Größere Bruchstücke aus andern Kapiteln

Größere Bruchstücke aus andern Kapiteln.
I.

[260] Die Gesellschaft hatte sich frühzeitig versammelt, und Kunst und Wissenschaft wurden wie immer mit großer Luft und Lebendigkeit umgetrieben, als Dihl mit wonneverklärtem Gesicht hereinstürmte, und rief: stellt Euch vor, man giebt nächstens den Wallenstein, aber ganz, sage ganz; welche Freude für mich, der ich ihn immer nur habe mit beschnittenen Flügeln schweben sehen, wie wird er sich jetzt erheben, der königliche Aar.

Aber sage mir, wandte er sich zu Felix, wie kann eine Direktion so dumm sein, das nicht gleich von jeher gethan zu haben.

Felix. Schauspieler und Direktion will den Effekt, das Publikum will das Ganze. Aber nur durch das Hervorbringen des Ersteren wird es erst zum Verlangen nach Letzterem geleitet.

So ging es mit Schillers Werken, so wird es mit Shakespearergehen.

[260] Dihl. Das ist ja eine verkehrte Prozedur, und sollt' ich meinen, daß erst aus dem Ganzen der Haupt- und Total-Effekt hervorträte.

Felix. Ja allerdings, sobald du die vollkommen erfüllte Intention des Dichters die Haupt- und Totalwirkung nennst.

Erst schafft der Dichter sein Werk, er verknüpft es mit all den unsichtbaren Fäden, deren Enden an die tiefliegenden Grundursachen gefesselt sind. So erhält sein Gedicht oft eine Ausdehnung, die die durch Gewohnheit zur Norm gewordene Zeitdauer einer dramatischen Vorstellung bei weitem überschreitet. Ein mit gesundem Ueberblicke ausgerüsteter Direktor nimmt das Buch zur Hand, und fängt an, den Wald zu sichten und zu lichten.

Er vertilgt dabei gewiß viel Treffliches, und nach der Ueberzeugung des Dichters Nothwendiges; was es aber dessenungeachtet keinesweges ist, nämlich insofern das Ganze noch anschaulich und zusammenhängend in seinen Theilen bleibt, und nur die vom Dichter ausgesprochenen und ausgeführten feinsten, inneren organischen und motivirenden Theilchen, nur dem Gefühle des Zuschauers zu ergänzen überlassen ist.

Es ergreift den Zuschauer. Er will mit sich allein den Genuß wiederholen. Er will festhalten an den einzelnen Momenten, zurückrufen, was ihn im Anschauen ergriffen hat. Er liest das Werk ungekürzt. Er ist entzückt, das, was Er – es sich im Geiste wiederholend, – dazu gefühlt hatte, hier nun auch deutlich ausgesprochen zu finden; und wie viel herrlicher, als er sich es denken konnte; in welcher vollendeten wohlthuenden Form.

Nun besitzt er den Dichter. Nun will er ihn auch ganz so dar gestellt haben.

Nun ist ihm das Lücke, was es vorher nicht war. Nun erscheint ihm das als Verstümmelung, was nur nothwendiges Zusammendrängen war. Nun hält er es aber auch aus, länger als es in der sonst gewohnten Zeit ihm möglich schien. Er hat einen bekannten Garten vor sich, es erwartet ihn bei jedem Schritte ein liebliches Blümlein, er freut sich im Voraus auf die schöne Aussicht, die sich[261] jetzt urplötzlich eröffnen wird. Er kennt sie schon, und doch überrascht sie ihn jedes Mal, weil er wohl weiß, wie überraschend sie herbeigeführt ist. Das erste Mal wollte er wissen, wo er sei, ob in einem Garten oder Labyrinthe, und erst nachdem er das Ganze durchlaufen hatte, übersieht er es und weiß, was man ihm bot.

Dihl. Ja, aber wer heißt ihn laufen? warum geht er nicht gleich Anfangs ruhig und besieht sich Alles ordentlich? Das ist ja eben das Unglück, daß die Leute so mit den Sieben-Meilen-Stiefeln auf Reisen in die Kunst, und ins Theater gehen.

Felix. Alle Gleichnisse hinken. Aber kannst Du mir leugnen, daß die gewöhnlich angenommene Zeitdauer und Länge eines Stückes nicht sehr tief in der Natur des Zuschauers begründet sei? Wie denn überhaupt alle Maße und Grenzpunkte, die sich endlich durch unwillkürlich unbewußt still einwirkende Gewalt zum Gesetze erhoben haben. Sage mir, ob Du länger als drei Stunden im Stande bist, mit angestrengter Aufmerksamkeit dem Gange und der Entwickelung eines dramatischen Werkes zu folgen? Ob Dich nicht die Ungeduld, den Gang der Handlung zu erspähen, der ruhigen Theilnahme zur Auffassung der einzelnen, sie leitenden und herbeiführenden Schönheiten beraubt? Unterbrich mich nicht und wende mir etwa ein, daß wenn dieses allein der Hauptzweck wäre, man ja jedes Stück nur einmal zu sehen brauche, und es nach dem Ende der ersten Vorstellung sein Interesse verloren habe, da man ja nun einmal wisse, wie die Sache gehe. –

Allerdings ist dieß keinesweges der Hauptzweck, aber auch Wehe dem dramatischen Produkte, dem dieses Interesse an der Handlung selbst fehlt.

Dabei braucht freilich das trockne Factum nicht von so schrecklicher Wichtigkeit zu sein, daß man z.B. darüber erschräke und erstaunte, wenn man es auch bloß als einen dreizeiligen Zeitungs-Artikel läse: Nein, wie und durch welche Art und Mittel es so und nicht anders auf das innere Leben und die daraus entspringenden Handlungen der uns vor's Auge geführten Charaktere und Gemüthsbildungen einwirke, und so die Handlung des Lebens, mit einem[262] Worte, das Leben selbst sich uns vorspiele, dadurch erfüllt das Werk und der Dichter die Forderungen des Zuschauers an seine dramatische Kunst. Und wenn es nicht bei jeder Wiederholung, wo wir doch schon genau wissen, was geschieht, uns nicht eben so wieder spannt, und nach und nach erregt, als das erste Mal, so haben die Mittel ihren Zweck verfehlt; dann ist es vielleicht ein Knall- und Effekt-Stück, aber ohne innere Wahrheit und darum ohne dauerndes Leben.

Dihl. Nun bin ich neugierig, wie Du das auf dramatische Musik anwenden willst, und wer da Recht behalten soll. Das Handelnde, oder der Stillstand der Leidenschaft als eigentlicher Vorwurf der Musik.

Stillstand nenne ich nämlich –, vielleicht uneigentlich, aber nur als Gegensatz zu dem Fortschreiten im Handeln –, das Festhalten eines leidenschaftlichen Momentes.

Felix. Du hast sie ausgesprochen die große Klippe aller Opern und deren Erzeuger. Wie schwer wird es Letzterem, zu beweisen, ob er im Stande war, ein großes Gebilde, das wir bleibend ins Herz aufnehmen, zu erschaffen, oder ob er, nur von unstät wandelnden Geistesblitzen zusammengesetzt, uns Einzelnes liebgewinnen, und das Ganze darüber vergessen ließ. In keiner Art von Kunstwerken ist dieses schwieriger zu vermeiden, und daher auch häufiger vorhanden, als in der Oper. Hier ist der Wendepunkt zwischen dem Drama und ihr. Es versteht sich von selbst, daß ich von der Oper spreche, die der Deutsche will. Ein in sich abgeschlossenes Kunstwerk, wo alle Theile und Beiträge der verwandten und benutzten Künste in einander schmelzend verschwinden und auf gewisse Weise untergehend eine neue Welt bilden. Meistens entscheiden einzelne liebgewonnene Musikstücke den Beifall für's Ganze. Selten verschwinden die im Augenblicke des Hörens freundlich anregenden Theile im großen Allgefühle am Schlusse, wie es eigentlich sein sollte; denn erst muß man die ganze Gestalt lieb gewinnen, dann, bei näherer Vertraulichkeit, erfreue man sich der Schönheit der einzelnen Stücke, aus denen sie besteht. Die Natur und das innere Wesen der Oper,[263] aus Ganzen im Ganzen bestehend, gebiert diese große Schwierigkeit, die nur den Heroen der Kunst zu überwinden gelang. Jedes Musikstück erscheint durch den ihm zukommenden Bau als ein selbstständig organisch in sich abgeschlossenes Wesen, und doch soll es als Theil des Gebäudes verschwinden in der Anschauung desselben; dabei kann und soll es (das Ensemble-Stück vornämlich), verschiedene Außenseiten zugleich zeigend, ein vielfältiger, auf einen Blick zu übersehender Januskopf sein. Hierin liegt das große, tiefe Geheimniß der Musik, das sich wohl fühlen, aber nicht aussprechen läßt. Das Wogen und die widerstrebenden Naturen des Zornes, der Liebe, des wonnigen Schmerzes, wo Salamander und Sylphen, sich umarmend, in einander fließen, sind hier vereint. Mit einem Worte, was die Liebe den Menschen, ist die Musik den Künsten und den Menschen, denn sie ist ja wahrlich die Liebe selbst; die reinste ätherischste Sprache der Leidenschaft, tausendseitig allen Farbenwechsel derselben in allen Gefühlsarten enthaltend, und doch nur einmal wahr, doch von tausend verschieden fühlenden Menschen gleichzeitig zu verstehen.

Diese Wahrheit der musikalischen Rede, erscheine sie unter welcher neuen ungewöhnlichen Form sie wolle, behauptet doch endlich siegend ihre Rechte.

Die Schicksale aller Epochen schaffender oder bezeichnender Kunstwerke beweisen dieses hinlänglich und häufig. Es konnte wohl z.B. nichts fremdartiger scheinen, als Glucks Schöpfungen in jener Zeit, wo die italischen wollüstigen Ton-Meere alle Gemüther überschwemmt und verweichlicht hatten.

Wir sind jetzt auf zwar ganz andere Weise, aber vielleicht noch gefährlicher daran, in gewissen Kunst-Irrthümern unterzugehen.

Die allwirkenden Zeitumstände haben nur die Extreme, Tod und Luft, als Herrscher aufgeworfen. Niedergedrückt von den Gräueln des Krieges, vertraut geworden mit allem Elende, suchte man nur Erheiterung in den gröblichst aufreizenden Kunstlüsten. Das Theater ward zum Guckkasten, in dem man, gemächlich die schöne, beglückende Gemüthsunruhe beim wahren Genusse eines Kunstwerkes ängstlich vermeidend, eine Scenen-Reihe vor sich abhaspeln ließ, zufrieden,[264] durch Späße und Melodieen gekitzelt worden zu sein, oder geblendet durch Maschinen-Unfug ohne Zweck und Sinn. Gewohnt, im Leben täglich frappirt zu werden, that auch hier nur das Frappante Wirkung. Einer stufenweisen Entwickelung der Leidenschaft, einer geistreich herbeigeführten Steigerung aller Interessen zu folgen, heißt anspannend, langweilig und in Folge der Aufmerksamkeit, – unverständlich.

Und – rief Dihl, wie selten bringt der Hörer jene ruhige, unbefangene Stimmung mit, die, jeder Art des Eindrucks empfänglich, die Seele wohl dem behandelten Stoffe erschließen, aber doch sorgfältig vor bestimmter Meinung oder Richtung des Gefühles bewahren soll.

So wie die englische Nationalschuld steigt durch einzelne übermäßige Kraftanstrengung, so steigen auch die musikalischen Anleihen und Forderungen an die Kräfte und Mittel der Kunst so unmäßig, daß sie (ob wohl sich auch nur selbst schuldig) doch bald mit einem totalen Banquerotte endigen müssen.

Der musikalische Reichthum, den die neueste Kultur der Instrumental-Musik hervorbrachte, wird aufs Sträflichste gemißbraucht. Der Luxus des Harmonien-Wechsels und Ueberfülle der Instrumentation bei den geringfügigsten, anspruchlosesten Dingen ist aufs Höchste gestiegen. Posaunen sind eine gewöhnliche Würze. ohne vier Hörner kann sich schon gar kein Mensch mehr behelfen, und so wie die Franzosen ihre Gouts bis zur gaumenzerfleischenden Luft immer höher und höher potenzirten; so haben sie in gleichem Schwindel, die Ohren fürs Gefühl und das Gefühl für die Ohren nehmend, mit ihrer durch und durch revolutionären Sprudelnatur auch die Musik hinaufgewirbelt; Klarheit und Einfachheit schlachtend, wie sonst die Freiheit der Völker, so jetzt die der Harmonie, und lustig hüpfenden Fußes über die blutrünstig gestachelten Verhältnisse des Schönen und Reinen hinwegrasend!! Halt! rief Felix. Der Eifer führt Dich zu weit, wenn Du einmal anfängst mit Deiner Flammenschrift zu zeichnen; und Du vergißt, daß, wenn Spontini, auf den Du unstreitig hindeutest, von Mozarts Tiefe und romantischen Schwunge mehr betäubt, als geleitet, von[265] Glucks höchstmöglichst gestellter Deklamations-Treue und Stärke verleitet, und von den abgestumpften Gefühlsnerven seiner Hörer zu stärkeren Reizmitteln gezwungen, uns also jedes Wort mit Harmonien-Gold und Instrumental-Kraft unterstrich, alle mögliche künstliche Verwebungen bis zum Bizarren bunt mengte, – doch vom großen Genius beseelt, aus einem eigenthümlichen Gusse seine Werke schuf, und es Etwas ist, das da steht, das ihm gehört, und wenn gleich vielleicht nicht ewig lebend, da ihm der allein Dauer gebende Stempel der Klassizität fehlt, – doch immer höchst merkwürdig in der Kunst bleiben wird, als die seltsamste Verkörperung des Romantischen mit dem Witzig-Treuen, Geregelten.

Weit schädlicher augenblicklich einwirkend ist aber der aus Süden herüberwehende Rossinische Siroccowind; dessen Gluth aber bald ausbrennen wird; denn wenn auch der Tarantel-Stich die Leute zum Tanzen bringt, so sinken sie doch bald erschöpft oder geheilt nieder.

Im Augenblicke fiel der am Pianoforte sitzende und zuhörende Claviermeister mit der Tarantella im rasenden Tempo ein; mit welcher er geschickt und höchst witzig parodirend di tanti palpiti zur Ergötzlichkeit der ganzen Gesellschaft zu verweben wußte. Mit taschenspielerischer Fertigkeit hatte Dihl seinen braunen Mantel umgeworfen, zur Kapuze den Kragen gestaltet, und unterbrach nun den Jubel, von einem Stuhle herab auf die Versammelten donnernd:


Heysa, Juchheysa! Dudeldumdei!

Das geht ja toll her, bin nicht dabei.

Ist das eine Art Componisten?

Seid ihr Türken, seid ihr noch Melodisten?

Treibt man so mit der Tonkunst Spott,

Als hätte der alte Musen-Gott

Das Chiragra, könnte nicht drein schlagen?

Ist jetzt die Zeit der Orchester-Plagen,

Mit Piccolflöten und Trommelschlagen?

Ihr steht hier und legt die Hände in Schooß.

Die Kriegsfurie ist in den Tönen los.[266]

Das Bollwerk des reinen Sangs ist gefallen,

Italien ist in des Feindes Krallen,

Weil der Componist liest im Bequemen,

Höhnt die Natur, läßt sich wenig grämen,

Kümmert sich mehr um den Knall, als den Schall,

Pflegt lieber die Narrheit, als Wahrheit,

Hetzt die Hörer lieber toll im Gehirn,

Hat das Honorar lieber als honorir'n.

Die Kunstfreunde trauern in Sack und Asche,

Der Direkteur füllt sich nur die Tasche.

Der Contrapunkt ist worden zu einem Kunterbunt,

Die Lernenden sind ausgelassene Lärmende,

Die Melodien sind verwandelt in Maladien,

Und allen gesegneten klass'schen Genuß

Verkehrt man uns in Knall-Fidibus.

Woher kommt das? das will ich euch verkünden:

Das schreibt man sich her von vielen Applaudir-Sünden,

Von dem Geschrei und Bravogeben,

Dem jetzt die Publikümer leben.

Wenn freche Passag' macht den Magnetstein,

Der den Applaus zieht in die Oper nein.

Auf den Laufer, gut oder übel,

Folgt das Gepatsch, wie die Thrän' auf die Zwiebel,

Hinter dem Esel kömmt gleich der Schwanz,

Daß ist 'ne alte Kunstobservanz.

Es ist ein Gebot, du sollst den alten

Und reinen Satz nicht unnütz halten,

Und wo hört man ihn mehr blasphemiren,

Als jetzt in den allerneusten Tonquartiren?

Wenn man für jede Octav und Quint,

Die man in Euren Partituren find't,

Die Glocken müßt' läuten im Lande umher,

Es wäre bald kein Glöckner zu finden mehr,

Und wenn euch für jeden falschen Accent,[267]

Der aus eurer ungewaschnen Feder rennt,

Ein Härlein ausging aus eurem Schopf,

Ueber Nacht wär er geschoren glatt,

Und wär er so dick, als Absalons Zopf.

Der Gluck schrieb doch auch wohl noch mit Effekt,

Der Mozart hat auch, glaub ich, Neues geheckt,

Und wo steht denn geschrieben zu lesen,

Daß sie so unwissende Kerle gewesen?

Braucht man der Dint' doch, ich sollte meinen,

Nicht größern Aufwand zu reinen Sätzen,

Als zu unreinen Gemeinplätzen.

Aber wessen das Gefäß ist gefüllt,

Davon es sprudelt und überquillt.

Wieder ein Gebot ist, du sollst nicht stehlen;

Ja das befolgt ihr nach dem Wort,

Denn ihr tragt Alles offen fort.

Vor euren Klauen und Geiersgriffen,

Vor euren Praktiken und bösen Kniffen

Ist die Not' nicht sicher in der Zeit,

Find't die Melodie und der Baß kein Heil,

Ihr schießt mit deutschem und fränkischem Pfeil.

Was sagt der Prediger? Contenti estote!

Begnügt euch mit eurem Klappenbrote.

Aber wie soll man die Schreiber fassen,

Kommt doch das Aergernis aus den Massen.

Wie das Publikum, so das Haupt,

Weiß doch niemand, an was das glaubt.


Felix.

Halt, uns Componisten mag der Herr beschimpfen,

Das Publikum soll er uns nicht verunglimpfen.


Dihl (vom Stuhle springend). Und ihr mir meinen Rossini nicht. Glaubt ihr, weil ich seine zahllosen Schwächen erkenne, ich liebte ihn darum weniger? Nein, ich lobe mir meinen liebenswürdigen ungezogenen Jungen, l'enfant chéri de la fortune. Seht wie reizend er das Gemach durchstürmt, wie witzig glühende Funken aus[268] seinen Augen sprühen, welche liebliche, herrliche, würzige Blümlein er jenen Damen in den Schooß wirft.

Was schadet es denn, wenn er in der Eile einem alten Herrn auf die Zehen tritt, eine Tasse zerbricht, oder gar den großen Spiegel der die Natur so herrlich wiederstrahlt, zerschlägt; man verzeiht dem losen Jungen, nimmt ihn liebkosend auf den Arm, in welchen er wohl – gleich wieder lustig, übermüthig, einen Biß versucht, und dann entläuft, an der Schule vorbei, die armen Kameraden auslachend, die darin schwitzen, und höchstens vom Publikum mit Kartoffeln gefüttert werden, indeß er Marzipan knabbert.

Ich fürchte mich vor nichts als vor der Zeit, wo er anfangen wird, klug werden zu wollen, und der Himmel gebe der gaukelnden Libelle einen gnädigen Blumentod, ehe sie bei dem Versuche, zur Biene werden zu wollen, als gehaßte Wespe inkommodirt.


II.

Ich hatte eben die letzte Note geschrieben und ergötzte mich an den Schnörkeln des Schlußzeichens, die meine Hand geschäftig vervielfältigte, während mein Geist das ganze Stück noch einmal vor sich schweben ließ, und eine Art zerstreuten Brütens, mit der zufriedenen Empfindung einer vollendeten Arbeit verbunden, sich erzeugte, als mein munterer Dichter in Domino und Larve zur Thüre herein trat, und mich mit freundschaftlichem Ungestüm beim Aermel faßte. Das ewige Arbeiten taugt den Teufel nicht, fort, auf, heut ist Redoute, glänzende Redoute! die zweite; die erste besucht niemand, da giebts schöne Mädchen, Punsch, Musik, zwar schlecht, aber doch lärmend, da kann man Grobheit für Witz ausgeben, und unter der schützenden Maske sogar einmal den Weibern die Wahrheit sagen. – Allons, auf, der Wagen steht vor der Thür, hier ist alles Nöthige und nun Marsch!

Ehe ich noch selbst recht wußte, ob ich wollte oder nicht, saß ich[269] im Wagen, wurde von den geschäftigen Händen meines lockeren Freundes bemantelt und verkappt, eben so schnell wieder aus dem Wagen gehoben, und da stand ich nun in der wirbelnden Menge bunter Geschöpfe, die heute das Recht hatten, öffentlich nicht zu scheinen, was sie sind.

Die Rippenstöße einiger tanzenden Paare weckten mich bald kräftigst aus meinen Träumen, und ich fing nun nach und nach an, mir in dem Gewirre zu gefallen.

Unter der Maske ist man ein anderes Geschöpf, hier zeigt sich deutlich, wie sehr in das Wesen und Treiben des Menschen die Anhänglichkeit an die Form verwebt ist. Alles Denken, alles Reden ist freier, sobald man das Bißchen Wachspapier vor dem Gesichte weiß, der blöde Verliebte wagt es zuerst, seiner Schönen Liebe zu gestehen, – das schüchterne Mädchen fürchtet sein Erröthen nicht mehr, weil es dasselbe ungesehen glaubt, selbst der Freund zum Freunde spricht derber, und ein Feiger wagt es vielleicht sogar, an einem seiner Mäcene Witz zu üben.

Mein lockerer Führer ermangelte nicht, die vorbeistreifenden Bäuerinnen, Vestalinnen, Türkinnen und Nonnen zu beäugeln, und mit beißenden Anmerkungen zu regaliren. Ich zog mich etwas zurück. Der Strom trennte uns und ich sah mich ein paar freundlichen Fledermäusen gegenüber, die mich anpipten: lange nicht Clavier gespielt? Nein!! O wir kennen Dich! viel Ehre! Ein Gärtner-Mädchen zupfte mich, bot mir eine Pommeranze: Für Dein schönes Spiel vor einigen Tagen. Ein Teufel drängte sich zu mir, und sagte: componire mir dieß; ich las, »an Emilien,« ergriff es mit Hast und sprach: selbst vom Teufel verehre ich, was ihren Namen trägt, auf der nächsten Redoute bekömmst Du es.

Eine Nonne hing sich an meinen Arm; die schlechte Musik muß das Kenner-Ohr recht beleidigen. – Nein, Beste! aber das beleidigt meine Ohren, daß die ganze Welt nichts anderes mit einem Künstler zu sprechen weiß, als wovon er nie gern spricht, sondern es nur gern fühlt, von seiner Kunst. Und ergrimmt, mich beinahe von jeder Maske erkannt zu sehen, zog ich mich in eine Loge zurück.[270]

Doch bald lockte ein sonderbarer Aufzug mich wieder näher.

Ein großer Schwarm von Masken kam zu der weit geöffneten Thür herein. Die sonderbarsten baroksten Karikaturen und Phantome, klein und groß, in den verschiedensten Gestalten und Formen; die Tanzmusik schwieg; ein Hanswurst bat das Publikum um Erlaubniß, eine große deklamatorische, dramatische, melopoetische, allegorische Darstellung in Versen geben zu dürfen, und hervortrat ein geregeltes, kaltes Wesen, welches auf der Stirn einen Schild mit dem Worte: Unparteilichkeit, am Munde die Phrase: Eifer für die Kunst, und am Herzen einen gespickten Musik-Katalog hatte, in der Tasche ein Schnippchen schlug, und das ich beim ersten Blicke als eine gewisse Zeitschrift erkannte, die sich anschickte, folgenden Prolog zu halten.


Prolog.


Geehrtes, kunstliebendes Publikum,

Es war uns zu allen Zeiten drum,

Dir deutlich und glaubbar einzubeizen,

Daß nie nach schnödem Gewinn wir geizen,

Ja! durch unparteiische Recensionen

Können wir beweisen in allen Zonen,

Daß stets wir die Kunst nur aus Liebe gepflegt,

Daß selbst oft mit Schaden wir Werke verlegt;

Auch werden wir niemals aufhören zu streben,

Euch nur Beweise von Eifer zu geben.

Ein größeres Werk verlegen wir jährlich,

Obwohl es in dieser Zeit wirklich gefährlich,

Mit so viel Partituren sich abzugeben,

Doch wollen die Herrn Componisten auch leben.

Das Stück hier, wir wollen's nicht loben, nicht tadeln,

Es wird sich, hat's wahren Werth, selber schon adeln,

Bemerken nur können wir bei unsern Sachen,

Daß wir sie gemeinnützig suchen zu machen,

Wovon wohl unstreitig der klärste Beweis,

Dies schöne Papier, und der niedrige Preis.


[271] Hanswurst (springt hervor).


Erlauben's mir auch ein paar Worte zum Schluß,

Hier ist nicht vonnöthen, daß Alles ein Guß;

Nur die große Oper tritt hier vor die Welt,

Effekte nur sind da zusammengestellt.

Die Sängerin will Sie durch Gurgeln verführen,

Der Heldenspieler durch Wahnsinn rühren,

Der Narr Sie durch Wahrheit lachen machen,

Das Orchester wird schrecklich wüthen und krachen,

Die Tänzerin schöne Waden zeigen,

Der Prim' Violino Solo geigen,

Der Theatermeister donnern und blitzen,

Um auch etwas Ihre Gunst zu besitzen.

Ja! wird Sie dieß alles nicht packen, nicht greifen,

Werden wir zu den letzten Mitteln greifen,

Mit Pferden, Kamelen, Sie regaliren,

Kein Thier soll unsern Kunst-Drang geniren.

Kurz, durch Alles, was das Genie je ausheckte,

Durch all diese goldenen großen Effekte

Wollen wir blos effektuiren,

Daß Sie sich sollen amusiren,

Die große Sentenz unserer Zeiten.

Auch ohne zu wissen, ob's was zu bedeuten,

Wenn nur nach dem Theater am Table d'hôte,

Im Munde die Kunst und das Abendbrod

Sie finden, daß die und die schön angezogen;

Der Larifari heut vortrefflich geflogen,

Daß eigentlich 's Ganze Sie nicht recht verstehn,

Und deswegen 's nächste Mal wieder hingehn.[272]


Er entfernte sich unter einer Verbeugung, und die große italienische Oper tritt auf. – Eine lange, hagere, durchsichtige Figur, charakterloses Gesicht, das als Held, Seladon, Barbar sich immer gleich bleibt, und nur eine ungemeine Süßlichkeit über sich verbreitet hat. Sie trägt ein dünnes Schlepp-Kleid, dessen Farbe eigentlich keine Farbe zu nennen ist, und auf dem hin und wieder kleine blitzende Steinchen sitzen, die die Augen des Publikums auf sich ziehen. Bei ihrem Auftritte wird im Orchester ein Geräusch gemacht, um die Zuhörer zur Stille zu bewegen, das in Italien Ouverture genannt wird20.


Sie fängt an zu singen:


Scena.


Recit. Oh Dio – – – addio – –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Arioso. Oh non pianger mio bene

Ti lascioIdol mio –

– – – oimé – –

Allegro. Già la Tromba suona – –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Colla parte. Per te morir io voglio

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

più stretto, – O Felicità – –


(Auf Ta ein Triller von zehn Takten; das Publikum applaudirt unmenschlich.)


Duetto.


– Caro – –!

– Cara – –!

a Due. Sorte amara – –


(Auf amara; wegen des a. die süßeste Terzienpassage.)[273]


Allegro. – oh barbaro tormento –


(Es hat kein Mensch zugehört, aber ein Kenner ruftBravo; Brava; applaudirt und das ganze Publikum fälltfortissimo mit ein.)


Hanswurst (tritt ganz gerührt und entzückt hervor).


Nein! es geht doch nichts über Melodie!

Durch sie allein beweist sich das Genie,

Das ist das wahrhaft Reine,

Das Hohe, Allgemeine,

Wenn der Gesang so ungezwungen fließt,

Daß jeder Schneider, – Koch – verstehend ihn genießt,

Wo man bei Arien, Duetten aller Sorten

Fest glaubt, man habe sie gehört an tausend Orten,

Wo Ohr und Herz zugleich von Wonneschauer bebt,

Wo Alles mit Natur so inniglich verwebt,

Daß 's Wollust scheint, sich umzubringen,

Hört man den Held noch sterbend singen.

Die deutschen Componisten zwar,

Die lassen fast kein gutes Haar

An unsrer armen Opera,

Besonders an der Seria:

Charakterzeichnung fehle,

Der Götze sei die Kehle

Des Sängers, dem wir huld'gen,

Und Vieles andre noch, deß man uns will beschuld'gen.

Bei dieser Oper hier, da war's ein wahres Glück,

Daß nicht so einseitig berechnet war das Stück.

Die schönste Arie hat darin der Kaiser,

Darüber wird die Prima Donna heiser,

Weil sie sie nicht zu singen hat.

Der arme Componist fast desperat,

Sein schönes Werk unaufgeführt zu sehen,

Muß sich nun schon zu kleiner Aenderung verstehen,

Wenn er die besten Sachen nicht will ausgelassen wissen,

Er läßt sich ein'ge Mühe nicht verdrießen,[274]

Paßt Alles, was die Donna singen sollte,

Und nun aus Zartgefühl nicht thuen wollte,

Fünf Töne tiefer in des primo Basso Kehle,

Und dessen Sang, daß er nicht todt sich quäle,

Fünf Töne höher, der Seconda Donna zu Befehle.

Und sieh, das Stück gefällt, wird applaudirt,

Kein Mensch sich um das bischen Transponiren schiert,

Und der Charakter sich in Alles arrangirt.

Ja, meine Herren, seht –

Das ist's, was ewig steht,

– Ich sag's auf dieser Stelle,

Das ächt Universelle,

Wenn die Musik, es sing sie wer da will,

Hoch oder tief, aus c; – aus gis – aus d – gleichviel,

In Kerkers Nacht, im grünen Feld,

Thier oder Mensch, Bär oder Held,

Wenn's singt! nur recht in's Ohr,

Das ist das wahre Herzens-Thor.

Daher ich's behaupte vor der ganzen Welt,

Die italienische Oper mir allein gefällt,

Das ist mein wahrer und ächter Schluß –

Alles Uebrige gilt keine taube Nuß.


(Er tritt ab.)


Die große französische Oper erscheint21.


Eine wohlgeborne Pariserin: sie geht auf dem Soccus einher, und bewegt sich sehr zierlich in dem sie etwas unbequem beengenden, griechischen Gewande.

Das Corps de Ballet umgiebt sie beständig; verschiedene Götter lauern im Hintergrunde. Die Handlung spielt zwischen 12 Uhr und Mittag.


[275] Erster Akt.


La Princesse. Cher Prince, on nous unit.

Le Prince. J'en suis ravi, Princesse.

Peuple, chantez, dansez, montrez votre Allégresse.


Choeur.


Chantons, dansons, montrons notre Allégresse.


Ende des ersten Aktes.


Zweiter Akt.


La Princesse. Amour!


(Kriegerisches Getöse, sie fällt in Ohnmacht. Der Prinz erscheint kämpfend gegen seine Feinde, und wird erschlagen.)


La Princ. Cher prince

Le Pr. Hélas l

La Princ. Quoi?

Le Pr. J'expire!

La Princ. O Malheur!

Peuple, chantez, dansez, montrez votre douleur.


Choeur.


Chantons, dansons, montrons notre douleur.


(Ein Marsch schließt den 2. Akt.)


Dritter Akt.


(Pallas erscheint in den Wolken.)


Pallas te rend le jour.

La Princ. Ah quel moment!

Le Pr. Ou suis-je?!

Peuple, chantez, dansez, célébrez ce prodige!


Choeur.


Dansons, chantons, célébrons ce prodige.


[276] Hanswurst: (tritt mit brüstendem Anstande hervor, und spricht mit erhobener Stimme).


Leidenschaft, Wort-Sturm, Deklamation,

Das ist das Höchste, all' anderm Hohn.

Siebenmal höher gestrichene Noten

Sind unserer Leidenschaft kreischende Boten!

Hinauf in die Höhe

Mein ehrlicher Baß,

Das Kühnste begehe,

Tenor's Rechte saß'.

Der stets tapfre Jüngling,

Der wird sich schon wehren

Und von den Altisten das Nöth'ge begehren!

Und so geh es fort und fort,

Immer hinauf,

Verdrängt der gemeinen Natürlichkeit Lauf.

Und seid ihr so endlich zum Höchsten gestiegen,

Gelingt es gewiß, fallt ihr nicht, auch zu fliegen

Die Füße der Tänzer, die fühlen dann weiter

Die edlen Gefühle, die eure Begleiter.

Klopfet nicht süß verwirrt fränkisches Herz,

Wenn in den Entrechats tobet der Schmerz.

Wenn aus des Pirrouets wirbelndem Drehen

Deutlich die heiligste Freundschaft zu sehen.

Singen und Tanzen, und Tanzen und Singen,

Das nur kann wahrhaft das Höchste erringen.

Trommeln, Posaunen, vier Hörner, mein Bester,

Ja nicht vergessen in Ihrem Orchester.

Siebenmal modulirt in einem Takte,

Wer fragt nach Ursach mehr, wenn es nur packte,

Blasen Hoboen, Klarinetten und Flöten,

Mehr als zu drei andern Opern vonnöthen,

Wüthen die Bässe und Geigen zum Rauchen,

Können Sie gar noch den Tamtam gebrauchen,[277]

Dann sein Sie ruhig und ganz außer Sorgen,

Ruf ist ihr Eigenthum, Sie sind geborgen.


(Mit heftig rascher Wendung ab.)


Es entsteht eine Pause. Das Publikum fängt an, nach und nach unruhig zu werden. Wiederholte Pause. Neuer verstärkter Tumult. Die deutsche Oper will noch immer nicht zum Vorscheine kommen. Die Direktion kömmt bei dem zunehmenden Lärmen in die größte Verlegenheit; endlich erscheint Hanswurst ganz erschöpft und in Schweiß gebadet, und spricht:

Hochverehrtes Publikum, verzeihe, wenn ich keine Zeit habe, dir kürzlich zu sagen, was ich in der Geschwindigkeit vorbringen soll. Ich begreife dich wahrlich nicht, ich weiß nicht, wie du mir vorkommst. – Wo bleibt deine so oft erwiesene Geduld, die sonst Alles so ruhig abwartet, wenn man es dir nur sicher versprochen hat. Ich glaube gar, du bildest dir am Ende ein, Rechte zu haben? Nun warte nur noch ein bischen, es ist fast billig, dir auch zu sagen, warum du warten sollst.

Es geht, ehrlich gesagt, der deutschen Oper sehr übel; sie leidet an Krämpfen und ist durchaus nicht fest auf die Beine zu bringen. Eine Menge Hülfeleistende sind um sie beschäftigt, sie fällt aber von einer Ohnmacht in die andere. Auch ist sie dabei so von den an sie gemachten Prätensionen aufgedunsen, daß kein Kleid ihr mehr recht passen will.

Vergebens ziehen die Herren Verarbeiter bald der französischen, bald der italienischen einen Rock aus, um sie damit zu schmücken, das paßt Alles hinten und vorn nicht. Und je mehr frische Aermel eingesetzt, Schleppen beschnitten, und Vordertheile angenäht werden, je weniger will es halten.

Nun endlich sind einige romantische Schneider auf die glückliche Idee gefallen, einen vaterländischen Stoff zu wählen, und in diesem wo möglich alles zu verweben, was Ahnung, Glaube, Contraste und Gefühle je bei andern Nationen wirkten und wirbelten. Hörst du,[278] Publikum? schon rollt der Donner über unserm Haupte, jetzt wird's gleich los gehen.


(Er zieht sich erschöpft zurück, und murmelt vor sich im Abgehen:)


Die verdammte Prosa wird einem so sauer, wenn man nun einmal gewohnt ist, ein poetischer Hanswurst zu sein.

Allgemeine feierliche Stille, gespannte Erwartung im Publikum.

Agnes Bernauerin, romantisch-vaterländisches Tonspiel. Personen, so viel vonnöthen. Handlung im Herzen von Deutschland.


Erste Scene.


Verwandlung.


Zweite Scene.


Agnes und Brunhilde.


Agnes. Ach! Meine Seele ist müde, matt und ab getragen.

Brunhilde. O, Herrin! trage nicht ab der Menschenleiden Fels steile Untiefen. Wenn Ihr, Fräulein, Geistwidriges erfaßt, werden Sie mir, edle Dame, das Mißgefühl mißdenken?

Agnes. Komm in den Schloßgarten, dort im dunkeln Schauerhaine wird mich leichter die nothwendige Ahnung meines Schicksals befallen. (Ab.)

Verwandlung. (Herzog mit Gefolge.) Ritter, folgt mir in den Prunksaal, heute noch soll sie Euch die Hand darreichen, oder Ottern und Schlangen im Burgverließ ihrer Gewohnheit nach – ihr versteht mich – (Ab.)

[279] Verwandlung. Albrecht tritt auf. Kaspar Du folgst mir.

Verwandlung. Ein Geist erscheint warnend.

Albrecht. Wer bist du, unbegreifliches Wesen?

Geist. Ich habe Macht, Alles zu thun, eile aber, edler Jüngling, später werd' ich dich schon retten.

Albrecht. Sie retten oder sterben.


Zwei Minnesänger treten auf:


Wartet, edler Herr, wir singen euch die Geschichte.

Verwandlung. Finale.


(Waldige Felsengegend. – Links im Hintergrunde ein Schloß, gegenüber ein Weinberg, weiter vor eine Einsiedlerhütte. – Links vorn eine Höhle, weiter vorn eine Laube, in der Mitte zwei hohle Bäume, weiter vorn ein unterirdischer Gang.)


Einsiedler


(tritt auf im singenden Gebete. – Agnes singt eine Arie im Schlosse, wozu Chor von Winzerinnen auf der andern Seite. – In der Laube schlummert Albrecht und singt träumend in abgebrochenen Tönen. – Kaspar singt vor Furcht eine Polonaise in den hohlen Bäumen. – Räuber in der Höhle singen einen wilden Chor. – Genien schweben schützend über Albrecht. – Kriegsgetümmel hinter der Scene. – Ferner Marsch von der andern Seite. – Natürlich Alles zugleich. – Zwei Blitze fahren von verschiedenen Seiten herab und zerschmettern Einiges).


Alle. Ha!


Der Vorhang fällt.[280]


Zweiter Akt.


Trauer-Marsch. (Agnes wird auf die Brücke zu Straubing geführt. Sie bleibt an einem Nagel-Kopfe unten hängen.)


Albrecht tritt auf mit Reisigen.


Eingelegte Arie – – – – – – –

Recitativ: Auf, Freunde, keine Zeit ist zu verlieren, ein Augenblick Verzug raubt Ihr das Leben.


Schwört!


Chor. Wir schwören.

Albrecht. O Schwur!!

Allegro.

Ueber Felsen und Meere,

Durch blinkende Speere,

Rett ich dich, auf Ehre,

Daß keiner es wehre,

Sonst schnitte die Scheere

Des Todes ihn ab.

Ich sehe dich winken,

Die Thränen dir blinken,

O warte doch, Grab!


Arioso.

O Mägdlein,

O Blümlein

So wunderschön stille,

Das niemals was wille.


Chor.

Seht – den Helden

Seht – ihn – rasen – –


Albrecht.

Doch welch wundervolles Stöhnen,

Hör ich tief in mir so klöhnen,

Banger Ahnung Schauer-Wehen,

Muß ich in mir wachsen sehen.


[281] Più stretto.

Doch nein, ich eile, dich zu retten.


Chor. Eile.

Albrecht.

Rettend will ich eilen, dich zu retten.


Chor. Ja.

Albrecht.

Eilend, rettend dich mir retten,

Rettend eilend sprengen Ketten.

Passage (ei-ei-ei-ei-eilen).


Chor. Sieg oder Tod.


(Sie schwimmen alle durchs Wasser, der Kanzler spießt sich selbst an eine Stackete. Albrecht trägt die Geliebte auf seinem Arme herbei. Der Herzog kommt wüthend.)


Albrecht ruft: Vater!!!


(Der Herzog ist sogleich gerührt und segnet das nasse Paar.)


Schluß-Chor.


Nach Regen folgt Sonnenschein. Die Brücke verwandelt sich in eine Glorie, und Alles ist gut.


Hanswurst (tritt tiefsinnig und grübelnd ein).


Ich ahne was, und weiß nicht was.

Des Auges Blum' ist schmerztropfnaß,

Ich sehe es kochen und überall gähren,

Als wollt die Kunst noch eine Kunst gebähren.

O, ehrliches, deutsches Vaterland,

Mich hast du verfolgt, mich hast du verbannt,

Um fremdartige, ärgere Narren zu pflegen,

Sprich, war dies zum Heile, war dies zum Segen?

Den Engländer, Spanier, Welschen und Franken

Beseelt stets nur der Flug der Gedanken,

Sich selber und seinem Volk' würdig zu bleiben,

Und du, deutsche Kunst, schwächst im unschlüß'gen Treiben,

Was göttliches Dir nur vor Allen verliehen,

Erkenntniß und Anstoß aus Fremden zu ziehen.

Das hast Du mißbraucht in der eigenen Kraft,

Die herrlich und rein aus sich wirket und schafft.[282]

Wenn frei von der Nachäffung eitelem Streben

Sie tragen will göttlichen Stoff in das Leben.


(Das Publikum wird unruhig, pocht und ruft ungestüm: der Hanswurst ist ein Narr geworden. Moral unnütz etc. Schicksale, Maschinen, Posaunen.)


(Hanswurst macht einen Kreuzsprung und ruft:)


Ach verzeihn's, Ihr Gnaden,

Bitt schön!

Wär mir bald was Erschrecklich's gescheh'n.

Plagt manchmal mich, weiß selbst nicht wie,

So eine Art Natur-Philosophie,

'ne alt üble deutsche Gewohnheit,

Naht sich nur selten der Tollheit,

Bin so dumm gewesen, zu früh zu kommen,

In 10 Jahren wird's vielleicht besser genommen.

Sind's nit bös auf den armen Kasperl,

Morgen früh spiel ich den Herrn von Hasperl.

Hat mich eine Art Volksthum ergriffen.

Hätten wohl recht, hätten's mir pfiffen.

Morgen bitt ich wieder um die Ehr,

Ich spiel den Schneider mit der Scheer.


(Wüthendes Bravoschrein. Der Hanswurst wird viermal herausgerufen; spricht von Nachsicht, Streben und Wiedersehen.)


Ein tobender, ergreifender Walzer fiel ein, die Masken verloren zerstreut sich in dem Gewirre, und die Zuschauenden machten nun ihren Herzen Luft.

– Welche ungereimte Farce – rief ein blauer Domino neben mir – dummes, absurdes Zeug, ein anderer. Man weiß ja gar nicht eigentlich, was es sein soll, ein Dritter.

Ein Spanier. Erlauben Sie, es liegt doch ein tiefer Geist im Ganzen, der mir erstaunt wohlgefällt.

[283] Blauer Domino. Haben Sie es denn ganz gefaßt und verstanden?

Spanier. Nein, das nicht, aber es hat doch so etwas –

Blauer Domino. Ich sage Ihnen, es ist schlecht, ich kenne den Verfasser, oder ich müßte mich sehr irren, und aus dessen Gehirn entspringt nichts Vernünftiges, die schlechten Verse –

Hanswurst. Aha, blauer Ritter, schenk mir eine Lanze. –

Schnell verschwand der Domino.

Hanswurst. Ha Spiegelberg, Recensent, ich kenne Dich. (Ihm nach.) Am Kredenztische eilte ein niedliches Bauermädchen auf eine Türkin zu. Ach, was ist es Schade, daß Du das nicht gesehen hast. Da war Dir ein allerliebster Aufzug. Die Eine war gar hübsch angezogen, sah etwas langweilig, aber doch freundlich aus, die Andere schnitt Dir Gesichter zum Todtlachen, ach und dann wurde es so herrlich schauerlich, Huh! es war gar zu schön. – –

Ein Zigeuner. Ja, es war göttlich.

Nein, rief mein Dichter aus, und setzte das eben zu leerende Glas Punsch vom Munde; was sind das für verfluchte Urtheile. Der Eine findet's dumm, der Andere göttlich, der voll tiefen Sinns, weil er's nicht versteht, die himmlisch wegen ein paar hübscher Lappen.

Felix. Lieber Freund, hier hast Du das Publikum aller Orten und Zeiten en Miniature, so glaubt sich jeder Hansdampf für seine paar Groschen Legegeld befugt, über Dinge abzuurtheilen, die er nicht versteht, nie durchdachte, und wirst Jahrelanges Studium eines Kopfes durch seinen Beifall oder Mißfallen zu Boden, indem er sich von seiner augenblicklichen Laune leiten läßt, die ihm vielleicht dieß im gegenwärtigen Augenblicke himmlisch verspiegelt, was er in einem andern langweilig findet. Ein ungeschickter Statist, der eine Scene verdirbt, ist ihm hinreichend, das Ganze schlecht zu finden, und so sind die Herren Kunstrichter der Gallerie, wie der Logen und des Parterre.

Dihl. Du hast recht, ich habe das meistens gefunden, auch unterscheidet sich besonders das Sonntags–Publikum von dem gewöhnlichen[284] sehr: das gemeine Pakt säuft und frißt vorher gut, und will nur unterhalten sein, sucht ein Donauweibchen, lacht sich halb todt, klatscht, ruft ein Paar heraus, und siehe, das Ding macht furore.

Felix. Der noble Pöbel hört dann davon, will es auch sehen, schimpft, geht aber wieder hin, und so verdirbt sich der Geschmack. Denn sehr wahr ist die Behauptung, daß man sein Publikum ziehen könne. Gieb ihm lauter gute Kunstwerke, und es wird endlich unter diesen auch wieder die besten hervor zu finden und zu unterscheiden wissen.

Dihl. Hör einmal, Bruder, so sehr ich Musik liebe, aber, unter uns gesagt, Eure heillosen Opern haben auch viel verdorben.

Felix. Da kommst Du an meine empfindliche Seite. Wie oft soll ich Dir noch beweisen, daß, so wahr auch die Bemerkung theilweise sein mag, doch im Ganzen –

Ein Dieb, – ein Dieb, haltet ihn! hier! nein, da! – schrieen hundert Stimmen. Allgemeine Verwirrung entstand, ich war augenblicklich von meinem Freunde getrennt, und drängte mich durch die Masse, ihn wieder zu finden, als eine tiefverhüllte Maske mich beim Arme faßte. – Sie haben gefunden, mein Prinz. Ich maß ihn von. oben bis unten, vermuthete einen Spaß, und wollte weiter, als er mich wieder anhielt – erkennen Sie mich doch, mein Gnädiger, bin ich denn wirklich so unkenntlich, daß E. Durchlaucht selbst ihren treuen (er raunte einen mir ganz fremden NamenDario in mein Ohr) nicht erkennen?

Ich. Mein Herr, Sie irren sich in mir.

Maske. Nein, ich irre mich nicht, E.D. kamen früher, als ich Sie erwartete, aber eben recht. O eilen E.D. es ist hohe Zeit, Emilie – Wie Emilie! rief ich, und tausend Ahnungen durchflogen mein Inneres, indem meine gespannteste Aufmerksamkeit an dem Fremden hing. –

Maske. Nun ja doch, Emilie tanzt dort leidenschaftlich, und endlich ist der glückliche Zeitpunkt durch meine viele Anstrengung erschienen,[285] in dem Ihro D. das Ziel Ihrer Wünsche erreichen, oder wenigstens sich den Weg dazu bahnen können.

Ich (voll innerer Wuth). O Sie Vortrefflicher! dabei drückte ich ihm die Hand, daß er hätte schreien mögen.

Maske (den Schmerz verbeißend). Ja, ich konnte mir das aufwallende Feuer der Freude bei E.D. denken; doch eilen Sie nun, ehe meine Anstalten vernichtet werden. Unserer Verabredung gemäß, habe ich den Lieutenant F. und Wilhelm so instruirt, daß sie immer Emilien umgeben. Sie liebt den Tanz leidenschaftlich, Beide sind vortreffliche Tänzer, ein aufgenöthigtes Glas Punsch wird dabei seine Wirkung nicht verfehlen, das anstoßende Zimmer ist bereitet, wo man sie unter irgend einem Vorwande hinlocken wird. Die Tante ist durch einen der Unsrigen, der ihre Aufmerksamkeit zu fesseln weiß, beschäftigt. – E.D. erscheinen zufällig in dem Zimmer, die Andern entfernen sich ebenso zufällig. Narkotische Düfte, und ein Prinz, welche Mittel, um ein so schwaches Hirngespinnst als weibliche Tugend ist, umzuwerfen – es kann nicht fehlen. –

Kaum hielt ich noch an mich. – Die beiden schwarzen Dominos, so fuhr die Maske fort, mit rothen Federn sind unsere Getreuen. Emilie trägt ein einfaches weißes Kleid, mit Lilla-Bändern, die Schleife unter der Brust in E.D. Händen soll uns das Zeichen des Siegs sein, jetzt aber erwarte ich schnell die Befehle, denn nochmals, es ist hohe Zeit. –

Ja, erwiederte ich schnell besonnen und gefaßt, – es ist sehr hohe Zeit, erwarten Sie mich an jenem Pfeiler, ich will selbst sehen und Wilhelm unterrichten. – Bald hätte ich das Beste vergessen, rief er mir nach. – Die Loosung der unsrigen ist – Freude! – Gut, rief ich, und verschwand in der Menge, meinen Freund Dihl aufzusuchen. Heere von tobenden, quälenden Gefühlen kämpften in mir, tausend Pläne durchkreuzten sich in meinem Innern. Ich wählte und verwarf, und doch waren die Augenblicke so kostbar. Thor, der du bist, sagte ich zu mir selbst, auf den bloßen Namen Emilie hin geräthst du so in Feuer? Wer bürgt dir dafür, daß dieses die Emilie ist, die du meinst? Doch wenn auch nicht, hier ist[286] von Vernichtung eines Bubenstücks die Rede, daher frisch Hand ans Werk, und nicht erst untersucht. Da rannte mir, o Glück, mein Dichter in die Hände, voll Freude umarmte ich ihn als wie nach langem Wiedersehen, und klar stand's auf einmal vor mir, was geschehen müsse. Hier giebt's etwas für dich zu thun, ein Wagstück, aber schnell und mit Klugheit. Er. Vortrefflich, nur wie? wo? wann? – Ich erklärte ihm mit ein paar Worten den Verlauf der Sachen, und bat ihn, nun eilends zu dem tanzenden Paare zu gehen, den Tänzern die Loosung zuzuflüstern, Emilien ohne Umstände am Arme zu nehmen, selbst wenn sie sich sträuben sollte, nicht nachzugeben, und sie so in den nächsten besten Wagen zu werfen und nach Hause zu bringen, indessen ich mich anders maskiren und den Ausgang der Sache abwarten wollte. – Die Lilla-Schleife unter der Brust bringst du mir als Wahrzeichen deines glücklich vollendeten Auftrags mit, und nun eile, fliege, die Freundschaft, ja das Leben deines Freundes, fleht dich darum an. – Dihl. Sei nicht so curios, das ist ganz ein Casus für mich, ich hole dir sie aus zehntausend Teufeln heraus, verlaß dich auf mich.

Fort eilte er, und ich wechselte meine Maske. Der erste Drang der aufwallenden Leidenschaft war vorüber, und ich ließ nun mein Selbst vor mir ruhig die Musterung passiren; denn das Handeln war Werk des Augenblicks, des innern Dranges gewesen, von dem ich mir keine Rechenschaft geben konnte.

Warum hast du sie nicht selbst gerettet? fragte der Kopf, und leise antwortete das Gefühl, – das sich zu gern in dem Gedanken wiegte, meine Emilie müßte die Gerettete sein; – daß es die Gewißheit vom Gegentheile nicht hätte ertragen können, daß daher die gefällige Phantasie gleich einen Ausweg zu finden wußte, der sich ja sogar mit dem schönen Titel der Uneigennützigkeit stempeln ließ. Leben denn Herz und Kopf im ewigen Kriege mit einander, suchen sie sich denn immer gegenseitig zu überlisten, soll die Rechte nie wissen, was die Linke thut, selbst wenn sie es sieht? – ewiges Räthsel dir und andern Menschen! – – –[287]

Beobachtend näherte ich mich Dario, der mit allen Zeichen der lebhaftesten Ungeduld noch an seinem Pfeiler lehnte.

Endlich mochte es ihm doch zu lange dauern, denn er verließ ihn und verschwand. Einem Träumenden gleich, wankte ich herum, voll Erwartung und Furcht über das lange Ausbleiben meines Freundes. Ach, laß mich, fuhr ich ärgerlich einen zudringlichen Polichinello an, der mich mit seinen Späßen unterhalten wollte. Nun, nun, nur nicht so trotzig, mein Herr, sagte er, und hielt mir die Lilla-Schleife vor die Augen – Ach Du! in diesem Aufzuge, eile, erzähle. – Alles mit Ruhe, Herr Bruder, erst ein Glas Punsch. Wir gingen in ein Seitenzimmer, und nach einigen derben Zügen löste sich Dihl's Zunge. – Alles ging vortrefflich, ich gab meine Loosung, man war höflich, ich nahm Emilien an den Arm, sie verwunderte sich, ich führte sie weg, das nahm sie übel, ich bringe sie an den Wagen, da schrie sie, und hätte mir bei einem Haare die ganze Geschichte verdorben. Ich machte ihr denn in ein paar Worten begreiflich, daß man ihrer Tugend zu nahe treten wolle, daß ein unbekannter Edler, das bist Du, Herr Bruder, mir den Auftrag gegeben hätte, sie auf diese einzig mögliche Art zu retten, und daß sie dem Kutscher nur in Gottes Namen ihre Wohnung anweisen könnte.

Da hättest Du das nette Geschöpfchen sehen sollen, wie es Thränen der freudigen Dankbarkeit vergoß, daß es einem selbst ganz curios ums Herz wurde. Und gar zu Hause, als sie sich ganz in Sicherheit sah, die Maske abnahm, das Engelgesichtchen mich ansah, und bei meiner Bitte um die Schleife, mit den rührendsten Tönen ihren Dank stammelte, da – Herr Bruder, da beschloß ich, wenn's nicht Deine Emilie ist, so bin ich so frei und liebe sie!

Ich. Nun, und weiter, wie verließest Du sie?

Er. Ja, sieh, bis hierher war's eigentlich eine lederne Commission gewesen, ohne sonderlichen Spaß, ich war also so keck, das Ding auf meine Weise zu variiren, auszuführen, und einige Contra-Subjekte hinein zu verweben.

Ich. Du wirst doch nicht –

Er. Ja, höre, wie ich sie verließ, da fiel mir auf einmal[288] ein königlicher Spaß ein. Ich blätterte in dem Register meiner Bekanntschaft nach einem freundlich gemüthlichen Wesen, das nicht zu der grausamen Race gehörte, und gleich zu finden wäre. Es fiel mir eins ein, und auf der Treppe kehrte ich noch einmal um, und erbat mir von Emilien ihren ganzen Anzug.

Ich. Ha, Abscheulicher! das Kleid, das sie trägt, wolltest Du –

Er. O sei still, Du sprichst wie ein Verliebter, das heißt dumm, – kurz, ich erhielt das Kleid, flog damit zu einem Püppchen, kleidete es darein, instruirte es etwas, sagte, es sei was zu verdienen, wenn sie es gescheidt machte, schleppte sie in den Saal, übergab sie einer der schwarzen Masken, der ich befahl, sie in das bewußte Zimmer zu bringen, und eben als ich meine Operation vollendet hatte, trat der Prinz, den ich recht gut kenne, in den Saal.

Ich. Und nun?

Er. Ja, nun weiß ich weiter nichts, als daß ich meine Pseudo-Emilie ihrem Schicksale überließ, mich umzog, und nun als demüthiger Sklave vor Dir erscheine.

Ich. Du hast da einen unüberlegten Streich gemacht, da Dich das Mädchen kennt.

Er. O dafür sorge nicht, derlei bekömmt mich selten und nie allein zu sehen, zudem ist es eine neue Acquisition, die erst angekommen. Aber was Rechtes gäbe ich darum, wenn ich die verfluchten Gesichter sehen könnte, die S.D. schneiden werden, wenn sie statt des spröden Tugend-Engels so ein frommes willfähriges Täubchen finden.

Ich. Bei alle dem find' ich für gut, daß wir uns entfernen. Du weißt nun doch Emiliens Wohnung?

Er (schlägt sich vor den Kopf). Ich Esel, nein, über meinem schönen Plan habe ich gar nicht daran gedacht, darauf acht zu geben.

Ich. Also alle Hoffnung wieder verschwunden, je zu entdecken, ob sie es war oder nicht? Komm, ich bedarf der Ruhe und dies Gewirre fröhlicher Menschen ekelt mich an.[289]


Schlaflos durchwachte ich die Nacht. Gedankenlos durchträumte ich einige Tage. Ich war in jener unglückseligen Stimmung, in der leidenschaftliche Menschen so oft sich finden, weil der Stoff des Unglücklich-Fühlens mehr in ihnen liegt, als von außen erzeugt wird. Wo andere Menschen bloße Freude fühlen, möchten sie jauchzen. Wo Andere wehmüthig werden, verzehrt sie der Schmerz. In Extremen leben, fühlen, handeln sie. Und eben diese unendliche, Alles umfassende Wärme, die allein Schillers »Seid umschlungen Millionen – diesen Kuß der ganzen Welt« – versteht, ist es, was ihr Unglück im Gefühle nie zu füllender Leere in Ihrem Innern erzeugt.

Ich floh zur Musik und hoffte, von diesen Leidenschaften getrieben, ja bis zur Fieberhitze entflammt, mein Gefühl in Tönen aussprechen zu können, aber umsonst. Ein Chaos waren meine Ideen. Die Fülle meiner Empfindung verschlang sich selbst gebärend wieder, und stumpfes, gedankenvolles Nichts-Denken war das jedesmalige Ende.

Die gewöhnliche Bemerkung also, der Lustige könne gut lustig und der Traurige gut traurig componiren, – wurde an mir zu Schanden. Wer diese Bemerkung nachsagt, kennt den Menschen nicht. Alles Tief-Empfundene fühlt sich, aber sagt sich nicht. Der Moment, Geistes-Produkte zu erschaffen, muß in jener gewissen ruhigen Stimmung als Grund-Element sich bewegen, welche, eigner, in dem Augenblicke willkürlich erzeugter Begeisterung fähig, das individuelle Ich, so zu sagen, ganz zu verlassen und in das andere, das zu schaffende, überzugehen im Stande ist. –

Dieser Zeitpunkt war nun für mich nicht da, und nur nach und nach konnte ich wieder meiner Ruhe habhaft werden, indem ich nach diesem letzten Zufalle, – der mich so glücklich meiner Emilie zu nähern schien, und doch wieder meine schönen Träume in ihr altes Nichts zurücksinken hieß, da aller Nachforschungen ungeachtet keine Spur mehr von ihr zu entdecken war – fest überzeugt ward, daß ich sie nie finden würde, daß das Schicksal sie mir nicht bestimmt[290] habe, und Vernunft und Ueberlegung mir endlich auch weis machten, ich werde mich beruhigen, ja, sie vergessen – können.


Der zufällige Anblick meines Masken-Kleides weckte wieder sehnsuchtsvolle Erinnerungen an sie in mir auf; mechanisch fuhr ich in die Tasche des Rocks, den ich jenen Abend anhatte, fand ein Papier darin, und erkannte es beim ersten Anblicke für das Gedicht, welches mir der Teufel zum Componiren gegeben, und das ich auf die nächste Redoute zu bringen versprochen hatte. Daß es an eine Emilie gerichtet, war mir ja hinreichender Beweggrund gewesen. Aber jetzt wollte ich auch dessen Inhalt meinen prüfenden Blicken unterwerfen. Ich las – – –

Der herzliche liebe Geist, der im Ganzen leuchtete, begeisterte mich. Beim zweiten Lesen stand die Melodie klar vor meiner Seele, und ich eilte, sie zu Papiere zu bringen, und während des Niederschreibens vollends zu feilen und zu runden, als mein Freund Dihl mich bei der Arbeit überraschte.

Na, Gott sei Dank, endlich wieder ein zufriedenes, heiteres Gesicht, denn Du arbeitest; störe ich?

Ich. Immer, und nie. Sprich nur fort.

Dihl. Sieh, das ist mir unbegreiflich, und ich habe Dich schon lange fragen wollen, wie Du ein Gespräch führen und dabei arbeiten kannst.

Ich. Ja, lieber Freund, ich möchte beinah mit Plato glauben, der Mensch, oder wenigstens ich, habe zwei Seelen; wenigstens habe ich offenbar zwei Dinge in mir, wovon das eine das Ton-Wesen, und das andere das zum Gesprächsel abgerichtete ist. Denn ich kann sehr bequem von ganz andern Gegenständen zusammenhängend sprechen und doch, mit voller Seele und ganz von meinem Objekte erfüllt, Ton-Ideen bilden und componiren. Doch muß ich gestehen, daß es mich angreift, und ich mich dabei wie ein Magnetisirter befinde,[291] da der Mund von Dingen spricht, von denen er eigentlich nichts weiß und nichts denkt.

Dihl. Und ist Dir das bei allen Arten von Componiren gleich?

Ich. Nein, doch nicht ganz, die sogenannten eigentlich strengen Kunst-Arbeiten, als Fugen etc., halten mich mehr ab, beides zu vereinen.

Dihl. Das ist kurios, denn ich sollte denken, just bei dem Zeug brauchte man am wenigsten seine Einbildungskraft zusammen zu nehmen, und dafür nur seinen Kirnberger Fux, Wolf, oder wie die Thiere alle heißen, gehörig im Leibe zu haben.

Ich. Ach, eigentlich thut es einem bei diesen abstrakten Arbeiten am nöthigsten, das Gefühl als Leitstern zu haben, damit man nicht durch die Schulgelehrsamkeit und ihre Künste sich in den trocknen Sand der Langenweile leiten läßt.

Dihl. Da Du jetzt so vernünftig mit mir sprichst, machst Du wohl keine Fugen?

Ich. Daß ihr Laien die armen Fugen nicht ungeschoren lassen könnt – nein! ich habe eben ein Lied componirt.


III.

Dem Gesellschaftszirkel entronnen, betrete ich mein stilles, einsames Zimmer, und wohlthätig umfaßt mich die Oede, die mir wenigstens erlaubt, den selbstauferlegten Zwang abzulegen, der mein Inneres vor der Welt verschließt, – der durch Kampf mit den Verhältniß-Stürmen errungen zu einer äußeren Ruhe sich formte, so, daß Wenige unter meiner freundlichen, und vielleicht sogar fröhlichen Hülle, den Gram suchen werden, der mich verzehrt, und meinen Geist und Körper benagend aufreibt.[292]

Nur unter dem Drucke hebt sich die Welle, nur gedrückt zeigt die Stahlfeder ihre Schnellkraft, und die ungünstigsten Verhältnisse und Lagen – nur gebahren große Männer. – Dann steht die Anwartschaft auf Großes fest begründet in mir, denn nie hat wohl ein Sterblicher sich widerlicherer, unterdrückenderer und talentlähmenderer Umstände zu rühmen gehabt, als ich. Bei den kleinsten wie bei den bedeutendsten Unternehmungen meines Lebens warf mir das Schicksal feindliche Dinge in den Weg; und gelang mir je etwas, so waren gewiß die überstiegenen Hindernisse, überwundenen Schwierigkeiten, unglaublich, und verbitterten den Genuß. Eine beinahe förmliche Stumpfheit gegen alle Schicksals-Schläge ist der einzige Gewinn, der noch das höchstzermalmende Gefühl mit sich bringt, daß selbst die Freude keinen reinen Eindruck mehr auf mich zu machen im Stande ist, weil gespensterhaft die feste Ueberzeugung mit ihr Hand in Hand vor mich tritt, daß ich sie nur verbittert genießen kann. Vom Mutterleibe an beschrieb mein Lebenspfand andere Linien als die eines jeden andern Menschen. Ich erfreue mich nicht der Erinnerung froh durchgaukelter Kinderjahre; kein freies Jünglingsleben erhob mich. Im Alter des Jünglings stehe ich da, an Erfahrung ein Greis, Alles durch mich, Alles aus mir, nichts durch Andere. Ich habe nie geliebt, denn nur zu bald zeigte mir immer meine Vernunft, daß alle Weiber, von denen ich Thor geliebt zu sein wähnte, nur aus den erbärmlichsten Antrieben mit mir spielten, die eine liebelte mit mir, – weil ich vielleicht der einzige Mensch unter 40 Jahren im Orte war, die Andere lockte die Uniform, und die Dritte glaubte vielleicht mich zu lieben, weil sie das Bedürfniß zu liebeln hatte, und der Zufall gerade mir den Eintritt in ihren häuslichen Zirkel verschaffte. Mein Glaube an die Weiblichkeit, von der ich ein hohes Ideal in der Brust trage, ist dahin, und also auch ein großer Theil meiner Ansprüche auf menschliches Glück. Wenn ich nur je eine fände, die sich wenigstens die Mühe geben wollte, mich so geschickt zu betrügen, daß ich ihr glaubte. Wie dankbar wollte ich ihr auch beim Erwachen dafür sein.[293]

Ich fühle es, ich muß lieben, ich bete die Weiber an, und hasse, verachte sieich kannte nur die zarten Bande der Bruder- und Schwester-Liebe, meine Mutter starb mir früh, mein Vater liebte mich überzärtlich, und trotz aller Achtung und Liebe, die ich ewig für ihn hege, entzog ihm dieß mein Vertrauen. Ich fühlte ihn manchmal schwach gegen mich, und diese Liebe verzeiht sich nie.

Freunde glaubt' ich gefunden zu haben. Die Gewohnheit meines Umgangs hatte sie an mich gefesselt, wir trennten uns und ich war vergessen. Ich warf mich der Kunst in die Arme, betete die großen Künstler abgöttisch an, und fand sie endlich bei der gesuchten Vertraulichkeit mit ihrem Götterthume, beinahe zu mir herabgezogen. Die Meister widersprachen sich, was sollte der Lehrling thun? Lägen nicht in dir, göttliche Kunst, die Regeln, dich zu fassen, ich wäre verloren gewesen. Und du, meine einzige Erquickung, mein Alles, auch du kannst feindlich vor mir stehen, und mich, indem ich glühend dich umfasse, im Gefühle meines Nichts vor dir zu Boden stoßen. Herkules Kleid der Menschheit, alles umengende Verhältnisse, ihr seid es, die mich mit mir, mit meinen Freunden, der Kunst und Gott entzweien, indem ich euch Allgewaltigen mich füge, zernichte ich mich, indem ich lache, vergehe ich, und bei einem Bonmot spreche ich mein Todesurtheil.

Kurz, Erbärmlichkeit ist das Loos des Menschen, in nichts der Vollkommenheit nahe, stets unzufrieden, uneinig mit sich selbst, ist er ein personifizirtes schwankendes, immerwährendes Treiben, ohne Kraft, Willen, Ruhe. Denn das Momentane aller dieser Dinge als Erscheinungen ist nicht zu rechnen, und selbst diese Aeußerungen, die aus der Fülle meines Ichs kommen, sind der Beweis davon.[294]


IV.


Don Juan.


Das Parterre war ziemlich besetzt, die Logen leer und das bewies mir augenblicklich, hätte ich es auch nicht schon gewußt, daß etwas Gutes aufgeführt würde. Ich pflanzte mich in die Mitte neben ein paar Menschen, von denen ich am wenigsten Störung erwartete, indem der eine, das Kinn auf seinen Stockknopf gestützt, verstohlen, als gehöre er nicht hierher, Alles von der Seite betrachtete, durch manchen Seufzer, wenn so ein junger Brillen-Mosje vorbei schwebte, sein Bedauern und Erstaunen verbarg, und durch seinen Anzug und ganzes Wesen, das dem Zuschnitte einer Bravour-Arie aus Leo's Zeiten entsprach, mir bewies, daß er um funfzig Jahre früher, als ich, geboren sein müßte. Mein anderer Nachbar, mit markirten Gesichtszügen, funkelnden Augen, und in schwarzer Perrücke, mußte in Italien gewesen sein, denn, über das lange Warten ungeduldig, brummte er manche Gebet- und Fluchformel vor sich hin, und bezeigte sich nur zuletzt, als es ihm zu arg ward, als guter Deutscher, durch ein ehrliches Kreuzdonnerwetter.


Randbemerkungen beim Entwurfe des Plans zu Tonkünstlers Leben.

Kiesel. Weltwellen machen ihn rund, bis das Moos der Liebe ihn fest hält.

Der Sachsenspiegel schreibt von herumziehenden Musikanten: einen Musikanten muß man nicht unter ehrlichen Leuten dulden.

Bekanntschaft Dihls. Thüre zuschlagen; es fällt Jemand die Treppe herunter und auf ihn, rafft sich schnell auf, umarmt ihn auf's Feurigste, dankt für das Glück, das er gehabt, auf Felix zu fallen.[295] »Mein Herr, sind Sie toll, oder halten Sie mich für einen Narren?« »Wer sind Sie?« »Ach, ich bin gar nichts; aber darf ich fragen, wer Sie sind?« Ich, seufzend: »auch eigentlich nichts. Doch nennt man gewöhnlich Leute meines Gleichen Künstler. Ich mache auch Kunststücke; z.B. einen Verleger zum Bezahlen zu bringen und dergleichen – wenn es Ihnen gefällig ist, fangen wir gleich bei dem zweiten Jahre unsrer Bekanntschaft an etc.«

Kapellmeister Strich, der Alles streicht.

Zischen aus dem – – er Parterre.

Die krittelnden Hörer, die endlich ihre Ohren zu einer Art von Skelettir-Werkzeugen geformt hatten, wo das Empfangene augenblicklich des Blüthenstaubes beraubt, auch Mark und Knochen durchwühlt wird, um sich dann später gelegentlich allenfalls beim Zahnstochern einem gründlichen wohl erlaubten Enthusiasmus zu überlassen, oder wenn es nöthig, ihn erst selbst zu arrangiren.

Italienische Cadenzen, ein Gerüst, an das der Sänger seine besten Pretiosen hängen kann, und sie nach Wohlgefallen schmückt. Das schwarze Gerüst bei einer Illumination.

Kapitel mit Notenbezeichnungen Größere Bruchstücke aus andern Kapiteln etc., die am Ende, wenn er sein Leben überblickt, in einen Choral-Schluß endigen, und vorher einen Cirkel-Canon bilden, der vor- und rückwärts dasselbe giebt. Bild des menschlichen Lebens überhaupt.

Mein Stil kommt mir bunt, und weil er oft seinen Gegenstand erschöpfen möchte, etwas preciös und bombastisch vor. Doch kann ich mich nicht von ihm trennen, so sehr ich eines Goethe, Schlegel etc. Klarheit ehre und innig liebe. Es mag vielleicht just das Musikalische in mir sein. Die vielen bezeichnenden Beiwörter sind fast das, was das Instrumentiren einer musikalischen Idee ist, von der ich mir bewußt bin, sie ganz so wirkungsvoll, als ich mir sie denke, wieder geben zu können, was mir aber beinahe nie von den Ideen gelingt, die ich durch die Sprache einem zweiten verdeutlichen möchte.

Das Schwerste ist, den Beifall des Thoren zu ertragen, und man kann sich geduldig auspfeifen lassen, während man bei dem[296] Bravo des Unverständigen ihn gern hinter die Ohren schlagen möchte. Wer das verwinden und hinunterschlucken kann, hat es schon weit in der Selbstverläugnung und Weltklugheit gebracht, und ich gratulire.

Bezeichnung gewisser Kunst- und Zeit-Epochen, durch sich überall ähnliche Formen und Gebräuche im Leben und der Kunst. Beinahe auf einige Takte, Verse und Ceremonien zu reduciren, z.B. erste Epoche, vor Luthers Zeit. Durch scharfe Zeichnung, kurz, halb Carricatur deswegen. Alles Alte steif und ehrenfest, pedantisch die Reifröcke. Tänze eben so. Das Eckigte und Hölzerne, Spitzige, wie die alten Kommoden, und die Guiguen, Sarabanden etc. im Gegensatze.

Zweite Epoche. Von den meist bacchantischen, wollüstigen, übermüthigen Tänzen.

Kurze Epoche mit Geßner etc., von Pleyel und zum Theil Haydn. Schein von Unverständlichkeit Klopstocks und Mozarts.

Dritte Epoche. Schnelle Kriege, schnelle Tempo's, Vorstellung des alten und neuen Allegro, wie sie an einander vorbeilaufen. Mystik und Romantik in der Dichtkunst und Musik. Komisches Beispiel. Isegrim.


Einzelne Gedanken und Notizen, ohnstreitig zur Benutzung bei Tonkünstlers Leben bestimmt.

Trennung des Theoretischen und Praktischen. Das Letztere muß von Jugend auf uns angeboren und mit erzogen sein, als zur Natur und dem Leben gehörig, und später, wenn der Verstand ohnedies reifer wird, darf er urtheilen und wägen und besonnener gehen.[297]


Es ist doch etwas ganz Eigenes im Leben, daß man so oft gegen die, die man am liebsten und festesten im Herzen trägt, sich solcher Fehler schuldig macht, da man doch bei gewöhnlichen Menschen und Geschäften so gern flink bei der Hand ist, mit umgehender Post zu antworten. Ginge es mir allein so, und allein Dir gegenüber, so würde ich das mir unbegreiflich und unverzeihlich finden; aber da das vielen meiner besten Freunde so mit mir, und mir so mit ihnen geht, so glaube ich wohl zu fühlen worin es eigentlich sitzt. Dem halb und ganz Fremden nähert man sich in einmal festgestellten Formeln, sagt ihm nichts mehr und nichts weniger, als eben zu der besprochenen Sache nöthig ist, und somit ist Alles abgethan. Nicht so dem Freunde. Ihm etwas halb zu geben, widerstrebt dem liebenden Gefühle. Man will ihn ganz mit sich leben lassen, ihn in den Freuden- und Leidenkreis führen, der uns umgiebt. Für ihn scheint uns jede Kleinigkeit wichtig, und am Abend eines jeden Tags möchte man ihm denselben vorlegen können. Je weiter der Raum, der sie trennt, je seltener wird der Ideen-Austausch, und haben Umstände uns einige Zeit verhindert, ihnen unser Leben und Sein mitzutheilen, so befällt uns jenes unbehagliche Gefühl, als hätten wir ihnen etwas vorenthalten, was nicht, oder doch sehr schwer, nachzuholen sei, und so kommt es endlich, daß eine scheinbare Kluft entsteht, die schmerzlich genug ist.


Das scheinbar abgerissene Phantastische, was mehr Phantasiestück als gewöhnlich geregeltes Musikstück erscheint, ist ohnstreitig, wenn es etwas ist, nur ganz bedeutenden Genie's möglich – die sich eine Welt schaffen, in der es nur scheinbar bunt zugeht, die aber gewiß den wahrgefühltesten innern Zusammenhang hat, wenn man sie mitzufühlen im Stande ist. Aber in der Musik, deren Ausdruck so viel Unbestimmtes hat, und wo dem individuellen Gefühle so viel selbst zu fühlen übrig bleibt, ist es höchstens nur einzelnen ganz gleichgestimmten Seelen möglich, mit dem Gefühlsgange, der sich gerade auf diese Weise entwickelt, gerade diese Gegensätze nothwendig[298] findet, gerade diese Meinung allein für wahr hält, gleichen Schritt zu halten. Des wahren Meisters Sache jedoch ist es, hochwaltend über seine wie über andere Gefühle zu herrschen, und das Gefühl, das er aufstellt, festgehalten in sich selbst blos mit den Farben und Nüancen wieder zu geben, die sogleich ein vollendetes Bild in der Seele des Zuhörers schaffen.


Die wahre Geschichte ist oft das Unwahrscheinlichste, und würde im Gewande der Dichtung für ganz unsinnig ausgegeben werden; aber das ist die eigene Bizarrerie des Lebens, daß es das Naheliegendste überspringt, und dadurch die Wahrheit zur Fabel stempelt. Man könnte also fast sagen, es sei nicht Alles wahr, was wirklich geschehen sei; oder es giebt Dinge, die sich begeben haben, erzählt aber zur Lüge werden.


Das Geschenk einer Sache, die nur einmal vorhanden, oder selten ist, erhält dadurch so hohen Werth, weil es wie ein Geheimniß zwischen zwei Liebenden besteht, das vielleicht alle Welt sieht, aber das doch für Besitzer und Geber einen magischen Schleier des süßen Liebes-Geheimnisses hat.


Von welcher Wirkung ist dieser Uebergang! Ha! nun wird die in drei oder vier, oder gar nur in einem Takte bestehende Modulation genommen, und in den geistigen Weingeist gesetzt. Wodurch sie herbeigeführt, warum sie so und nicht anders wirken muß, weil sie so gestellt ist, daran denkt kein Mensch. Es ist so, als wollte man eine einzelne Nase, oder einen glücklichen Lichtpunkt aus einem Gemälde schneiden, und einzeln als Rarität zeigen. Die Zusammenstellung ist's und nicht die Sache.[299]


Verderbliche Wirkung der Anekdoten von großen Meistern als Schnellarbeiter etc. auf junge Gemüther, und übles Nachäffen etc.


Die Wahrheit ist der sich immer gleiche göttliche Strahl, der sich nur durch die Seelenwolken bricht und dem Prisma der Phantasie seine verschiedenen Farben leiht.


Eitelkeit und Eigenliebe behaupten unter allen Umständen bei den Weibern ihre Rechte, man schmeichle ihnen, wenn und wo man will, selbst unter den traurigsten Umständen, immer schlürfen sie den dargebrachten Weihrauch mit Vergnügen. –


Die bösen Leute, besonders die deutschen Componisten, wollen der italienischen Oper wohl Arges nachsagen; so behaupten sie z.B., die besten der Italiener hätten gar keine Charakterzeichnung. Doch das ist wohl etwas übertrieben; es fällt doch Alles so in's Gehör, und die Melodie geht doch über Alles. Es ist wahr, daß bei dieser Oper gerade die Prima donna das Unglück gehabt, heiser zu werden, daß der berühmte Componist, um seine besten Stücke nicht zu verlieren, ihre Arie in einen andern Ton setzte, damit sie der Primo basso vortragen konnte, wogegen dieSeconda donna des Bassisten Arie übernahm, ohne daß ein Mensch ein Vergreifen im Charakter hätte dadurch merken können, aber das ist doch die Schönheit der wahren Musik, die dann gefällt, es mag sie singen wer will, und sie mag aus einem Ton gehen wie sie will, doch stets die wahre ist. Universalität und eine italienische Arie passen zu allem, daher ich behaupte, die italienische Musik ist die erste.


Compositions-Routine.

Gedanken, oder die Seele, müssen wie ein anderes Glied des Körpers genährt und gezogen werden, um in einer gewissen Form[300] zu denken. So fehlt es dem Theater-Componisten eben so wenig an Fähigkeit, gute Symphonien zu schreiben, als umgekehrt. Das erste Stück einer andern Gattung ist immer das schwerste, es ist leicht in Nachahmung zu verfallen, hat man erst eins gemacht, seinen Ideengang in dieses neue Modell gepreßt, so geht es; daher Haydn so groß in Symphonie etc. Alle Melodien bekommen unwillkürlich diesen Charakter, diesen Zuschnitt. Das Genie ist universell, wer es hat, kann Alles leisten, Umstände, Zufälle formen es. Es ist nicht möglich, in allen Stilen und Gattungen zu gleicher Zeit groß zu sein, man ist es aus eben diesen Gründen nur periodisch in einem Fache, alle guten Opern kommen einander nahe.


Musik-Catalog der beliebtesten Arbeiten:


Die Schöpfung, für 1 Flöte. Die Schlacht von Austerlitz für 2 Guitarren.

Die Jahreszeiten, für 2 Flageolettchen, arrangirt von A.E. Müller in Leipzig.

Musikalisches Blumenkörbchen, eine Monatsschrift für gebildete Dilettanten zum Selbstvergnügen am Clavier oder Forte Piano enthaltend:

Das Finale des ersten Akts aus der Oper : Don Juan mit gehörigem Fingersatze, für eine Singstimme eingerichtet.

Die Leonore von Bürger und die

Kindes-Mörderin von Schiller, nach bekannten Volksmelodieen arrangirt.


Ein Stern ist das auf den Rock genagelte Patent, Alles, was man sagt, mit einer Verbeugung beantwortet zu sehen.


Nur der innig harmonisch verwandte Ton bringt die Saite zur Erzitterung, er weckt ihr inneres Leben, ohne es zu berühren, ein Glas sprengt der ihm eigne zu stark angegebene Ton. So kann[301] auch des Menschen Herz, triffst Du dessen Ton, ergriffen, bewegt, zum Mitklingen, bis zum Zerspringen gebracht werden.


Liebhabereien. Besonders bewundere ich das Piano und Forte; das jeder sich so zu arrangiren weiß; wenn ich einmal meine Sache gelernt habe, so will ich auch hören lassen, daß ich sie kann.


Italienische Musik. Instrumentation.


Oboi coi Flauti, Clarinetti coi Oboi, Flauti coi Violini. Fagotti col Basso. Viol. 2do col Primo. Viola col Basso. Voce ad Libitum. Violini colla parte.

Quelle:
Weber, Max Maria von: Carl Maria von Weber. Ein Lebensbild. Band 3, Leipzig: Ernst Keil, 1866, S. 260-302.
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