Kochenille (Coccus cacti)

[576] Die berühmteste aller Schildläuse ist die Kochenille (Coccus cacti). Das durchaus karminrothe Männchen hat zwei getrübte Flügel, zehngliederige Fühler und lange Schwanzborsten, [576] das ebenso gefärbte Weibchen überzieht sich mit weißem Reise. Diese Art lebt ursprünglich in Mejiko auf der breiten Fackeldistel (Opuntia coccinellifera), dort Nopal genannt. Von da verpflanzte man sie auf einige der westindischen Inseln, nach Malaga, Spanien, Algier, Java und zuletzt nach Teneriffa. Seit ungefähr 1526 bildet dieser auf heißen Blechen getrocknete, in heißem Wasser aufweichbare, in seinen Körperformen dann noch zu erkennende weibliche Kerf als werthvoller Farbstoff einen bedeutenden Ausfuhrartikel für Mejiko. Wiewohl schon Acosta (um 1530) den thierischen Ursprung dieser rothbraunen, etwas weiß beschlagenen Körner, deren etwa viertausendeinhundert eine Unze wiegen, nachgewiesen und andere Forscher denselben bestätigt hatten, blieb doch die Ansicht von ihrer pflanzlichen Natur lange die herrschende, so daß selbst noch im Jahre 1725 der die letztere vertretende Holländer Melchior von Ruyscher sich deshalb in eine Wette einließ, welche ihn um sein ganzes Vermögen gebracht haben würde, wenn nicht sein großmüthiger Gegner ihn seines Wortes entbunden hätte.


Kochenille (Coccus cacti). a Lebende Kochenille auf der Opuntia, in ihre Wachsausschwitzung gehüllt, b Männchen, c Weibchen von der Bauchseite; vergrößert.
Kochenille (Coccus cacti). a Lebende Kochenille auf der Opuntia, in ihre Wachsausschwitzung gehüllt, b Männchen, c Weibchen von der Bauchseite; vergrößert.

Zur Entscheidung dieses Streites wurden die Gerichte herangezogen, Züchter in Mejiko von diesen über die Natur der fraglichen Geschöpfe vernommen und ihnen somit die Ansprüche auf ihre Kerfnatur von »rechtswegen zuerkannt«.

Mit Ausschluß der Regenzeit findet sich die Kochenille in ihren verschiedenen Lebensperioden an der Mutterpflanze und überzieht dieselbe stellenweise mit ihren weißen Ausschwitzungen vollständig. Das Weibchen bettet seine Eier in dieselben und läßt sie von ihnen allein beschützen, indem es selbst den Schnabel aus dem Stengel herauszieht und todt zur Erde fällt. Nach acht Tagen schlüpfen die Jungen aus, sehen der Mutter ähnlich, sind aber mit langen Borstenhaaren bewachsen. Innerhalb zweier Wochen haben sie unter mehrmaligen Häutungen ihre volle Größe erlangt. Die männlichen Larven spinnen sich von demselben Stoffe eine hinten offene Hülse und ruhen acht Tage als Puppe in derselben. Nach der Paarung sterben die Männchen sofort, während den Weibchen ungefähr noch eine vierzehntägige Frist zum Ablegen der Eier von Mutter Natur vergönnt ist. Da somit die Entwickelung einen Zeitraum von wenigen Wochen in Anspruch nimmt, so kommen auch mehrere Bruten zu Stande, an deren Ende man allemal eine Anzahl von Larven und die im Sterben begriffenen Weibchen sammelt. Bouché erzog in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts in einem Treibhause bei Berlin die Kochenille und erzielte vier Bruten durch eine beständige Wärme von 16 bis 20 Grad Réaumur. Zur Entwickelung einer Brut waren sechs Wochen erforderlich, von welchen acht Tage auf den Ei-, vierzehn Tage auf den Larven-, acht Tage auf den Nymphenstand kamen und abermals vierzehn Tage auf die Lebensdauer der vollkommenen Schildlaus. Im August entwickelt sich die letzte Brut, und während des Winters liegen die Weibchen befruchtet und setzen erst im Februar ihre Eier ab. Die mejikanischen Kochenillezüchter bringen kurz vor Eintritt der Regenzeit alles, was zur Zucht fortleben soll, sammt den sehr lange frisch bleibenden [577] Zweigen der Futterpflanze nach Hause in Sicherheit, um es wieder in die Kaktusanpflanzung auszusetzen, sobald die Regen vorüber sind. Mit größeren Beschwerden sammelt man auch von der wild wachsenden Fackeldistel die sogenannte wilde Kochenille, die Grana silvestra der Mejikaner, welche noch viel häufiger geerntet werden soll und wahrscheinlich einer anderen Art, nicht einer bloßen Abart der vorigen, angehört.

Als Mejiko noch allein diesen wichtigen Farbstoff erzeugte, wurden jährlich achthundertachtzigtausend Pfund für nahe an sieben und eine halbe Million holländischer Gulden nach Europa ausgeführt, und A. von Humboldt gibt aus der Zeit seines Aufenthaltes in Südamerika noch eine jährliche Ausfuhr von zweiunddreißigtausend Arroben im Werthe von einer halben Million Pfund Sterling an. Aus Südspanien, wo man, wie bereits erwähnt, die Kochenille gleichfalls baut, wie im südlichen Teneriffa, seitdem dort der Weinbau infolge der häufigen Krankheiten der Reben nicht mehr lohnend erschien, wurden 1850 über achthunderttausend Pfund roher Kochenille nach England verschifft. Wenn man weiß, daß auf ein Pfund siebenzigtausend trockene Thierchen gehen, so kann man sich die ungeheueren Mengen der jährlich getödteten durch ein einfaches Multiplikationsexempel selbst berechnen. Die spanischen sogenannten Suronen, in welchen der Handelsartikel verschickt wird, bestehen aus frischen Ochsenhäuten, deren Haare man nach innen kehrt. – Die käufliche Kochenille zeigt die kleinen, eingetrockneten Thierchen von der Größe einer halben Erbse, an deren runzeliger Oberfläche man die Quereinschnitte des Hinterleibes noch sehr wohl unterscheidet. Aeußerlich haben sie eine schwarzbraune, mehr oder weniger weiß bestäubte, inwendig eine dunkel pupurrothe Färbung; auf die Zunge wirken sie bitterlich und etwas zusammenziehend, färben gleichzeitig den Speichel roth und sollen diese Eigenschaften länger als hundert Jahre bewahren. Weicht man sie in warmem Wasser ein, so kann man meist noch die Beinchen und Fühler unterscheiden, und in der rothen, körnigen Masse, welche sich aus dem Körper herausdrücken läßt, hat schon Réaumur die Eier erkannt.

Im Handel werden mehrere Sorten unterschieden: 1) nach dem verschiedenen Vorkommen: die feine Kochenille, Grana fina oder Mestica, weil sie zu Mesteque in der Provinz Honduras gezogen wird, und die ordinäre, Grana silvestra oder Capesiana, welche aus etwas kleineren Körnern besteht; 2) nach der Verschiedenheit in der Zubereitung: die Renegrida, eine dadurch dunkelbraun erscheinende Sorte, weil die Thiere durch Tödten in heißem Wasser ihren weißen Staubüberzug verloren haben, wird von der Jaspeada, der weißmarmorirten Sorte, unterschieden. Die Tödtung erfolgt in heißen Oefen und verwischt die weiße Farbe nicht. Hierbei kann es jedoch geschehen, daß die Körner etwas zu stark erhitzt und schwärzlich werden. Solche heißen dann Negra. Eine aus großen und kleinen oder abgeriebenen Thieren bestehende Sorte, eine Art von Ausschuß, endlich führt den Namen der Granilla. Weil die weißbunte Sorte gesuchter war als die anderen, so verfälschte man sie, indem man die Körper, welche den weißen Staub verloren hatten, vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden an einen feuchten Ort (in den Keller) brachte und sie dann mit zerriebenem Talk tüchtig durchschüttelte.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 576-578.
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