Makrele (Scomber scombrus)

[92] Die gestreckte Gestalt, zwei weit von einander getrennte Rückenflossen, deren hintere sich in mehrere sogenannte falsche oder Bastardflossen auflösen, schwache Kiele an den Schwanzseiten, spitzenlose Kiemendeckel, kegelförmige Kieferzähne in einfacher Reihe, sieben Kiemenstrahlen und ein aus kleinen Schuppen bestehendes Kleid sind die Merkmale der Makrelen im engeren Sinne (Scomber), als deren wichtigste Vertreter wir die Makrele (Scomber scombrus und vernalis, Cordylus scombrus) ansehen. Der ebenso schön gestaltete wie gefärbte Fisch erreicht eine Länge von vierzig bis fünfundvierzig, höchstens funfzig Centimeter sowie ein Gewicht von durchschnittlich einem Kilogramm und ist oben auf lebhaft blauem, goldig glänzendem Grunde dunkel in die Quere gestreift, unten silberweiß. Die erste Rückenflosse spannen zehn bis zwölf stachelige, die zweite zwölf bis dreizehn verbundene, weiche Strahlen, die Brustflosse dreizehn, die Bauchflosse sechs, die Afterflosse elf, die Schwanzflosse dreiundzwanzig Strahlen; außerdem zählt man zwischen zweiter Afterflosse und Schwanzflosse je fünf freie Bastardstrahlen.

Früher war man, irre geleitet durch die Berichte der Fischer und anderer Beobachter, allgemein der Ansicht, daß die eigentliche Heimat der Makrele im Eismeere zu suchen sei und sie von hier aus alljährlich großartige Reisen nach südlicheren Gegenden unternähme. Dieser Annahme entsprechend, hatte man auch einen Weg ausgedacht, welchen der Fisch einhalten sollte. Von dem Eismeere aufbrechend, so glaubte man, kam er zuerst an die Küsten von Island, Schottland und Irland, ging sodann im Atlantischen Meere weiter nach Süden hinab, zeigte sich an den Küsten Portugals und Spaniens und drang in das Mittelländische Meer ein, während gleichzeitig eine Abtheilung des Hauptheeres durch Nordsee und Kattegat dem Baltischen Meere und eine andere den deutschen und holländischen und, den Kanal durchstreifend, auch den französischen Küsten sich zuwenden sollte. Admiral Pleville, welcher funfzig Jahre seines Lebens auf dem Meere zubrachte versicherte, das Winterlager der Makrelen erkundet zu haben: kleine Felsenbuchten mit ruhigem [92] und stillem Wasser und schlammigem Grunde an den grönländischen Küsten nämlich, in denen er während der kalten Jahreszeit Milliarden unserer Fische halben Leibes, mit dem Kopfe voran, in dem Schlamme verborgen gesehen habe, so dicht neben einander, daß es aussah, als ob Pfähle eingeschlagen worden wären, und die Schiffsleute zuerst sich weigerten, mit dem Boote eine dieser Buchten zu besuchen, weil sie fürchteten, daß die Makrelen eine besondere Art von Klippen sein möchten, welche ihrem Boote schaden könnten. Daß die Erzählung des alten Seehelden gänzlich aus der Luft gegriffen, bedarf wohl kaum der Erwähnung; aber auch bezüglich der sogenannten Reisen ist man gegenwärtig zu einer durchaus verschiedenen Anschauung gelangt. In beträchtlicheren Tiefen der See fängt man nämlich jederzeit Makrelen, und zwar ebensowohl in der Nord- und Ostsee wie in dem Atlantischen oder in dem Mittelmeere, obgleich sich nicht verkennen läßt, daß sie nach Osten hin immer seltener werden und schon bei Rügen nicht mehr regelmäßig vorkommen; sie erscheinen auch fast gleichzeitig an den nördlichen und südlichen Küsten: es deutet somit alles darauf hin, daß sie eigentlich in den tiefen Gründen der See sich aufhalten und von diesen aus nur, um zu laichen, der Küste zuschwimmen, ganz ebenso wie es auch der Häring und andere Fische thun.


Makrele (Scomber scombrus) und Stöcker (Caranx trachurus). 1/3 natürl. Größe.
Makrele (Scomber scombrus) und Stöcker (Caranx trachurus). 1/3 natürl. Größe.

An der ostfriesischen Küste finden sie sich vom Frühjahre bis zum Herbste; in der Wesermündung werden sie vom Mai bis zum Juli bemerkt; bei Rügen und Stralsund fängt man sie vom Juni bis zum September; bei Travemünde erscheinen sie in Zügen nur im August. In einzelnen Jahren bleiben sie hier auch wohl ganz aus, ebenso wie sie bei Rügen in größerer Anzahl erscheinen, wenn anhaltend Nordwestwind weht.

Dieses Erscheinen an den Küsten wird überall mit Jubel begrüßt; denn die Makrele gehört zu den ausgezeichnetsten und wichtigsten aller Seefische, und ihr Fang hat wie im Alterthume [93] heutigen Tages noch eine großartige Bedeutung. In den Fischerstädten und Dörfern erregt die Ankunft der Makrelen alt und jung, hoch und gering; hunderte und tausende von Booten machen sich alsbald auf, um den köstlichen Fisch einzuheimsen, und ein überaus reges und bewegtes Leben entfaltet sich längs der ganzen Küste in allen Buchten und Baien. Jedes größere Fischerboot wird von mehreren kleinen begleitet, denen es obliegt, den Fang so schleunig wie möglich auf den Markt zu bringen; auch mieten sich wohl mehrere Boote rasch segelnde Dampfschiffe, welche so schnell wie möglich beladen werden und bereits fünf bis sechs Stunden später die gefangenen Makrelen auf den Märkten abliefern. Nur im Süden Europas nämlich salzt man diese Fische auch ein; im Norden, so an den englischen, holländischen und französischen Küsten, werden sie bloß frisch gegessen und müssen, da sie rasch verderben, so schleunig wie möglich verbraucht werden. Dies ist denn auch der Grund, weshalb die Fischerei in manchen Jahren sehr viel, in anderen sehr wenig einträgt. Die ersten Ladungen der Makrele erzielen sehr hohe, die späteren unverhältnismäßig niedrigere Preise; während also in ungünstigen Jahren ein Fischerboot zweitausend Mark in einer einzigen Nacht erwerben kann, geschieht es bei reichlichem Fange, daß der Verdienst herabsinkt. Im Mai 1807 wurden, laut Yarrell, auf dem großen Fischmarkte zu London hundert Makrelen mit vierzig Guineen, jede einzelne also mit sieben Shillingen bezahlt; schon das nächst einlaufende Boot aber erzielte nur noch dreizehn Guineen für das Hundert. Im Jahre 1808 wurden so viele dieser Fische gefangen, daß man zu Dover sechzig Stück für einen Shilling kaufen konnte. Zu Brighton geschah es in demselben Jahre, daß das Netz eines Bootes mit einer größeren Menge von Makrelen gefüllt wurde, als die Mannschaft bewältigen konnte, und Fische und Netz verloren gingen. Der Fischer büßte dadurch, abgesehen von dem Werthe des Fanges, sechzig Pfund ein. Im Jahre 1821 übertraf der Erfolg der Makrelenfischerei jeden bisher erreichten: sechzehn Boote fingen am 30. Juni für 5252 Pfund Sterling Makrelen. Auch das Jahr 1834 gehörte zu den gesegneten; es wurden so viele Makrelen gefangen, daß man einen ganzen Monat lang in den Straßen Londons drei Stück für einen Shilling kaufen konnte. In Norwegen allein ziehen dritthalbtausend Fischer auf den Makrelenfang aus und erbeuten alljährlich durchschnittlich dreißig bis fünfunddreißig Millionen Stück im Werthe von mehr als vier Millionen Mark, welche, in Eis verpackt, fast sämmtlich nach England gehen. In Norwegen werthet das Stück funfzehn, an den Ostseeküsten fünfundzwanzig bis vierzig Pfennige.

An den englischen Küsten wendet man zum Fange gewöhnlich ein Grundnetz von sechs Meter Weite und vierzig Meter Länge an. Ein Boot führt zwölf bis funfzehn solcher Netze, von denen eines immer an dem anderen befestigt wird. So segelt man mit dem Winde dahin und schleppt die senkrecht im Wasser hängenden, vorn geöffneten Netze nach. Der Fang geschieht regelmäßig während der Nacht. In der Nähe des Landes gebraucht man auch wohl die Angelleine, da die Makrele gierig anbeißt.

An den britischen Küsten erscheint dieser Fisch bereits im März, zuweilen sogar schon im Februar; die eigentliche Fangzeit beginnt aber doch erst im Mai oder im Juni, weiter nach Norden hin sogar noch einen Monat später. Die Laichzeit für südlichere Gegenden ist der Juni. Die Anzahl der Eier eines Roggeners beträgt etwa eine halbe Million. Junge Makrelen von zehn bis funfzehn Centimeter Länge bemerkt man zu Ende des August, halberwachsene schon im November, um welche Zeit sie sich, bis auf wenige, nach den tiefen Gründen der See zurückziehen. Ihre Hauptnahrung scheint in der Brut anderer Fische zu bestehen: so folgen sie den kleinen Arten der Häringsfamilie, von denen einzelne geradezu Makrelenführer genannt werden. Sie sind äußerst gefräßig und wachsen dementsprechend ungemein rasch.

Das köstliche Fleisch der Makrelen muß, nach unserer Meinung, so rasch wie möglich gegessen werden, während die Römer es, mit dem Blute und den Eingeweiden vermischt, faulen ließen und dadurch eine bei ihnen sehr beliebte Brühe, das »Garum«, bereiteten. Das beste wurde spanisches, schwarzes oder edles Garum genannt; zwei Maß von ihm kosteten, hauptsächlich der ihm beigemischten [94] indischen Gewürze halber, über sechshundert Mark, so daß es außer den Wohlgerüchen keine Flüssigkeit auf dem römischen Markte gab, welche so theuer bezahlt wurde. Die fertige Brühe goß man über allerlei Fleischspeisen oder trank sie mit Wasser und Wein bei Tische. Der Geruch derselben soll abscheulich gewesen sein.


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Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 92-95.
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