenfalls neue ›Walküren‹-Fragment (Feuerzauber) probiert, in der dritten einzelnes wiederholt Keine dieser Proben dauerte über zwei Stunden, obgleich die einzuübenden Musikstücke von Grund aus neu studiert wurden. In der Symphonie beseitigte der Meister auch mehrere – durch die Mängel der früheren [354] Hörner in die Beethovensche Partitur geratene – Übelstände. So ließ er die Stelle der Einführung des zweiten Themas im ersten Satze, wo dieses wieder in C-dur auftritt, anstatt durch Fagotte, durch Ventilhörner ausführen.

In diese Zwischenzeit seines verlängerten Aufenthaltes (vor dem Konzert) fällt nicht allein die Anknüpfung oder Befestigung mancher wertvollen Bekanntschaft in den, im Ministerium des Kgl. Hauses in der Wilhelmstraße verkehrenden Gesellschaftskreisen – unseres Wissens rührt aus diesen Berliner Tagen die Befreundung mit Professor Helmholtz, und seiner durch Geist und Gemüt gleich ausgezeichneten Gemahlin – sondern auch sein, in neuerer Zeit viel erörterter Besuch im benachbarten Palais des Reichskanzlers. Bei Erwähnung desselben muß allem zuvor konstatiert werden, daß er bei diesem Besuche auch nicht das allermindeste ›Anliegen‹ hatte, sondern dabei lediglich von dem begreiflichen Wunsche geleitet wurde, wie er fast alle seine bedeutenden Zeitgenossen persönlich kennen gelernt, so auch die Bekanntschaft dieses bedeutendsten unter ihnen zu machen. Keine andere Bewandtnis konnte es auch wohl – schicklicherweise – bei einer solchen ersten Annäherung haben; sie war eine Huldigung, die er von sich aus dem, damals noch bis in die Hofkreise hinein so heftig angefochtenen Staatsmanne darbrachte. In diesem Sinne gab er, auf besondere Veranlassung Lothar Buchers, im Reichskanzlerpalais seine Karte ab, worauf alsbald, zum Mittwoch, den 3. Mai – es war gerade Bußtag – eine Einladung zur Soirée an ihn erging. ›Bismarck empfing ihn‹, so heißt es, ›im kleinen Familienkreis mit derselben ausgesuchten Courtoisie, wie wenn er etwa den Minister eines verbündeten Staates zu begrüßen gehabt hätte.‹29 Trotzdem finden wir gerade hinsichtlich dieses selben – nie wiederholten – Besuches die Angabe verbreitet, die beiden großen Männer seien sich bei ihrem persönlichen Zusammensein nicht eben nahegetreten. Richard Wagner habe sich bitter über das ›Fehlschlagen seiner Erwartungen‹ geäußert, der Fürst aber sich über den von ihm empfangenen Eindruck ausgelassen wie folgt: ›er sei doch auch nicht ohne Selbstbewußtsein; aber ein so hohes Maß davon, wie er es bei Wagner angetroffen, sei ihm bei einem Deutschen noch nicht vorgekommen‹.30 Es wurde aber bereits erwähnt, daß Wagner an seinen Besuch nicht die geringsten ›Erwartungen‹ knüpfte, und keinerlei Anliegen vorzubringen hatte, also in keiner Weise ›enttäuscht‹ werden konnte. Den angeführten Ausspruch Bismarcks müssen wir hinsichtlich seiner Echtheit ganz auf sich beruhen lassen; sollte er ihn wirklich getan haben, so wäre er allerdings [355] ein Beleg dafür, ein wie oberflächliches Verständnis der große Erneuerer des deutschen Reiches für den – ihm doch mindestens ebenbürtigen – Reformator der deutschen Kunst besessen. Und mit ihm offenbar auch seine ganze, nähere und fernere Umgebung, da ihm doch sonst auf eine so ungegründete Behauptung in überzeugender Weise widersprochen worden wäre! Sein wärmster und frühester Bewunderer, Hans von Bülow, bezeichnet es einmal als Bismarcks einzigen Fehler, daß er – ›Frau von Schleinitz nicht leiden möge‹.31 Darin liegt auch in bezug auf Wagner sehr viel ausgedrückt. Wer diese aufopferungsvolle, enthusiastische Werberin für die Ideale des Künstlers nicht zu würdigen verstand, mußte offenbar auch von irgend welcher tiefergehenden Erfassung dieser Ziele, und einer entsprechenden Würdigung seiner selbst weit entfernt sein. Noch einmal aber: Erwartungen irgend welcher Art, insonderheit die eines intimeren Verständnisses, hat Wagner damals nicht mitgebracht. War er doch sein ganzes Leben hindurch daran gewohnt, andere von Grund aus zu begreifen und zu verstehen und von ihnen nicht begriffen zu werden, und fühlte sich ihnen gerade dadurch überlegen. Die Wahrheit ist, daß er sich nach diesem Besuch ungefähr dahin äußerte: Bismarck habe ihm sehr wohl gefallen; er sei jedoch in seinem ganzen Wesen von ihm verschieden, sie könnten sich nur, ein jeder in seiner Sphäre, gegenseitig beobachten, und nie würde er ihn für seine Sache in Anspruch nehmen. Das schließt nicht aus, daß, als er späterhin, von der Not dieser seiner heiligen Sache gedrängt, sich doch an das Reichskanzleramt zu wenden Veranlassung fand und eine bloße höfliche Ablehnung erhielt, er sich darüber auch mündlich in gleicher Weise aussprach, wie er es an der bekannten Stelle seiner Schriften getan.32 Man vergleiche aber hierzu die Art, wie er sich unmittelbar darauf in der Vorrede zum 1. Bande der ›Gesammelten Schriften‹ über die politische Entwicklung unseres modernen Staates ausläßt, die es mit sich gebracht habe, daß ›ein Staatsmann seine Erfolge vor denjenigen, welche zuvor keine Ahnung von ihrer Möglichkeit hatten, zu rechtfertigen und seine Maßnahmen dem Urteile derer zu unterwerfen hat, welchen erst bei solchen Gelegenheiten klar gemacht werden muß, um was es sich handelt‹, – um schon aus diesem Satze zu erkennen, daß seine bisher gehegten Sympathien für die Persönlichkeit des Fürsten durch den empfangenen Eindruck eher befestigt, als wankend gemacht waren.33 Er führte gelegentlich auch wohl [356] eine bei diesem Anlaß gegen ihn getane charakteristische Äußerung des Kanzlers an: ›seine Arbeit nach unten bei der Einigung Deutschlands kenne jedermann; aber welche Arbeit da und dort nach oben nötig gewesen, bis die Pickelhaube ein Loch bekommen und der deutsche Gedanke zum Durchbruch gekommen sei, das wüßten nur wenige‹.34

Schon in der Generalprobe am Vormittag des Konzerttages (5. Mai), welche das Kgl. Opernhaus eben falls fast ganz gefüllt hatte, gewahrte man eine Veränderung auf der Bühne. Auf Wagners Anweisung war der Bühnenraum, wo das auf 120 Mann verstärkte Orchester inmitten des, durch einen Teil des Sternschen Vereins vermehrten Theaterchors aufgestellt war, durch feste Seiten- und Hinterwände in eine geschlossene Halle umgewandelt. Durch diese Vorrichtung und Aufstellung wurde eine Schönheit der Klangwirkung erzielt, überraschend und ganz dazu angetan, die Erwartungen für den Abend noch zu steigern. Der Konzertabend selbst fand das ganze Haus, den Orchesterraum mit inbegriffen, bis zum letzten Platze gefüllt und in festlichem Schmucke strahlend. Der Kaiser, die Kaiserin, der gesamte Hof und eine auserlesene Zuhörerschaft waren versammelt; eine feierliche Stimmung bemächtigte sich schon im voraus der Gemüter. Als der Meister erschien, um sich an die Spitze seiner Truppen zu stellen, wurde er mit lautem Beifall begrüßt. Das Konzert begann mit dem ›Kaisermarsch‹, den das Publikum mit lebhaftem, anhaltendem Applaus aufnahm. In der C–moll-Symphonie, deren Vorführung unter dem Dirigentenstabe Wagners wahrhaft elektrisierte, wuchs der Beifall von Satz zu Satz und steigerte sich am Schluß zu stürmischem Hervorruf. Als das ›Lohengrin‹-Vorspiel begann, schien ein übernatürlicher Hauch durch das Haus zu wehen. Die letzten Töne verhallten und ein Sturm des Entzückens brach los. Hunderte von Buketts und Kränzen fielen – dem angeblichen Verbote der Intendanz zum Trotz – zu des Meisters Füßen nieder, während dieser, sich stumm verbeugend, äußerlich ruhig dastand und nur in der etwas gesenkten Haltung des Hauptes die innere Erregung sich ausdrückte. Der zweite Teil des Konzertes begann mit dem ›Feuerzauber‹, der nach dem stimmungsvollen Vortrag des von Betz ausgeführten Abschiedsgesanges Wotans die größte Wirkung erzielte, und schloß mit dem ›Lohengrin‹-Finale. Als dann wieder ein Blumen- und Lorbeer-Regen den Meister überschüttete und das Publikum mit lauten Akklamationen den Kaisermarsch wiederholt verlangte, entschloß er sich nach einigem Zögern dazu und endete somit den für Berlin so bedeutungsvollen Abend.

Sein Abschied hinterließ bei den dortigen Freunden eine fühlbare Leere, besonders aber in Tausig, der im Verkehr mit dem Meister sich für alle Bemühungen reichlich belohnt sah. Doch auch in der Berliner Öffentlichkeit [357] war der Eindruck ein nachhaltiger und bedeutender, wie bisher immer noch, wo der Künstler selbst ins Feld getreten war: Neid und Eifersucht mußten sich unter dieser überwältigenden Gegenwart in unfreiwillige Bewunderung oder wenigstens in Schweigen zurückziehen. Die Norddeutsche Allg. Zeitung brachte deshalb in ihrem redaktionellen Teil die folgende Danksagung:


›Der König Wilhelm-Verein hat mit vollstem Rechte Ihrer Exzellenz der Frau Minister von Schleinitz für das von ihr, bei Anwesenheit des Herrn Wagner, herbeigeführte Konzert seinen aufrichtigen Dank ausgesprochen. Sei es aber auch uns vergönnt, dem Herrn Richard Wagner unseren Dank für das Konzert am 5. Mai auszusprechen. Wir danken ihm im Namen von ganz Berlin Im Namen von ganz Berlin – sagen wir absichtlich. Freund und Feind müssen dem trefflichen Komponisten dankbar sein für seine Direktion, wie sie fast einzig dasteht. Ein Feldherr führt seine Scharen nicht bewunderungswürdiger zum Siege, wie er die Kgl. Kapelle bei der Aufführung der Beethovenschen Symphonie geführt hat. Für diese Aufführung ist Berlin dankbar, muß es seinen Dank aussprechen. Dem Komponisten und Dirigenten Richard Wagner, der so bereit war, sein Konzert zum Besten des König Wilhelm-Vereins zu geben, Dank, lauten Dank von seiten Berlins! Alle Verehrer und Bewunderer Richard Wagners.‹35


Bereits den 8. Mai finden wir den Meister und seine Gemahlin wieder in Leipzig, wo er mit beiden Schwestern Brockhaus und mit dem Verleger E. W. Fritzsch verkehrte. An diese Leipziger Tage erinnert ein noch vorhandenes Briefchen der Schwester Ottilie nach Triebschen, worin sie ihre beglückten Empfindungen über seinen Besuch in Leipzig ausspricht. Der ›vergessene Fächer‹ sei nicht gefunden; wahrscheinlich sei er in Berlin liegen geblieben. Daß aber dem kleinen Siegfried der (in Leipzig für ihn gekaufte) Hut gepaßt, sei ihr erstaunlich, das müsse ja ein Prachtjunge sein – wie wurde sie sich freuen, seine Bekanntschaft zu machen! Wichtigeres aber als dies intime Detail entnehmen wir dem seither veröffentlichten, und von uns bereits erwähnten, ersten Briefe an Friedrich Feustel. Als in den Unterhaltungen des Meisters mit seiner Schwester wiederholt auf das Bayreuther Vorhaben die Rede kam, war sie glücklich, ihm diesen trefflichen Mann als einen entfernt Verwandten36 empfehlen zu können. ›Als ein sehr erfreuliches Anzeichen‹, schreibt daher in der Folge der Meister an Feustel, ›erfaßte ich den Umstand, daß meine gute Schwester, Ottilie Brockhaus, mir von den freundlichen Beziehungen melden konnte, in welche ihre Familie zu der hochgeehrten [358] Ihrigen gelangt ist, und ich gab etwas darauf, gerade auch im Sinne dieser Beziehungen Ihrem Wohlwollen mich empfohlen zu wissen.‹ Und wiederum: ›durch meinen lieben Neffen Clemens Brockhaus in Leipzig ist mir die sehr angenehme Versicherung zugekommen, daß Sie freundlich mir begegnen würden, wenn ich in meiner nicht unbedeutenden Angelegenheit an Sie mich zu wenden gedächte.‹37 So knüpften sich, ganz unverhofft verheißungsvoll, die verbindenden Fäden eines wechselseitigen Vertrauens über Leipzig nach Bayreuth.

Nach fünftägigem Verweilen begab er sich zunächst über Frankfurt a.M. nach Darmstadt, um daselbst mit dem Hoftheater-Maschinisten Karl Brandt bezüglich der szenischen Einrichtung des Bayreuther Theaters eine vorläufige Konferenz zu halten. Zu diesem trefflichen Manne, einem echten Künstler und erfahrenen Techniker, hatte er gleich seit seiner ersten Begegnung mit ihm – in den unglücklichen Münchener ›Rheingold‹-Tagen des vorigen Jahres (S. 297) – ein Vertrauen gefaßt, das ihn auch in der Folge nicht täuschen sollte. Er wurde ihm an seinem Bayreuther Werke, von den ersten Anfängen, dem ›großen Loche‹38 an, ein treuer Gehilfe und Berater, ohne dessen Hinzuziehung er keinen entscheidenden Schritt hinsichtlich des Baues unternahm. ›Er ist es‹, sagt Wagner von ihm, ›der, außer mir, das eigentliche Verständnis von der Sache hat.‹39 Von hier ging es weiter nach Heidelberg. Wiederum ist es uns vergönnt, aus diesem ganz kurzen (vierundzwanzigstündigen) Heidelberger Aufenthalt nach den eigenen Mitteilungen Wagners eine kleine Episode festzuhalten, die ihm bei seinen tief begründeten Zweifeln an der Zukunft des deutschen Theaters ›ein letztes Licht der Hoffnung für den produktiven deutschen Volksgeist aufgehen ließ‹. Es war dies die zufällige Begegnung mit einem sog. ›Kasperltheater‹, wie sie in Süddeutschland seit dem 17. Jahrhundert volkstümlich sind, – und zwar, nachdem er soeben noch von dem Eindrucke der Aufführung eines ›höheren Lustspiels‹ in einem ›berühmten Hoftheater‹ sich in betreff jener Hoffnung auf das tiefste niedergedrückt gefühlt hatte.40 ›In dem Spieler dieses Puppentheaters und seinen ganz unvergleichlichen Leistungen, mit denen er mich atemlos fesselte, während das Straßenpublikum in seiner leidenschaftlichsten Teilnahme an ihm alle gemeinen Lebensverrichtungen zu vergessen schien, ging mir seit undenklichsten Zeiten der Geist des Theaters zuerst lebendig wieder auf. Hier war der Improvisator Dichter, Theaterdirektor und Akteur zugleich, und seine armen Puppen lebten durch seinen Zauber mit der Wahrhaftigkeit unverwüstlicher Volkscharaktere vor mir auf. Mit der gleichen Situation wußte er uns ganz [359] nach Belieben festzuhalten, indem er uns stets wieder neu mit ihr überraschte; wobei es sich in der Hauptsache um ein so merkwürdiges, bis in das Dämonische gesteigerte Wesen, wie diesen deutschen »Kasperle« handelte, der vom ruhig gefräßigen »Hans Wurst« sich bis zum unüberwindlichen Teufels- und Pfaffenspuk-Banner erhebt, dem wunderlich affektiert redenden Herrn Grafen durch unwiderleglichen witzigen Verstand beikommt, Hölle und Tod besiegt und das römische Recht in jeder Form der Justiz sich vom Leibe hält. Es gelang mir nicht, den wundertätigen Genius dieses echtesten aller Theaterspiele, die ich noch je angetroffen, persönlich ausfindig zu machen: vermutlich war mir dadurch eine schwere Prüfung meines Urteils erspart.‹41

Über Basel gelangte er dann, nach ungefähr vierwöchentlicher Abwesenheit, nach Luzern zurück, wo ihn, nach allen wechselnden Aufregungen der Reise, die heimische Stille seines alten Hauses wieder traulich umfing. Nicht zur Erholung freilich, sondern zum energischen Ergreifen aller Maßnahmen zur Förderung seines großen Unternehmens. Die Beratungen mit seinen Berliner Freunden und Gönnern hatten dahin geführt, daß er jede nähere Ausführung in betreff der Beschaffung der nötigen Geldmittel ganz und gar ihnen überlassen durfte, die sich aus eigenem Antrieb damit beschweren wollten, und deren Bemühungen er als erfreulichen Beweis ihres tatkräftigen Eifers im Dienste deutscher Kunst, wie eines allseitig in ihn gesetzten Vertrauens hinsichtlich der Durchführung des künstlerischen Teiles der Unternehmung, dankbar begrüßte. Die Gesamtkosten für die Errichtung des provisorischen Baues, wie auch der Aufführung, waren – wie bereits erwähnt – auf rund 300000 Taler veranschlagt. Diese Summe sollte in der Weise beschafft werden, daß tausend Patronatscheine zu dreihundert Talern bei den Freunden und Förderern des nationalen Unternehmens untergebracht würden. Die vorläufige Geschäftsführung, bis zur Konstituierung eines Patronatausschusses, hatte Karl Tausig übernommen. In diesem Sinne hatte der Meister schon von Leipzig aus, unter dem Datum des 12. Mai, die öffentliche ›Ankündigung der Festspiele‹ ergehen lassen. Als Ort der Aufführung [360] war Bayreuth genannt, als Zeit einer der Sommermonate des Jahres 1873. Für den Bau, wie für die szenische Einrichtung des Theaters, dessen Solidität und äußerliche Ausstattung den zu Gebote gestellten Mitteln gemäß hergestellt werden sollte, war die Zeit vom Herbst des Jahres 1871 bis zum Frühjahr 1873 bestimmt. Dann sollten die, bis dahin von ihm ausgewählten vorzüglichsten Sänger und Musiker in Bayreuth zusammentreffen, um zwei Monate lang die Teile des Festspiels ›Der Ring des Nibelungen‹ sich einzuüben. ›Jedenfalls bin ich froh‹, schreibt er am 19. Mai, ›alles, was wir vornehmen, im Geleise eines wirklich freundschaftlichen Einverständnisses zu erhalten, und bemühe mich daher vorzüglich, jedes fremde, steife und störende Element auszuschließen. Niemand, wer nicht herzlich begreift, um was es sich handelt, nämlich: ein Beispiel zu geben, soll von uns herbeigezogen werden; die Tat wird dann sprechen und dem Unkundigen alles sagen. Nun freut es mich zu sehen, wie sicherer Hoffnung und festen Vertrauens unser Unternehmen von denjenigen, die ich zur Teilnahme an demselben berufe, beurteilt wird. Wenn ich nur diese Stadt Bayreuth bedenke, welche ich plötzlich von der ganzen Welt zu solcher Bedeutung erhebe, so sehe ich, daß wir einer nach jeder Seite hin segensreichen Schöpfung entgegensehen, deren Wirksamkeit sich unermeßlich vor uns ausbreitet.‹

Als kleine Tatsache sei hier noch erwähnt, daß er am 22. Mai, seinem achtundfünfzigsten Geburtstage, Veranlassung erhielt, dem Wiener Männergesangverein seinen Dank für seine Ernennung zu ihrem Ehrenmitgliede auszusprechen. ›Gern werde ich dieser Auszeichnung eingedenk sein und dabei mich freundschaftlich Ihrer erinnern.‹ Derselbe Tag wurde in München durch ein Konzert der Kochschen Kapelle festlich begangen. Des Meisters Büste wurde dabei unter lautem Jubel des Publikums bekränzt, welches die Kaisermarsch-Hymne in voller Begeisterung mitsang. Immerhin erfreuliche Symptome. Inzwischen hatte sich, auf Grund seiner allerersten Bekanntmachung, der ›grünen Broschüre‹ (S. 346), ein gänzlich Unbekannter, der Mannheimer Musikalienhändler Emil Heckel, brieflich an ihn gewendet, um ihm seine Bereitschaft anzumelden, zum Gelingen des großen nationalen Unternehmens nach Kräften beizutragen. Dieser, der die wechselnden Stationen seines Ausfluges in den öffentlichen Blättern verfolgt, trat nunmehr, sobald er ihn heimgekehrt wußte, unterm 15. Mai mit der Bitte um eine nähere Mitteilung an ihn heran, welche Aufgaben zunächst der tätigen Unterstützung seitens der Freunde der Kunst des Meisters harrten. Wagner verwies ihn, unter herzlichem Dank für die bekundete Teilnahme, ›an Herrn Karl Tausig, 35 Dessauerstraße in Berlin‹, der ihn über alle Einzelheiten näher unterrichten werde. Zu diesem letzteren begab sich nun Heckel, indem er die Reise nach Berlin nicht scheute, alsbald persönlich und sprach ihm sein Bedauern [361] aus, daß der bisher veröffentlichte Plan, weil er von dem einzelnen einen Beitrag von mindestens hundert Talern verlange,42 den minder Bemittelten keine Beteiligung an der Förderung des Unternehmens gestatte. Sein Vorschlag, durch Begründung von ›Wagner-Vereinen‹ auch in diesen Minderbemittelten eine solche fördernde Mitwirkung an dem Unternehmen zu ermöglichen, fand zunächst Tausigs vorläufige Zustimmung, sodann auch diejenige des Meisters, und alsbald schritt Heckel an die Konstituierung seines Vereins. ›In Mannheim‹, so berichtet in der Folge Wagner selbst, ›rief ein bis dahin persönlich mir unbekannter, vorzüglich tatkräftiger Freund meiner Kunst und meiner Tendenzen, von gleich ernstlich gewogenen Genossen unterstützt, einen Verein zur Förderung des von mir angekündigten Unternehmens in das Leben, welcher sich fortan, allem Hohne zum Trotz, kühn den Namen »Richard Wagner-Verein« beilegte.‹43 Aus den Vorschlag Heckels, die Gründung entsprechender Vereine auch in anderen Städten anzuregen, antwortete Tausig in einem Briefe vom 17. Juni: ›Ich habe nichts gegen die Ausführung Ihres Planes »Wagner-Verein« einzuwenden, als daß wir auf Schwierigkeiten und Verzögerungen mit der Flüssigmachung des Patronatgeldes stoßen werden. Da das Theater, d.h. der Bau und andere Vorbereitungen, schon Ende dieses Herbstes in Angriff genommen wird, so müssen wir bald über bedeutendere Mittel disponieren können‹44

Eine kulturgeschichtlich merkwürdige Erscheinung war mit diesen Vereinen ins Leben gerufen Haben die ›Wagner-Vereine‹ dem Schöpfer des Bayreuther Werkes in materieller Beziehung tatsächlich auch nur verschwindend geringe Dienste leisten können, haben sie auch in den allermeisten Fällen höchstens nur den Boden bereitet, auf welchen dann der Meister immer in Person erst treten mußte, um in aufreibenden und zeitraubenden Anstrengungen ›Konzerte‹ zugunsten seines Unternehmens zu dirigieren, sind sie auch zu keiner Zeit auch nur mit ihrer Organisation recht in Ordnung gekommen, so beweist doch allein schon die andere Tatsache ihrer treuen Fortdauer bis in ferne Zeiten etwas für ihre moralische Bedeutung, – weshalb wir denn auch wiederholt auf dieselben und ihre Bestrebungen zurückkommen werden. Zunächst stellte es sich gleich bei dem ersten dieser Vereine, dem Mannheimer, heraus, daß er auf die persönliche Mitwirkung Wagners bei einem zugunsten der [362] Sache zu veranstaltenden großen Konzert rechnete. ›Ich werde Wagner über die Direktion eines Konzertes in Mannheim schreiben‹, teilte sich Tausig hinsichtlich dieses Projekts schon in seinem ersten Briefe (vom 7. Juni) an Heckel mit; ›ich glaube aber kaum, daß er sich entschließen wird, noch einen solchen Ausflug zu machen.‹ Und wiederum, zehn Tage später, nachdem er die Meinung des Meisters darüber eingeholt: ›Herr Wagner würde zu jeder anderen Zeit Ihre Einladung, in Mannheim ein Konzert zu dirigieren, angenommen haben; aber die Komposition der Nibelungen gestattet ihm nicht, auf irgendwelche Weise sich zu zersplittern und von seiner Arbeit zu trennen.‹ Dies war nun eine – sachlich auf das beste begründete – bestimmte Ablehnung; doch ließ es das bald gewonnene Vertrauen Wagners in den tätigen Mannheimer Freund (der ihm persönlich noch unbekannt war), sowie ferner der Umstand, daß der Mannheimer Verein zur Zeit noch der einzige seiner Art war, dabei nicht endgültig bewenden. Vielmehr beantwortete er einen neuerdings an ihn gelangenden Bericht über die erfreuliche Entwickelung des Vereins mit der Eröffnung einer günstigeren Aussicht. ›Gewiß bin ich überzeugt, daß es unter Umständen mir sogar eine recht angenehme Diversion für mein so sehr zurückgezogenes Leben bieten kann, für einige Tage mich aufzumachen, um vor Freunden selbst so eine Art von Konzert zu dirigieren. Nur möchte ich jetzt mich nicht für eine gewisse Zeit binden, weil ich – nach vielen äußeren Anstrengungen – eben jetzt erst dazu komme, mich für meine Arbeit zu sammeln. Machen Sie sich aber gefaßt, daß ich mich – etwa im Herbst – schnell einmal melde, und sorgen Sie dann nur, daß es etwas Ordentliches wird.‹45

Während inzwischen, mit dem in Stich und Druck vollendeten Klavierauszug des ›Siegfried‹, der dritte Teil des großen Nibelungenwerkes an die Öffentlichkeit gelangte (die ›Walküre‹ war, wie wir uns erinnern, bereits im Jahre 186546 erschienen), unterzeichnete er gehobenen Mutes das Vorwort zur Gesamtausgabe seiner ›Schriften und Dichtungen‹, und erwog mit Nietzsche die Begründung eines, von diesem letzteren so bezeichneten ›Reformations-Journals‹, eines periodischen Organs, in welchem praktisch, durch das Beispiel, ›die Möglichkeit einer hochgesinnten und durchaus vornehmen, wahrhaft belehrenden Kultur-Zeitschrift bewiesen werden sollte‹.47 Da traf seine Hoffnungen, mitten im ersten Beginne, ein unerwarteter harter Schlag. Es war der alle Welt erschütternde, plötzliche Tod Karl Tausigs, nachdem dieser kaum erst den Weg seiner, von ihm selbst sich vorgezeichneten Wirksamkeit betreten. In seinem noch nicht vollendeten dreißigsten Lebensjahre ereilte diesen jugendlich begeisterten, überreich von der Natur begabten Mann, in der [363] Blüte seiner Jahre, in der Fülle seiner künstlerischen Kraft, nach kurzer schwerer Krankheit das Geschick. Er starb an einem typhösen Fieber, in der Morgenfrühe des 17. Juli, in Leipzig, wohin er sich zur Begrüßung Franz Liszts begeben und wo die Krankheit ihn ereilte, deren Keim er wohl schon von Berlin aus mitgebracht. Es ist bezeichnend, daß Liszt, wie aus seinen Briefen an die Fürstin48 hervorgeht, sowohl über die Berliner Reise des Meisters, wie über sein Bayreuther Unternehmen – dank seiner allzulangen Enthaltung vom persönlichen Umgang des Freundes – nur sehr unklare Vorstellungen hegte; es bedurfte aber nur einer Unterredung mit Tausig, um so weit klar zu sehen, daß er sich sogleich, mit der Zeichnung von drei Patronatscheinen, in die vorderste Reihe aller bisherigen Patrone stellte.49 An dem Krankenlager des allzufrüh aus seiner Laufbahn Abgerufenen hatten edle Frauen, die Gräfin Krockow und Frau von Muchanoff, gewacht Freunde, von Berlin herbeigeeilt, empfingen seine irdische Hülle und geleiteten sie zurück nach der Stätte seines Wirkens. Dort bettete man ihn am 21. Juli, unter den Klängen des Beethovenschen Trauermarsches, von Donner und Blitzen begleitet, in sein Grab. In ihm verlor Wagner einen treuen und aufopfernden Freund, das Bayreuther Unternehmen aber seinen wärmsten und aufrichtigsten Förderer. So war einst – vor kaum sechs Jahren – Ludwig Schnorr dahingegangen, da der Meister eben die höchsten Erwartungen auf seine herrliche Kraft setzte. ›Wie Schnorr unter den Sängern, so war Tausig unter den ausübenden Musikern jener Zeit bei weitem der genialste; wenn man von Bülow absieht, so dürfte man wohl sagen, der einzige wirklich geniale.‹50 In Berlin war er soeben mit der Zusammenstellung jenes Orchesters beschäftigt, das, unter seiner Leitung ausgebildet, dazu bestimmt war, Bruchstücke aus Wagners Werken richtig zu Gehör zu bringen und durch seine Vorträge das Verständnis für die Kunst Wagners und für die hohe Bedeutung des Bayreuther Werkes zu fördern. Diese durch Tausig in den Stil der dramatischen Werke des Meisters eingeführten Musiker sollten dann auch den Kern des zukünftigen Bayreuther Orchesters bilden. Durch seinen Tod wurde auch dieser Plan zerstört. Sein letztes Wort an ihn hatte Wagner – seinem Grabstein anzuvertrauen:


›Reif sein zum Sterben, des Lebens zögernd sprießende Frucht,

früh reif sie erwerben in Lenzes jäh erblühender Flucht,

war es Dein Los, war es Dein Wagen, –

wir müssen Dein Los wie Dein Wagen beklagen.‹


[364] Der Stoß, den das Bayreuther Unternehmen durch diesen Verlust gleich in seinen ersten Anfängen erleiden mußte, war nicht leicht zu verschmerzen. Das Patronat seines Werkes sollte dem Meister von außen her als etwas Fertiges entgegentreten, er sollte nur mit der künstlerischen Seite der Sache zu tun haben, die andere, materielle, seinen Freunden überlassen bleiben. Dazu bedurfte es der Vollkraft eines Mannes von so ausgesprochen enthusiastischer Hingabe, eines Mannes, der zugleich durch seine geniale Begabung eine soziale Stellung einnahm, die ihn glücklich dazu befähigte, nach allen Richtungen der Gesellschaft die Initiative zu ergreifen, zu vermitteln und vorzubereiten. War Frau v. Schleinitz das Herz und die Seele, so war er der Kopf und zugleich die ausführende rechte Hand jedes, der großen Sache dienenden, Berliner Unternehmens gewesen. Nun drohte die ganze Last zu sehr auf den Schultern einer Einzigen sich zu häufen. – Unerschütterlich wirkte gleichwohl der nun so empfindlich geschmälerte enge Freundeskreis im Sinne des Dahingeschiedenen fort.

Fußnoten

1 Das zur Zeit im 39. Jahrgang stehende ›Musikalische Wochenblatt‹.


2 Briefwechsel mit Nietzsche, S. 221.


3 Ges. Schriften X, S. 375.


4 Ges. Schr. X, S. 238/39. Vgl. dazu den zusammenfassenden Artikel ›Quartett‹ des Wagner-Lexikons, oder auch den Artikel der Wagner-Enzyklopädie: ›Beethovens Streichquartette‹, nebst den Zusätzen im Anhang speziell über das Cis-moll und Es-dur-Quartett S. 390/91.


5 Dr. Gustav Schönaich in der Zeitschrift ›die Musik‹ 1903, III. Quartal, S. 131.


6 Dr Theodor Helm im ›Musikalischen Wochenblatt‹, Jahrgang 1882, S. 4.


7 Ein doppelt merkwürdiges Wort, da es von einem Manne herrührt, der noch auf die Grundsteinlegung von Bayreuth eine Verhöhnung in Form einer eigenen Broschüre verfaßt hatte!


8 Über sein Spiel schreibt Bülow am 26. Juni 1870, während seines Berliner Aufenthaltes: ›Tausigs Klavierspiel ist das idealste, das ich je gehört. Diese Urvollendung, diese exquisite Klangschönheit – das steht außer jeder Konkurrenz; da müssen Joachim und vielleicht noch ein Größerer – die Segel streichen.‹ ›Als Charakter‹, heißt es dann an anderer Stelle, ›war er sehr »impossible« im Verkehr; wir sind still, aber gründlich bei meiner letzten Anwesenheit in Berlin auseinandergekommen. Mit dieser Äußerung soll aber beileibe kein Schatten auf den »Menschen« geworfen werden. Seine unglaubliche Launenhaftigkeit, Malice und Reizbarkeit war Folge krankhafter Zustände, Überanstrengung, teilweise seiner Erziehung, seinen meist trüben Erlebnissen entsprungen. Diese im Verkehr störenden Qualitäten schlossen ganz und gar nicht die allernobelsten Charakterzüge aus‹ (Bülows Briefe IV, S. 407 und 494).


9 E. Förster, Nietzsches Leben II, S. 52.


10 Siehe L. Ramann, Franz Liszt als Künstler und Mensch, Band I, S. 460/62.


11 R. Pohl, Musikal. Wochenbl, 1877, S. 245.


12 ›Ich habe mit Wagner die vorläufige Idee eines Reformationsjournals besprochen, wobei wir auch Deiner vor allem gedachten‹, schreibt Nietzsche an Rohde 7. Juni 71.


13 Da Richter augenblicklich nicht in Triebschen weilte, übersandte ihm Wagner das Manuskript, ohne sich als Autor zu nennen (um ihn hierdurch der Aufgabe gegenüber nicht befangen zu machen). ›Es versteht sich‹, fügt er hinzu, ›daß der Schwank auf das eigentliche Volkstheater gebracht werden muß, und Sie deshalb auch mit der Musik es leicht halten müssen: es wird demnach eine Parodie der Offenbachschen Parodien werden müssen. Machen Sie nur schnell damit; denn, wenn das Ding auch an sich sehr interessant ist, so ist es doch von der Hauptwirkung in der unmittelbaren Gegenwart. Ganz richtig muß es in Berlin zuerst herauskommen. Leider kann ich Ihnen hierfür gar nichts helfen, da ich in Berlin keine Verbindungen habe. Doch ist es gut, daß Sie mich auf F. Röder aufmerksam machen: ich glaube, es ist dies eine alte Bekanntschaft von mir aus Würzburg von anno 1833. Wenn er den Vertrieb mit Eifer in die Land nehmen will, würden Sie wohl am besten fahren. Benützen Sie bei ihm meine aufrichtige Empfehlung der Sache ganz offen: ich scheue mich mit meinem allerbeifälligsten Urteile vor niemand. Wenn dieser Schwank sehr gut und mit gehörigem Geschick in Szene gesetzt wird, muß er sich vor allem ähnlichen Zeiterzeugnis unvergleichlich vorteilhaft auszeichnen, und demgemäß den Leuten gefallen. Lieb wäre mir's: Sie wären hier, wenn Sie die Musik ausführen: doch muß es schnell damit gehen, und Sie dürfen keine Zeit verlieren.‹


14 Gesammelte Schriften IX, S. 7/8.


15 Nietzsche, ›Rich. Wagner in Bayreuth‹, S. 92.


16 ›Bayr. Blätter‹ 1901, S. 220.


17 Band III, S. 412.


18 Ebenda, S. 123 ff.


19 J. Baechtold, Leben Gottfried Kellers, III, S. 93.


20 Wille, Erinnerungen, S. 158/59.


21 An Pusinelli, 9. November 1870 (›Bayreuther Blätter‹, Jahrgang 1902, S. 115/16).


22 So z.B. in den Briefen an E. Heckel, S. 19.


23 An diesen hatte er sich schon am 23. Dezember des Vorjahres mit dem Anerbieten gewandt, eines seiner Werke, welches es auch sei, in Leipzig zu dirigieren, jedoch nur unter der Bedingung, daß es ›vollständig und ohne Kürzungen gegeben werde‹. ›Gerade seiner Vaterstadt Leipzig wolle er kein Gaukelspiel vormachen.‹ Es entzieht sich unserer Kenntnis, darüber zu entscheiden, ob der Meister aus Mangel an Zeit dieses Anerbieten zurückgezogen, oder ob das damalige Leipziger Theater außerstande war, auf seine Bedingung einzugehen.


24 Als ›Kraftliedchen‹ gingen diese heiteren Zeilen in Müller von der Werras ›Allgemeines Reichskommersbuch für deutsche Studenten‹ über (IV. T., ›Kneiplieder‹ Nr. 228).


25 Einer Tochter des Hauses schrieb er für den 22. Mai, seinen Geburtstag, die humoristischen Verse ins Gedenkbuch: ›Ja, ja, es war im Mai, da war ich auch dabei. Man zog mich bei den Ohren, drum bin ich musikalisch geboren.‹


26 ›Bayr. Blätter‹ 1902, S. 91.


27 In Berlin riet mir Mephistopheles, mein Bühnenfestspielhaus in dieser Stadt zu begründen, welche doch das ganze Reich für nicht zu schlecht zu seiner Begründung und Domizilierung daselbst gehalten habe. Alle Teufel vom krummen und graden Horne sollten mir dort zu Diensten stehen, sobald es dabei Berlinerisch hergehen dürfe, Aktionären die nötigen Zugeständnisse gemacht, und die Aufführungen hübsch in der Wintersaison, wo man gerne zu Hause bleibt, vorgenommen würden, jedenfalls auch nicht vor Comptoir- oder Bureauschluß anfingen. Ich ersah, daß ich wohl gehört, nicht aber recht verstanden worden war (Ges. Schr. X, S. 167).


28 Siehe ›Allg. deutsche Musikzeitung‹ 1878, S. 111. – In wie entgegengesetzten Richtungen übrigens die vorgefaßte erbitterte Feindschaft gegen ihn ihre Blüten trieb, das bewies u.a. ein Inserat der jüdisch-demokratischen ›Volkszeitung‹, laut dessen Teilnehmer für ein ihm zu bringendes ›Pereat‹ (!!) um Abgabe ihrer Adressen ersucht wurden.


29 So berichtet H. v. Poschinger in einem Aufsatz ›Fürst Bismarck und Richard Wagner‹ (in der Wiener ›Neuen freien Presse‹ 1901) der neben einzelnem Authentischen leider die handgreiflichsten Irrtümer, namentlich aber eine, auf Unkenntnis der Tatsachen beruhende, Vermischung von Früherem und Späterem enthält.


30 Neues Wiener Tageblatt 1898.


31 Bülow, Briefe IV, S. 394: ›Bismarck, an dem ich das einzige auszusetzen habe, daß er‹ usw. wie oben.


32 ›Großherzige Illusionen zu hegen, ist dem deutschen Wesen nicht unanständig. Hätte Herr Dr. Busch die Versailler Tischreden unseres Reichsreformators bereits damals zu veröffentlichen für gut gehalten, so würde ich jedoch wohl der Illusion, welche mich in jenen Sphären Teilnahme für meinen Gedanken erwecken zu können annehmen ließ, jedenfalls keinen Augenblick mich hingegeben haben‹ (Ges. Schr. X, S. 145/46).


33 Vgl. übrigens die verschiedenen auf Bismarck bezüglichen Stellen der ›Ges. Schr.‹, chronologisch zusammengestellt in der ›Wagner-Enzyklopädie‹ Bd. I, S. 122/24.


34 E. Heckel, Erinnerungen, S. 56.


35 Ähnlich äußerte sich die N. Berl. Musikzeitung, einst Meyerbeers Leibblatt, das hinsichtlich Wagners so viel der Entstellung und Verschweigung auf dem Gewissen hatte: ›Wir wissen in der Tat nicht, durch welche Worte wir unseren Dank und unsere Bewunderung für solche Interpretation ausdrücken sollen, wie sie Richard Wagner Beethovens Werk zuteil werden ließ. Wir haben eine annähernd ähnliche, so vollkommen durchgeistigte Orchesterleitung überhaupt noch nie gehört; Grund genug, auch unsererseits mit einzustimmen in den Jubel, den das begeisterte Auditorium dem Dirigenten entgegenbrachte.‹


36 Verschwägerung durch die Familie Portius.


37 Bayreuther Blätter 1903, S. 162/63 (Richard Wagner an Friedrich Feustel).


38 Es ist die ungeheuere Vertiefung gemeint, die zum Zwecke der Fundamentlegung des Festspielhauses auf dem Bayreuther Hügel ausgegraben werden mußte!


39 Briefe an Feustel, Bayreuther Blätter 1903, S. 172/73


40 Vgl. Gesammelte Schriften, Band IX, S. 219.


41 ›Es ist nicht anders‹, ruft er deshalb in der Schrift ›über Schauspieler und Sänger‹ aus, ›nur in dem niedrigsten Genre wird bei uns in Deutschland noch gut Theater gespielt, und es stehen die Leistungen dieses Genres, was das Wesentliche der Schauspielkunst betrifft, in keiner Weise hinter der Vortrefflichkeit der französischen Theater zurück; ja wir treffen hier häufig mehr als das gewöhnliche Talent, nämlich bereits das, wenn auch in niedrigerer Sphäre verkümmernde, Genie der Schauspielkunst an. Wie nun aber auch das sogenannte Volkstheater in den deutschen Städten immer mehr verkommt, oder da, wo es dem Namen nach sich erhält, durch Einimpfung aller verderblichen Motive der Affektation zu einem widerwärtigen Zerrbilde umgeschaffen wird, so zieht sich auch diese letzte Lebenssphäre des originalen theatralischen deutschen Volksgeistes in immer engere und dürftigere Dunstkreise zusammen, in denen wir schließlich fast nur noch das Kasperltheater unserer Jahrmärkte antreffen‹ (Ges. Schriften IX, S. 218/19). Daran schließt sich dann die obige Erzählung.


42 In der Ankündigung der Festspiele vom 12./18. Mai 1871 hieß es: ›Es ist jedem Patrone freigestellt, mehrere Patronatsscheine zu erwerben; dagegen ist es auch gestattet, daß drei Teilnehmer an einem dieser Werke partizipieren, deren jeder dann das Anrecht auf einen Platz zu je einer der Aufführungen des Festspieles erwirbt.‹


43 Ges. Schr. IX, S. 386


44 Vgl. Karl Heckel, ›die Bühnenfestspiele in Bayreuth‹ (S. 20) und ›Briefe R. Wagners an Emil Heckel, herausgegeben von Karl Heckel‹ (S. 8). Diese letztere Schrift werden wir wegen der, zur Verbindung und Erläuterung der Briefe beigegebenen längeren erzählenden Abschnitte fortan der Kürze wegen unter dem Titel: ›Heckel, Erinnerungen‹ zitieren.


45 Heckel, Erinnerungen S. 9.


46 Siehe Seite 112 dieses Bandes.


47 Briefwechsel zwischen Nietzsche und Rohde, S. 244. 372. Vgl. S. 341 des vorliegenden Bandes.


48 Vom 8. April und vom 23. Mai 1871 (Liszts Briefe VI, S. 295 und 301).


49 ›Als mir zuerst ... Tausignäheres mitteilte von dem großen Vorhaben der Nibelungen-Aufführung in Bayreuth, zeichnete ich sogleich drei Patronatscheine; – mein geringes Einkommen gestattete mir leider nicht einen beträchtlicheren Beitrag‹ (Liszt an E. Heckel, 17. Sept. 1872, siehe: Heckel, Erinnerungen S. 50).


50 H. S. Chamberlain, Richard Wagner S. 330.

Quelle:
Glasenapp, Carl Friedrich: Das Leben Richard Wagners in 6 Büchern. Band 4, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1905, S. 333-365.
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