Pechschwarzer Kolben-Wasserkäfer (Hydrophilus piceus)

[51] Der pechschwarze Kolben-Wasserkäfer (Hydrophilus piceus) und seine Gattungsgenossen, welche sich fast über die ganze Erde ausbreiten, bilden die Riesen der Familie, und in dem ovalen, unten mehr oder weniger gekielten, oben ziemlich stark gewölbten Körper eine gedrungene, plumpe Masse, wie sie in dieser Form unter den Käfern nicht wiederkehrt. Die neungliederigen Fühler beginnen mit einem gebogenen rostrothen Grundgliede und schließen mit den [51] vier letzten in einer braunen Blätterkeule, deren erstes Glied glänzt; von den drei folgenden matten Fühlergliedern verlängern sich das erste und zweite nach außen in einen Ast, während sich das eiförmige Endglied zuspitzt. Wie bei den Dytisken verbreitern sich auch hier die Füße der vier hinteren Beine ruderartig und bewimpern ihre Innenseite mit kräftigen Haaren, das erste Glied ist nur klein und erscheint an der Außenseite wie ein bloßes Anhängsel, während das zweite alle anderen an Länge übertrifft; hierin beruht der eine Charakter der ganzen Sippe. Das Männchen kann man vom Weibchen leicht an dem breitgedrückten, beilförmigen letzten Gliede der Vorderfüße unterscheiden. Ein zweiter, hier sehr schön ausgeprägter Charakter der Sippe besteht darin, daß Mittel-und Hinterbrustbein einen gemeinsamen, bei unserer Art flachgedrückten und vorn stark gefurchten Kiel bilden, welcher sich in Form einer scharfen Lanzenspitze über die Hinterhüften hinaus erstreckt. Außerdem erhebt sich hier der Bauch zu einem ziemlich starken Mittelkiele. Die längsriefigen, dadurch nach der Spitze hin etwas gerippten Flügeldecken laufen an der Naht in ein feines Zähnchen aus; von den Zwischenräumen ist einer um den anderen punktirt. Der glänzende, grünlich pechschwarze Käfer lebt in stehenden und fließenden Gewässern. Ich habe ihn hier bei Frühjahrsüberschwemmungen der Saale vorherrschend auf davon betroffenen Wiesen gefangen und manchmal von einer nicht ganz wieder zu beseitigenden Schmutzschicht überzogen gefunden. Interessant gestalten sich einige Verhältnisse in der inneren Organisation des Thieres. Eine bedeutend große, äußerst dünnhäutige, ballonartige Luftröhrenblase auf der Grenze von Mittel- und Hinterleib ist neben den übrigen sehr zahlreichen Ausdehnungen der Luftröhren geeignet, eine beträchtliche Menge Luft in den Körper aufzunehmen und zugleich als Schwimmblase zu dienen. Auch der Darmkanal, welcher dem der pflanzenfressenden Blätterhörner gleicht und ein langes, dünnes, in allen seinen Theilen gleichförmig gebildetes Rohr darstellt, weicht wesentlich von dem der anderen Wasserkäfer ab und weist auf Pflanzenkost hin, welche vorzugsweise in der filzigen Alge zu bestehen scheint, durch welche manche Lachen gänzlich zu versumpfen pflegen; wenigstens befand sich eine mit dieser Kost ernährte Gesellschaft dieser Käfer in der Gefangenschaft lange Zeit sehr wohl, und die sich zu Boden setzenden wurstartigen Exkremente ließen den Algenfilz nicht verkennen.

Im April sorgt das befruchtete Weibchen durch Ablegen der Eier für Nachkommenschaft, hält aber dabei ein Verfahren ein, welches wohl werth ist, etwas näher beleuchtet zu werden, weil es schwerlich bei einem anderen Käfer, der nicht zur nächsten Verwandtschaft gehört, wieder vorkommt. Es legt sich an der Oberfläche des Wassers auf den Rücken unter dem schwimmenden Blatte einer Pflanze, welches es mit den Vorderbeinen an seinen Bauch drückt. Aus vier Röhren, von denen zwei länger aus dem Hinterleibe heraustreten als die anderen, fließen weißliche Fäden, die durch Hin- und Herbewegen der Leibesspitze zu einem den ganzen Bauch des Thieres überziehenden Gespinste sich vereinigen. Ist dieses fertig, so kehrt sich der Käfer um, das Gespinst auf den Rücken nehmend, und fertigt eine zweite Platte, welche mit der ersten an den Seiten zusammengeheftet wird. Schließlich steckt er mit dem Hinterleibe in einem vorn offenen Sacke.


Geöffnetes Gehäuse mit Eiern, vergrößert.
Geöffnetes Gehäuse mit Eiern, vergrößert.

Denselben füllt er von hinten her mit Eierreihen und rückt in dem Maße aus demselben heraus, als sich jene mehren, bis endlich das Säckchen gefüllt ist und die Hinterleibsspitze herausschlüpft. Jetzt faßt er die Ränder mit den Hinterbeinen, spinnt Faden an Faden, bis die Oeffnung immer enger wird und einen etwas wulstigen Saum bekommt. Darauf zieht er Fäden querüber auf und ab und vollendet den Schluß wie mit einem Deckel. Auf diesen Deckel wird noch eine Spitze gesetzt, die Fäden fließen von unten nach oben und wieder zurück von da nach unten, und indem die folgenden immer länger werden, thürmt sich die Spitze auf und wird zu einem etwas gekrümmten Hörnchen. In vier bis fünf Stunden, nachdem hier und da noch etwas nachgebessert wurde, ist das Werk vollendet und schaukelt, ein kleiner Nachen von eigenthümlicher [52] Gestalt, auf der Wasserfläche zwischen den Blättern der Pflanzen. Wird er durch unsanfte Bewegungen der Wellen umgestürzt, so richtet er sich sogleich wieder auf, mit dem schlauchartigen Ende nach oben, infolge des Gesetzes der Schwere; denn hinten liegen die Eier, im vorderen Theile befindet sich die Luft. Diese ovalen Eigehäuse werden manchmal durch anhaftende Pflanzentheilchen zur Unkenntlichkeit entstellt.

Nach sechzehn bis achtzehn Tagen schlüpfen die Lärvchen aus, bleiben jedoch noch einige Zeit in ihrer gemeinsamen Wiege, wie man meint, bis nach der ersten Häutung. Da sich weder die Eischalen noch diese Häute in dem dann am Deckel geöffneten Gehäuse vorfinden, müssen dieselben sammt dem lockeren Gewebe, welches den inneren Nestraum noch ausfüllte, von den Larven aufgezehrt worden sein. Ueber die Ernährungsweise der Larven, welche ich leider selbst nicht beobachtet habe, sind verschiedene und möglicherweise unrichtige Ansichten laut geworden, und dadurch wieder einmal der Beweis geliefert, daß das Leben der gemeinsten und verbreitetsten Kerfe oft gerade am wenigsten der näheren und sorgfältigen Aufmerksamkeit gewürdigt worden ist. Die einen meinen, unsere Larve nähme in der Jugend Pflanzenkost zu sich und würde erst nach mehreren Häutungen zum gierigen Raubthiere. Die anderen sprechen ihr diese Natur ausschließlich zu und bezeichnen die verschiedenen Wasserschnecken als ihre Lieblingsspeise, sie zerbreche die Schale vom Rücken her und verzehre das Thier in aller Gemächlichkeit. Die Nahrung, mag dieselbe nun aus Fleisch oder aus Pflanzenkost bestehen, wird nicht mit den Kinnbacken ausgesogen, sondern zwischen ihnen und der Stirn – eine Oberlippe fehlt – liegt die sehr feine Oeffnung der Speiseröhre. Wenn man die Larve ergreift, oder der Schnabel eines Wasservogels auf sie trifft, so stellt sie sich todt: nach beiden Enden hinhängt ihr Körper wie ein hohler, schlaffer Balg. Will diese List nicht helfen, so trübt sie durch einen schwarzen, stinkenden Saft, welcher dem After entquillt, ihre nächste Umgebung und schützt sich hierdurch öfter vor Verfolgungen. Die Larve liebt die Stellung, welche unsere Abbildung wiedergibt; zu ihrer näheren Erläuterung sei noch hinzugefügt, daß am platten Kopfe keine Punktaugen stehen, die beiden Stäbchen vor den Kinnbacken die auf der Stirn eingelenkten dreigliederigen Fühler darstellen, die kräftigen Kinnbacken in der Mitte mit einem Zahne versehen sind, der freie Unterkiefer sehr lang stielartig mit seinem Stamme hervorragt, an der Spitze nach außen in einen dreigliederigen Taster, nach innen in ein Dörnchen, als Andeutung der Lade, ausläuft. Die kurzen Beine tragen je eine Klaue und das spitze Endglied des Leibes unten ein Paar fädlicher Anhänge. Die rauhe Haut des Körpers ist schwärzlich gefärbt, am dunkelsten auf dem Rücken. Die erwachsene Larve verläßt das Wasser, bereitet in dessen Nähe, also in feuchter Erde, eine Höhlung, in welcher sie zur Puppe wird, von der sich keine weitere Besonderheit berichten läßt. Gegen Ende des Sommers kriecht der Käfer aus, der an seiner Geburtsstätte die nöthige Erhärtung und seine Ausfärbung abwartet, ehe er das Wasser aufsucht.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 51-53.
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