Schlankboa (Homalochilus striatus)

[321] Ein erst in der Neuzeit bekannt gewordenes Mitglied der Familie ist die Schlankboa, wie ich sie nennen will (Homalochilus striatus), Vertreter der Glattlippenboas, deren Merkmale folgende sind: der Kopf ist merklich vom Leibe abgesetzt, hinten beträchtlich breiter als vorn, die Schnauze schräge nach unten abgestutzt, die Stirne niedrig, in der Mitte sanft eingewölbt, das Nasenloch seitlich je zwischen drei Schildern gelegen, der sogenannte Hals fein, der Leib stark zusammengedrückt, der Schwanz kräftig und in bedeutendem Grade einrollbar. Nur auf der Schnauze finden sich regelmäßige Schilder; die der Stirn und zwischen den Augen sind unregelmäßig und ungleichartig angeordnet, die Lippenschilder nicht grubig eingetieft. Kleine, in siebenundfunfzig bis dreiundsechzig Reihen geordnete, an den Seiten sich verkleinernde, gegen den Bauch hin aber wiederum an Größe zunehmende Schuppendecken die Oberseite des Leibes, breite Schilder den Bauch, verhältnismäßig schmälere, in einer einfachen Reihe stehende die Unterseite des Schwanzes. Zähne finden sich in dem Kiefer und am Gaumen, und zwar stehen im Oberkiefer jederseits zwanzig, im Unterkiefer deren jederseits achtzehn. Ein schönes Kupferrothbraun bildet die Grundfärbung; der Kopf ist einförmig oder hinten gelblich gefleckt und durch einen jederseits vom Auge aus nach hinten verlaufenden Streifen, der Rücken seiner ganzen Länge nach durch viele dicht neben einander stehende, gerade oder im Zickzack gebogene Querbänder von weißlicher Färbung gezeichnet. Die Gesammtlänge kann drei Meter betragen oder noch übersteigen.

[321] Das Verbreitungsgebiet der Schlankboa scheint sich auf die Antillen zu beschränken.


Schlankboa (Homalochilus striatus). 1/6 natürl. Größe.
Schlankboa (Homalochilus striatus). 1/6 natürl. Größe.

Von hier aus kamen die ersten Stücke, welche die wissenschaftliche Welt mit der Art bekannt machten, nach Deutschland, und von hier aus erhielt ich durch Herrn Paul Gebhardt in Kap Haitien einmal drei Schlangen dieser Art, welche ich geraume Zeit gepflegt und beobachtet habe. Nach Angabe des Gebers halten sich die Schlankboas hauptsächlich in den Zuckerpflanzungen auf, erscheinen aber auch nicht selten in den Hütten der Eingeborenen oder siedeln sich in dem Dachwerke halbverfallener Gebäude, beispielsweise alter Kirchen, an und betreiben von hier aus Jagd auf Ratten, junges Geflügel und dergleichen, stehlen auch Eier. Uebertages verhalten sie sich sehr ruhig und träge werden deshalb in ihrer Heimat auch wohl mit dem Namen »Schlafschlange« bezeichnet. Um so munterer und lebendiger sind sie in der Nacht, welche sie, wie alle ihre Verwandten, zu ihren Jagden benutzen. Frisch gefangene sind boshaft und bissig, gewöhnen sich aber bald an den Umgang mit Menschen und zeigen sich später ebenso sanftmüthig als irgend ein anderes Mitglied ihrer Familie. An das Futter gehen sie nicht sogleich: die mir zugesendeten hatten sich während ihrer elfmonatlichen Gefangenschaft im Hause des Absenders erst nach sechs Monaten entschlossen, eine Ratte zu verzehren, kamen infolge dessen auch so abgemagert in meinen Besitz, daß die eine von ihnen bald einging. Die übrigen fraßen endlich und bewiesen dabei, daß sie sich beim Ergreifen, Erwürgen und Verschlingen ganz wie andere Boaschlangen benehmen. Dagegen unterschieden sie sich nicht unwesentlich von den meisten Gliedern ihrer Verwandtschaft durch ihre ausgesprochene Kletterfertigkeit. Während die übrigen Boaschlangen wohl auch ihnen angebotenes Astwerk benutzen, um an demselben in die Höhe zu steigen und hier sich zu lagern, scheinen die Schlankboas ohne solche Vorkehrung gar nicht leben, mindestens niemals denjenigen Zustand der Behaglichkeit [322] erlangen zu können, welcher anderen Riesenschlangen auch dann wird, wenn sie in träger Ruhe auf wohldurchwärmtem Boden sich lagern. Die Stellung, welche unser Künstler wiedergegeben hat, war die gewöhnliche, welche meine gefangenen Schlankboas einnahmen.

Weiteres über die Lebensweise und Lebensart gedachter Schlangen vermag ich nicht anzugeben; vorstehendes ist überhaupt der erste Versuch einer solchen Schilderung.

Megasthenes schreibt, in Indien würden die Schlangen so groß, daß sie Hirsche und Ochsen ganz verschlingen könnten; Metrodorus erzählt, beim Flusse Rhyndakus in Pontus wären sie so groß, daß sie hoch und schnell fliegende Vögel aus der Luft schnappten. »Es ist eine bekannte Sache, daß der römische Feldherr Regulus im Kriege gegen Karthago eine hundertundzwanzig Fuß lange Schlange beim Flusse Bagrada in Nordafrika, gleich einer Stadt, mit grobem Geschütze beschießen und überwältigen mußte. Fell und Rachen derselben wurden in einem Tempel zu Rom bis zum numantinischen Kriege aufbewahrt. Diese Erzählung ist um so glaublicher, da selbst in Italien die sogenannten Boaschlangen so groß werden, daß man zur Zeit des Kaisers Clau dius in dem Bauche einer auf dem Vatikane getödteten ein ganzes Kind fand. Die Boaschlange nährt sich anfangs von Kuhmilch und hat daher (von bos) ihren Namen.« Also schreibt Plinius, der größte Naturforscher des Alterthums, und wir ersehen daraus, daß der Name Boa eigentlich für die altweltlichen Riesenschlangen gebraucht werden müßte. In diesem Sinne spricht sich auch Humboldt aus. »Die erste Kunde von einem ungeheueren Kriechthiere, welches Menschen, sogar große Vierfüßler packt, sich um sie schlingt und ihnen so die Knochen zerbricht, welches Ziegen und Rehe hinabwürgt«, sagt er, »kam uns zuerst aus Indien und von der Küste von Guinea zu. So wenig am Namen gelegen ist, so gewöhnt man sich doch nur schwer daran, daß es auf der Halbkugel, auf welcher Virgil die Qualen Laokoons besungen hat, eine von den asiatischen Griechen weit südlicher wohnenden Völkern entlehnte Sage wiedergebend, keine Boa constrictor geben soll; denn da die Boa des Plinius eine afrikanische und südeuropäische Schlange war, so hätte Daudin wohl die amerikanische Boa Python und die indische Python Boa nennen sollen.« Die Verwechselung der Begriffe ist nicht mehr rückgängig zu machen: der einmal in der Wissenschaft eingeführte Name darf ohne gewichtige Gründe nicht aufgegeben werden. Und so verstehen wir unter dem Namen »Python« die altweltlichen Riesen der Ordnung.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Siebenter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Erster Band: Kriechthiere und Lurche. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1883., S. 321-323.
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