Roßkastanien-Laubkäfer (Melolontha hippocastani)

[84] Der gemeine Maikäfer (Melolontha vulgaris) möge die ganze Sippe vergegenwärtigen. Die beim Männchen sieben-, beim Weibchen kürzere sechsgliederige Fühlerkeule und die an der Wurzel gezähnten Fußklauen in beiden Geschlechtern unterscheiden die Gattung von den nächst verwandten; die Art erkennt man an den kreideweißen, dreieckigen Seitenfleckchen des Hinterleibes, an dem in einen langen Griffel zugespitzten Steiße, den rothen Fühlern, Beinen und Flügeldecken, bei sonst schwarzer Grundfarbe, und an der mehr oder weniger deutlichen weißen Behaarung des ganzen Körpers, welche sich bei älteren Käfern allerdings vielfach abgerieben hat. Eine Abänderung mit rothem Halsschilde, die »Rothtürken« unserer Jugend, pflegt nicht selten zu sein, dagegen gibt es noch einige andere, meist südliche Formen, welche der gemeinen Art sehr nahe stehen, und den gleichzeitig fliegenden Roßkastanien-Laubkäfer (Melolontha hippocastani). Man unterscheidet diesen vom gemeinen Maikäfer durch die etwas geringere Größe, den kürzeren, plötzlich verengten, manchmal wieder erweiterten Endgriffel und durch röthliche Färbung von Kopf und Halsschild, welche nur ausnahmsweise schwarz aussehen.

Wegen ihres gewöhnlichen Erscheinens im Mai hat die in Rede stehende Art ihren Namen erhalten; damit soll aber nicht behauptet werden, daß sie in keinem anderen Monate fliegen dürfe. [84] Ein besonders mildes Frühjahr lockt die Käfer schon im April aus der Erde, im umgekehrten Falle warten sie den Juni ab, und in ihren sogenannten Flugjahren kann man sie bisweilen vom Mai bis Mitte Juli antreffen. Im Schaltjahre 1864, einem Maikäferjahre für einen sehr großen Theil Deutschlands, kamen die Käfer wegen rauher Witterung erst am 13. und 14. Mai zum Vorscheine, und zwar in solchen ungeheueren Massen, daß stellenweise der Erdboden von ihren Fluglöchern siebartig durchbohrt erschien. Sie trieben ihr Unwesen bis Mitte Juni, entlaubten unter anderem die stattlichsten Eichen vollständig und nahmen jetzt erst allmählich ab. Am 8. Juli, ja sogar noch am 28. Juli, fand ich je ein Pärchen in fester Verbindung. Die Fälle, wo einzelne Käfer in einem oder dem anderen Monate erscheinen, welche zwischen September und März vor ihrem regelmäßigen Fluge liegen, sind Ausnahmen, welche immer einmal vorkommen und ihren Grund in der sie auf- und herauswühlenden Thätigkeit des Ackerpfluges haben dürften.


Gemeiner Maikäfer (Melolontha vulgaris), 1 Weibchen, 2 Männchen. 3 Gerber (Melolontha fullo), Männchen. 4 Brachkäfer (Rhizotrogus solstitialis). Alle in natürlicher Größe.
Gemeiner Maikäfer (Melolontha vulgaris), 1 Weibchen, 2 Männchen. 3 Gerber (Melolontha fullo), Männchen. 4 Brachkäfer (Rhizotrogus solstitialis). Alle in natürlicher Größe.

Ihr Auftreten ist meist an bestimmte Oertlichkeiten gebunden und das massenhaftere ein regelmäßig wiederkehrendes. In den meisten Gegenden Deutschlands hat man alle vier Jahre diese dem Land- und Forstmanne höchst unwillkommene Erscheinung sich wiederholen sehen. In Franken zeichnete man die Jahre 1805, 1809 ... 1857, 1861, 1865, 1869, 1873, im Münsterlande 1858, 1862, 1866, 1870, 1874, in Berlin 1828, 1832, 1836 ... 1860, 1864, 1868, 1872 auf. Desgleichen hat im größten Theile Sachsens die Erfahrung zur Annahme berechtigt, daß die Schaltjahre zugleich auch Maikäferjahre seien. Anders gestalten sich die Verhältnisse in der Schweiz. Hier wiederholen sich, wie am Rheine und in Frankreich, die Hauptflüge alle drei Jahre, und man unterscheidet dort ein Baseler Flugjahr (1830, 1833, 1836, 1839), welches in Frankreich bis an den Jura und Rhein beobachtet worden ist, ein Berner Flugjahr, diesseit des Jura in der westlichen und nördlichen Schweiz, auf 1831, 1834, 1837, 1840 usw. gefallen, ein Urner Flugjahr (1832, 1835, 1838, 1841 usw.), südlich und ostwärts vom Vierwaldstätter See. Am Rheine waren 1836, 1839 und 1842, an der Weser 1838, 1841 und 1844 Maikäferjahre. Diese um ein Jahr verschiedene Entwickelungszeit ein und desselben Thieres hat entschieden ihren Grund in örtlichen Verhältnissen, unter denen einige Grade Wärme der mittleren Jahrestemperatur mehr oder weniger den Hauptgrund abgeben dürften.

Sobald die Käfer aus der Erde sind und durch unfreundliches Wetter nicht abgehalten werden, fliegen sie nicht nur an den warmen Abenden lebhaft umher, um Nahrung zu suchen und sich zu [85] paaren, fette Leckerbissen für die Fledermäuse und einige nächtliche Raubvögel, sondern zeigen sich auch bei Schwüle oder Sonnenschein am Tage sehr beweglich. Wer hätte sie nicht schon in Klumpen von vieren und noch mehr an den fast entlaubten Eichen oder Obstbäumen herumkrabbeln sehen, sich balgend um das wenige Futter, die Männchen um die Weibchen; wer hätte sie nicht schon an Kornähren, Rübsenstengeln und anderen niederen Pflanzen sich umhertreiben sehen und den luftverpestenden Geruch ihres ekelhaften Kothes einathmen müssen, wenn er in von ihnen gesegneten Jahren durch den entlaubten Wald einherschritt? Erst in später Nacht begeben sie sich zur Ruhe, und am frühen Morgen sowie an einzelnen rauhen Tagen hängen sie mit angezogenen Beinen lose an den Bäumen und Sträuchern, besonders den Pflaumen- und Kirschbäumen unserer Gärten, an den Eichen, Roßkastanien, Ahornen, Pappeln und den meisten übrigen Laubhölzern des Waldes, und lassen sich dann am besten durch stoßende (nicht rüttelnde) Bewegung des Baumes leicht zu Falle bringen und einsammeln.

Das befruchtete Weibchen bedarf einer Reihe von Tagen, ehe die Eier zum Ablegen reifen, dann aber verkriecht es sich, lockeres Erdreich dem festen, Kalk, Mergel oder Sand anderen Bodenarten vorziehend, und legt auf einige Häuflein fünf bis sieben Centimeter unter der Oberfläche im ganzen bis etwa dreißig längliche, etwas breitgedrückte, weiße Eier ab (Fig. e). Nach beendigter Arbeit erscheint es entweder nicht wieder, oder es kommt nochmals über die Erde, folgt aber, von der Anstrengung erschöpft, dem ihm vorangegangenen Männchen nach und verendet. Nach vier bis sechs Wochen kriechen die Larven aus, fressen etwa bis Ende September die feinen Wurzelfasern in ihrer Umgebung oder auch die reich mit dergleichen abgestorbenen untermischte Erde, und graben sich dann etwas tiefer ein, um den Winterschlaf zu halten. Im nächsten Frühjahre gehen sie mit dem allgemeinen Erwachen aller Schläfer nach oben und fressen von neuem. Zur ersten Häutung begeben sie sich bald darauf wieder tiefer. Nach der Rückkehr unter die Pflanzendecke beginnen sie ihre gewohnte Arbeit mit verdoppelter Gier, um durch mehr Nahrung die eben aufgewandten Kräfte zu ersetzen. Jetzt sind sie etwa ein Jahr alt, werden durch bedeutenderen Fraß bemerkbarer und zerstreuen sich mehr und mehr. Zwischen den längsten Tag und die Herbstnachtgleiche fällt die Zeit des größten von ihnen angerichteten Schadens. Dann wieder hinabsteigend, verfallen sie zum zweitenmale in den Winterschlaf. Nach diesem wiederholt sich dasselbe wie im vorigen Jahre, und wenn endlich seit dem Eierlegen drei Jahre verstrichen, sind sie zur Verpuppung reif, gehen wieder tiefer hinab, und man kann annehmen, daß gegen den August bis anfangs September sämmtliche Engerlinge eines und desselben Jahrganges verpuppt und vor Eintritt des Winters die Käfer fix und fertig sind; dieselben bleiben jedoch, vorausgesetzt, daß sie nicht gestört werden, ruhig in ihrer Wiege liegen. Je nach der Tiefe, in welcher diese sich befindet, und je nach der Festigkeit des Erdreiches, welches den Käfer deckt, braucht er längere oder kürzere Zeit, bevor er auf der Oberfläche anlangt, wozu er stets die Abendstunden wählt. Das eigenthümliche Pumpen (der Maikäfer »zählt«) mit dem ganzen Körper unter halb gehobenen Flügeldecken, welches man bei jedem Maikäfer beobachten kann, ehe er sich in die Luft erhebt, hat seinen guten Grund. Er füllt nämlich seine Luftröhren und wird so bei der Schwerfälligkeit seines Körpers zugewandtem und anhaltendem Fluge befähigt. Die von den beiden seitlichen Hauptstämmen der Luftröhren zu den inneren Körpertheilen gehenden Aeste enthalten nach Landois' Untersuchungen fünfhundertundfunfzig Bläschen, welche zum Theil beim Männchen größer als beim Weibchen sind. Indem sich die Luftlöcher bei den ausathmenden Bewegungen stets schließen, füllen sich alle Luftröhren und namentlich auch jene Bläschen mit Luft und bringen die eben bezeichnete Wirkung hervor; ob die Art des Verschlusses von wesentlichem Einflusse auf den starken Brummton beim Fliegen sei, wie derselbe Forscher meint, scheint mir doch noch sehr fraglich.

Die Larve (der Engerling oder Inger) ist ein zu böser Feind unserer Kulturen, um sie ihrer äußeren Erscheinung nach mit Stillschweigen übergehen zu können, obschon getreue Abbildungen derselben vorliegen. Als Erläuterung zu diesen sei noch nachgetragen, daß die viergliederigen [86] Beine in je eine Kralle auslaufen und, wie der nackte Kopf, röthlich gelb gefärbt sind, während der querfaltige Körper eine schmutzigweiße, nach dem Hinterrande in Blau übergehende Farbe trägt. Ein augenloser Kopf, viergliederige Fühler, deren vorletztes Glied nach unten in Form eines Zahnes über das letzte herausragt, die zahnlose, breite und schwarze Schneide an den kräftigen Kinnbacken und verwachsene Laden sowie dreigliederige Taster an dem Unterkiefer bilden die weiteren Erkennungszeichen. Eine halbkreisförmige harte Oberlippe und eine fleischige, mit zweigliederigem Taster versehene Unterlippe schließen beiderseits die Mundöffnung.

So behaglich sich der Käfer im Sonnenscheine fühlt, so wenig verträgt der Engerling denselben; denn er stirbt sehr bald, wenn er kurze Zeit von den Strahlen der Sonne beschienen wird. Trotzdem ist es unzweckmäßig, beim Einsammeln der Engerlinge dieselben auf einen Haufen zu werfen, um sie von der Sonne tödten zu lassen, weil die unterste, weniger beschienene Schicht noch Kraft genug besitzt, um durch Eingraben sich zu retten und wieder zu entweichen. Das Einsammeln der Engerlinge in geringer Entfernung hinter dem Pfluge ist das eine Mittel, um sich vor den Beschädigungen derselben zu sichern, ein zweites und seiner Wirkung nach noch durchgreifenderes besteht im Sammeln und Tödten der Käfer in jedem Jahre und allerwärts, wo sie sich zeigen. Was in dieser Hinsicht geleistet werden könne, hat unter anderem im Flugjahre 1868 der Bezirk des Landwirtschaftlichen Centralvereins der Provinz Sachsen bewiesen.


a, b Puppe; c halbwüchsige, d erwachsene Larve; e Eier; f weibliches, g männliches Fühlhorn des Maikäfers. e, f, g vergrößert.
a, b Puppe; c halbwüchsige, d erwachsene Larve; e Eier; f weibliches, g männliches Fühlhorn des Maikäfers. e, f, g vergrößert.

Wie die über diesen Gegenstand geführten Verhandlungen nachweisen, wurden hier als getödtet 30,000 Centner angemeldet. Halten wir uns nur an diese Zahl (nicht auf amtlichen Antrieb gesammelte Käfer möchten dieselbe noch um ein Bedeutendes erhöhen), so entspricht die Gewichtsmenge ungefähr eintausendfünfhundertundneunzig Millionen Käfern, da nach wiederholten Zählungen durchschnittlich ihrer fünfhundertunddreißig auf ein Pfund gehen. Die Mühen und Opfer, welche mit einem so großartigen Vernichtungskampfe jedesmal verknüpft sein müssen, haben sich belohnt; denn im nächsten Flugjahre (1872) zeigten sich die Käfer wie in manchen anderen Jahren und verriethen keineswegs das an ihnen sonst so gesegnete Schaltjahr. Eine gleiche Erscheinung wiederholte sich 1876, in welchem Jahre allerdings das lange andauernde, rauhe Frühlingswetter den Maikäfern entschieden sehr ungünstig gewesen ist. Bekanntlich verwerthet man die in so kolossalen Massen zusammengebrachten und am besten durch kochendes Wasser oder Wasserdämpfe getödteten Käfer als Düngmittel, indem man sie schichtweise mit Kalk zu Komposthaufen aufschüttet und mit Erde bedeckt. Auch ist durch trockene Destillation ein gutes Brennöl aus ihnen gewonnen worden. Um eine namentlich Rekonvalescenten anempfohlene Kraftsuppe aus Maikäfern zu gewinnen, braucht man kein Flugjahr derselben abzuwarten.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 84-87.
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