Blaue Schmeißfliege (Calliphora vomitoria)

[476] Die Stubenfliege hat eine bis zur Spitze beiderseits gefiederte Fühlerborste, keine Großborsten auf dem Rücken der vier Hinterleibsringe, eine winkelig zur dritten aufgebogene vierte Längsader und keine einzelnen Borsten an der Innenseite der Mittelschienen. Letztere kommen vor bei der schwarzblauen Schmeißfliege, dem Brummer (Musca oder Calliphora vomitoria). Schwarze, roth behaarte Backen, vier schwarze, nicht eben sehr deutliche Striemen über das Rückenschild, auf welchem nur Borsten, keine Haare stehen, rothgelbe Taster, schwarze Beine und ein stark weißer Schimmer am blauen Hinterleibe und an dem schwärzlichen Untergesichte machen diese kenntlich, das Weibchen überdies noch eine sehr breite schwarze, an den Seiten grau schillernde Stirnstrieme.


Schmeißfliege (Musca vomitoria) nebst a Larve und b Puppe; letzte beide in natürlicher Größer.
Schmeißfliege (Musca vomitoria) nebst a Larve und b Puppe; letzte beide in natürlicher Größer.

Wer sollte sie nicht schon gesehen und gehört haben, jene große (8,75 bis 13 Millimeter messende) Brummfliege, welche sich sofort einstellt, wenn sie aus weiter Ferne Fleisch wittert, um ihre Eier (Schmeiß) daran zu legen, und in unseren Wohnzimmern unter beständigem Räsonniren gegen die Fensterscheiben rennt, als wollte sie sich den Kopf einstoßen. Die Fruchtbarkeit beider Arten erreicht eine außerordentliche Höhe durch die Menge der Eier, welche die Weibchen absetzen, und durch die Schnelligkeit, mit welcher die Brut sich entwickelt. Die Stubenfliege legt deren in Klümpchen von sechzig bis siebzig Stück in Zeit einer Viertelstunde. Von Gestalt sind sie fast walzenförmig, nur vorn, wo die Made herauskommt, etwas spitzer, ihre zarte Haut glänzt wie Perlmutter. Die der Schmeißfliege haben die etwas gekrümmte Form einer Gurke und an der eingebogenen Seite eine Längsleiste, in welcher sich die Schale öffnet; auch sie werden zu zwanzig bis hundert auf ein Häuflein gelegt, bis zweihundert von jedem Weibchen, vorzugsweise an Fleisch, die der Stubenfliege besonders an Mist, jedoch sind beide Mütter nicht gerade wählerisch; die Stubenfliege verschmäht das Fleisch nicht, legt ihre Eier auch an verdorbenes Brod oder Getreide, Melonenschnitte, todte Thiere, in nicht rein gehaltene Spucknäpfe, ja an den Schnupftabak in den Dosen, wenn man sie ihr offen stehen läßt; die Schmeißfliege geht an alten Käse – die springenden Maden desselben gehören aber nicht ihr, sondern zu Piophila casei –, an Aas, irre geleitet durch ihren sehr scharfen Geruchssinn an die sonderbaren Blüten der Aaspflanzen (Stapelia) und dergleichen. In höchstens vierundzwanzig Stunden kriechen die Maden aus; sie sind weiß, kegelförmig von Gestalt, hinten gestutzt, beide aber an ihren Enden von verschiedenem Ansehen. Die Maden der Stubenfliege scheinen nur einen schwarzen Haken im Munde zu haben, weil beide, wie bei manchen Blumenfliegen, vollkommen gleich sind und dicht neben einander liegen; die der Schmeißfliege haben zwar zwei gleiche, aber durch eine Art von dazwischen liegendem kurzen Pfeile getrennte Haken. Der flüssige Unrath, welchen die Maden von sich geben, scheint die Fäulnis ihrer Nahrung, [476] besonders des Fleisches, zu beschleunigen. Bald sind die von ihnen bewohnten Gegenstände durchwühlt; denn, obgleich ohne Augen, fliehen sie das Licht und arbeiten sich daher schnell in jene hinein. Ein Beobachter ließ eine Schmeißfliege ihre Eier an einen Fisch legen. Am zweiten Tage nach dem Ausschlüpfen waren die Maden schon noch einmal so groß, aber immer noch klein genug, daß ihrer fünfundzwanzig bis dreißig zusammen kaum einen Gran wogen, am dritten Tage wog jede für sich schon sieben Gran, war also binnen vierundzwanzig Stunden gegen zweihundertmal schwerer geworden.

In England trug sich vor Zeiten eine grauenhafte Geschichte zu, welche von verschiedenen glaubhaften Seiten bestätigt wird, und anderwärts haben ähnliche Erfahrungen den Beweis für das schnelle Wachsthum solchen Ungeziefers und seiner Gefährlichkeit geliefert. Ein Almosenempfänger, welcher infolge seines unruhigen Wesens nicht Lust hatte, im Arbeitshause seiner Pfarrei zu bleiben, sondern es vorzog, in den benachbarten Dörfern bettelnd umherzustrolchen, erhielt milde Gaben, meist aus Brod und Fleisch bestehend. Wenn er seinen Hunger gestillt hatte, pflegte er das Uebrigbleibende, besonders das Fleisch, zwischen Haut und Hemd zu stecken und auf der Brust zu tragen. Nachdem er einst einen beträchtlichen Vorrath davon gesammelt hatte, fiel er in eine Unpäßlichkeit und legte sich auf einem Feldwege nieder, wo von der Sonnenhitze jener Jahreszeit – es war Mitte Juni – das Fleisch bald in Fäulnis überging und voll Fliegenlarven wurde. Diese fuhren nicht nur fort, die unbelebten Fleischstücke zu verzehren, sondern auch der lebende Körper blieb nicht verschont. Als der Unglückliche zufällig von einigen Vorübergehenden gefunden wurde, war er so von den Maden angefressen, daß sein Tod unvermeidlich schien. Nachdem man, so gut es gehen wollte, dieses ekelhafte Geziefer entfernt hatte, führten ihn die barmherzigen Samariter in ihre Heimat und holten sogleich einen Wundarzt herbei, welcher erklärte, der Körper befände sich in solchem Zustande, daß er den Verband nur einige Stunden überleben würde. Wirklich starb der Unglückliche, angefressen von Fliegenmaden. Da die Zeit nicht angegeben ist, wie lange er dagelegen hatte, und nicht anzunehmen, daß es mehrere Tage gewesen, so dürfte hier keine der beiden Musca-Arten in Betracht kommen, sondern eine lebendig gebärende Sarcophaga. In Paraguay sind Fälle vorgekommen, wo Leute von heftigem Kopfweh nach Nasenbluten während des Schlafes befallen wurden und nicht eher Erleichterung fanden, bis sie einige Fliegenmaden herausgenießt hatten. Fieberkranke auf Jamaica müssen mit größter Sorgfalt beobachtet werden, damit ihnen nicht eine große blaue Fliege ihre Eier in die Nase oder an das Zahnfleisch lege, von wo aus einzelne Maden schon bis zum Gehirne gelangt sind und dem Unglücklichen einen entsetzlichen Tod gebracht haben. Lassen wir dahingestellt sein, ob die verderblichen Fliegenlarven gerade die hier besprochenen Arten sind, da es noch sehr viele andere gibt, welche ganz ebenso leben. Erwiesen ist z.B., daß die Maden von Sarcophaga latifrons aus Ohrgeschwüren herausgeschnitten worden sind; ich besitze deren zwei, welche durch Behandlung mit Benzin aus einem sehr schmerzhaften Ohrgeschwüre eines Knaben herausgekommen sind, und in einem anderen Falle war es mit großer Wahrscheinlichkeit eine Fleischfliegenlarve, welche den inneren Augenwinkel eines anderen Knaben, der im Freien eingeschlafen war, in einer Weise verletzt hatte, daß er die Sehkraft verlor. Unter allen Umständen geht aus den angeführten Beispielen hervor, wie gefährlich es ist, während der warmen Jahreszeit im Freien zu schlafen, da die von Seiten an sich harmloser Geschöpfe uns drohenden Gefahren größere Bedeutung haben, als wir zu glauben geneigt sind.

Vor Zeiten hat es nicht an Leuten gefehlt, welche behaupteten, dergleichen Maden entständen von selbst an faulenden Gegenständen und die einen Todten aufzehrenden sogenannten »Leichenwürmer« seien nichts weiter als die sichtlichen Zeichen seines sündhaften Lebens. Heutzutage glaubt kein vernünftiger Mensch solchen Unsinn mehr, sondern weiß, daß diese oder andere Fliegen ihre Eier an den Leichnam absetzten, wenn es auch niemand mit angesehen hat.

Je nach den Umständen: günstige Witterung und nahrhafte reichliche Kost, sind die Maden in acht bis vierzehn Tagen erwachsen. Neuerdings hat Leuckart die interessante Beobachtung an [477] denen der Schmeißfliege und der schönen großen Goldfliege (Musca caesarea) gemacht, welche schon bei den Oestriden und den bald zu erwähnenden Pupiparen angestellt worden waren, daß während ihres Wachsthums Veränderungen an den Mundtheilen und Luftlochträgern vorgehen und in dieser Hinsicht drei Stufen anzunehmen seien, deren erste zwölf, deren zweite sechsunddreißig Stunden und deren dritte von da bis zur Verwandlung dauert. Behufs dieser gehen sie auseinander und suchen, wenn es sein kann, die Erde auf; sie bringen die Verpuppung auch ohne diese fertig, aber nach großer Unruhe und merklichem Unbehagen. Nach durchschnittlich vierzehn Tagen hat sich im Tönnchen die Fliege so weit entwickelt, daß sie durch Aufblähen ihres Kopfes dasselbe sprengt und daraus hervorkommt, was stets am Tage, nie des Abends oder Nachts geschieht. Es versteht sich von selbst, daß die im Spätherbste erst erwachsenen Maden als Puppen überwintern, daß sie aber in milden Wintern sehr zeitig die Fliegen liefern, dürfte weniger bekannt sein, wenigstens war ich im höchsten Grade überrascht, als ich am 15. Januar 1874 früh neun Uhr in meinem Hofe eine Schmeißfliege antraf, deren noch zusammengeschrumpfte Flügel darauf hinwiesen, daß sie eben der Puppe entschlüpft sein müsse. Diese Voraussetzung wurde zur Gewißheit, als ihr, der in die warme Stube Mitgenommenen, bis Mittag die Flügel vollkommen ausgewachsen waren. Weiter geht aus dem Gesagten hervor, daß bei mehreren Bruten im Jahre das Fliegenvolk zu einer unermeßlichen Zahl heranwachsen müßte, wenn Thiere und Menschen ihm nicht aufsässig wären.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 476-478.
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