Elftes Kapitel.
Weltkrieg und Revolution.

[335] Rom. Die Schatten, welche der Weltkrieg vorausgeworfen hat, konnte ich bei zwei Gelegenheiten deutlich erkennen.

Im Frühling 1909 erhielt ich von der Reichsregierung die amtliche Aufforderung, das Deutsche Reich bei dem in Rom stattfindenden internationalen Chemikerkongreß zu vertreten. Mir kam dies völlig überraschend, denn ich stand weder mit den maßgebenden Stellen des Reiches noch mit dem internationalen Kongreß in einem näheren Verhältnis. Ich hatte vielmehr in früheren Jahren vermieden, mich an diesem zu beteiligen, da er keine eigentlich wissenschaftliche Beschaffenheit besaß. Die chemische Großindustrie hatte sich einen starken Einfluß gesichert und so waren die Versammlungen in erster Linie prunkvolle Festveranstaltungen geworden, bei welchen sich die gastgebenden Länder gegenseitig überboten. Die letzte Versammlung vorher hatte in Berlin stattgefunden und ich hatte mich bewußt von ihr fern gehalten.

Es wäre also am nächstliegendsten gewesen, einen der Berliner, die sich um die vorige Versammlung bemüht hatten, zum Reichskommissar zu ernennen. Das war auch die Ansicht der in Frage kommenden Fachgenossen, denn ich fand diese Gruppe nebst ihrem sehr großen Anhange höchst feindselig gegen mich eingestellt, als[336] ich in Rom mit ihnen zusammentraf. Sie wußten nicht, wie gern ich die Ehre ihnen überlassen hätte. So hatte ich alle Mühe, nicht über die Steine zu stolpern, die sie mir immer wieder in den Weg schoben. Und wenn der mir unbekannte Wohltäter im Reichsamt des Innern mir ein Gutes hatte erweisen wollen, so war der Erfolg eher gegenteilig gewesen.

Insofern war mir die Einladung nicht unwillkommen, als ich bisher noch nie in Rom gewesen war und es nun kennen lernen konnte. Ich muß bekennen, daß ich tatsächlich niemals einen so starken Wunsch dahin empfunden hatte, um ohne äußeren Anlaß, bloß zur Vermehrung meiner »Bildung« die Romfahrt zu machen, für die ich Zeit und Mittel reichlich besessen hätte.

So reiste ich denn zur gegebenen Zeit nach Rom und benutzte die viele freie Zeit, um mir eine Anschauung von den viel beschriebenen und beschrieenen Schätzen der »ewigen« Stadt zu verschaffen. Denn die eigentlichen Kongreßverhandlungen waren in etwa drei Tagen erledigt; da aber das feierliche Abschiedessen beim König von Italien, der mit seiner Gemahlin sich mehrfach an den Festlichkeiten beteiligte, erst einige Tage hernach erfolgte, so gab es freie Zeit dazwischen.

Der Eindruck, den Rom auf mich machte, war der erwartete. Ich habe bereits erwähnt, daß mir das Organ der Verehrung für Dinge und Orte, von »historischer Bedeutung« völlig mangelt, und daß ich nur sachliche Gegenwartswerte als Werte empfinde. Dadurch fiel bei mir der Gefühlsschleier fort, der dem gewöhnlichen Rombesucher die Wirklichkeit verhüllt und ich mußte feststellen, daß die ewige Stadt mir nur wenig zu sagen hatte.

Dies gilt zunächst für die antiken Reste. Bis auf einige Bildnisköpfe aus der Römerzeit, die ich ausdrucksvoll und ehrlich in ihrer Brutalität fand, konnten die[337] klassischen Reste nicht den Eindruck feierlicher Langweiligkeit ändern, der mir aus den zahllosen Nachbildungen geläufig war, von denen sich ja niemand frei halten kann. Raffaels Gemälde in den Stanzen sahen in Wirklichkeit noch schlechter aus, als in den wohlbekannten Kupferstichen, denn zu dem theatralischen Aufbau der Zeichnung gesellte sich die vollkommen verunglückte Farbgebung. In der Sixtinischen Kapelle Michel Angelos erfreute ich mich an den prachtvollen Gestalten der sibyllinischen Weiber. Aber ich fand, daß der Künstler sich den Aufbau des jüngsten Gerichts gar zu leicht gemacht hatte: einzelne Gruppen ohne erkennbaren Zusammenhang untereinander waren auf einen mit dem gröbsten Pinsel hingestrichenen blauen Wolkengrund gesetzt und eine künstlerische Gestaltung des Raumes scheint gar nicht angestrebt zu sein.

Es besteht kein Zweifel, daß die Zeitgenossen der Künstler diese Werke als große Leistungen empfunden haben, wenn sie auch von der kunsthistorischen Verhimmelung der späteren Zeiten sehr weit entfernt waren. Aber das, was die Werke jener Zeit Neues gesagt hatten, ist inzwischen längst aufgenommen und eingeordnet worden und das Kunstbedürfnis eines heutigen Menschen kann durch sie ebensowenig befriedigt werden, wie sein wissenschaftliches Bedürfnis durch Euklid und Aristoteles.

Leider hielt ich mit meinem Urteil nicht zurück und habe dadurch vielfach die Gefühle meiner Kollegen verletzt.

Ganz anders wirkte der Umstand auf mich ein, daß ich den berühmten Chemiker Canizzaro, den ich längst als nur noch der Wissenschaftsgeschichte angehörig anzusehen gewohnt war, noch lebend als hohen Achtziger antraf. Er war seit dreißig Jahren Professor in Rom und hielt noch immer Vorlesungen für die jungen Studenten.[338] Mit einigen gleichgesinnten Kollegen verabredete ich einen gemeinsamen Besuch seiner Vorlesung; der sehr bescheidene Hörsaal hatte wohl nie vorher eine solche Anzahl chemischer Größen enthalten. Nach Vorlesungsschluß gingen wir zu ihm, um ihm persönlich unsere Verehrung auszusprechen, wobei er mir besonders herzlich entgegenkam. Er war ein mageres Greislein mit der ganzen Naivetät und Anspruchslosigkeit des geistig Großen. Ich hatte bei den anwesenden Vorstandsmitgliedern der Bunsengesellschaft angeregt, ihm mit Überschreitung unserer Zuständigkeit die Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft anzubieten, doch wollten sie die Verantwortung dafür leider nicht übernehmen. Bald hernach ist er gestorben.


Ich konnte bei dieser Gelegenheit sehen, wie gering die Rolle war, welche die Universität in Rom spielte und wie viel niedriger die gesellschaftliche Stellung des Professors dort eingeschätzt wurde, als in Deutschland


Bei den offiziellen Empfängen und den anderen höfischen Veranstaltungen bemerkte ich, daß die Englischen und Französischen Vertreter in auffälligster Weise gegenüber denen von Deutschland und Österreich vom Königspaare und den Ministern ausgezeichnet wurden. Da damals Italien mit uns und Österreich im Dreibunde vereinigt war, so war diese Einstellung doppelt unerwartet. Ich unterließ nicht, in dem amtlichen Bericht, den ich über die Tagung an die Reichsregierung abstattete, auf diese Erscheinung mit allem Nachdruck hinzuweisen, da ich ihr eine große politische Vorbedeutung zuschrieb. Ich glaube aber nicht, daß dies Beachtung gefunden hat, wie denn auch damals die Deutschen Politiker zuweilen geneigt waren, mehr das zu glauben, was ihnen erwünscht war, als was sich aus den Tatsachen ergab.


Für mich aber war dies der erste Schatten, den der kommende Weltkrieg vorauswarf.

[339] Die königliche Gesellschaft von London. Im Frühling 1914 feierte die königliche Gesellschaft der natürlichen Wissenschaften in London ihr vierteltausendjähriges Bestehen als eine der ältesten derartigen Vereinigungen. Die Bezeichnung war 1664 nicht im Sinne der heutigen Naturwissenschaften gemeint gewesen, sondern sollte einen Schutz gegen die damals sehr mögliche Anklage auf den Betrieb übernatürlichen Wissens bilden. Doch entsprach der Inhalt der Verhandlungen wesentlich dem heutigen Begriff, sogar zunächst mit einer Einschränkung auf rein Tatsächliches; erst später fand auch mathematische und theoretische Forschung Unterkunft.

Die »Royal Society«, wie sie kurz genannt wird, war seitdem der Mittelpunkt des wissenschaftlichen Lebens in England geworden, der die später in Edinburgh und Dublin entstehenden Schwestergesellschaften nur einen geringen Wettbewerb machten. Sie wurde um so einflußreicher, als die alten Englischen Universitäten Oxford und Cambridge nicht die wissenschaftliche Führung übernahmen, wie die Deutschen Universitäten; eher taten es die Schottischen. Erst seit etwa einem Menschenalter hat sich in England das Verhältnis zugunsten der Universitäten zu verschieben begonnen.

Zu der Feier waren die Schwesteranstalten aller Kulturländer, die Universitäten usw. eingeladen, die alle Vertreter schickten. Einem Leipziger Kollegen, der Gewicht darauf legte, daß ich mich nicht etwa als Vertreter der Leipziger Universität auftat, konnte ich die beruhigende Mitteilung machen, daß ich nicht als Vertreter irgendeiner Gesellschaft erschienen, sondern einer persönlichen Einladung der Royal Society gefolgt war.

Die Zusammenkunft brachte mich wieder mit einer Anzahl von Freunden und guten Bekannten zusammen, die ich früher bei ähnlichen Gelegenheiten kennen gelernt hatte. Ich konnte dabei feststellen, daß es eine ziemlich[340] scharf begrenzte Gruppe wissenschaftlicher Persönlichkeiten gab, die stillschweigend als international anerkannte Vertreter ihrer Wissenschaft angesehen wurden, und die sich bei solcher Gelegenheit immer wieder zusammenfanden. Wir hatten uns schon daran gewöhnt, uns mit heiterem Lächeln und dem Gedanken: wieder einmal! zu begrüßen. Denn ich durfte mich zu dieser Gruppe rechnen, was mich mit nicht geringem freudigem Stolz erfüllte.

Von den Feierlichkeiten ist mir die kirchliche in der Westminster-Abtei erinnerlich durch den schönen Chorgesang und eine bemerkenswerte Rede eines hervorragenden Bischofs der Hochkirche, dessen Namen ich nicht mehr weiß. Statt der erwarteten Polemik gegen das Übergreifen des unheiligen Forschergeistes auf die von der Kirche beanspruchten Denkgebiete nahm er kurzerhand die Gesamtheit aller wissenschaftlichen Fortschritte für den Ruhm Gottes in Anspruch, der für diesen Zweck so eminente Köpfe wie z.B. Darwin vermöge seiner Allmacht geschaffen habe.

Im übrigen verliefen die Festlichkeiten, wie dies bei solchen Gelegenheiten gebräuchlich ist. Nur in einem Punkt fand eine ungewöhnliche Abweichung statt: es wurden grundsätzlich keine Tisch- und Nachtischreden gestattet. Die Nachfrage nach dem Warum wurde ausweichend beantwortet. Wie ich später einsah, befürchteten die Engländer angesichts der hochgespannten politischen Lage, daß die Französischen Bundesgenossen sich hinreißen lassen und aus der Schule plaudern würden. Denn das Verbot wurde streng durchgeführt.

Doch war der Zustand schon elektrisch. Von einem führenden Englischen Staatsmann – ich weiß nicht mehr, wer es war – wurde ich in ein Gespräch über Internationalismus verwickelt. Damals war eben der erste Flieger über den Kanal gelangt und ich sagte ihm:[341] England ist nicht mehr eine Insel und muß deshalb seine bisherige jahrhundertalte Politik der Isolierung ändern.

Der Krieg. Im August 1914 brach plötzlich der Weltkrieg los, mir und fast allen Deutschen völlig unerwartet. Ich hatte eben noch eine Einladung der Australischen Regierung abgelehnt, mich an der für die September 1914 in Aussicht genommenen Versammlung der Britischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften (II, 125) in Melbourne zu beteiligen. Nicht weil ich den Krieg kommen sah, sondern weil ich mir nicht zutraute, das monatelange Leben unter lauter Engländern mit Freude durchzumachen, so viele gute Freunde und treffliche Menschen ich unter ihnen kannte. Ein Berliner Kollege, der der Einladung gefolgt war, mußte hernach lange Monate der Heimat fern bleiben. Aber bei uns dachte man so wenig an Krieg, daß der Kaiser sich bei dem Ausbruch auf der Sommerfahrt in den Norwegischen Gewässern befand, und daß für die wichtigsten Kriegsbedürfnisse nicht vorgesorgt war.

Ich habe an früherer Stelle erzählt (II, 287), daß mich die Frage der Beschaffung der Stickstoffverbindungen die für alles Schieß- und Sprengpulver unentbehrlich sind, für den Kriegsfall schon lange beunruhigt hatte, bis die Abhilfe dafür, die katalytische Herstellung von Salpetersäure aus Ammoniak, mit Hilfe von Dr. Brauer nicht nur als Laboratoriumsversuch, sondern in technischem Maßstabe gesichert war. Vergeblich hatte ich früher wiederholt versucht, die maßgebenden Stellen der Heeresverwaltung auf die Sache aufmerksam zu machen. Nun wandten sie sich an den führenden Berliner Chemiker Emil Fischer. Dieser hat selbst der Öffentlichkeit erzählt, wie ratlos er zunächst der Frage des Schießbedarfs gegenüberstand, als durch Englands Kriegserklärung uns das Meer und der Chilesalpeter verschlossen war. Er studierte dann die Gewerbeberichte[342] des Deutschen Reiches und entdeckte, daß die Gewerkschaft Lothringen bei Bochum seit einer Reihe von Jahren Salpetersäure und Nitrate durch katalytische Oxydation von Ammoniak herstellte. Da war der Weg, und zwar der einzige zur Lösung dieser Lebensfrage im Kampfe der Welt gegen uns gefunden.


Es wurden alsbald mit größter Beschleunigung die Bochumer Anlagen erweitert und nach ihrem Muster eine Anzahl neuer Werke errichtet, welche tatsächlich imstande waren, den nicht vorausgeahnten ungeheuren Bedarf an Salpetersäure zu decken. Ohne diese Hilfe wäre der Krieg für uns schon in einem Vierteljahr verloren gewesen.


Es darf aber nicht verschwiegen werden, daß so wohl der Erfinder wie der technische Ausgestalter dieses Rettungsmittels von der Angelegenheit sorgfältig und dauernd fern gehalten wurden. Ich stand durch mein Alter außerhalb jedes Pflichtdienstes und hatte darum meine Dienste als Freiwilliger zu beliebiger Verwendung angeboten, wurde aber nicht genommen. Dr. Brauer wurde eingezogen, aber für ganz fernliegende Zwecke ohne besondere Wichtigkeit verwendet.


In diesem Zusammenhange schließe ich die Mitteilung an, daß ich während der Kriegszeit niemals irgendwelche chemische oder andere Arbeiten für Kriegszwecke zu machen gehabt habe. Die einzige derartige Beanspruchung war eine Anfrage, ob ich Vorschläge zur Auffindung von Seeminen machen könnte, und hier war ich aus Mangel an jeder Erfahrung außerstande, Auskunft zu geben. Sonst sind weder Anregungen, noch Untersuchungen noch irgendwelche anderen Kriegsarbeiten von mir ausgegangen.


Ich hebe dies hervor, weil während der Kriegszeit ein lange durchgeführter Verleumdungsfeldzug auf feindlicher[343] Seite gegen mich stattgefunden hat, der vorwiegend von Genf aus geleitet wurde. Es gab ganz ausführliche Beschreibungen, daß ich in meinem Groß-Bothener Laboratorium mich eifrig damit beschäftige, Zündmischungen herzustellen, mit denen man Dörfer schnell und erfolgreich niederbrennen könne, und was des Unsinns mehr war. Ich weiß nicht, wie gerade ich zu der Auszeichnung gekommen bin, zum Gegenstande solcher Lügen gemacht zu werden. Vielleicht weil man im Lager der Feinde die Absurdität fühlte, daß man einen Mann mit meinem von Bemühungen zur gegenseitigen Annäherung der Völker erfüllten Leben als unwürdig hinstellte, Ehren- oder auswärtiges Mitglied ihrer wissenschaftlichen Gesellschaften zu bleiben.

Persönliche Einstellung. Als die unabwendbare Tatsache des Krieges vorlag, hoffte ich auf einen Sieg Deutschlands, wenn auch nach schwerstem Ringen. Von meinem Standpunkt des energetischen Imperativs aus mußte ich ja den Krieg als die ärgste Form der Energievergeudung verurteilen. Aber ich sagte mir, daß von allen Kriegen des letzten Jahrhunderts der Preußisch-Österreichische und der Deutsch-Französische verhältnismäßig die geringsten Energieverluste bewirkt hatten, sowohl wegen ihrer kurzen Dauer wie wegen des Eifers, mit welchem der Sieger zuerst einen billigen Frieden und hernach die Wiederherstellung friedlicher Dauerverhältnisse betrieben hat. Vergleicht man die Tatsache, daß von Deutscher Seite kurz vor dem Fall der Pariser Festung reichliche Mengen Lebensmittel angefahren waren, um sofort nach der Übergabe die Pariser Bevölkerung mit Nahrung zu versorgen, mit dem entgegengesetzten Verhalten unserer Feinde im Jahr 1918, so erkennt man, auf welcher Seite sich die »Hunnen und Barbaren« befanden. Ich mußte also auch ganz abgesehen von meinen vaterländischen Gefühlen als Deutscher unseren Waffen im Interesse der[344] Kultur den Sieg wünschen. Tatsächlich hat der kulturwidrige Krieg gegen uns noch immer nicht aufgehört.

Die Einzelheiten der vier schweren Jahre habe ich so bald und vollständig wie möglich zu vergessen mich bemüht, was mir auch in der Hauptsache gelungen ist. Von den Schwierigkeiten der Nahrungsbeschaffung in den letzten Kriegsjahren haben wir, meine Familie und ich, auf dem Lande weniger zu leiden gehabt, als die Städter und da ich ohnedies eine mehr pflanzliche Ernährungsweise von jeher angestrebt hatte, so traf uns auch der Fleischmangel nicht empfindlich. Schlecht war es mit der Heizung bestellt, obwohl der Park Brennholz lieferte. Für die geräumige Wohnung war eine Zentralheizung vorhanden, die wir in den letzten Wintern nicht betreiben konnten. Durch Einschränkung auf wenige Zimmer und Einbau einzelner Öfen vermochten wir uns durchzuschlagen. Allerdings konnte ich meine Laboratoriumsarbeiten nicht anders ausführen, als mit Heißwasserkruken an den Füßen. Doch ging es auch so; nur einige Flaschen mit dünnen Lösungen wurden durch Eisbildung gesprengt.

Meine drei Söhne wurden sämtlich in Anspruch genommen. Der älteste hatte als Freiwilliger gedient und wurde unmittelbar nach der Kriegserklärung eingezogen. Um ihn noch einmal zu sehen, fuhren wir nach Leipzig und fanden ihn in Gohlis auf dem Kasernenhofe in den Vorbereitungen zum Abmarsch am gleichen Abend. Wir, auch seine Frau Pia blieben dort und begleiteten ihn ein Stück Weg. Die Stimmung jener Stunde hat er bald darauf in einem Liede zum Ausdruck gebracht, das eine große Verbreitung und mehrfache Vertonung gefunden hat. Es lautet:


Die wir jetzt in schwerem Schreiten

Durch die dunklen Straßen ziehn,

Frau'n und Kinder an den Seiten,[345]

Frau'n und Kinder mitten drin;

Frau' und Kind auch in der Seele;

Landsturm, Landsturm, bleibe fest!

Würgt's auch brennend in der Kehle,

Wer ist's, der sich gehen läßt?


Männer sind wir, reife Männer,

Die nichts leicht erschüttern kann,

Doch auch wir, wir sind Bekenner:

Daß das Reich mehr als der Mann!

Daß auch unser Leben nichtig,

Wenn das ganze Volk bedroht,

Keine Arbeit also wichtig,

Keine Not, wie Volkes Not.


Wohl, wir haben viel zu tragen

Und wir lassen euch allein,

Und es kann in all den Tagen

Keiner euer Helfer sein.

Du wirst mir ein Kind gebären,

Du vielleicht bringst eins zur Ruh;

Du vielleicht mußt selbst sie lehren

Sie ernähren gar mußt du!


Doch wir wollens gerne tragen,

Alle, alle treu vereint,

Bis wir wieder können sagen,

Daß des Friedens Sonne scheint.

Die wir jetzt mit schweren Schritten

Feldwärts ziehn, wir sind bereit:

Auch von uns sei'st du erstritten,

Deutschlands Ruhm und Herrlichkeit.


Er hatte etwa ein Jahr lang Dienst an der Front im Schützengraben geleistet und wurde später für wissenschaftliche Zwecke abkommandiert.[346]

Der zweite Sohn war wegen mangelhafter Augen zuerst zurückgestellt worden, diente als freiwilliger Kraftfahrer und wurde zuletzt für die Ausarbeitung eines von ihm erfundenen neuen Weges, den Stickstoff der fossilen Kohlen zu erfassen, verwendet. Der dritte konnte seine technischen Kenntnisse beim Fliegerwesen betätigen. Alle drei sind unverwundet heimgekehrt: ein seltenes Glück in jener schweren Zeit.

Heimarbeit. Wie an vielen Orten richteten auch in Groß-Bothen unter Führung des Ortsarztes Dr. Panitz vaterländisch gesinnte Gemeindeglieder aus eigenen Mitteln eine Heilstätte für verwundete und erkrankte Krieger ein, die durchschnittlich 25 Betten enthielt. Ich beteiligte mich mit Geld und nutzbaren Gegenständen an der Einrichtung, durfte aber die persönliche Arbeit dem Arzte und den von ihm angelernten Pflegerinnen überlassen. Meine Frau lieferte über ein halbes Jahr täglich das Essen, bis die Arbeit über ihre Kräfte ging und auch ohne Nachteil für die Kranken in andere Hände abgegeben werden konnte. Die Verwaltung der Wäsche, die vielleicht noch wichtiger ist, führte sie während der ganzen Zeit durch. Meine ältere Tochter, die unverheiratet im Hause geblieben war, diente als Oberschwester, um den Betrieb mit den wenig auf die Pflegearbeit vorbereiteten Pflegerinnen zu organisieren und die mancherlei Störungen auszugleichen, die in solchen Fällen sich nicht vermeiden lassen. Durch ihre unzerstörbare Heiterkeit hat sie im Verein mit dem Arzte einen so sonnigen Zustand trotz der vorhandenen Leiden zu erzeugen gewußt, daß die damals Verpflegten noch heute mit glänzenden Augen an jene Tage zurückdenken.

So hat uns allen die Arbeit über die schweren Kriegs- und die nicht leichteren Nachkriegszeiten fortgeholfen.

Die im letzten Kriegsjahre drohende Hungersnot traf meine Familie und mich weniger hart, als die meisten[347] meiner früheren Kollegen, die in der Stadt wohnen und alle die Lasten tragen mußten, die mit der Ein- und Austeilung der knappen Lebensmittel verbunden waren. Denn meine Wiesen und Äcker, so wenig ihrer waren halfen uns verhältnismäßig gut durch die schlimmste Zeit, da es gelang, sie gegen Naturallieferungen zu verpachten, die uns vor ernstlichem Mangel schützten. Und vor allem hatten wir nicht stundenlang in der Reihe zu stehen, um unseren kargen Anteil zu erlangen. Die Sicherheit der hauswirtschaftlichen Technik, welche meine Frau sich einst unter den Augen ihrer Mutter erworben und in unseren wechselnden Lebensverhältnissen weiter entwickelt hatte, wußte aus geringem und unzulänglichem Material Wohlschmeckendes und Bekömmliches zu schaffen. Wir magerten zwar alle sehr deutlich ab, namentlich in der bösen Kohlrübenzeit, und die gewohnten Kleider mußten geändert werden, aber dies bekam uns nicht schlecht. Insbesondere konnte ich feststellen, daß die ziemlich starken Ansprüche, die ich damals an mein Gehirn wegen der Entwicklung der Farbenlehre stellen mußte, recht gut erfüllt und vertragen wurden. Es war dies wieder ein Beweis, daß wir im allgemeinen unter normalen Verhältnissen uns daran gewöhnt haben, viel zu viel zu essen.


Revolution. Die Umwälzung von 1918 erlebte ich mit sehr gemischten Gefühlen. Bestürzt war ich über die Widerstandslosigkeit, mit der alle Herrscher in Deutschland vor den häufig nur sehr geringen Mächten der Revolution zurückwichen. Vor hundert Jahren hatte Goethe geschrieben:


Warum denn wie mit einem Besen

Wird so ein König hinausgekehrt?

Wärens Könige gewesen,

Sie ständen Alle noch unversehrt.
[348]

Ich war damals durchaus demokratisch gesinnt, hatte also gefühlsmäßig nichts gegen den Vorgang einzuwenden. Aber ich wußte aus der Wissenschaft, daß jede unstetige Wegänderung einen starken Energieverbrauch bedingt, den in solchen Fällen immer das Volk zu tragen hat. Und aus der Geschichte wußte ich, daß niemals eine Revolution unmittelbar zu besseren Zuständen geführt hat, was eben durch den sehr vermehrten Energiebedarf der neuen, mit endlosen Reibungen behafteten Verhältnisse bedingt ist. Auch hier muß ich Goethe anführen:


Und wenn man auch den Tyrannen ersticht,

Ist immer viel zu verlieren.

Sie gönnten Cäsarn das Reich nicht,

Und wußtens nicht zu regieren.


So sind denn auch die folgenden Jahre verlaufen. Die Deutsche Revolution konnte in keinem unglücklicheren Augenblicke ausbrechen, als beim Ende des Krieges. Daß beim Friedensschluß Männer maßgebend wurden, welche vom diplomatischen Handwerk nichts verstanden, hat jenen ungeheuerlichen »Frieden« über uns gebracht, dessen Zweck eine Fortsetzung der Feindseligkeiten gegen das Deutsche Volk mit unblutigen Mitteln ist. Und der wahnwitzige Aufbau des neuen Europa zu dem Zweck, unserem Volk jede Bewegungsmöglichkeit zu nehmen, ist von so kurzsichtigem Rachedurst diktiert, daß es höchster Vorsicht bedürfen wird, um diesen jederzeit mit dem Zusammenbruch drohenden labilen Haufen abzutragen, ohne daß ein Unglück geschieht.

Frage ich mich nach der Möglichkeit, dieses Abtragen auszuführen, so scheint diese allerdings so gut wie ganz aussichtslos zu sein. Bei weitem das beste wäre, wenn die unmittelbare Berührung zwischen Deutschland und Frankreich aufgehoben werden könnte. Hierzu wäre nötig, das Elsaß, welches sich für Frankreich inzwischen[349] als unverdaulich erwiesen hat, zu neutralisieren ebenso wie Lothringen. Es würde sich dann zwischen Deutschland und Frankreich ein breites Band neutralen Landes hinziehen, welchem Luxemburg und Belgien einerseits, die Schweiz andererseits sich anschließen würde, um für alle Zukunft einen Deutsch-Französischen Krieg zu verhindern. Diese Gruppe könnte gleichzeitig durch eine Zollvereinigung den Keim für die wirtschaftliche Einheit des Europäischen Kontinents bilden, deren Notwendigkeit gegenüber den Vereinigten Staaten allmählich allgemein anerkannt wird.

Bei uns gingen nach dem »Friedensschluß« die Dinge, wie sie erwartet werden mußten.

Zu der politischen Unerfahrenheit und Kurzsichtigkeit gesellte sich die wirtschaftliche, die zum Zusammenbruch der deutschen Währung führte. Auch meine recht beträchtlichen Ersparnisse, die in Deutschen Staatspapieren angelegt waren, gingen in Rauch auf und ich mußte mein wirtschaftliches Dasein wieder neu zu begründen versuchen. Sehr erleichtert wurde mir dies durch den Besitz der »Energie«, der uns wenigstens das tägliche Brot sicherte. Ich segnete meine frühere Leidenschaft für die Abrundung meines Grundbesitzes. Dem dahingeschwundenen Vermögen habe ich keine Träne nachgeweint, wenn ich auch fand, daß diese praktische Belehrung über die Schattenseiten einer Volksregierung etwas zu teuer zu stehen kam. Und ich will auch nicht verschweigen, daß der Mangel an baren Mitteln mich nicht selten hindert, in meiner gegenwärtigen Arbeit, der Farbenlehre, Pläne auszuführen, deren Verwirklichung der Wissenschaft und dem Deutschen Volke zugute kommen würde.

Neue Arbeit. Wenn man den Blick über die fünf letzten Kapitel schweifen läßt, die den Inhalt meiner Arbeiten in den Jahren 1906 bis 1914 andeuten, so erkennt[350] man, daß alle diese mühevoll und zum Teil schon mit Erfolg angebauten Felder durch den Krieg sofort überschwemmt und zerrissen wurden. Und ich mußte mir sagen, daß sie auch nach dem Kriege so verschlammt sein würden, daß es vieler Jahre bedürfen würde, bis sie wieder in Pflege genommen werden konnten. Das bedeutete in meinem Alter die Erkenntnis, daß ich die Arbeit, der ich den Rest meines Lebens fast vollständig gewidmet hatte, als abgeschlossen ansehen mußte.

Das war nicht leicht zu überwinden. Aus dem Krieg selbst erwuchs mir keine neue Arbeit, denn wie berichtet wurde von meiner Meldung zu freiwilligem Dienst kein Gebrauch gemacht. Die Erregungen und Lasten der Kriegsjahre untätig zu ertragen hätte mich umgebracht. So gab es keinen Ausweg, als neue Felder zu roden und zur Ernte reif zu machen, und zwar Felder, die durch den Krieg nicht verwüstet werden konnten.

Gab es solche Felder?

Ja, es gab solche: die der reinen Wissenschaft. Zwar hatten die Franzosen ihren Haß so weit getrieben, daß sie den Krieg auch hierhin trugen und ihre Bundesgenossen verleiteten, diese Barbarei mitzumachen. Aber alles, was die Feinde hier tun konnten, beschränkte sich auf die Zerstörung der bereits hoch entwickelten Bildungen zur gemeinsamen Pflege der Wissenschaft. Dem einzelnen Forscher stand nach wie vor das unermeßliche Feld des Geistes frei, um dort den Spaten anzusetzen, wo der Boden noch nicht urbar gemacht war. Zwar erschwerte der Krieg die Beschaffung der Hilfsmittel. Ich aber war von meiner knappen Jugend her gewohnt, mit Wenigem auch in der wissenschaftlichen Arbeit auszukommen und meine späteren Jahre hatten mich gelehrt, einen großen Teil äußerer Hilfsmittel durch vertiefte gedankliche Bearbeitung des Problems entbehrlich[351] zu machen. Zwar hatte ich bei meiner Übersiedlung nach dem Landhaus Energie gedacht, daß die Zeit experimenteller Arbeit für mich abgeschlossen war, und sie wäre es ohne den Krieg vielleicht auch geblieben. Aber die ungeheuren Forderungen, die er an das ganze Deutsche Volk stellte, konnten nur erfüllt werden, wenn jeder einzelne hergab, was er noch an Energie verfügbar hatte. Und da bei mir der größte Teil der bisherigen Arbeit abgeschnitten war, zögerte ich nicht, den Spaten wieder in die Hand zu nehmen, den ich vor acht Jahren hatte stehen lassen.

Die wissenschaftliche Arbeit, der ich mich widmen wollte, brauchte ich nicht erst zu suchen. Unter den Aufgaben der Brücke befand sich die Ordnung der Farben. Mir war dies Gebiet vertraut und lieb, da ich durch viele Jahre die Erneuerung meiner Kräfte durch die Handhabung von Bleistift und Pinsel gewonnen und dabei so viel gelernt hatte, daß meine Bilder den Freunden, denen ich sie schenkte, besonders durch ihre Farbe gefielen. Eine Anzahl anderer Einflüsse, die hernach erzählt werden sollen, hatte mir die allgemeine Bearbeitung der Farbenlehre immer wünschenswerter gemacht. Schon vor dem Kriege hatte ich in halb spielender Weise angefangen, die hier auftretenden Fragen mir experimentell anschaulich zu machen. So gab ich mich mit allen Kräften diesen Forschungen hin. Wie das immer der Fall ist, wuchsen mir unter der begonnenen Arbeit immer mehr neue Probleme zu, und schließlich stellte sich in diesen Spätlingsfrüchten ein ganzer neuer Lebensinhalt dar, in welchem die frühere Breite meiner Betätigung durch Vertiefung ersetzt werden konnte.

Quelle:
Ostwald, Wilhelm: Lebenslinien. Eine Selbstbiographie. Berlin 1926/1927, S. 335-352.
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