Steinbeißer (Cobitis taenia)

[303] Die kleinste unserer Bartgrundeln, der Steinbeißer, auch Steinpitzger, Steinbeiß, Steinschmerle, Dorn- und Thongrundel, Sandbuddler usw. genannt (Cobitis taenia, larvata, elongata und caspia, Botia und Acanthopsis taenia), erreicht eine Länge von höchstens zehn Centimeter, und ist ungemein zierlich gezeichnet. Auf orangegelbem Grunde stehen in Reihen geordnet rundliche Flecke von schwarzer Färbung; eine aus größeren Flecken bestehende Reihe verläuft in halber Körperhöhe, eine zweite kleinere zwischen ihr und der Rückenmitte; außerdem zieren kleine unregelmäßige Flecke und Punkte die Seiten und den Schwanz; Kehle, Brust und Bauch sind ungefleckt; über dem Auge gegen die Oberlippe zieht sich eine braunschwarze Linie, welche nach hinten hin zur Spitze des Kiemendeckels sich fortsetzt, eine andere mit der ersten gleichlaufende geht über die Wangen weg. Bei den meisten Stücken ist ein dunkler, lebhaft schwarzer, scharf abgegrenzter Fleck an der Wurzel des oberen Theiles der Schwanzflosse vorhanden. Ueber die Rückenflosse verlaufen in Längsreihen geordnete, über die Schwanzflosse in Querreihen stehende dunkle Punkte; Brust-, Bauch-und Afterflosse sehen blaßgelb aus.

[303] Nach Heckel und Kner ist der Steinbeißer die einzige Art der Gattung, welche auch südlich der Alpen vorkommt und bis Dalmatien sich verbreitet. Nach Norden reicht sein Wohngebiet bis an die Küste des Meeres, nach Osten bis Rußland, nach Westen bis Großbritannien; in Deutschland wie in England ist er überall seltener als die Schmerle. Seine Lebensweise, Sitten und Gewohnheiten sind noch wenig bekannt, mindestens nicht genügend von denen der Schmerle unterschieden worden. Flüsse, Bäche und Wassergräben, Teiche und Seen bilden seinen Aufenthalt, Höhlungen unter Steinen seine Ruhesitze, Kerbthierlarven, Würmer und dergleichen seine Nahrung. Die Laichzeit fällt in die Monate April bis Juni; die Vermehrung ist gering. Das Fleisch wird wenig geschätzt, weil es mager und zähe ist, trotzdem vor der Laichzeit hier und da gegessen: zu regelrechtem Fange gibt dieser kleine Fisch jedoch nirgends Veranlassung. Im engeren Gewahrsame soll sich der Steinbeißer sehr unruhig zeigen und die Lippen nach Art eines Kaninchens oder Laubfrosches unaufhörlich bewegen; an solchen, welche ich pflegte, habe ich ähnliches nicht beobachtet.

»Die Indianer«, erzählt Schomburgk, »brachten uns außer einer Menge anderer Fische auch den Riesen der süßen Gewässer Guayanas, den Arapaima, und mit Staunen sahen wir das ungeheuere Thier an, welches beinahe das ganze Corial füllte, gegen drei Meter maß und gewiß einhundert Kilogramm schwer war. Unter den Flüssen von Britisch-Guayana besitzt gedachte Fische nur der Rupununi; dieser aber beherbergt sie in bedeutender Anzahl. In dem Rio Branco, Negro und Amazonenstrome sollen sie ebenfalls ziemlich häufig sein.

Der Arapaima wird ebensowohl mit der Angel gefangen, wie mit Bogen und Pfeil erlegt. Die Jagd auf ihn gehört unstreitig zu den anziehendsten und belebtesten dieser Art, indem sich dazu meist mehrere Corials vereinigen und dann auf dem Flusse vertheilen. Sowie ein Fisch sich sehen läßt, wird ein Zeichen gegeben. Geräuschlos fährt das Corial mit dem besten Schützen bis auf Schußweite heran; der Pfeil fliegt von der Sehne und verschwindet mit dem Fische. Jetzt beginnt die allgemeine Jagd. Kaum taucht die Fahne des Pfeiles über dem Wasser auf, so sind auch alle Arme zum Spannen des Bogens bereit, der Fisch erscheint, und mit einer Anzahl neuer Pfeile gespickt, verschwindet er wieder, um jetzt schon nach einem kürzeren Zwischenraume abermals sich sehen zu lassen und eine fernere Ladung von Pfeilen zu erhalten, bis er endlich den Jägern zur Beute fällt. Diese flößen ihn nun an eine flache Stelle, schieben das Corial unter ihn, schöpfen dann das mit ihm zugleich eingedrungene Wasser aus und kehren unter Jubel nach der Niederlassung zurück.

Unter unseren farbigen Bootsleuten befand sich auch ein Stummer, ein leidenschaftlicher Angler. Kaum hatten wir unser Lager aufgeschlagen, als er seine Leine ergriff und in einem der Boote nach einer am entgegengesetzten Ufer liegenden kleinen Sandbank fuhr. Im Lager lag alles im tiefen Schlafe, als plötzlich alle durch sonderbare und erschreckende Töne in Bewegung gesetzt wurden. Anfänglich wußte niemand, was er aus den fürchterlichen Lauten machen sollte, bis einer der Leute ausrief: ›Es muß der Stumme sein!‹ Mit Jagdmessern und Flinten bewaffnet, sprangen wir augenblicklich in das Boot, um ihm zu Hülfe zu eilen; denn daß er solcher bedurfte, verriethen die schauerlichen Töne nur zu deutlich. Als wir an der Sandbank landeten, bemerkten wir, so weit dies uns die Dunkelheit gestattete, daß der Angler von einer unsichtbaren Macht hin- und hergezogen wurde, wogegen er mit allen Kräften anzukämpfen suchte und dabei jene schauerlichen Laute ausstieß. Bald standen wir neben ihm; aber noch konnten wir die Macht nicht entdecken, welche ihn ruckweise hin- und herwarf und riß, bis wir endlich bemerkten, daß er seine Angelleine fünf- bis sechsmal um die Handwurzel geschlungen hatte. An dem Haken mußte also ein gewaltiges Ungethüm hängen. Ein ungeheuerer Arapaima hatte sich verlocken lassen, den Köder zu verschlingen, unmittelbar darauf aber die Leine so straff angezogen, daß die Kräfte des Stummen viel zu schwach [304] waren, die umgeschlungene Leine von der Hand abzuwickeln oder den Riesen an das Land zu ziehen. Einige Minuten später, und der erschöpfte hätte der gewaltigen Kraft des Fisches nicht mehr widerstehen können. Unter lautem Gelächter griff jetzt alles nach der Leine, und bald lag das Ungethüm, ein Fisch von über einhundert Kilogramm Gewicht, auf der Sandbank. Unser Stummer, welchem die Leine in das Fleisch der Handwurzel eingedrungen war, suchte uns nun unter den lächerlichsten Geberden den Hergang der Sache und seine tiefe Angst und Noth begreiflich zu machen.


Arapaima (Arapaima gigas). 1/20 natürl. Größe.
Arapaima (Arapaima gigas). 1/20 natürl. Größe.

Obschon es bereits tief in der Nacht war, wurde die Beute nach unserer Rückkehr in das Lager noch zerlegt. Manches bereits verglimmende Feuer loderte von neuem auf, mancher Topf wurde gefüllt und sein Inhalt auch noch verzehrt. Das Kochen hörte die ganze Nacht durch nicht auf; denn die Gewißheit, einen Fisch im Lager zu haben, welcher am nächsten Morgen doch bereits verdorben sein würde, ließ keinen der Indianer und Neger an den Schlaf denken.«

»Im frischen Zustande«, schließt Schomburgk, »ist das Fleisch äußerst schmackhaft; gleichwohl wird es von einzelnen Stämmen nicht genossen.« Minder günstig urtheilt Keller-Leuzinger, welcher denselben Fisch unter dem Namen »Pirarucu« als Bewohner des Amazonenstromes und seiner mächtigen Zuflüsse kennen lernte. Hier jagt man ihn allgemein; schon der farbige Knabe begleitet seinen Vater und lauert, den schweren Wurfspieß in der Hand, auf das Erscheinen des Riesenfisches. Sein Fleisch aber, welches frisch schon nicht sehr schmackhaft ist, bietet gesalzen und getrocknet, wie es in tausenden von Centnern verschifft und von Para bis [305] zur peruanischen Grenze allgemein von Indianern, Mestizen und Weißen verbraucht wird, eine abscheuliche Nahrung. Der Fisch wird der Länge nach am Rücken aufgeschnitten, seine Wirbelsäule herausgenommen und das Fleisch zu kaum fingerdicken Schichten ausgebreitet, gesalzen und getrocknet. In den feuchten Niederungen des Stromgebietes geschieht letzteres aber selten genügend, oder das gesalzene Fleisch zieht wiederum Feuchtigkeit an und wird, wenn es dies nicht bereits war, übelriechend und stinkend, muß also von Zeit zu Zeit von neuem getrocknet werden. Da nun die Krämer der kleinen Städte zum Trocknen ihrer Vorräthe keinen besseren Platz finden können als die sonnendurchglüheten Steine der Fußwege längs der Häuser, bekommen Einwohner und Fremde den Fisch noch häufiger zu riechen als zu essen. Das lange, mit scharfen Zähnen besetzte Zungenbein dient als Raspel.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 303-306.
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