Lachs (Salmo salar)

[213] Als das edelste Mitglied der Sippe bezeichnen unsere Fischer den Lachs oder Salm (Salmo salar, salmulus, nobilis und hamatus, Trutta salar). Ihn kennzeichnet der sehr in die Länge gestreckte, seitlich mehr oder weniger zusammengedrückte Leib, der im Verhältnisse zu diesem sehr kleine Kopf mit schmächtiger, lang vorgezogener Schnauze, die zahnlose, kurze, fünfeckige Platte des Pflugscharbeines und die einreihig gestellten, frühzeitig ausfallenden Zähne des Pflugscharstieles. Der Rücken ist blaugrau, die Seite silberglänzend, die Unterseite weiß und glänzend; die Zeichnung des fortpflanzungsfähigen Fisches besteht aus wenigen schwarzen Flecken. Rücken-, Fett- und Schwanzflosse haben eine dunkelgraue, die übrigen eine blasse Färbung; ausnahmsweise zeigt die Rückenflosse einzelne runde, schwarze Flecke. Es spannen diese drei bis vier und neun bis elf, die Brustflosse ein und dreizehn, die Bauchflosse ein und acht, die Afterflosse drei und sieben bis acht, die Schwanzflosse neunzehn Strahlen. An Länge kann der Lachs bis anderthalb Meter, an Gewicht bis fünfundvierzig Kilogramm erreichen; so große Stücke finden sich jedoch gegenwärtig nur noch in den nordrussischen Strömen; im übrigen Europa hat man derartige Riesen längst ausgerottet. In unseren Tagen gilt hier ein Lachs von Meterlänge und funfzehn bis sechzehn Kilogramm Gewicht schon für sehr groß.

Der Name Lachs wird verschieden abgeleitet. Oken glaubt, er rühre von dem Worte »lax« her, weil diese Fische, wenn sie längere Zeit in Süßwasser ausgehalten, lax oder schlaff würden; Höfer meint, daß er möglicherweise von dem gothischen »laikan«, springen, herkommen möge.


Lachs (Salmo salar) und Lachsforelle (Salmo trutta). 1/6 natürl. Größe.
Lachs (Salmo salar) und Lachsforelle (Salmo trutta). 1/6 natürl. Größe.

Als die Heimat des Lachses müssen wir das Eismeer und den nördlichen Theil des Atlantischen Weltmeeres, einschließlich der Nord- und Ostsee, ansehen, obgleich er sich mehr im süßen Wasser [213] als in der See aufhält, in den Flüssen die erste Jugendzeit verlebt und vom Meere aus alljährlich in den Strömen aufsteigt, so weit er kann. In Deutschland besucht er hauptsächlich den Rhein und seine Zuflüsse, die Oder und die Weichsel, ohne jedoch in Weser und Elbe zu fehlen. Gelegentlich seiner Wanderungen erscheint er in allen größeren Zuflüssen der genannten Ströme, falls ihm hier nicht Wehre oder Wasserfälle den Weg versperren. Häufiger als in Deutschland findet er sich in den Flüssen Großbritanniens, Rußlands, Skandinaviens, Islands und Grönlands, seltener in denen Westfrankreichs und Nordspaniens. In Großbritannien, wo er früher so gemein war, daß sein Fleisch kaum geschätzt wurde, hat ihn die unablässige Verfolgung so vermindert, daß man jetzt sogar in den früher von ihm bevorzugten Flüssen Tey, Tweed, Spey und Esk eine besorgniserregende Abnahme verspürt hat und strenge Gesetze behufs seiner Schonung erlassen mußte; in Rußland laicht er in allen Strömen und Flüssen, welche in die Ostsee und das Weiße Meer münden, erreicht aber am Ural seine Ostgrenze, kommt wenigstens im Ob nicht mehr vor; in Skandinavien wie auf Island und Grönland ist er noch heutigen Tages einer der gemeinsten Flußfische; in Frankreich besucht er alle Flüsse und Ströme, welche in das Atlantische Weltmeer [214] münden; in Spanien tritt er in allen dem Biskayischen Meerbusen zufließenden Gewässern noch zahlreich auf, fehlt aber denen, welche durch Portugal dem Meere zuströmen, oder zeigt sich hier doch so vereinzelt, daß man das Vorgebirge Finisterre als die Südgrenze seines Verbreitungsgebietes bezeichnen darf.

Wie es der Lachs im Meere treibt, wissen wir nicht, so sorgfältig man auch gerade ihn, den werthvollsten aller Süßwasserfische, beobachtet hat. Nur so viel dürfen wir als feststehend annehmen, daß er sich von seinem Geburtsflusse niemals weit entfernt, also keineswegs, wie man früher annahm, Reisen bis zum Nordpole unternimmt, sondern sich höchstens von der Mündung des Flusses aus in die Nähe benachbarter Tiefgründe des Meeres versenkt und hier in einer Weise mästet, welche selbst unter den Fischen beispiellos erscheint. Nach den Untersuchungen schwedischer Forscher raubt er während seines Aufenthaltes im Meere allerlei Kruster, Fische verschiedener Art, namentlich Sandaale, Stichlinge, auch wohl Häringe, dürfte aber seinen Speisezettel keinenfalls auf die genannten Thiere beschränken, vielmehr alles fressen, was er erlangen kann. Gänzlich verschieden beträgt er sich während seines Aufenthaltes im süßen Wasser, woselbst wir ihn wenigstens einigermaßen beobachtet haben. Im allgemeinen unterscheidet er sich wenig von seinen Verwandten, namentlich von den beiden großen Forellen, welche ihm auch leiblich sehr nahe stehen. Er schwimmt mit derselben Gewandtheit wie diese und übertrifft sie noch durch die Fertigkeit im Springen, lebt wie andere Edellachse gern in Gesellschaften, frißt aber in süßen Gewässern nur während seiner Jugendzeit ebenso gierig wie die Forelle und enthält sich vor, während und nach seiner Fortpflanzungszeit, überhaupt so lange, wie er, vom Meere aufsteigend, in süßen Gewässern verweilt, fast gänzlich der Nahrung. Seine Wanderungen sind daher Lebensbedingung für ihn: das Meer ernährt ihn, das Süßgewässer ermöglicht seine Vermehrung.

Obwohl man in allen Monaten des Jahres aufsteigende Lachse in Strömen und Flüssen wahrnehmen kann, finden deren Binnenlandwanderungen der Hauptsache nach doch in den ersten Monaten des Jahres statt. Der Aufstieg kann durch die herrschende Witterung wie durch die Wärme eines Flusses verzögert oder beschleunigt werden, fällt aber durchschnittlich in die Monate März, April und Mai. Wenn das Eis der Ströme aufgeht, nähern sich die Lachse in Gesellschaften von dreißig bis vierzig Stück den Küsten und bezüglich den Mündungen der Ströme, halten sich eine Zeitlang hier auf, gleichsam, als müßten sie sich erst an das süße Wasser gewöhnen, steigen mit der Flut zu Berge und kehren mit der Ebbe wieder ins Meer zurück, bis endlich die eigentliche Reise angetreten wird. Man hat beobachtet, daß die Roggener vor den Milchnern aufsteigen, und daß die Jungen, welche vor wenigen Monaten oder Wochen in die See gingen, früher in die Flüsse zurückkehren als die Alten. In den ersten Monaten des Jahres erscheinen gewöhnlich die stärksten Lachse, hierauf diejenigen, welche erst einmal in der See waren, und die kleineren, aus früheren Jahren stammenden Fische, so daß, während jene bereits in den oberen Flußläufen angelangt sind, diese erst in die unteren einrücken. Frisch aus dem Meere kommende Lachse lassen sich an ihrer silberweißen Färbung und ihren verhältnismäßig lose anhaftenden Schuppen, oft auch an einem an ihnen festsitzenden Schmarotzer, welcher im süßen Wasser abstirbt, mit ziemlicher Sicherheit erkennen, daher von denen, welche bereits längere Zeit in den Flüssen lebten, unterscheiden und demgemäß auch während ihrer Wanderung verfolgen. Hier sollen sie sich in einer gewissen Ordnung halten, das heißt zwei Reihen bilden, welche vorn zusammenstoßen, so daß ein alter, starker Fisch den Zug eröffnet und hinter ihm in mehr oder weniger Entfernung die übrigen folgen. Wird die Reihe unterbrochen, so stockt der Zug; bald aber sammeln sich die Fische wieder und nehmen die alte Ordnung von neuem an. Ein Hindernis suchen sie mit aller Kraft zu überwinden, unter Netzen durchzukommen oder sie zu zerreißen Stromschnellen, Wasserfälle und Wehre zu überspringen. Hierbei entfalten sie bewunderungswürdige Kraft, Gewandtheit und Ausdauer. Unter Aufbietung aller Kräfte dringen sie bis in den stärksten Strom unterhalb der Schnelle, stützen sich wohl auch mit der Schwanzflosse gegen einen Stein, um Halt zu gewinnen, schlagen mit voller [215] Macht kräftig gegen das Wasser und schnellen sich hierdurch bis in eine Höhe von zwei bis drei Meter empor, gleichzeitig einen Bogen von vier bis sechs Meter Durchmesser beschreibend. Mißglücken des Sprunges hält sie nicht ab, denselben von neuem zu versuchen, und gar nicht selten büßen sie ihre Hartnäckigkeit mit dem Leben, auch wenn sie nicht in die für sie aufgestellten Fallen oder Reusen, sondern auf den nackten Felsen stürzen. Senkrechte Wasserfälle von bedeutender Höhe setzen ihrem Vordringen selbstverständlich Grenzen; Stromschnellen hingegen überwinden sie leicht. Darauf gründet sich die mit Erfolg ausgeführte Einrichtung der sogenannten Lachsleitern, welche wirkliche Treppen für sie bilden, indem man ein natürliches oder künstliches Rinnsal abwechselnd auf der einen und auf der anderen Seite mit fest in den Fels gesenkten, vorspringenden Holz-oder Eisenplatten versieht, an denen sich die Kraft des herabstürzenden Wassers bricht, und durch welche also Ruheplätze für sie hergestellt werden. Seen, durch welche Flüsse strömen, werden von ihnen immer durchschwommen, weil die Wanderung sie stets bis in die oberen Zuflüsse führt. Trotz ihrer Schwimmfähigkeit kommen sie erst nach geraumer Zeit im oberen Laufe der Ströme an, wandern also gemächlich und langsam. So treten sie zum Beispiel bereits im April in den Rhein ein, erscheinen aber erst im Mai bei Basel und selten vor Ende des August in den kleineren Flüssen. Im Rheingebiete besuchen sie sehr regelmäßig die Limmat, durchschwimmen von hier aus den Züricher See, gehen in der Linth weiter, übersetzen den Wallenstätter See und ziehen in der Seetz weiter zu Berge. Ein anderer Theil besucht die Reuß und Aar, durchkreuzt den Vierwaldstätter und Thuner See und wandert in eben gedachten Flüssen aufwärts, in der Reuß, laut Tschudi, zuweilen bis zu dreizehnhundert Meter über Meer, obgleich sie hier zahllose Stürze und Strudel überwinden müssen. Im Wesergebiete endet ihre Wanderung erst in der Fulda und Werra und deren Seitengewässern. Im Elbgebiete steigen sie ebenfalls sehr weit zu Berge, auf der einen Seite bis gegen das Fichtelgebirge hin, auf der anderen in der Moldau und deren Zuflüssen aufwärts. Genau dasselbe läßt sich sagen von den in die Ostsee mündenden Flüssen, unter denen die Memel von den meisten Lachsen besucht wird. Neuerrichtete Wehre ohne Lachsleitern ändern die bestehenden Verhältnisse fast gänzlich um; aber auch die Lachsleitern werden oft nicht sogleich, vielleicht erst von den über sie zu Thale gewanderten Fischen angenommen.

In vielen Strömen und Flüssen wurde beobachtet, daß die in ihnen erscheinenden Lachse zu verschiedenen Zeiten aufsteigen, also auch nicht gleichzeitig an gewissen Stellen anlangen. So treten namentlich junge, noch nicht zum Laichen fähige Lachse bereits in den eigentlichen Wintermonaten, vom November bis zum Februar, in die Süßgewässer ein, verweilen fast ein ganzes Jahr lang in denselben und laichen erst dann, ohne durch ihre lange Abwesenheit vom Meere ersichtlich Schaden zu leiden. Einzelne Fischzüchter glauben, der von allen Forschern getheilten Ansicht entgegen, daß Lachse selbst daran gewöhnt werden können, die Süßgewässer überhaupt nicht zu verlassen, da man annehmen will, daß zum Beispiel diejenigen ihrer Art, welche den Wenersee in Schweden bewohnen, das Meer nicht aufsuchen, beziehentlich von letzterem aus nicht nach dem See aufsteigen können. Hierauf fußend, hat man ausgangs der funfziger Jahre Lachse im Genfer See, dessen Abfluß bekanntlich als »Verlorener Rhône« auf eine weite Strecke unterirdisch verschwindet, eingesetzt und einige Jahre später Roggener mit legereifen Eiern gefangen. Aber auch im Wenersee steigen die Lachse in den einmündenden Flüssen auf, um zu laichen, und die Annahme älterer Forscher, daß ein längerer Aufenthalt in Flüssen für die erforderliche Entwickelung der Laichstoffe Bedingung ist, erhält dadurch Gewicht. Haben die Laichstoffe ihre fast vollständige Reife erlangt, so wandern die Lachse weit rascher als vorher stromaufwärts und laichen nur dann im Unterwasser der Flüsse, wenn die Hindernisse als unüberwindlich sich erweisen.

Gegen die Laichzeit hin geht mit den Lachsen eine auch äußerlich zu erkennende Veränderung vor: sie legen ein Hochzeitskleid an, färben sich dunkler und bekommen auf den Leibesseiten und Kiemendeckeln häufig rothe Flecke. Bei ganz alten Milchnern entwickelt sich, laut Siebold, zur Brunstzeit ein prachtvolles Farbenkleid, indem sich nicht bloß der Bauch purpurroth färbt, sondern [216] auch auf dem Kopfe Zickzacklinien sich bilden, welche aus den in einander fließenden rothen Flecken entstehen und sich scharf von dem bläulichen Grunde abheben; auch erhalten die Wurzeln der Afterflosse, der Vorderrand der Bauchflossen und der Ober- und Unterrand der Schwanzflosse einen röthlichen Anschein. Gleichzeitig verdickt sich die Haut des Rückens und der Flossen.

In den Monaten Oktober bis Februar erwählt ein Weibchen, welches gewöhnlich von einem erwachsenen und vielen jungen Männchen begleitet wird, eine seichte, sandige oder kiesige Stelle zur Anlage seines sogenannten Bettes, einer weiten, jedoch nicht tiefen Grube, welche die Eier aufnehmen soll. Die Arbeit des Aushöhlens geschieht von ihm allein, und zwar vermittels des Schwanzes, während das Männchen auf der Lauer liegt, um Nebenbuhler abzutreiben. Wenn jenes sich anschickt zu legen, eilt dieses herbei, um die Eier zu besamen, welche sodann durch erneuerte Schwanzbewegungen wieder bedeckt werden. Nicht selten sieht man einen Roggener auch nur von kleinen, eben zeugungsfähig gewordenen Milchnern, welche noch niemals im Meere waren, umgeben und diese an dem Fortpflanzungsgeschäfte theilnehmen. Einzelne Beobachter sprechen gedachten Junglachsen sogar eine sehr bedeutungsvolle Rolle zu. Jedes ältere Männchen nämlich überwacht eifersüchtig das sich zum Laichen anschickende Weibchen und bemüht sich, alle Nebenbuhler fern zu halten. Naht ein solcher, so kämpft es mit ihm, bis er das Feld verläßt, zuweilen so erbittert, daß sein oder des Gegners Blut das Wasser röthet oder einer von beiden Kämpen sogar sein Leben einbüßt. Den Roggener lassen diese Kämpfe unbekümmert. Anscheinend durch die Anwesenheit der Junglachse befriedigt, fährt er fort zu laichen, wirft sich in Unterbrechungen von einigen Minuten bald auf die eine, bald auf die andere Seite, preßt jedesmal einen Theil seiner Eier aus und überdeckt, indem er sich wiederum wendet, die früher gelegten und inzwischen von den eiligst sich herbeidrängenden Junglachsen besamten mit einer dünnen Sandschicht. Die Junglachse spielen somit dieselbe Rolle wie die Spießer während des Kampfes zweier Hirsche. Demungeachtet genügen sie dem Weibchen keineswegs auch als Genossen. Denn dieses unterbricht sein Laichgeschäft, sobald der erwachsene Milchner gefangen oder im Streite erlegt wurde, schwimmt dem nächsten Tümpel zu und holt von dort ein anderes altes Männchen herbei, um unter dessen Aufsicht weiter zu laichen. Young beobachtete, daß ein und derselbe Roggener nach und nach neun männliche Lachse zur Laichstelle brachte und, als auch der letzte männliche Artgenosse wie die anderen weggefangen worden war, mit einer ihm folgenden großen Forelle zurückkehrte. Der Laich wird nie mit einem Male, sondern in Absätzen gelegt, das Geschäft nach einigen innerhalb drei bis vier, nach anderen innerhalb acht bis zehn Tagen beendet.

Nach geschehener Fortpflanzung sind die Lachse so erschöpft, daß sie weder jagen noch schwimmen können. Mehr vom Wasser getrieben als selbständig sich bewegend, gleiten sie stromabwärts dem nächsten Tümpel zu und verweilen in ihm so lange, bis sie sich einigermaßen erholt haben und im Stande sind, die Rückreise nach dem Meere anzutreten. Mit den Hochwässern des Winters und Frühlings schwimmen sie sodann langsam, Fälle und Stromschnellen möglichst vermeidend, weiter und weiter stromabwärts und erreichen günstigenfalls, nachdem sie vorher noch geraume Zeit im Brackwasser verweilt hatten, das Meer. Bis dahin scheinen sie sich, wie mir Baurath Pietsch mittheilt, jeder Nahrung zu enthalten; wenigstens findet man im Magen der zu dieser Zeit gefangenen niemals Nahrungsrückstände. »Ihr Fleisch, welches während des Aufsteigens eine schöne röthliche Färbung hatte, wird nunmehr schmutzig weiß und für einen gebildeten Gaumen gänzlich ungenießbar. Die dunklen Flecke auf dem Körper mehren sich, nehmen an Umfang wie an Röthe zu und zeigen sich auch an den Flossen, was man an der Weser mit dem Ausdrucke: ›der Lachs wird brandig‹ bezeichnet. Der Haken an der Kieferspitze wird länger und drängt den Oberkiefer derartig zurück, daß die Fische ihre Kinnladen nicht mehr gehörig schließen, ihre Beute daher auch weder fest genug packen noch zerkleinern können. Infolge dessen werden sie so matt, daß sie sich, ohne einen Fluchtversuch zu wagen, oft mit der Hand fangen, in jedem Falle leicht spießen lassen. Ein großer Theil der Thalwanderer geht während der Fahrt nach dem Meere zu Grunde. [217] Nach dem Abgange des Eises findet man auf den Kiesbänken sowie auf und neben den Bühnen eine Menge von Leichen der edlen Thiere.« Erreichen sie glücklich das Meer, so erholen sie sich überraschend schnell, reinigen ihre Kiemen von weißen Würmern und anderen Schmarotzern, welche sich im süßen Wasser ansetzten, im Salzwasser aber sterben, strecken ihre Kiefer, verlieren ihre Brandflecke, fressen gierig und sind bis zum nächsten Aufstiege wiederum ebenso kräftig wie je.

Die Eier entwickeln sich je nach der Witterung früher oder später; doch vergehen in der Regel gegen vier Monate, bevor die Jungen ausschlüpfen. Ihre Länge beträgt kurz nach ihrem wirklichen Eintritte in das Leben ungefähr einen Centimeter. Kopf und Augen sind sehr groß; der Eiersack ist noch bedeutend. Die Färbung des Leibes ist ein blasses Braun, welches neun oder zehn dunkelgraue, schief auf den Seiten stehende Fleckenbinden zeigt. An solchen, welche in engerem Gewahrsame gehalten wurden, hat man erfahren, daß sie während des ersten Sommers eine Länge von höchstens zehn Centimeter erreichen, fortan aber etwas rascher wachsen und im Alter von sechzehn Monaten etwa vierzig Centimeter lang geworden sind. Um diese Zeit geht das Jugendkleid in das der erwachsenen über, und nunmehr regt sich auch der Wandertrieb: sie streben dem Meere zu. Ihre Reise stromabwärts geschieht langsam, und ehe sie in das Salzwasser eintreten, verweilen sie noch Wochen an den Mündungen der Flüsse, weil ein rascher Uebergang sie, wie es scheint, gefährdet. Junge Lachse, welche man aus Flußwasser unmittelbar ins Salzwasser brachte, starben sämmtlich nach kurzer Zeit, obgleich das Wasser vollkommen rein und klar war. Unumgängliche Bedingung für ihr Leben ist, wie wir gesehen haben, der zeitweilige Aufenthalt im Meere zwar nicht; von der größten Bedeutung aber ist er wohl. Sie müssen hier ungemein reichliche Nahrung finden, weil sie in sehr kurzer Zeit überraschend an Größe und Gewicht zunehmen. Die berechtigte Theilnahme der Engländer für diesen köstlichen Fisch hat zu Versuchen veranlaßt, um die Zunahme desselben während seines Aufenthaltes im Meere zu erfahren. Man zeichnete Lachse durch Ringe, welche man in den Flossen befestigte, Abschneiden der Fettflosse usw. und erfuhr, daß sie von zwei bis zu sieben Kilogramm Gewicht zugenommen, obgleich die meisten von ihnen bloß acht Wochen im Meere verweilt hatten. Ein Fisch, welchen die berichterstattende Lordschaft selbst in einer Entfernung von vierzig englischen Meilen von der See gefangen, gezeichnet und wieder freigelassen hatte, ging auf der Rückkehr siebenunddreißig Tage später an die Angel und hatte in dieser Zeit um fast sechs Kilogramm zugenommen.

In Großbritannien hat man die jungen Lachse lange verkannt und dadurch unersetzlichen Schaden angerichtet. Man hielt diejenigen, welche noch ihr Jugendkleid trugen, für artlich verschiedene Fische, wollte noch nicht einmal in denen, welche bereits im Wechsel dieses Kleides begriffen waren, die so geschätzten Lachse erkennen, nahm also keinen Anstand, sie scheffelweise aus dem Wasser zu fischen und, falls man sie nicht anders verwerthen konnte, als Dung auf die Felder zu werfen. James Hogg, ein Schäfer, war der erste, welcher den allgemein verbreiteten Irrthum nachwies. Beim Hüten seiner Schafe hatte er vielfach Gelegenheit, die Fische zu beobachten, auch nicht geringe Fertigkeit im Fange derselben sich erworben. Hierbei kamen ihm junge Lachse unter die Hände, welche eben das zweite Jugendkleid anlegten, und ebenso solche, welche aus diesem in das der alten übergingen. Einmal aufmerksam geworden, beschloß er, Beobachtungen anzustellen, zeichnete die von ihm gefangenen Fische, ließ sie frei und bekam sie später als unverkennbare Lachse wieder an die Angel. Seine Entdeckung wurde mit Unglauben und Spott aufgenommen, bis sich endlich doch Naturforscher herbeiließen, der Sache weiter nachzuspüren, und, namentlich durch Hülfe der künstlichen Fischzucht, die Angaben bestätigt fanden. Seitdem denkt man freilich anders als früher und sucht die bis dahin vogelfreien Junglachse so viel wie möglich zu schützen, verspürt davon auch bereits jetzt die erfreulichsten Ergebnisse.

Alle Feinde, welche unseren Flußfischen insgemein nachstellen, gefährden auch die Lachse und vertilgen einen so erheblichen Theil von ihnen, daß vielleicht kaum mehr als zehn von hundert gelegten Eiern zur Entwickelung gelangen und ansehnliche Fische liefern. Der am schlimmsten hausende [218] Feind ist selbstverständlich der Mensch. Weitaus die meisten Fischer können es nicht über sich gewinnen, rechtzeitig zu hegen, sondern betreiben gerade während der Fortpflanzungszeit den Fang am eifrigsten und schonen nicht einmal diejenigen Lachse, welche gerade mit dem Legen der Eier beschäftigt sind und, vom Fortpflanzungstriebe vollständig in Anspruch genommen, mit leichter Mühe aus dem Wasser sich heben lassen. In Großbritannien streben die größeren Grundbesitzer jetzt eifrig danach, mit einander sich zu vereinigen, um den Lachsen während der von ihnen aufgestellten Schonungszeit nachdrücklicheren Schutz zu gewähren, als die bestehenden Gesetze ihn verleihen konnten; und trotzdem ist man dort allgemein der Ansicht, daß nur nach fünfjähriger Ruhe, das heißt Unterlassung aller Lachsfischerei überhaupt, die Flüsse wiederum in erträglicher Weise bevölkert werden könnten. Eine so lange anhaltende Unterdrückung des Fanges aber ist aus dem Grunde kaum durchzuführen, weil mehrere große Grundbesitzer einen sehr wesentlichen Theil ihrer Einnahmen aus dem Lachsfange ziehen, einzelne von ihnen bis zu zwanzigtausend Pfund Sterling jährlich. So beträchtliche Summen können selbst die reicheren Engländer für die Dauer von fünf Jahren nicht entbehren; die Minderbegüterten aber werden sich, selbst wenn jene dieses Opfer bringen wollten, schwerlich herbeilassen, auch ihrerseits fünf Jahre lang nicht zu fischen. Leichter als jeder andere Fisch läßt sich der Lachs aus bestimmten Flüssen mehr oder minder verbannen. Es scheint mit Bestimmtheit nachgewiesen zu sein, daß ein und derselbe Fisch immer wieder den Strom, in dessen Gebiete er geboren wurde, behufs seiner Fortpflanzung aufsucht, einen und denselben, keinen anderen. Welche Verhältnisse hierbei maßgebend sind, wissen wir noch nicht mit Gewißheit zu sagen; die Thatsache aber scheint durch eine Menge von Beobachtungen und ebenso durch bittere Erfahrungen verbürgt zu sein. Da nun ein mittelgroßer Strom, den Berechnungen der hierin maßgebenden Engländer zufolge, zwischen zehn- bis funfzehntausend Paare fortpflanzungsfähiger Lachse beherbergen muß, falls der Fischbestand sich auf annähernd gleicher Höhe erhalten, bezüglich jeglicher Verlust wieder ersetzt werden soll, so erklärt es sich, daß man durch fortgesetztes schonungsloses Fangen der eingewanderten Lachse in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit einen Strom gänzlich entvölkern kann. Ebenso bestimmt aber ist man im Stande, einen Fluß auch wiederum zu besetzen, wenn man ihn mit Hülfe der künstlichen Fischzucht besamt und bestehende Hindernisse aus dem Wege räumt. Der nur funfzig bis sechzig Kilometer lange Moyfluß an der Nordküste Irlands beherbergte wegen eines hohen und für unsere Fische unüberwindlichen Wasserfalles keine Lachse. Fischliebhaber pachteten diesen Fluß auf eine längere Reihe von Jahren, legten neben dem Wasserfalle eine Lachsleiter an, rotteten die Raubfische in ihm möglichst vollständig aus und besetzten ihn sodann mit zweimalhunderttausend Lachseiern. Diese kamen aus, die jungen Fischchen wuchsen heran, stiegen ins Meer hinab und kehrten, jene Leiter benutzend, an den Ort zurück, wo sie geboren waren, um selbst dort zu laichen. Fünf Jahre nach ihrem Aussetzen warf die Lachsfischerei im Moy einen jährlichen Ertrag von einer halben Million Mark ab. Dieses eine Beispiel genügt, um den Nutzen vernünftiger Wasserwirtschaft zu beweisen.

Mit Hülfe der künstlichen Fischzucht ist es gelungen, den Lachs in Australien einzubürgern. Rühmenswerthe Ausdauer und Aufwand erheblicher Geldmittel waren freilich erforderlich, um das erstrebte Ziel zu erreichen; aber erreicht wurde dasselbe. Ein geringer Theil aller der tausende von Eiern, welche man, auf Eis gebettet, nach Australien sandte, kam dort lebend an und entwickelte sich zu kräftigen Fischen, welche im Stande waren, den dort ihnen entgegentretenden Verhältnissen sich anzupassen und durch die dort sich darbietende Nahrung gehörig auszuwachsen. »Es muß diesen Fremdlingen«, bemerkt, die Ergebnisse zusammenfassend, Siebold, welcher auf die Angelegenheit bezügliche Berichte zusammengestellt hat, »in den australischen Gewässern die Nahrung sogar sehr reichlich zugeflossen sein, da dieselben unerwartet rasch herangewachsen sind. Auch sind dieselben bei diesem Heranwachsen insofern vortrefflich gediehen, als durchaus regelmäßig nach Ablauf ihrer Jugendzeit der Geschlechtstrieb in ihnen erwacht ist und das Fortpflanzungsgeschäft von ihnen ganz nach Art ihrer Eltern vollzogen wurde. Es ist dies eine um so bemerkenswerthere [219] Thatsache, als dabei erkannt werden konnte, daß diese Fische, nachdem sie ihre erste Jugendzeit in den Flüssen Australiens zurückgelegt hatten, dem von ihren Eltern ererbten Wandertriebe folgend, ihr weiteres Fortkommen draußen im freien Meere gesucht haben. Es mußte die Rückkehr und der Eintritt dieser Lachse in die Flüsse Australiens mit um so größerer Spannung erwartet werden, als sie eine Meeresgegend aufgesucht hatten, in welcher sie vielleicht den Verfolgungen ganz unbekannter, ihnen überlegener Feinde sich aussetzten, wobei es zweifelhaft wurde, ob sie diesen unvermeidlichen Kampf um das Dasein glücklich bestehen würden oder nicht. Daß sie bestanden haben, geht aus ihrer bereits wiederholten Rückkehr hervor. Sie bewahrten aber auch in Australien den staunenswerthen Ortssinn ihrer Voreltern, indem sie dieselbe Stätte in den Flüssen, an welcher sie selbst ihre Entwickelung im Eie durchlebt hatten, wieder aufzufinden gewußt haben, um sie für sich als Laichstätte zu benutzen.«

Der Fang der Lachse geschieht in sehr verschiedener Weise, mit mancherlei Garnen, in Reusen, Lachsfallen, welche oberhalb der Wehre so angebracht werden, daß der Fisch beim Ueberspringen in sie fällt, vermittels Wurfspeere, sogenannter Gehren, mit denen man vom Boote aus die durch Feuer herbeigezogenen Fische ansticht, vorzugsweise aber mittels der Angel, welche für den Lachsfang besonders eingerichtet und namentlich von den Engländern mit außerordentlicher Geschicklichkeit gehandhabt wird. In keinem anderen Lande steht der Lachsfang in so hohem Ansehen wie in Großbritannien, und nirgends gibt es so viele und eifrige Fischer wie hier. Nicht nur in der Heimat, sondern an allen Flüssen, welche Lachse beherbergen, kann man während des Aufstieges Engländern begegnen. Hoch oben in der Nähe des Nordkaps, am Tana-Elf, habe ich sie sitzen sehen, diese unverwüstlichen Fischer, mit einem aus Mücken gebildeten Heiligenscheine umgeben, eingehüllt in dichte Schleier, um sich vor den blutgierigen Kerbthieren wenigstens einigermaßen zu schützen. In der Nähe ansprechender Stromschnellen hatten sie Zelte aufgeschlagen, inmitten der Birkenwaldungen auf Wochen mit den nothwendigsten Lebensbedürfnissen sich versehen, und standhaft wie Helden ertrugen sie Wind und Wetter, Einsamkeit und Mücken, schmale Kost und Mangel an Gesellschaft, zahlten auch ohne Widerrede den Normannen einen Pacht von tausenden von Mark für das Recht, sechs Wochen lang hier fischen zu dürfen, und gaben außerdem noch den größten Theil ihrer Beute unentgeltlich an die Besitzer der benachbarten Höfe ab.

Das Fleisch des Lachses zählt mit Recht zu dem vorzüglichsten, welches unsere heimischen Fische liefern, steht aber schon dem der Meer- und Lachsforelle, noch mehr dem der Bachforelle, Aesche und Maräne und am weitesten dem des Saiblinges nach. Nur so lange es roth gefärbt ist, hat es Werth; weiß geworden, gilt es bei Kennern nicht allein als werthlos, sondern sogar als schädlich. Die Fischer an der Weser nehmen, wie Pietsch mir noch mittheilt, keinen Anstand, Lachsleichen oder dem Absterben nahe Fische, falls die einen oder die anderen auch nur einigermaßen frisch erscheinen, aufzusammeln und zu verkaufen. »So kommt es denn, daß gerade in den Monaten Januar, Februar und März von der Unterweser aus die meisten Lachse in den Handel gebracht und von Unkundigen gekauft werden. Wer einmal von solchen Fischen gekostet hat, unternimmt das Wagnis gewiß nicht zum zweiten Male«, um so weniger, füge ich hinzu, als der auch für solche Leichenfische noch geforderte hohe Preis von zwei bis vier Mark für das Kilogramm in keinem Verhältnisse zu dem Unwerthe des Fleisches steht. Billig ist das Lachsfleisch überhaupt nur in Ostpreußen und Pommern, woselbst achtzig Pfennige bis zwei Mark für das Kilogramm gefordert werden, wogegen man es in den Rheinlanden mit drei bis neun Mark, also offenbar viel zu hoch, bezahlt.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 213-220.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze

Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze

Der Waldbrunnen »Ich habe zu zwei verschiedenen Malen ein Menschenbild gesehen, von dem ich jedes Mal glaubte, es sei das schönste, was es auf Erden gibt«, beginnt der Erzähler. Das erste Male war es seine Frau, beim zweiten Mal ein hübsches 17-jähriges Romamädchen auf einer Reise. Dann kommt aber alles ganz anders. Der Kuß von Sentze Rupert empfindet die ihm von seinem Vater als Frau vorgeschlagene Hiltiburg als kalt und hochmütig und verweigert die Eheschließung. Am Vorabend seines darauffolgenden Abschieds in den Krieg küsst ihn in der Dunkelheit eine Unbekannte, die er nicht vergessen kann. Wer ist die Schöne? Wird er sie wiedersehen?

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon