Gestriemte Köcherfliege (Phryganea striata)

[500] Die Larve der gestriemten Köcherfliege (Phryganea striata), einer in Deutschland nirgends seltenen Wassermotte, ist im April erwachsen. Sie trägt am ersten Bauchringe fünf Warzen, welche sich erheben und einsinken können; nimmt man sie aus dem Wasser, so werden diese Warzen durch eine von ihnen abgesonderte Feuchtigkeit naß. Auf allen anderen Ringen bemerkt man zwei Büschel fleischiger Fäden, welche federbuschartig aufgerichtet werden können und zum Athmen dienen. Freiwillig verläßt diese Larve so wenig wie ein anderer Sprockwurm ihr Gehäuse; will man sie heraushaben, ohne dieses und sie selbst zu verletzen, so muß man sie allmählich und behutsam von hinten mit einem Nadelknopfe vorschieben. Sie läßt sich auf diese Weise mit Widerstreben heraustreiben, kriecht aber sogleich mit dem Kopfe voran wieder hinein und kehrt sich sodann um, wenn man sie gewähren läßt. Bringt man sie nackt in ein Glas mit Wasser, auf welchem allerlei leichte Körper, welche sie zum Bauen eines Häuschens verwenden könnte, umherschwimmen, so bewegt sie sich stundenlang unter denselben umher, ohne sie zu verwenden; wählt man aber Stückchen alter Gehäuse, Splitter und andere Pflanzentheile, welche, von Wasser durchdrungen, zu Boden sinken, so macht sie sich sogleich daran, setzt sich auf eines der längsten Stückchen, schneidet von den Spänen oder Blättern Theilchen ab, heftet sie hinten an die Seiten des Grundstückes fast senkrecht, läßt andere nachfolgen, bis ein Kreis und mit ihm der Anfang des Futterales fertig ist, welches nach und nach wächst und die Länge der Larve bekommt. Anfangs finden sich noch Lücken, welche allmählich ausgefüllt werden und verschwinden. Erst dann, wenn alles von außen nach Wunsch geschlossen erscheint, wird das Innere mit einer zarten Seidenwand austapeziert. Die Seide aber zum Aneinanderheften der äußeren Bekleidung und der inneren Tapete kommt, wie bei den Schmetterlingsraupen, aus den Spinndrüsen, welche in der Unterlippe zwischen den walzenförmigen Unterkiefern ihren Ausgang finden, und die kräftigen Kinnbacken am hornigen Kopfe zerlegen den Baustoff, so oft dies nöthig wird.

Vor der Verpuppung heftet die Larve ihr Gehäuse an einen Stein oder an eine Wasserpflanze und verschließt dann die beiden Enden mit einer Art Gitter aus Seidenschnüren, damit das zum Athmen nöthige Wasser frei durchdringen, aber kein feindliches Raubinsekt an die wehrlose Puppe gelangen könne. Da man schon im März dergleichen vergitterte Gehäuse findet, so scheinen einzelne Puppen zu überwintern, was in der Regel auch von der Larve gilt, welche sich meist im Juli einspinnt. Die gelblichweiße Puppe hat einen schwarzen Seitenstreifen an den vier letzten Gliedern, [500] auf dem Rücken die Kiemenfäden und am Ende zwei Fleischzäpfchen. Am kleinen Kopfe fallen die großen schwarzen Augen, vorn eine Art von Schnabel und darüber ein Haarbüschel auf. Den Schnabel bilden zwei sich kreuzende Haken von brauner Farbe unter der vorspringenden fleischigen Oberlippe; sie stellen, wie es scheint, den Oberkiefer dar und dienen wohl zum Durchbrechen des Gitters, denn beim Ausschlüpfen der Fliege bleiben sie zurück.


Verschiedene Phryganiden-Gehäuse.
Verschiedene Phryganiden-Gehäuse.

Diese hat ungefähr die Größe der vorigen abgebildeten Art, als Genosse der heutigen Gattung Phryganea dicht anliegend behaarte und kurz gewimperte Flügel, fast nackte Kiefertaster, Nebenaugen, zwei bis vier Sporen an den Schienbeinen, von dem vordersten Paare an gerechnet, und den hinteren Ast der Unterrandader (Kubitus) im Vorderflügel einfach bei dem Männchen, gegabelt bei dem Weibchen. Unsere Art ist am Körper dunkel pechbraun, die braunen Fühler sind schwarz geringelt, die Hinterflügel einfarbig braun oder schwarzgrau, die vorderen hellzimmetbraun mit zwei weißen Punkten und bei dem Weibchen mit kurzer und unterbrochener schwarzer Längsstrieme verziert. Der Verlauf des Flügelgeäders muß bei allen diesen Thieren genauer untersucht werden, als hier darauf eingegangen werden kann.

Um einen Begriff von dem verschiedenartigen Baustoffe und Baustile zu geben, welche die Sprockwürmer anwenden, wurde eine Anzahl von Gehäusen zusammengestellt. Hier sind es seine Sandkörnchen (Fig. a, i, k), welche zur Verwendung kommen, oder größere Steinchen (Fig. f, h), dort Schneckenhäuser (Fig. e), besonders der Gattung Planorbis angehörige, die zum Theile noch bewohnt sein können, oder die Schalen der kleineren Muscheln, in einem anderen Falle wieder zurechtgebissene Pflanzentheile (Fig. b, c, d, g), unter denen Gras-, Schilf-, Zweig- und Rindenstückchen, Meerlinsen und Baumsamen je nach den Oertlichkeiten eine Hauptrolle spielen. Mit Ausschluß von k haben wir Gelegenheit, in unseren deutschen Bächen, Gräben und stehenden Gewässern, welche mit Pflanzen versehen sind, alle diese Formen selbst im Freien zu beobachten. Man hat sich davon überzeugt, daß die Nahrung der Wasserraupen in erster Linie aus Pflanzenstoffen und nur[501] untergeordnet auch aus thierischen Ueberresten besteht. Daß eine und dieselbe Art nicht überall und immer genau denselben Stoff zu ihrem Hause verwende, läßt sich wohl erwarten; aber entschieden baut jede in derselben Form und weicht nur infofern unbedeutend davon ab, als das verschiedene Baumaterial dazu nöthigt. Uebrigens sind die sehr zahlreichen Arten noch lange nicht mit der Genauigkeit und in hinreichender Vollständigkeit beobachtet worden, um aus dem Gehäuse die Fliege zu erkennen oder gewisse allgemeine Gesetze über jenes aufstellen zu können. Mit dem zierlichen schneckenförmigen Gehäuse k hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Dasselbe stammt aus Tennessee und wurde von dem nordamerikanischen Schneckenkenner Lea für das Erzeugnis einer Schnecke (Valvata arenifera) gehalten, bis der schweizerische Forscher Bremi es als das Kunstwerk einer Köcherfliege erkannte, welcher er den Namen Helicopsyche Shutleworthi beilegte.

Dergleichen Häuschen nun, welche vorn und hinten offen bleiben, werden von einer Larve bewohnt, welche hinten mit ein Paar Haken sich festhält und höchstens den hornigen Kopf und die drei vordersten Ringe mit den einklauigen Brustfüßen hervorstreckt, wenn sie an Wasserpflanzen umherkriecht oder frei schwimmt und dabei auch an die Oberfläche kommt. Einige lieben die Bewegung weniger und heften sich durch wenige Fäden unter Steinen fest. Wenn die verschiedenen Arten im einzelnen auch von einander abweichen, so finden sich bei ihnen allen die Freßwerkzeuge, besonders die Kinnbacken, entwickelte als nachher bei der Fliege; ihre Fühler sind klein oder fehlen gänzlich, auch die Augen lassen sich schwer erkennen. Die sieben ersten weißen und weichen Hinterleibsglieder oder ebenso viele vom zweiten ab tragen bei den meisten jederseits zwei bis fünf anliegende oder abstehende Kiemenfäden oder Kiemenbüschel als Werkzeuge zum Athmen. Sie häuten sich während des Wachsthumes mehrere Male und arbeiten dabei gewiß das alte Gehäuse nur um, wenn erweiterter Ansatz am Rande ihnen nicht den nöthigen Raum verschaffen kann; daß sie ein ganz neues anfertigen, wie Rösel meint, ist kaum denkbar. Bald nach dem Erwachen im Frühjahre sind die Larven erwachsen, und vom Mai an erscheinen die Köcherfliegen. Jene spinnen sich dann an eine Wasserpflanze fest und beide Oeffnungen des Gehäuses zu, manche sollen sogar noch ein besonderes Innengehäuse anfertigen. Schon nach wenigen Wochen entläßt die gemeißelte Puppe das geflügelte Wesen. Die befruchteten Weibchen legen die Eier als Gallertklümpchen an Wasserpflanzen und andere dem Wasser zunächst stehende Gegenstände. Man sollte meinen, die Larven der Wassermotten wenigstens wären vor den feindlichen Nachstellungen der Schlupfwespen gesichert. Dem ist aber nicht so, wie die überraschende Entdeckung von Siebolds bewiesen hat. Einige der Gattung Aspatherium angehörige Phryganiden nämlich, welche ein walziges glattes Haus bewohnen, werden von einer Schlupfwespe, dem Agriotypus armatus, heimgesucht. Das Weibchen dieses kleinen Schmarotzers taucht unter Wasser, verweilt längere Zeit unter denselben, um mittels seines kurzen Bohrers die Eier der Larve einzuverleiben. Diese entledigt sich vor ihrem Absterben im erwachsenen Alter des Spinnstoffes, welcher in Form eines langen Bandes aus dem Kopfende des Gehäuses hervordringt und dadurch zum Verräther jeder angestochenen Larve wird.

Obschon die Phryganeen in allen Erdtheilen vertreten sind, so herrschen sie doch in den gemäßigten Gürteln vor.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 500-502.
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