Chinesischer Eichen-Seidenspinner (Saturnia Pernyi)

[382] Der chinesische Eichen-Seidenspinner (Saturnia Pernyi) – wir ziehen den einmal eingebürgerten Gattungsnamen dem vergessen gewesenen Hübner'schen Antheraea vor – ist infolge eines Berichtes des Abbé Paul Perny an den Pariser Akklimatisationsverein (1870?) mit obigem Namen belegt und durch des Genannten Vermittelung sowie durch chinesische Geschäftsverbindungen mit inländischen Seidenwaarenhandlungen in Europa eingeführt worden. Der stattliche Schmetterling von Form des vorigen hat ledergelbe Flügel, durch die je eine fein weiße, nach innen schmal braun eingefaßte hintere und eine fast nur braune, mehr gebogene vordere Querbinde zieht. Ein schmal dunkel eingefaßter, unterbrochen weiß geringter, runder Fensterfleck sitzt auf dem Ende jeder Mittelzelle. Der Vorderrand der Vorderflügel ist außerdem in der reichlichen Wurzelhälfte weißlich gesäumt. Sobald die Schmetterlinge ausgebildet sind, paaren sich nach Spinnerart die Geschlechter sofort und bleiben ausnahmsweise sehr lange (40 bis 50 Stunden) vereinigt. Drei Tage nach der Paarung legen die Weibchen ihre großen, braunen Eier in Häufchen an die Wände ihres Aufenthaltsortes ab. Acht bis zehn Tage später schlüpfen die schwarzen Räupchen aus, welche nach der zweiten Häutung eine gelblich grüne Färbung annehmen und nach den beiden noch übrigen Häutungen beibehalten. Nach einem durchschnittlichen Alter von zweiundfunfzig Tagen fangen sie an, sich zu verspinnen. Die erwachsene Raupe zeichnet sich durch einen braunen, dunkelfleckigen Kopf von der sehr ähnlichen des nachher zu besprechenden japanesischen Eichenseidenspinners aus und kann daher zur Unterscheidung von ihr (der grünköpfigen) die »braunköpfige Eichenraupe« genannt werden. Ueber den kleinen, braunen Luftlöchern zieht vom vierten Gliede an eine gelbliche, oberhalb fein braun eingefaßte Seitenlinie den Körper entlang, erweitert sich am Ende etwas dreieckig und faßt mit schmal braungrünem Saume die beiden Afterklappen ein. Unter den Luftlöchern befindet sich eine Reihe blauer Knospenwärzchen, auf dem Rücken vom zweiten bis drittletzten Gliede eine Doppelreihe etwas nach vorn gerichteter[382] Spitzhöcker, welche gleichfalls in blauen Knöpfchen enden, an den vorderen Gliedern mehr durch die Körperstellung als in Wirklichkeit etwas kräftigerer erscheinen und hier ein silberglänzendes Seitenfleck chen tragen; sie alle sind mit einzelnen, längeren oder kürzeren, etwas keulenförmigen Borstenhaaren besetzt sowie der ganze Körper mit zahlreichen Punktwärzchen von gelber Farbe. Die Raupe ist ungemein träge, sitzt sehr fest und zwar in der Ruhe mit eingezogenem Kopfe und etwas zurückgelegten vorderen Körperringen, frißt bei Tage und bei Nacht mit Unterbrechung von kurzer Zeit, während welcher sie das Unverdaute in einen regelmäßigen, ringsum tiefgefurchten Pfropfen entleert, und verspeist nach jeder Häutung zuerst den abgestreiften Balg. Der Schmetterling hat in seinem Vaterlande, wie bei uns, zwei Bruten im Jahre, doch schlüpfen nicht alle Puppen von der ersten aus, eine Erscheinung, welche auch bei anderen Spinnern beobachtet werden kann, die sich durch gewisse Unregelmäßigkeiten in der Entwickelung vor allen Schmetterlingen auszeichnen.

Nach den Berichten Perny's aus der Provinz Kuy-Tscheu an die Pariser Gesellschaft werden die Gehäuse der zweiten Brut mit ihren Puppen in den Zimmern überwintert und durch Regelung der Temperatur das zu frühe wie das zu späte Auskriechen der Schmetterlinge sorgfältig überwacht. Im April erfolgt es. Die befruchteten Weibchen setzt man in Weidenkörbe, hier legen sie die Eier ab; den in acht bis zehn Tagen ausgeschlüpften Raupen legt man Eichenzweige hin; sobald sie an dieselben gekrochen sind, setzt man den Korb in den Eichenwald, der nur aus Buschholz besteht, dessen Boden man rein hält, um die herabgefallenen Seidenraupen leicht auflesen zu können. Zu diesem Zwecke und um die den Raupen sehr gern nachstellenden Vögel zu verscheuchen, wird bei jeder Pflanzung ein Wächter angestellt, der auch die Raupen von einem abgefressenen auf einen belaubten Busch zu setzen hat. In vierzig bis fünfundvierzig Tagen nach dem Ausschlüpfen der Raupen erfolgt gemeiniglich die Gehäuseernte. Die besten werden zur Weiterzucht ausgesucht, die anderen auf Bambushürden durch untergelegtes Feuer geröstet, um die Puppe zu tödten. Hierauf werden dieselben acht bis zehn Minuten lang in kochendem Wasser liegen gelassen. Sodann löst man in einem Napfe mit Wasser zwei Hände voll Buchweizenasche auf und fügt die Mischung dem Kochkessel bei. Die Buchweizenasche wird aber auf folgende Weise gewonnen. Nachdem die Körner geerntet sind, trocknen die Chinesen die Stengel an der Sonne und zünden die aufgehäuften an; die Asche hat nach Vermuthung des Berichterstatters die Wirkung von Potasche. Die Puppengehäuse werden nun mit einem Spatel so lange gerührt, bis man die Seidenfäden sich ablösen und um den Spatel wickeln sieht. Hierauf nimmt der Haspler fünf bis acht Fäden, je nach der Stärke des Garnes, welches er wünscht, führt sie in die erste Oeffnung der Haspelmaschine und haspelt die Gehäuse ab.

Die zweite Zucht erfährt dieselbe Behandlung wie die erste. Ungefähr zwanzigjährige Seidengewinnung von diesem Spinner hat den Chinesen einen reichen Gewinn abgeworfen und allerlei Kunstgriffe gelehrt, welche hier nicht weiter hergehören. Sie haben, wie sich von selbst versteht, warme Witterung als begünstigend, rauhe und nasse als das Wachsthum verzögernde Einflüsse, auch Krankheiten der Raupen kennen gelernt und schätzen die Seide darum sehr, weil sie fester und billiger als die des Maulbeerseidenspinners ist. Die in Europa in sehr verschiedenen Gegenden, im Zimmer und im Freien angestellten Zuchtversuche stimmen im wesentlichen mit den in China gemachten Erfahrungen überein, vielleicht mit dem Unterschiede, daß bisher bei uns die Eier nicht so gleichmäßig und gleichzeitig ausgeschlüpft sind, wie dort, was zum Theil seinen Grund darin haben mag, daß viele solcher Eier erst längere oder kürzere Reisen zurücklegen mußten. Wenn ich in der Kürze meine Zuchtversuche aus dem Jahre 1874 hier anführe und dieselben mit denen eines hiesigen Freundes vergleiche, so gebe ich nicht nur in der Hauptsache wieder, was auch andere erzielt haben, sondern weise auch auf einige wichtige Umstände hin, welche bei der Weiterzucht dieses Spinners der Beachtung wohl werth sind.

Von auswärts erhielt ich eine Anzahl Eier, die einer inländischen Zucht entnommen waren. Dieselben hatten entschieden länger als zehn Tage gelegen, als am 23. Mai die Räupchen ziemlich [383] gleichmäßig auskrochen und ohne weitere Pflege als Darreichung reichlichen Futters freudig gediehen. Am 31. Mai beobachtete ich die erste, am 8. Juni die zweite, vom 13. bis 15. die dritte und Ende desselben Monats die vierte Häutung. In der Nacht vom 12. zum 13. Juli fingen die ersten Raupen an, sich zu verspinnen, was stets an einigen Blättern der Futterpflanze geschieht. Obgleich, wie bereits erwähnt, die Räupchen ziemlich gleichmäßig ausschlüpften, so stellte sich doch bald der Umstand ein, den jeder Raupenzüchter bei jeder Art beobachten kann, daß eine oder die andere im Wachsthume zurückblieb, ohne deshalb zu Grunde zu gehen; denn ich habe durch den Tod bei den verschiedenen Häutungen kaum ein Dutzend von mehr als hundert Raupen verloren. Dieselben waren anfangs in einem, als sie größer geworden waren in zwei luftigen Kästen eingezwingert, erhielten in Wasser gesteckte Eichenzweige verschiedener Art, wurden jeden Morgen, oder bei Erneuerung des Futters tüchtig mit Wasser bespritzt und standen in einer Schlafkammer, so daß den ganzen Tag über frische Luft durch ihre Behälter strich. Als sie größer geworden waren, und das Schroten sowie das fortwährende Herabfallen der Kothklumpen die Inhaber der Schlafkammer am Einschlafen hinderten, trug ich die beiden Kästen in die benachbarte Wohnstube. Einige unfreundliche Tage ließen offenbar Verzögerung der in den Häutungen sitzenden Raupen und verminderte Freßlust der gesunden wahrnehmen, und jene Tage werden die Bemerkungen in meinem Tagebuche: »dritte Häutung vom 13. bis 15., letzte Häutung Ende Juni«, veranlaßt haben, da ich die unfreundlichen Tage nicht aufgezeichnet, sondern nur noch in der Erinnerung habe. In der zweiten Augusthälfte schlüpften unter jenes Freundes Pflege die Schmetterlinge aus sämmtlichen Puppen bis auf eine aus. Dieselben waren durchschnittlich kleiner als diejenigen, welche er selbst erzogen hatte. Die Raupen seiner Zucht hatten ziemlich vierzehn Tage kürzer gelebt, die Puppen krochen früher aus; denn schon vor dem 12. August wurden ihm einige Schmetterlinge geboren. Diese günstigeren Ergebnisse konnten ihren Grund nur in folgenden drei Umständen haben: Die Raupen hatten größeren Spielraum im Zwinger, ein eigenes (nach Morgen gelegenes) Zimmer und waren noch nässer gehalten worden; denn sie erhielten täglich frisches, in Wasser getauchtes Futter und wurden außerdem noch bespritzt, sobald das Laub abgetrocknet war.

Gerade in dem Umstande, daß die braunköpfige Eichenraupe zweimal im Jahre vorhanden ist, sehe ich sie behufs des deutschen Seidenbaues im großen für die geeignetste Art an. Ihre Aufzucht muß jedoch im Zimmer erfolgen, wo bei ungünstigen Witterungsverhältnissen durch künstliche Wärme die Entwickelung so geregelt werden kann, daß der Züchter so leicht nicht um Futter für die zweite Brut in Verlegenheit kommen kann. Hat man im wärmeren Europa die Zucht des Maulbeerseidenspinners nicht in das Freie verlegen können, wie kann man sich einbilden, für unsere rauheren Gegenden Deutschlands die Einbürgerung dieses Fremdlinges so weit ausdehnen zu dürfen? Daß zwei Bruten im Freien nicht erzielt werden können, sieht man wohl ein, darum ist der Vorschlag gemacht worden, den Seidenspinner an eine Brut zu gewöhnen, die in die beste Jahreszeit fällt und an Futter nie Mangel leiden wird. Vorausgesetzt, es ließe sich der Schmetterling so gewöhnen, was wir bezweifeln, so scheinen die darauf bezüglichen Versuche außerordentlich überflüssig, da uns in der grünköpfigen Eichenraupe bereits eine Art vorliegt, welche ohne Zurichtung in der für uns passenden Jahreszeit lebt; die ungünstigen Witterungsverhältnisse, die Verfolgungen seitens insektenfressender Vögel lassen sich durch jene Kunstgriffe nicht abwenden und werden Opfer verlangen, welche durch die einmalige Ernte an Seidengehäusen kaum aufgewogen werden. Nein, man züchte diese Art in ähnlicher Weise wie den Maulbeer-Seidenspinner und suche den Vortheil in der zweimaligen Ernte, das ist das Nächstliegende, das Natürlichste und darum das Vernünftigste!

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 382-384.
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