Seenadel (Syngnathus acus)

[345] Eine der gemeinsten und verbreitetsten Arten dieser Sippe ist die Seenadel oder Trompete (Syngnathus acus, typhle, variegatus, pelagicus, rubescens, ferrugineus, tenuirostris, brevirostris, bucculentus, Agassizii, Cuvieri und Delalandii), ein äußerst schmächtiges Fischchen, welches bis sechzig Centimeter an Länge erreichen kann und auf blaßbraunem Grunde dunkelbraun gebändert erscheint. In der Rückenflosse zählt man vierzig, in der Brustflosse zwölf, in der Afterflosse vier, in der Schwanzflosse zehn Strahlen.

Das Verbreitungsgebiet der Seenadel umfaßt alle östlichen Theile des Atlantischen Weltmeeres, vom nördlichen Europa an bis zum Vorgebirge der Guten Hoffnung und einschließlich der mit jenem zusammenhängenden Gewässer, insbesondere des Mittelländischen und Schwarzen Meeres, der Nord- und Ostsee. An den südlichen Küsten Europas tritt sie geeigneten Ortes überaus zahlreich, in der Ostsee nur spärlich auf. Ihre beliebtesten Aufenthaltsorte sind die unterseeischen Wiesen, jene flachen, seichten Strandseen und Strandsümpfe, auf denen langblätteriges Seegras üppig gedeiht. Hier sieht man sie zwischen den gedachten Seepflanzen, oft massenhaft vereinigt und in den verschiedensten Stellungen, einzelne mit dem Kopfe nach oben, andere nach unten gerichtet, diese wagerecht, jene schief sich haltend, und alle langsam weiterschwimmend. Bei der außerordentlichen Länge des Körpers und der Kleinheit der Brust-und Schwanzflossen kommt eigentlich nur die Rückenflosse als Bewegungswerkzeug zur Geltung, und zwar geschieht die Ortsveränderung infolge eines ununterbrochenen Wellenschlages – ich weiß mich anders nicht auszudrücken – dieser Flosse, welche Kraftäußerung ein stetes und gleichmäßiges Weiterschieben des Körpers bewirkt. Da man neuerdings Seenadeln häufig in Gefangenschaft hält, kann man diese Art der Bewegung leicht beobachten, und es wird einem dann sehr bald klar, daß Brust- und Schwanzflosse nur zur Regelung des einzuschlagenden Weges benutzt werden. So mangelhaft nun auch die Bewegungswerkzeuge zu sein scheinen, so gestatten sie den Fischchen doch jede von ihnen erstrebte Ortsveränderung, und so erklärt es sich, daß man sie zuweilen auch weit vom Ufer in tieferem Wasser antrifft. Die Nahrung besteht aus allerlei Kleingethier, jungen, dünnschaligen Krebsen, kleinen Weichthierchen, Würmern und dergleichen, jedenfalls aber nur in sehr schwachen Geschöpfen, weshalb denn auch künstliche Ernährung dieser Fischchen so gut wie unmöglich wird.

Diese Seenadel war es, bei welcher Eckström die Art und Weise der Fortpflanzung entdeckte. Das Männchen besitzt eine am Schwanze beginnende und längs desselben bis zu zwei Drittheilen der Länge fortlaufende dreieckige Furche mit etwas ausgebogenen Seitenwänden, welche durch zwei der Länge nach an einander liegende dünne Klappen verschlossen werden, indem die Ränder sich genau an einander legen. Im Herbste und Winter sind die Klappen dünn und in die Furche zusammengefallen; [345] im April aber, wenn die Laichzeit herannaht, schwellen sie an, und die Furche füllt sich mit Schleim. Gegen den Mai hin legt das Weibchen seine Eier in diese Furche ab, schnurenartig eines neben das andere; die Ränder schließen sich, und die Keimlinge verweilen nun bis gegen Ende des Juli in der Furche, sollen auch bei Gefahr wiederum in dieselbe aufgenommen werden. Höchst eigenthümlich ist, daß es viel weniger Männchen als Weibchen gibt, während bei den übrigen Fischen, wie bei den übrigen Wirbelthieren überhaupt, das Gegentheil stattzufinden pflegt. Nach Walcotts Beobachtungen ist die Seenadel schon bei einer Länge zwischen zehn und zwölf Centimeter fortpflanzungsfähig. »Dieser Fischen Fleisch, als ich es offt erfahren hab«, sagt Geßner, »ist ein hart fest Fleisch, hat nicht viel Gesaffts, gantz lustig, lieblich vnd anmutig zu essen, auff was art gleich derselbig bereitet werde.


Seenadel (Syngnathus acus) und Seepferdchen (Hippocampus antiquorum). 1/2 natürl. Größe.
Seenadel (Syngnathus acus) und Seepferdchen (Hippocampus antiquorum). 1/2 natürl. Größe.

An etlichen Orten werden sie auch eingesaltzen vnd noch auß dem Saltz gessen, als etliche andere kleine Meerfisch.« Ich weiß nicht, ob diese Angaben begründet sind, habe wenigstens von einem Fange dieser für den Gaumen so wenig versprechenden Fische neuerdings nichts gehört.

»Die grosse wunderwerk Gottes vnd geschicklichkeit der Natur erzeigen sich in viel wunderbarlichen Geschöpffen, insonderheit in disem gegenwertigen Meerthier oder Fisch, welcher mit Kopff, Halß, Maul, Brust, Halßhaar, so an den schwimmenden alleinge sehen wird, sich gentzlich einen jrdischen Pferdt vergleichet, außgenommen der hintertheil oder schwantz, so ein andere gestalt hat. Etliche Abenthewrer zeigen solche Thier anstatt der Basilisken, auß der vrsach, daß sich sein ende oder schwantz auff allweg krümmen läßt, vnd wie er gekrümbt wird, so er stirbt, in solcher Gestalt soll er bleiben.«

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 345-346.
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